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StartseiteInterview"Für die Jesiden war das Ganze ein Völkermord"22.12.2017

Der Irak nach dem IS"Für die Jesiden war das Ganze ein Völkermord"

Die Lage im Nordirak bleibt angespannt. Der sogenannte Islamische Staat wurde zwar aus der Region verdrängt - doch bei seinen Opfern gebe es "sehr große seelische Wunden", sagte Max Werlein von der Hilfsorganisation Grünhelme im Dlf. Besonders die Jesiden waren von den Angriffen des IS betroffen. Für habe seitdem eine neue Zeitrechnung begonnen.

Max Werlein im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Zwei Kuscheltiere hängen an einem Zaun vor einem Massengrab nahe des Sindschar-Gebirges im Irak. Dort wurden Massengräber worden. Hier tötete die Terrormiliz IS massenhaft Jesiden. (dpa/Benno Schwinghammer)
Kuscheltiere auf einem Massengrab im Sindschar-Gebirge: Hier tötete die Terrormiliz IS tausende Jesiden. (dpa/Benno Schwinghammer)
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Christoph Heinemann: Die Regierung in der autonomen Kurden-Region im Irak gerät nach dem Unabhängigkeitsreferendum von September immer mehr unter Druck. Proteste werden gemeldet. Tausende Menschen beklagen, dass Gehälter nicht ausgezahlt werden, öffentliche Dienste kaum funktionieren und in den Verwaltungen die Korruption grassiert. Die Sicherheitskräfte gingen teils mit Tränengas und scharfer Munition gegen Demonstranten vor; mindestens zwei Menschen kamen ums Leben.

Dennoch: 2017 hat sich die Lage im Irak grundsätzlich verändert. Vor zwei Wochen hat die Führung in Bagdad den Sieg über die Terrororganisation IS verkündet und mit einer Militärparade inszeniert. Gerade hat die australische Regierung angekündigt, dass sie ihre Luftwaffe aus dem Irak abziehen werde.

Der IS hatte vor mehr als drei Jahren weite Gebiete des Irak vor allem im Norden überrannt. Die Rückeroberung war ungleich viel mühevoller.

Wir wollen über die Lage dort sprechen. Zurückgekehrt aus dem Nordirak ist Max Werlein, der stellvertretende Vorsitzende der Hilfsorganisation Grünhelme. Rupert Neudeck, der Gründer der Grünhelme, ist im vergangenen Jahr verstorben. Die Organisation arbeitet aber weiter, gerade auch im Irak. Ich habe Max Werlein zunächst gefragt, wo genau er sich dort aufgehalten hat.

Max Werlein: Wir Grünhelme arbeiten seit 2014 im Nordirak und waren da zunächst in den kurdischen Gebieten, also den Gebieten, die innerhalb der Autonomieregion Kurdistan liegen, in Flüchtlingslagern tätig und haben da vor allen Dingen versucht, Sanitäranlagen zu verbessern, und sind dann relativ schnell mit dem Ziel, generell auch beim Wiederaufbau mitzuwirken, in die Gebiete gegangen, wo der IS vertrieben wurde, die außerhalb der Autonomieregion liegen. Das sind die Gebiete Zumar beispielsweise und auch der Singal, die Heimat der Jesiden, und haben da angefangen, Schulen wiederaufzubauen, die vom IS zerstört wurden.

"Stadtviertel, die bis zu 100 Prozent völlig zerstört wurden"

Heinemann: Apropos IS: Welche Folgen des Krieges sind sichtbar?

Werlein: Na ja. Als wir zum ersten Mal im Dezember 2015 die befreite Hauptstadt der Jesiden besucht haben, also zirka einen Monat nach der Vertreibung des IS vor Ort, da hat man schon einfach ein niederschmetterndes Bild gesehen von teilweise Stadtvierteln, die bis zu 100 Prozent völlig zerstört wurden, teilweise auch weniger. Was wirklich frappierend war, war nicht nur die wirkliche Zerstörung der Gebäudestruktur an sich, sondern auch der Eindruck, dass in diesen Gebäuden einfach gehaust wurde: Kabel aus den Wänden rausgerissen, Feuer gemacht. Das war schon sehr beeindruckend. Und dann gab es natürlich auch ein paar Punkte, die ein bisschen subtiler waren beziehungsweise erschreckender noch. In der Region Zumar haben wir in einem Gebiet gearbeitet, wo eigentlich Kurden und Araber Tür an Tür gelebt haben, und man hat an den Türen von den Kurden das Wort "Kurde" gesehen, was dann auch genutzt wurde, wo einfach Nachbarn Nachbarn verraten haben, was genutzt wurde, um den IS auch auf die richtige Fährte zu bringen. Da sind dann natürlich auch sehr, sehr große seelische Wunden über den Mord beziehungsweise einfach die Zerstörung hinaus sichtbar.

Heinemann: Was genau erzählen die Menschen über Besatzung und Befreiung?

Werlein: Allgemein muss man natürlich sagen, für die Jesiden – das ist die Volksgruppe, die am meisten betroffen war – war das Ganze ein Völkermord. Man darf nicht vergessen, dass viele, viele Menschen da Angehörige im Rahmen des Kampfes verloren haben, reihenweise Töchter und Frauen entführt wurden und versklavt wurden und bis heute noch mindestens 3.000 Frauen und Mädchen vermisst werden, die teilweise in IS-Städte oder an die Golf-staaten verkauft wurden. Wir haben uns mit Ferhan Idu – das ist ein Bürgermeister aus dem Dorf Depé, wo wir jetzt unser nächstes Projekt starten wollen – unterhalten und es war unbeschreiblich, wie betroffen er plötzlich wirkte, als er von dem Überfall des IS erzählte. Man muss sich vorstellen: Es geht ja über den Verlust von Familienmitgliedern hinaus. Es ist einfach auch die komplette Lebensgrundlage, die teilweise auf einen Schlag weg ist: Schafe und Ziegen, die den Großteil des Besitzes ausgemacht haben, sind einfach völlig verschwunden. Das heißt, die komplette Lebensgrundlage ist teilweise einfach nicht mehr vorhanden gewesen.

Werlein: Bessere Sicherheitslage, weil Zuständigkeiten geklärt sind

Heinemann: Herr Werlein, rechnen Sie damit, dass viele Menschen die Region verlassen wollen?

Werlein: Erst mal muss man sagen, als der Singal angegriffen wurde, sind viele Menschen erst mal ins Gebirge geflohen und waren eingekesselt. Als dann der Korridor freigekämpft wurde im August 2014, damit dann die Menschen aus dem Gebirge herausfliehen können, haben viele Menschen gesagt, nee, sie bleiben hier im Gebirge und verteidigen das Gebirge nach dem Motto, lieber sterben, als das Gebiet zu verlassen. Für die Menschen oder für die Jesiden gerade ist diese Region viel, viel mehr als das Stück Land, auf dem sie ein Haus stehen hatten, sondern es ist Heimat. Sie verbinden damit auch sehr viele religiöse Aspekte. Deswegen ist grundsätzlich damit zu rechnen, dass viele Menschen zurückkehren wollen. Aber es fehlt vor Ort vor allen Dingen die Infrastruktur, Schulen und Krankenhäuser, weswegen auch extrem viele Familien, die Kinder immer noch in den großen Flüchtlingslagern in den kurdischen Gebieten verharren, weil es dort diese Versorgung gibt. Das ist auch genau der Punkt, wo wir Grünhelme eigentlich versuchen, der Perspektivlosigkeit an sich ein bisschen entgegenzuwirken, indem wir versuchen, Schulen wieder aufzubauen und zumindest einen Teil der Infrastruktur wiederherzustellen, um zu versuchen, einen Anreiz zu setzen oder eine Möglichkeit einzuräumen, dass die Familien wieder zurückkommen.

Heinemann: Gegen diese Perspektivlosigkeit gehen im Moment sehr viele Menschen auf die Straße in dem Gebiet. Welche Folgen hatte das Unabhängigkeitsreferendum für die Menschen in der Region?

Werlein: Für die Jesiden, die ja außerhalb sind oder ursprünglich auch gar nicht zur Autonomieregion Kurdistan gehören, sondern eigentlich eher zu umstrittenen Gebieten, die von Kurden beansprucht werden, aber auch von dem irakischen Staat, haben sich vor allen Dingen die Zuständigkeiten komplett verändert. Das bedeutet, dass die Versorgung jetzt beispielsweise nicht mehr über Erbil und Dohuk – das sind zwei große Städte in der Autonomieregion – passiert, sondern über Mossul, was ja inzwischen auch befreit ist. Das heißt, für sie gehören sie jetzt praktisch wieder zu einem anderen Land, also nicht mehr unter Aufsicht der kurdischen Sicherheitskräfte, sondern der irakischen. Seit dem Referendum haben wir eher telefonischen Kontakt gehabt und die Jesiden berichten, dass sich eigentlich nicht so wahnsinnig viel an der Sicherheitslage geändert hat, vielleicht sogar einen ganz kleinen Tick verbessert, weil so eine Art Geklärtheit oder Stabilität dadurch, dass jetzt die Zuständigkeiten geklärt sind, irgendwie einschleicht. Was man aber sagen kann ist natürlich, dass es in der Autonomieregion Kurdistan eine absolute Resignation gibt, weil der Einfluss und die Zuständigkeiten und die Autonomie, die ja angestrebt wird, sich noch mal massiv verschlechtert hat, über den Stand zurückgefallen ist, der schon vor dem IS da war, weil beispielsweise Flughäfen, wenn sie denn wieder eröffnet werden, möglicherweise nicht mehr nur unter den Sicherheitskräften, also den Peschmerga kontrolliert werden, der kurdischen Sicherheitskräfte, sondern auch irakischer Kontrolle unterliegen werden.

Heinemann: Dazu gehört auch, dass das ölreiche Kirkuk jetzt in der Hand von Bagdad ist beziehungsweise von Bagdad aus kontrolliert wird.

Werlein: Genau.

Heinemann: Welche Rolle spielen die Nachbarn im Nordwesten, die Türkei?

Werlein: Die Türkei und die KDP – das ist die Regierungspartei von Barzani – sind schon sehr lange sehr, sehr enge wirtschaftliche Partner. Das heißt, Ankara hat zunächst mal damit gedroht, den Rohstoffaustausch beziehungsweise die wirtschaftliche Zusammenarbeit, Import/Export über die Grenze dahingehend zu schließen, dass diese wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Es ist dazu allerdings überhaupt nie gekommen. Auch letzte Woche sind wir nach wie vor über die Grenze der Türkei eingereist, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass auf Folge des Referendums relativ schnell dieser kleine Konflikt um Kirkuk entbrannt ist, der relativ schnell zur Folge hatte, dass sich die Peschmerga aus allen umstrittenen Gebieten erst mal zurückgezogen haben und damit die Notwendigkeit einer Reaktion auch irgendwie nicht mehr da war.

Werlein: Gab da sehr klare Strukturen beim IS

Heinemann: Das Oberhaupt der irakischen Chaldäisch-Katholischen Kirche hat den Kampf gegen extremistische Mentalität als wesentlich für eine friedliche Koexistenz der religiösen und ethnischen Gruppen des Landes bezeichnet. Er hat gesagt, die Terrormiliz IS sei geographisch erledigt, aber eben noch nicht ideologisch. Welche Voraussetzungen müssten dafür erfüllt werden?

Werlein: Grundsätzlich ist es natürlich so, dass die extremistische Mentalität ein Problem ist. Aber ich muss dazu sagen: Es wäre aus meiner Sicht naiv zu glauben, dass der IS eine Bande kopfloser Ideologen war. Es gab da sehr, sehr klare Strukturen. Viele Exfunktionäre aus der Saddam-Regierung haben dafür gesorgt, dass eine klare Strategie, ein klarer Finanzplan, ein klares Ziel formuliert war und auch dafür gesorgt wurde, dass die Organisation stattfindet. Es wird Jahrzehnte dauern, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist. Aber es ist so: Nach 2003, nachdem Saddam Hussein gestürzt wurde, wurden die Sunniten überhaupt nicht mehr an der Regierung beteiligt oder am generellen öffentlichen Leben beteiligt, und dadurch hat man auch prinzipiell einfach den Nährboden gesät für eine Radikalisierung, wo dann auch Funktionäre sich einfach sehr gut wiederfinden konnten, um ihre Kontrolle zurückzugewinnen und ihre Positionen zurückzugewinnen. Ich glaube, wenn die jetzige Regierung im Irak nicht aufpasst, dass sie die gleichen Fehler, die starke Dominanz der Schiiten in der Regierung nicht irgendwie aufdröselt oder zumindest ein wenig lockerer handhabt und Sunniten auch beteiligt, dann ist der Nährboden von vornherein wieder gesät.

Voraussetzungen für Versöhnung – das wird Jahre dauern. Die Jesiden haben nach dem August 2014 eine neue Zeitrechnung angefangen. Für die ist es ein Völkermord gewesen und sie sind jetzt inzwischen im Jahr zwei oder drei angekommen. Das heißt, das war für die ein kompletter Schnitt, etwas völlig Neues, und dieser Bedeutung muss man sich einfach bewusst sein. Deswegen davon auszugehen, dass die Wunden einfach sehr schnell verheilen, ist schwierig. Im Flüchtlingslager damals in 2014 haben sich die Jesiden die Ohren zugehalten, wenn der Muezzin angefangen hat zu singen, weil sie mit der islamischen Religion schlichtweg nichts mehr zu tun haben wollten. Das wird sicherlich viel, viel Arbeit und ich glaube, eine grundsätzliche Voraussetzung dafür ist einerseits Zeit natürlich, aber auch einen Weg zu finden, die verschiedenen Gruppen an dem öffentlichen Leben beziehungsweise an Regierungen teilhaben zu lassen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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