Politische Literatur (Archiv) / Archiv /

Der Kampf an der inneren Front

Historiker schreibt über die Opfer der Wehrmachtjustiz

Von Bernd Boll

Waren auch Deserteure eigentlich Widerstandskämpfer?
Waren auch Deserteure eigentlich Widerstandskämpfer? (AP Archiv)

Erst 1995 kam auf Initiative der Grünen im Bundestag ein langwieriger Prozess in Gang, der im Mai 2002 zur Rehabilitierung von Deserteuren im Dritten Reich führte. Aber immer noch weigert sich der Gesetzgeber, Verurteilungen wegen "Kriegsverrats” als legitimen Widerstand anzuerkennen. Jetzt hat Manfred Messerschmidt, ehemaliger leitender Historiker am militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg, eine umfassende Darstellung der Militärjustiz im Dritten Reich vorgelegt.

Manfred Messerschmidt zeigt auf der Grundlage minuziöser Quellenkenntnis und zahlreicher Fallstudien, wie sich die Wehrmacht nationalsozialistische Rechtsauffassungen zu eigen machte und ihre Juristen erbarmungslos exekutieren ließ. Die Studie beweist, dass Hitlers Militärjustiz keine Insel des Rechts in einem Unrechtsstaat war - sie war als Institution selbst Teil dieses Unrechts.

Das war die Konsequenz einer Entwicklung, die nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte: Zu den wesentlichen Ursachen für militärische Niederlage und Revolution zählten für Konservative und Nationalsozialisten gleichermaßen mangelnde "Wehrfreudigkeit” der Bevölkerung und der Einfluss von Sozialisten und Pazifisten auf die Truppe.

Im Begriff des "politischen Soldaten” kamen die Anschauungen von Wehrmacht und Nationalsozialismus zur Deckung: Der "politische Soldat” leistete seinen Eid auf Hitler, heiratete eine arische Frau und bekämpfte Juden, Defätisten, Schwächlinge, Verräter, Saboteure und Deserteure als Feinde der Volksgemeinschaft. Als Gegenbild zum "politischen Soldaten” entwickelten Juristen den Tätertypus des "inneren Feindes”, der als "minderwertig” und "sozialschädlich” stigmatisiert wurde. Im Kampf gegen diesen "inneren Feind” war es nicht Aufgabe der Wehrmachtjustiz, Recht zu sprechen, sondern den Willen des Führers als oberster Rechtsinstanz durchzusetzen. Dabei war der Wortlaut des Gesetzes zweitrangig, es konnte jederzeit aktuellen Erfordernissen angepasst werden, selbst wenn die Absicht des Gesetzgebers damit überschritten wurde.

Auf dem Hintergrund dieser nationalsozialistischen Rechtsauffassung entstand ein dichtes Geflecht von Instanzen, vom Reichskriegsgericht über das Gericht der Wehrmachtkommandantur Berlin und das Zentralgericht des Heeres bis zu den Feldgerichten im Kriegsgebiet, in den letzten Kriegsmonaten außerdem noch zahllose Standgerichte. Diese Gerichte standen unter dem beherrschenden Einfluss des Gerichtsherrn, in der Regel der Truppenkommandeur, der die Richter auswählte, die im Turnus auch als Ermittlungsbeamte und Ankläger fungierten. Die Zuständigkeit der Wehrmachtjustiz erstreckte sich auf die eigenen Soldaten, auf Kriegsgefangene und auf Zivilisten in den besetzten Gebieten.

Seit Kriegsbeginn war das Reichskriegsgericht für Hochverrat, Landesverrat und Kriegsverrat zuständig, auch wenn das Delikt von einem Zivilisten begangen wurde. Um wegen Hochverrats angeklagt zu werden, genügte es, wenn Kommunisten oder Sozialdemokraten Geld zur Unterstützung der Familien verhafteter Hitlergegner sammelten. Vor dem Reichskriegsgericht wurde auch gegen die Rote Kapelle, gegen die meist den Zeugen Jehovas angehörenden Kriegsdienstverweigerer und gegen Angehörige des Widerstands im besetzten Europa, die so genannten "Nacht und Nebel”-Gefangenen, verhandelt.

Die überwiegende Mehrzahl der Verfahren fand jedoch vor den Feldkriegsgerichten gegen Soldaten der Wehrmacht statt, am häufigsten wegen Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung. Mit der Kriegssonderstrafrechtsverordnung und der Kriegsstrafverfahrensordnung erhielt die Militärjustiz zu Beginn des Zweiten Weltkriegs den erwünschten "kämpferischen und soldatischen Charakter”: Für Verurteilte wurde die Berufungsmöglichkeit abgeschafft, nicht jedoch für die Gerichtsherren, die häufig zu milde erscheinende Urteile kassierten und den Fall neu verhandeln ließen. Die Kriegssonderstrafrechtsverordnung fasste die bisherigen Delikte Fahnenflucht, Aufforderung zum Ungehorsam, Gehorsamsverweigerung, Widersetzung, Selbstverstümmelung und Dienstentziehung nun als "Wehrkraftzersetzung” zusammen und bedrohte sie, außer in minder schweren Fällen, mit der Todesstrafe. Da die Grenzen zwischen der nur mit Haft bedrohten unerlaubten Entfernung und Fahnenflucht oft undeutlich waren, versuchten die Juristen Merkmale für eine schärfere Bestrafung aus der Persönlichkeit des Täters abzuleiten. Dazu äußerte sich Erich Schwinge, der Kommentator des Militärstrafgesetzbuches und im Krieg selbst Feldkriegsgerichtsrat:

"Dieser Schluss auf Fahnenflucht wird insbesondere auch dann gezogen werden können, wenn es sich um einen asozialen oder gar antisozialen Menschen handelt."

Maßgeblich beteiligt war die Wehrmachtjustiz auch bei der Ausarbeitung des Gerichtsbarkeitserlasses, der deutschen Soldaten Straffreiheit bei Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung in der Sowjetunion gewährte. Seine Opfer, so Messerschmidt, lassen sich nicht annähernd beziffern.

"Straffreiheit für Mord war ein Spezifikum der Wehrmachtjustiz, insbesondere der untätig bleibenden Gerichtsherren, jedenfalls im Osten, Südosten und Italien."

Angesichts der absehbaren Niederlage verstärkte die Wehrmacht den Kampf an der inneren Front. Überall zeigten sich Auflösungserscheinungen, die Zahl der Fahnenflüchtigen stieg Ende 1944 steil an. Obwohl es unter militärischen Gesichtspunkten sinnlos war, gegen einen übermächtigen Feind weiterzukämpfen, glaubten Hitlers Juristen, durch verstärkten Terror gegen die eigene Truppe deren Entschlossenheit zu festigen und den Sieg doch noch davonzutragen. Seit März 1945 ließen Standgerichte noch Tausende von Soldaten exekutieren, wobei häufig unklar bleibt, ob eine Exekution durch Urteil oder als formlose Erschießung erfolgte. Nach der Kapitulation arbeiteten die Kriegsgerichte weiter, wenn auch unter alliierter Aufsicht. Zumindest der Geist der Militärjuristen war unbesiegt - noch am 10. Mai 1945 befahl das Oberkommando der Marine:

"Angriffe auf die innere Geschlossenheit des deutschen Volkes, Staatsführung und Volksgemeinschaft sind als gefährliche Zersetzungstaten auch weiterhin zu bestrafen."

Über die Zahl der Opfer der Wehrmachtjustiz existieren sehr unterschiedliche Schätzungen. Messerschmidt diskutiert ausführlich das nur fragmentarisch überlieferte Datenmaterial und kommt zu der eher vorsichtigen Bilanz:

"Während von 1907 bis 1932 in Deutschland 1547 Todesurteile verhängt worden sind, wovon 393 vollstreckt wurden, haben die Wehrmachtgerichte, niedrig angesetzt, 25.000 Todesurteile verhängt. Davon sind 18 – 22.000 vollstreckt worden, das entspricht nahezu dem Fünfzigfachen."

Ein Vergleich mit den westlichen Alliierten macht den Charakter der Wehrmachtjustiz besonders deutlich: Während Briten und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg zusammen nur gegen einen einzigen Soldaten wegen Fahnenflucht die Todesstrafe vollstreckten, waren es bei der Wehrmacht mindestens 15.000.

Bernd Boll über Manfred Messerschmidt: Die Wehrmachtjustiz 1933-1945. Der Band ist erschienen im Ferdinand Schöningh Verlag in Paderborn, 511 Seiten. 39,90 Euro.

Andruck

Biografie über Rachel CarsonDie Mutter aller Ökos

Einsatz von Pestiziden in Russland

Rachel Carson gilt als Pionierin nicht nur der amerikanischen Umweltbewegung. Ihr Buch "Der stumme Frühling über die Auswirkungen von Pestiziden auf unsere Ökosysteme führte zum Verbot des Insektengifts DDT. Dieter Steiner schildert jetzt in einer Biografie das Leben der literarisch begabten Biologin.

Heidegger-Interview im "Spiegel"Kein Ruhmesblatt der Nachkriegspublizistik

Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976).

Es ist wohl das bemerkenswerteste Interview, das der "Spiegel" je geführt hat: "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein 1966 im Gespräch mit dem Philosophen Martin Heidegger. Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister beschreibt jetzt in einem Buch, wie das Magazin dem notorischen Medienhasser Heidegger auf den Leim ging.

Kursiv KlassikerKommunistischer Kollaps prophezeit

Die Witwe des sowjetischen Nobelpreisträgers Andrej Sacharow, Elena Bonner, und der US-Publizist Melvin Lasky, nehmen am Abend des 09.10.1992 im Reichstagsgebäude in Berlin an der Eröffnung einer dreitägigen Konferenz über den Kalten Krieg teil.

Melvin J. Laskys Thema waren Struktur und Wirkungsweise totalitärer Systeme - das bekannteste Werk des bekennenden Konservativen, den seine Kritiker einen Kalten Krieger nannten, kam 1969 auf den Markt: "Utopie und Revolution".

Medizin in KriegszeitenStromschläge als Psychotherapie

Soldaten stehen in einem Schützengraben während des Ersten Weltkriegs.

Die Medizinhistoriker Livia Prüll und Philipp Rauh haben Patientenschicksale und ärztliches Handeln in der Zeit der Weltkriege untersucht. Wie sich Ärzte in den Dienst der Kriege stellen ließen, in den Dienst der hemmungslosen Brutalisierung und Ideologisierung - das lässt sich in "Krieg und medikale Kultur" nachlesen.

Erster WeltkriegNeue Perspektiven auf einen globalen Konflikt

Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917.

Zu den vielen Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs gehört Jörn Leonhards Gesamtdarstellung "Die Büchse der Pandora". Das hervorragend komponierte und anschaulich geschriebene Buch zeigt erstmals, dass der Konflikt ein globaler Krieg war.

SachbuchLukrativer Handel mit Menschen in Europa

Die Opfer des Menschenhandels sind vor allem weiblich.

Für internationale Banden ist der Handel mit Menschen auch in Europa ein profitables Geschäft: Sie zwingen junge Frauen zur Prostitution, handeln mit Kindern und Organen. Der ehemalige "Stern"-Chefredakteur hat mit seinem Sachbuch versucht, Funktionsweisen dieses brutalen Marktes offenzulegen.

 

Literatur

Richard HughesEin gar nicht so unschuldiges Abenteuer

Autor Richard Hughes ("Orkan über Jamaika", 1938)  sitzt an einem Tisch, Schwarz-Weiß-Fotografie, Dörlemann-Verlag

Der zuerst 1929 erschienene Roman "Orkan über Jamaika" von Richard Hughes ist in einer lesenswerten Neuübersetzung erschienen: Es ist ein herausragender Schmöker, aber auch eine psychologische Studie, die ohne beruhigende Antworten bleibt.

Pulitzer-Preis für Literatur"Schönheit muss mit etwas Sinnvollem vermählt sein"

Die US-Schriftstellerin Donna Tartt auf einer Lesung ihres Romans "Der Distelfink" am 22. September 2013 in Amsterdam.

Für ihren Roman "Der Distelfink", in dem sich alles um das gleichnamige Bild des niederländischen Malers Carel Fabritius dreht, hat die amerikanische Schriftstellerin Donna Tartt in diesem Jahr den Pulitzer-Preis für Literatur erhalten. Sandra Hoffmann hat mit der Autorin über den Roman gesprochen.

CrowdfundingDie Menge finanziert, was ihr am Herzen liegt

Menschenmenge

Crowdfunding oder Schwarmfinanzierung wird im Netz immer beliebter. Mit dieser Methode der Geldbeschaffung lassen sich auch Bücher finanzieren. Die Autoren Konrad Lischka und Tom Hillenbrand haben so ihr neues Buch "Drachenväter" ins Leben gerufen.