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StartseiteBüchermarktDer Hund, der nicht mehr aus dem Weltall kam07.06.2011

Der Hund, der nicht mehr aus dem Weltall kam

Nick Abadzis: "Laika". Atrium Verlag.

Laika hieß die Hündin, die 1957 als erstes Lebewesen ins All geschickt wurde - ein PR-Coup ohnegleichen für die kalten Sowjetkrieger. Der Wettlauf ins All war gewonnen - ging aber für das Versuchsobjekt wenige Stunden nach dem Start tragisch aus.

Ein Beitrag von Beatrix Novy

Nick Abadzis: Laika (Atrium Verlag)
Nick Abadzis: Laika (Atrium Verlag)

Die Eroberung des Weltalls steht schon lange nicht mehr vorn auf nationalen Agenden, aber die Faszination von damals, als im Ost-West-Wettlauf der Systeme die noch frischen Utopien des Zukunfts-Genres mitblühten, haben ihre Mythen zurückgelassen. In Wien gab es sogar eine subversiv-dadaistische "Kosmosgruppe Juri Gagarin"; sie hat sich dieses Jahr planmäßig am 12. April aufgelöst und ging in den Untergrund – am 50. Jahrestag von Gagarins Weltraumflug, ein Jubiläum, das dem erschlaffenden Mythos Raumfahrt dieses Jahr eine gewisse Hausse beschert. So kommt auch die Hündin Laika zu Ehren, die noch vor Gagarin ins All kam, aber nicht mehr zurück. Dass Laika sich diese hohe Ehre im Gegensatz zu Gagarin nicht ausgesucht hatte, ist das Thema der Bildererzählung "Laika" des schwedisch-britischen Zeichners Nick Abadzis. Eine Geschichte von Mensch und Tier - und von dem, was Menschen den Tieren antun.

Abadzis stellt der Story einen stummen Bild-Prolog voran: eine Schneekuppe unter grauem Himmel; Eiszapfen an einem Baumstamm; Schneeflocken; schließlich: eine endlose Schneeweite. Darin ein entlassener Gulag-Häftling. In der grausamen Öde Sibiriens kämpft er ums Überleben, ein kleiner Hund wird ihn schließlich retten. Nach dieser in kaltblauen Farben mit ganz wenigen Brauntönen gehaltenen Vorgeschichte verschwindet die sibirische Nacht, es beginnt der tageslichthelle, farbigere Teil: 18 Jahre später, am 4. Oktober 1957, feiert Sergej Pawlowitsch Koroljow, Chefkonstrukteur des sowjetischen Raumfahrtlabors OKB 1, den Start des Satelliten Sputnik. Er ist der Häftling von damals. Natürlich kann er nicht widersprechen, als Generalsekretär Chruschtschow ihm gleich ein weiteres spektakuläres Projekt abverlangt: ein lebendes Wesen in einem russischen Raumschiff, bitteschön. Auch wenn's nur ein Hund ist. Pünktlich zum Jahrestag der Novemberrevolution, bitteschön. Also in einem Monat. Auch wenn die Zeit für eine Rakete mit Rückkehrfunktion nicht reicht.

Diese Szene ist ebenso historisch wie die dargestellten Personen, die leider beklagenswert lässig eingeführt werden; der Kampf mit russischen mal Vor-, mal Nachnamen blockiert den Lesefluss ärger als auf den ersten Seiten von Dr. Schiwago. Und seinen Anspruch, ein Stück Sowjetgeschichte zu zeigen, unterschreitet das Buch: Das im Verlagstext behauptete "bedrückende Klima von Angst und Verrat" in den Büros und Labors ist jedenfalls nicht zu spüren, die neben Koroljows OKB1 existierenden Raumfahrtzentren, ihre Querelen und Rivalitäten kommen nicht vor und damit nicht das politisch motivierte Chaos der sowjetischen Raumfahrttechnik.


Die Hündin Laika wurde mit dem Sputnik 2 in den Weltraum geschickt. (AP)Die Hündin Laika wurde mit dem Sputnik 2 in den Weltraum geschickt. (AP)Dafür hat Abadzis seiner Hauptperson Laika, die von Hundefängern ins Labor der Raumfahrtentwickler geliefert wurde, eine schöne Biografie gegeben: Geburt in einem Haus, wo man sie nicht haben will, Hunde-Odyssee in den Straßen von Moskau, kurze Stationen in einer netten, dann in einer schrecklichen Familie. Zwei traurige Schicksale verbinden sich also, als Koroljow und Laika aufeinandertreffen. Nick Abadzis pflegt einen Zeichenstil, der nichts beschönigt: Grobe Gesichter, matt getönte, braun- und graustichige Farben, kalte Hintergründe, und Laika, ein eher unschöner Mischling – im Kontrast dazu wächst das Rührende der Geschichte. Laika wird von Ausbildern weltraumtauglich gemacht. Sie traktieren Laika und ihre unglücklichen Hundegenossen mit Gelfutter, Zentrifugen, Maschinenlärm, Vibrationen und halten sie, ganz furchtbar, in einem engen Käfig. Trotzdem sind diese Leute keine kalten Apparatschniks, sondern zwiegespalten, zwischen Loyalität und Empathie, zwischen Staats- und Tierliebe.

Dass es wirklich so gewesen sein könnte, darauf deutet die Reue hin, die viele Mitarbeiter des Projekts nach dem Fall des Eisernen Vorhangs äußerten. Der Raketenexperte und Laika-Trainer Oleg Gasenko sagte 1998 , der Tod des Hundes sei mit dem wissenschaftlichen Erfolg von Sputnik 2 nicht zu rechtfertigen gewesen. Nick Abdzis zeichnet den Gasenko von 1957 als birnengesichtigen Intellektuellen mit traurigen Augen, seine Mitarbeiterin Jelena Dubrowskaja ist eine kräftige blonde Sowjetfrau, die manchmal telepathisch mit Laika zu kommunizieren scheint; aber Laikas Worte entspringen ihrer eigenen Vorstellungen. Abadzis maßt sich nämlich nicht die Perspektive eines Hundes an, er gibt dem Tier nur vorsichtig ein paar Bilder, Erinnerungen, Gefühle. Mehr muss es nicht sein, um eine Geschichte im Geist unserer Gegenwart zu erzählen, in der die Tierrechtsbewegung ihren Kampf bis in die Verfassungsdiskussion trägt. Das war 1957 anders. Zwar gab es weltweit Empörung über den Tod der Hündin, aber wie echt die unter den Bedingungen des Kalten Krieges war, ist zumindest fraglich. Der SPIEGEL jedenfalls konnte sich noch ungestraft lustig machen über die Proteste britischer Hundeliebhaber: skurrile Sonderlinge eben, dieses Inselvolk!

Nick Abadzis: "Laika". Übersetzt von Ebi Naumann,
Atrium, Zürich 2011, 208 Seiten • EUR 20,00, ISBN: 3-85535-002-7

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