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StartseiteHintergrundDer Kampf um "Mein Kampf"05.07.2010

Der Kampf um "Mein Kampf"

2015 laufen die bayerischen Urheberrechte auf Hitlers Pamphlet aus

2015 erlöschen die Urheberrechte, die Bayern an Hitlers "Mein Kampf" hat. Der Freistaat ist seit 1945 der Ansicht: Die Politik sollte die Verbreitung dieses Buches möglichst verhindern. Seit neuestem arbeitet das Institut für Zeitgeschichte nun aber an einer wissenschaftlichen Edition von "Mein Kampf".

Von Rainer Volk

Adolf Hitler im Jahr 1937 (AP-Archiv)
Adolf Hitler im Jahr 1937 (AP-Archiv)

Der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger hat dies getan, als er in den 70er-Jahren bei einer Tournee durch Deutschland und Österreich aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" vorlas. Das Publikum johlte damals geradezu bei den besonders absurden Textstellen. Bei anderen jedoch, den rassistischen und menschenfeindlichen Phrasen, wurde es im Saal plötzlich beklemmend still.

Bayern ist seit 1945 der Ansicht: Die Politik sollte die Verbreitung dieses Buches möglichst verhindern. Weil Hitlers Privatwohnsitz in München war, machten die Amerikaner den Freistaat nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum Erben Hitlers und der NSDAP; Bayern besitzt daher auch die Urheberrechte an "Mein Kampf". Im Finanzministerium existiert ein Referat, das in Aktion tritt, wenn im In- oder Ausland Raubdrucke oder Übersetzungen von "Mein Kampf" erscheinen. Notfalls hilft das Auswärtige Amt, das Nachdruckverbot per Klage durchzusetzen.

Seit neuestem hinterfragt jedoch das Institut für Zeitgeschichte, das quasi "vor der Haustür" des Ministeriums in München beheimatet ist, die Klugheit des Nachdruckverbots. Der Direktor der größten außeruniversitären Einrichtung für Geschichtsforschung in Deutschland, Professor Horst Möller, betont:

"Es geht jetzt nicht um eine Aufwertung dieses Textes, sondern eine Entschlüsselung dieses Textes für die historische Interpretation des Aufstiegs des Nationalsozialismus, der NS-Ideologie und Hitler selbst."

Ohne Vorankündigung in den Medien und ohne Rücksprache mit dem bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon, CSU, hat Möller in seinem, in der Fachwelt nur "IfZ" genannten Haus "grünes Licht" für eine wissenschaftliche Edition von "Mein Kampf" gegeben. Innerhalb des Instituts wurde bereits eine Bearbeiterin benannt: die Historikerin Edith Raim, die am Sinn ihres Auftrags keinen Zweifel hat:

"Der Nationalsozialismus ist natürlich ohne Hitler irgendwie undenkbar. Also man muss sozusagen schon etwas von Hitler verstehen, die frühe Phase, wie überhaupt der Nationalsozialismus in Deutschland zu Macht kommen konnte, also von daher ist Hitler immer die zentrale Figur. Die Frage, wie der NS überhaupt in Deutschland zur Macht kommen konnte - da ist Hitler einfach der Schlüssel dazu."

Selbstverständlich wissen Historiker, die zur Ideologie des Nationalsozialismus und zur Frühzeit der NSDAP forschen, wie Bayerns Politiker denken, wenn es um "Mein Kampf" geht. Griffige Formeln wie etwa vom "gefährlichsten Buch des 20. Jahrhunderts" sind allen bekannt. Die Frage ist jedoch, ob das bedeutet: Finger weg davon! Der britische Hitler-Biograf Sir Ian Kershaw von der Universität Sheffield ist da anderer Ansicht:

"Mein Kampf" ist wichtig als Ausdruck des Kerns von Hitlers Ideen. Wie diffus sie auch waren: Er schrieb sie auf, und sie haben sich danach nicht mehr wesentlich verändert. In dieser Hinsicht hat Eberhard Jäckel recht, wenn er "Mein Kampf" als Darstellung einer klaren Weltanschauung bezeichnet. Einer Weltanschauung, die in späteren Jahren dann in Taten umgesetzt wurde."

Wie alle Urheberrechte haben auch die Bayern an Hitlers Werken nicht ewig Bestand. Urheberrechte erlöschen vielmehr 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Das heißt im Fall von "Mein Kampf": Man rechnet Hitlers Todesjahr 1945 plus 70 – und es ist klar - ab 2015 darf das Buch weltweit neu aufgelegt, gedruckt und verkauft werden. Es gelten dann nur noch die Bestimmungen des Strafrechts im Zusammenhang mit der Veröffentlichung antisemitischer Schriften. Theoretisch könnte Bayern dann zwar immer noch klagen, doch kann sich das Institut in diesem Fall auf die Freiheit der Forschung berufen. Professor Möller verschweigt es nicht: Man hat jetzt mit der wissenschaftlichen Arbeit begonnen, weil man glaubt, mehrere Jahre für eine fundierte Arbeit zu brauchen.

"Wir wollen verhindern, dass eine bloß kommerzielle oder eine Nutzung durch Neonazis erfolgt. Die daraus eine Sensation machen würden. Wissenschaftlich heißt das, dass wir die vielen, vielen Textvarianten entschlüsseln, dass wir Passagen des Textes, die Schlüsselpassagen sind, ideologiekritisch beleuchten und dass wir drittens klar machen, wo Hitler seinen eigenen Lebenslauf, seinen politischen Lebensweg fälscht und das in diesen Text einordnen."

Mit Raubkopien und illegalen Übersetzungen für Neonazis in aller Welt hatte das über die Rechte wachende Finanzministerium in der Vergangenheit immer wieder zu tun. Das Institut für Zeitgeschichte sieht sich dagegen als Vorreiter für eine wissenschaftlich fundierte Ausgabe: Es verdankt seinen Ruf vor allem Forschungen zum Nationalsozialismus. Allerdings ist den Wissenschaftlern in den ersten Wochen ihrer Arbeit am Buch auch klar geworden: Egal wie gut begründet das Forschungsvorhaben ist – die Politik in Bayern lässt sich nicht überrumpeln. Vor dem Mikrofon wollte der Sprecher des Finanzministeriums zwar keine Interviews geben.

Doch er betont in einer schriftlichen Stellungnahme. Das Ministerium halte an seiner Haltung fest: eine Verbreitung von "Mein Kampf" würde das deutsche Ansehen schädigen und rassistisches Gedankengut fördern:

"Eine Kehrtwende der Staatsregierung ist nicht gegeben. Das Staatsministerium für Finanzen hält nach wie vor an seiner restriktiven Haltung fest. Es gibt auch keinerlei Zusagen gegenüber dem Institut für Zeitgeschichte, eine kommentierte Ausgabe vor Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist herausgeben zu dürfen.""

Trotz der massiven Ablehnung – der Chef des Instituts für Zeitgeschichte, Möller, ist ein gewiefter Wissenschaftsmanager, der seine Gegenüber in der Politik für gewöhnlich gut einzuschätzen vermag. Es ist kaum anzunehmen, dass er das Startsignal für die Arbeit an "Mein Kampf" gegeben hätte, wäre er sich nicht ziemlich sicher, dass es auch zu einer Publikation kommt. Ein Hinweis, dass die Haltung der bayerischen Staatsregierung weniger einheitlich ist als sie scheint, gab es bereits im Sommer vergangenen Jahres. Da betonte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch von der FDP in einer Presseerklärung zum 60. Jahrestag der Gründung des IfZ zum "Mein Kampf"-Vorhaben:

"Es besteht die Gefahr, dass Scharlatane und Neonazis sich dieses Schandwerks bemächtigen, wenn das Urheberrecht des Freistaats Bayern abgelaufen ist. Deshalb bin ich der Meinung, wir brauchen eine wissenschaftlich fundierte, hervorragend ausgearbeitete kritische Edition. So können wir kraftvoll eintreten für eine politische Bildung nach freiheitlich-demokratischen Grundwerten – gerade für unsere jungen Menschen."

Es kommt hinzu: In Zeiten des Internets ist ein Publikationsverbot sowieso kaum mehr durchsetzen. Wer "Mein Kampf" lesen will, kann das Buch leicht auf obskuren Webseiten finden. Auch gegen eine unkommentierte israelische Ausgabe von "Mein Kampf" hat das bayerische Ministerium keine rechtlichen Schritte unternommen. Das wichtigste Argument für Möller ist jedoch: Eine Entscheidung müsse gar nicht in nächster Zeit fallen, denn die Arbeit an der wissenschaftlichen Edition stehe erst am Anfang:

"Wir haben für drei Jahre einmal vorgesehen. Ich meine auch, dass das machbar sein müsste. Wobei man das so definitiv nicht sagen kann. Dauert es dann ein halbes Jahr länger, wäre es auch kein Beinbruch. Es wäre ja immer noch deutlich vor Ablauf der Frist."

Soll heißen: Erst wenn das IfZ sozusagen mit der Arbeit "fertig" ist, braucht es auch die Druckgenehmigung. Am liebsten wäre dem Institut eine Erlaubnis vor 2015, um unqualifizierter Konkurrenz voraus zu sein. Dass dieser entscheidende Schritt erst in drei oder vier Jahren ansteht, erleichtert die Forschungsarbeit von Edith Raim fürs erste beträchtlich. Die 44-Jährige, zuletzt mit einer umfangreichen Edition zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg betraut, sammelt noch Material und denkt über den Umfang ihres Projektes nach:

"Man muss es sich wirklich gut überlegen, wie tief man es kommentieren wird. Ob man dann wirklich jeden Satz kommentieren wird. Die Frage ist, woher hatte er die Ideen? Hat er das mal ebenso schnell hingeschrieben, oder geht es auf irgendwelche Konversationen mit Mitgefangenen in Landsberg zum Beispiel zurück. Oder waren es Besucher, die ihm irgendetwas erzählt haben. Das wird alles noch ein großer Teil der Arbeit sein."

Jeden Satz zu analysieren, wäre wohl zu viel erwartet, meint auch Ian Kershaw. Aber der Hitler-Biograf sagt grundsätzlich über die fehlenden Fußnoten im Buch des selbst ernannten Führers:

"Wo es nötig ist, sollte man alle Informationen erhalten, auch im Detail, um diesen Text besser zu verstehen. Das werden also wissenschaftliche Fußnoten sein, die ausführen, was da vorliegt. Es wäre das erste Mal, dass erklärt wird, wie das Werk entstand, welche Quellen benutzt wurden und wie Hitler seine Ideen ordnete."

Edith Raim beginnt die Arbeit nicht "bei Null". Sie kann vielmehr aufbauen auf den Forschungen des österreichischen Historikers Othmar Plöckinger. Er hat im Jahr 2006 eine Arbeit veröffentlicht über die Aufnahme von "Mein Kampf" durch die Leser vor 1945. Plöckinger wird mitarbeiten an dem neuen IfZ-Vorhaben. Raim ist daher optimistisch, zügig vorwärts zu kommen. Wesentliche Fragen der Editionsarbeit wie die, ob Hitler "Mein Kampf" wirklich selbst verfasst hat, sind ihrer Meinung nach bereits geklärt.

"Also man weiß ja, dass er auch seine Reden stets selber geschrieben hat. Da war er schon so egoman, dass er sich wenig hat dreinreden lassen. Nun ist natürlich der frühe Hitler etwas stärker beeinflussbar gewesen. Aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, eigentlich ist es doch zu 99 Prozent Hitler."

Spätestens bei der Frage, bei wem Hitler seine Weltanschauung fand - als er 1924 und '25 nach dem missglückten Novemberputsch in der Festungshaft im bayerischen Landsberg - das Buch schrieb, wird die Forschungsarbeit jedoch schwierig und kleinteilig werden Denn hier gibt es viele unbekannte Facetten. Der Hitler-Biograf Ian Kershaw sagt zu den Büchern und Autoren, die Hitler als Ideengeber benutzt hatte.

"So einfach ist das nicht zu unterscheiden, welche Quellen das waren. Wir wissen, dass er einige Werke von Haushofer gelesen hat und wissen auch, dass Rudolf Heß, der bei Haushofer studiert hatte, ihm Informationen über dessen Denken gab. Offensichtlich ist: Hitler hat sich viel selbst zitiert. Eine seiner wichtigsten Quellen waren die Skripte seiner eigenen Reden, die er gehalten hatte. Man muss also schauen, wie er das benutzt hat, um einzelne Passagen in "Mein Kampf" aufzubauen."

Ob der Autodidakt Hitler sozusagen Einzelteile seiner Weltanschauung wie "Lebensraum" oder "Volk ohne Raum" bei dem bekannten Münchner Geopolitiker Karl Haushofer abgekupfert hat oder ob er sich in seinem Antisemitismus beim britischen Autor Houston Stewart Chamberlain bestärken ließ, lässt sich nicht nur durch Lektüre erschließen. Die Historiker müssen dafür auch Texte und Interviews von Zeitzeugen auswerten. Diese standen Hitler oft sehr nahe und machten ihre Aussagen fast alle erst nach 1933 oder nach 1945. Ihre Glaubwürdigkeit gilt unter NS-Forschern deshalb als umstritten. Ian Kershaw sagt über den "Leser" Hitler:

"Er las wirklich, um Ideen zu bestätigen, die er bereits hatte – er war kein Lesen mit geistiger Offenheit. Aber es deutet alles darauf hin, dass er ziemlich viel in den Grenzen der sogenannten "völkischen Literatur" gelesen hat. Was wir nicht wissen ist, ob er die Werke ganz gelesen hat oder nur Zusammenfassungen. Es ist auch bekannt, dass er ein eifriger Zeitungsleser war – da könnte er aus Artikeln zitiert haben, die sich auf bestimmte Werke berufen. Das wäre auch etwas, was eine wissenschaftliche Ausgabe von "Mein Kampf" in gewisser Weise klarstellen könnte."

Diese Hinweise zeigen bereits: eine wissenschaftliche Edition von "Mein Kampf" ist keine Kleinigkeit. Die Äußerung des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler, ein solches Projekt lasse sich in wenigen Monaten bewerkstelligen, wird daher in der Fachwelt belächelt. Überhaupt sind die Meinungen über den Wert einer kommentierten "Mein Kampf"-Ausgabe sehr verschieden: Manche Hitler-Experten wie die Wiener Publizistin Brigitte Hamann halten einen eher schmalen Band für ausreichend. Andere Wissenschaftler, wie der Berliner Medienhistoriker Bernd Sösemann, befürworten dagegen echte Detektivarbeit. Sie meinen, als Erstes müssten die Bearbeiter von "Mein Kampf" in Moskauer Archiven suchen, ob es dort noch Original-Manuskriptseiten des Buches gibt. Die Forscher des IfZ jedoch schlagen einen nicht ganz so zeitaufwendigen Mittelweg ein: Denn alleine bei den gedruckten Ausgaben der Hitler-Kampfschrift geht die Wissenschaft von etwa zweieinhalbtausend Textvarianten aus. "Mein Kampf" erschien in Dutzenden Ausgaben. Immer wieder wurden Passagen gekürzt oder zumindest Druckfehler verbessert. Hier den Überblick zu behalten, wird also schwer genug sein:

Historiker fasziniert "Mein Kampf", weil Hitler darin Angaben über seine eigene Biografie macht - zum Beispiel zur Parteigründung der NSDAP. Interessant sind zudem die judenfeindlichen Passagen und die Aussagen über die Eroberungsabsichten in Osteuropa. Die ideologischen Aspekte für eine wissenschaftliche Kommentierung sind also vielfältig. Professor Ian Kershaw:

"Es sind ziemlich diffuse Texteinheiten, aber wir sollten sie ganz normal als ein großes Ganzes betrachten. Alle drei Aspekte sind wichtig. Unverzichtbar sind, glaube ich, die Abschnitte, die sich mit der Entwicklung seiner Ideen befassen – und hier ist es nicht zuletzt, neben den rassistischen, antisemitischen und den geopolitischen Gedanken, die Art wie sich Hitler beim Verfassen zum Genie aufbaut, als "Führer", auf den Deutschland gewartet habe. Diese Selbstdarstellung ist ein wesentlicher Teil von "Mein Kampf".

Eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf", so sagen die Fachleute, werde vor allem auch eines bewirken: Dieses – fast möchte man sagen "sagenumwobene" - Pamphlet werde entdämonisiert. Denn bisher kursierten, selbst unter Historikern, viele falsche Vorstellungen. Die vielen Fehler und Halbwahrheiten über "Mein Kampf" veranlassen den Hitler-Experten Ian Kershaw dazu, einen grundsätzlichen Rat für die Herausgabe einer wissenschaftlich kommentierten Edition des Buches zu äußern:

""Man sollte vorgehen wie bei anderen Autoren auch. Das heißt: Man sollte Historikern und Lesern des Textes Hilfe und Anleitungen geben, welche Quellen Hitler benutzt hat – soweit das möglich ist. Wie er den Text aufgebaut hat; und es sollten Informationen enthalten sein über die Personen, die in dem Buch erwähnt werden. Wie eben bei jedem anderen historischen Text, von dem man eine kommentierte Ausgabe erstellt."

Bleibt als größtes Hindernis des Projekts das Tabu einer Veröffentlichung. Anders als bei einem normalen Forschungsvorhaben verbaut es dem Institut für Zeitgeschichte den Weg einer Finanzierung etwa über die "Deutsche Forschungsgemeinschaft" oder eine Stiftung. IfZ-Chef Horst Möller muss vielmehr pragmatisch vorgehen und das Geld aus Eigenmitteln seines Haus vorschießen:

"Normalerweise würden wir Drittmittel beantragen. Das geht aber deswegen nicht, weil jeder Gutachter sagen würde: Ihr habt aber gar keine Genehmigung zur Veröffentlichung. Wir argumentieren aber anders. Wir sagen: Wenn wir rechtzeitig, vor der urheberrechtlichen Freigabe des Textes, fertig sind, dann könnten wir erneut mit dem Bayerischen Finanzministerium verhandeln."

Hinter vorgehaltener Hand lassen Sachkundige erkennen: Finanziell sei das Projekt für Bayern auf keinen Fall aufwendig. Mehr als zwei- bis dreihunderttausend Euro werde die wissenschaftliche Bearbeitung kaum kosten. Der Brite Sir Ian Kershaw hält die Finanzierung aus Steuermitteln nicht für moralisch verwerflich. Es sei ja nicht so, als werden wegen der kommentierten Ausgabe von "Mein Kampf" die Gelder für Krankenhäuser und Bibliotheken knapp:

"Niemand würde – glaube ich – behaupten, vor allem nicht in Deutschland, dass es nicht wichtig sei, für zeitgeschichtliche Forschung öffentliches Geld auszugeben. Wir haben hier einen Text, der immer als 'geheimnisvoll' angesehen und geradezu verteufelt wurde. Wir müssen diesen Text nun als normales Schriftstück aus einer spezifischen Epoche ansehen; als Teil eines großen Puzzles, das bei der Erforschung und Erklärung von Hitlers Denken und dessen Entstehung eine Rolle spielt. Und wenn man das in der von mir beschriebenen Weise tut und Geld dafür ausgibt, dann ist es das wert."

Obwohl bis zur Veröffentlichung – frühestens im Jahr 2015 - noch viel Zeit vergehen wird, weiß die Historikerin Edith Raim bereits: Was sie schreibt werden Fachwelt und breite Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgen. Eine wissenschaftliche Edition von "Mein Kampf" wird Wirbel verursachen. Sie klingt daher, als habe sie bereits das Editionsfieber gepackt:

"Das große Jahr ist 2015. Da erlöschen die Urheberrechte, die der Freistaat Bayern noch hat an diesem Werk. Von daher denke ich: Ab jetzt tickt sozusagen die Uhr und das Ziel ist 2015."

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