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StartseiteEssay und DiskursDer Klimawandel als kultureller Wandel15.06.2008

Der Klimawandel als kultureller Wandel

Der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer nähert sich dem Klimawandel einmal nicht aus naturwissenschaftlicher Sicht, sondern nimmt seine kulturellen Auswirkungen ins Visier. Die Erderwärmung werde Veränderungen in den unterschiedlichsten Bereichen bewirken: in der Ernährung, in der Wirtschaftswelt und nicht zuletzt in der Sicherheitspolitik, die sich schon jetzt auf Ressourcenkonflikte und steigende Flüchtlingszahlen einstellt.

Von Harald Welzer

Hitzewelle in Indien. (AP)
Hitzewelle in Indien. (AP)

Beginnen wir mit drei Nachrichten aus dem letzten halben Jahr. Nachricht eins:

"Die Spitzenreiter der deutschen Kraftfahrzeugzulassungsstatistik 2007 waren großvolumige Geländewagen. Während der Gesamtabsatz der Autos in der Bundesrepublik um mehr als 9 Prozent zurückging, wurden 35 Prozent mehr BMW X5 verkauft als im Vorjahr, den Range Rover wollten 31 Prozent mehr Kunden haben und sogar der Porsche Cayenne, den es nur mit Benzinmotoren gibt und der als übelster Spritfresser gilt, verzeichnete ein Umsatzplus von mehr als 18 Prozent."

Die zweite Nachricht entstammt dem Nachrichtendienst der Investmentgesellschaft DWS:

"Asiaten essen mehr Fleisch. Der Wandel des Speiseplans ist auch in Neuseeland spürbar. In Neuseeland gibt es 45 Millionen Schafe, aber nur 4 Millionen Menschen. Die Farmer unter ihnen freuen sich über kräftig steigende Erzeugerpreise. Der Grund: Die Chinesen kaufen immer mehr."

Zur Produktion von Fleisch ist wesentlich mehr Land nötig als zur Produktion rein pflanzlicher Nahrung. Gleichzeitig sinkt die weltweite Ackerfläche. Deshalb führt die steigende Nachfrage zu steigenden Preisen für Futtermittel und Zuchttiere. Die zunehmende Hitze treibt die Preise zusätzlich in die Höhe. Nicht weit von Neuseeland entfernt haben die Australier gerade mehr als genug Sonnenschein. Die jüngste Hitzewelle hat die Preise für Getreide dort und weltweit in die Höhe schnellen lassen. Klimaforscher erwarten weitere Dürren und damit eine immer wieder sprunghaft auftretende Verknappung des globalen Angebots.

Was heißt das für den Investor? Langfristig könnten die Agrarrohstoff-Preise und deren Schwankungen weiter steigen."

Die dritte Nachricht stammt von der Christlich Sozialen Union. Sie schlägt im Mai 2008 die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrates vor, etwa nach dem Vorbild des amerikanischen Heimatschutzministeriums.

Eine solche Einrichtung wäre eine erhebliche Abweichung von den demokratischen Gepflogenheiten der Bundesrepublik und vermutlich nicht verfassungskonform, da Fragen der militärischen Sicherheit grundsätzlich parlamentarisch entschieden werden.

Worin besteht aber der Zusammenhang dieser drei auf den ersten Blick höchst disparaten Meldungen? Im Fall der Agrarinvestments wird er angesprochen:

Der Klimawandel verspricht Veränderungen in Sektoren, die für Anleger interessant sein können; die Hungerrevolten, die im April 2008 mehrere Großstädte der dritten Welt erschütterten, haben die Prognosen der Investmentberater auf ihre Weise umgehend bestätigt.

Die Geländewagenkäufer reagieren ebenfalls auf den Klimawandel, und zwar, indem sie sich auf befürchtete Gesetzesänderungen vorsorgend einstellen: Wer weiß, so die vorausschauende Überlegung, ob man in ein paar Jahren noch einen Zweieinhalbtonner mit 500 PS durch die Gegend treiben, geschweige denn kaufen darf. Wenn nicht jetzt, denkt der Autoliebhaber, wann dann?

Und schließlich plädiert die CSU nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Gewaltfolgen des Klimawandels für ein neues Paradigma in der Sicherheitspolitik - so weisen etwa Xavier Solana ebenso wie der Wissenschaftliche Beirat für Umweltfragen der Bundesregierung auf wachsende Sicherheitsgefährdungen durch den Klimawandel etwa infolge von rasant ansteigenden Flüchtlingszahlen oder Ressourcenkonflikten hin.

Was zeigen solche Beispiele?

Sie zeigen Anpassungen von Menschen an sich verändernde Umweltbedingungen. Dabei wird deutlich, dass solche Anpassungen nicht unbedingt in verändertem Verhalten liegen müssen, sondern auch in einer modifizierten Wahrnehmung der Probleme bestehen können. Vor einigen Monaten wurde eine Studie darüber veröffentlicht, wie Fischer am Golf von Kalifornien den Rückgang der Fischbestände einschätzen. Trotz erheblicher objektiver Rückgänge in den Fischpopulationen und Überfischung in den küstennahen Regionen zeigten sich die Fischer desto weniger besorgt, je jünger sie waren. Sie kannten im Unterschied zu den älteren Kollegen viele Vorkommen und Arten gar nicht mehr, die früher in der Nähe der Küste gefischt worden waren.

Der Klimawandel ist, wie man sieht, vor allem ein kulturelles Phänomen - denn nur als solches schlägt sich auf der Erde nieder, was Meteorologen, Ozeanologen und Gletscherforscher an Veränderungen im Klimasystem festgestellt haben. Der Natur ist es ganz gleichgültig, ob und wie sie sich verändert; erst in Gestalt des Drucks, der aus dem Klimawandel auf die Kulturen und damit auf die Lebens- und Überlebensbedingungen von Menschen entsteht, wird er überhaupt zu einem Problem.

Man kann die kommenden Klimaprobleme also als Problem, als Chance, als ferne und vage Möglichkeit oder als unbedeutend wahrnehmen und sich so gegenüber der diffus gefühlten Bedrohung positionieren, in ein Verhältnis dazu setzen. In sich verändernden Gegenwarten verschieben sich, wie bei den südkalifornischen Fischern, auch die Wahrnehmungen derer, die Teil dieser Gegenwarten sind, und wenn trotzdem Dissonanzen entstehen, sind die Möglichkeiten vielfältig, sie zu glätten. Dazu kann schon genügen, ein Bewusstsein über das Problem zu haben, was einem suggeriert, dass man ihm nicht gleichgültig oder gedankenlos oder gar ohnmächtig gegenübersteht. Man ändert also seine Einstellung zum Problem, nicht seine Ursache.

Dabei muss man sehen, dass Einstellung und Verhalten zwei Dinge sind, die nur sehr lose miteinander verkoppelt sind, wenn überhaupt. Einstellungen kann man unbelastet von Realitätsprüfungen und konkreten Entscheidungsbedingungen haben, während Handlungen in der Regel unter Druck stattfinden und von situativen Erfordernissen bestimmt werden - weshalb es sehr oft vorkommt, dass Menschen Handlungen begehen, die ihrer Einstellung widersprechen. Interessanterweise haben sie aber nur selten nennenswerte Schwierigkeiten damit, solche Widersprüche zu integrieren.

Man vergleicht dann sein eigenes Verhalten mit dem noch schlimmeren der Anderen, findet es im Rahmen der gesamten Problematik lächerlich unwichtig oder beschließt, es in Zukunft anders zu machen. All dies dient der Reduktion einer Dissonanz zwischen dem moralisch vertretenen und dem tatsächlichen Verhalten. Allerdings gibt der Raum zwischen Einstellung und Verhalten auch einen möglichen Handlungsspielraum an, den man nutzen könnte, solange noch kein unmittelbar drängender Handlungsdruck vorliegt, wie er anderswo herrscht.

Im Sudan zum Beispiel hat sich die Wüste in den letzten vierzig Jahren um hundert Kilometer weiter in Richtung Süden ausgebreitet. Das liegt daran, dass zum einen die Regenfälle immer weiter zurückgehen und zum anderen die Überweidung von Grasflächen, das Abholzen von Wäldern und die dann einsetzende Bodenerosion das Land unfruchtbar gemacht haben. Vierzig Prozent des Waldes sind seit der Unabhängigkeit des Landes verloren gegangen. Für manche Regionen prognostiziert das Umweltprogramm der Vereinten Nationen einen Totalverlust des Waldes innerhalb der nächsten zehn Jahre.

Klimamodelle sagen für den Sudan einen weiteren Temperaturanstieg voraus; zugleich wird die Regenmenge weiter abnehmen. Für die Getreideernten bedeutet das einen künftigen Rückgang um etwa 70 Prozent. Das Land gehört schon jetzt zu den ärmsten der Welt; zugleich ist es ökologisch erheblich gefährdet, und seit einem halben Jahrhundert wird irgendwo im Sudan Krieg geführt. Es gibt deshalb fünf Millionen Flüchtlinge im Land, sogenannte Internal Displaced Persons, Menschen, die ihre Dörfer verlassen mussten, weil sie von Milizen systematisch vertrieben wurden. Die morden nicht nur, sie verbrennen auch die Dörfer und Wälder, um die Davongekommenen an einer Rückkehr zu hindern.

Die Region Darfur im Westen zeigt dasselbe Bild, vielleicht ist es hier sogar noch schlimmer, seitdem sich die Kampfhandlungen auch auf die angrenzenden Länder Tschad und die Zentralafrikanische Republik ausgedehnt haben. In Darfur gibt es noch einmal zwei Millionen Flüchtlinge; meist leben sie in wilden Camps am Rande größerer Ansiedlungen und Städte. Zwischen den USA und Europa besteht gegenwärtig keine Übereinstimmung, ob man hier von einem Völkermord sprechen kann. Tatsächlich sind bislang zwischen 200.000 und 500.000 Menschen getötet worden.

Der Sudan ist der erste Fall, für den ein direkter Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kriegsgewalt als sicher gilt. Bislang nahm man an, dass die Gewaltfolgen von Klimaveränderungen eher indirekt sind, aber dort, wo das Überleben ohnehin schon gefährdet ist, führen selbst geringfügige Verschlechterungen zu Gewalt. Und im Sudan sind sie nicht geringfügig. In einer Gesellschaft, in der 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Land und vom Land leben, gibt es ein Problem, wenn Weideflächen und fruchtbare Böden verschwinden. Nomadische Viehzüchter brauchen Weiden, auf denen ihre Tiere grasen können, so wie Kleinbauern Land brauchen, um Getreide und Früchte für ihr Überleben und das ihrer Familien anbauen zu können. Wenn die Wüste sich ausbreitet, beanspruchen die Viehzüchter das Land der Bauern, und umgekehrt.

Der Blick auf den Sudan ist ein Blick in die Zukunft anderer Länder. Der Klimawandel wird zu einer Häufung sozialer Katastrophen und einer Vertiefung kultureller Asymmetrien führen. Vom Klimakrieg in Darfur bis zum Verlust der Überlebensräume von Inselstaaten, von zunehmender Wüstenbildung, Bodenversalzung und Erosion bis zur Übersäuerung der Ozeane und dem Verlanden der großen Seen reicht die Palette der Probleme des 21. Jahrhunderts, die zu dramatischen Gewaltkonflikten führen: zwischen jenen, die dieselben zu knappen Ressourcen nachfragen, die unbewohnbar gewordene Regionen verlassen müssen und dort zu siedeln versuchen, wo andere schon sind. Aus der Völkermordforschung weiß man, wie schnell die Lösung sozialer Fragen in radikale Definitionen und tödliche Handlungen übergehen kann. Wie es diesmal ausgeht, wird eine Probe darauf sein, ob Gesellschaften aus der Geschichte lernen können oder nicht.

Der Zusammenhang von Klimaerwärmung und Gewaltfolgen stellt, wie der Fall Darfur zeigt, eine unterschätzte, bislang sogar weitgehend unbegriffene soziale Gefahr dar, und es scheint absurd, sich vorzustellen, dass das, was bislang in die Zuständigkeit von Meteorologen, Meeresbiologen und Gletscherforschern fällt, kulturelle Katastrophen wie Systemzusammenbrüche, Bürgerkriege, gar Völkermorde zur Folge haben könnte, zumal in einem Augenblick, wo ja alles noch ganz in Ordnung zu sein scheint. Aber viel vorauseilende Phantasie braucht man gar nicht, um sich das vorzustellen, denn bereits für die Gegenwart lassen sich zahlreiche umweltbedingte soziale Konflikte und Abwehrmaßnahmen beschreiben: Klimakriege finden dort bereits statt, wo - wie im Sudan - Staatlichkeit gescheitert ist und die Existenz privater Gewaltmärkte den Normalzustand darstellt. Wo staatliche Organe korrupt sind und zivilgesellschaftliche Institutionen nicht funktionieren, öffnet jede Verschlechterung von Umweltbedingungen neue Gelegenheiten und Räume für private und staatliche Gewaltunternehmer.

Regierungstruppen, Milizen und Befreiungsarmeen führen Krieg gegen die eigene Bevölkerung und lösen das aus, was im Westen humanitäre Katastrophe genannt wird. Die umgehend anlaufenden Hilfsaktionen sind freilich Teil des Geschäfts mit der Gewalt und sie sind in die Ökonomie der Gewaltmärkte immer schon eingerechnet. Deshalb haben die Bürgerkriege in Afrika zusammengerechnet so viel gekostet wie die Entwicklungshilfe, die dorthin geflossen ist, und deshalb hören im Sudan, in Sierra Leone, in Somalia die Kriege nicht auf.

Aber es gibt auch handfeste Rohstoffinteressen der Industrieländer, die den Wunsch nach funktionierender Staatlichkeit etwa in Ländern mit Öl gering halten. China zum Beispiel mit seinem stetig wachsenden Energiehunger liefert Waffen in den Sudan und blockiert im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Sanktionen wegen des Völkermords in Darfur, weil es das sudanesische Öl braucht.

Grundsätzlich schränken die Folgen des Klimawandels - wie Bodenerosion, Überschwemmungen, Trinkwassermangel, Stürme, das Auftauen von Permafrostböden, extreme Wetterereignisse usw. - Überlebensräume ein und vertiefen in den armen Ländern die ohnehin bestehenden Probleme; in den reichen verschieben sich zwar Anbauzonen und Grundstückswerte, aber es eröffnen sich auch neue wirtschaftliche Chancen. Die Asymmetrie zwischen den begünstigten und den benachteiligten Ländern wächst also mit dem Klimawandel, und da Klimaveränderungen die schwachen Gesellschaften am tiefsten treffen, wird Gewalt die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen anwachsen lassen, und zwar sowohl die Wanderungen innerhalb der Länder wie die grenzüberschreitenden Migrationen von Klimaflüchtlingen. Beides zieht Konflikte nach sich. Die grenzüberschreitenden Migrationen erreichen, wie die in Teneriffa oder Lampedusa landenden Flüchtlinge und strandenden Leichen zeigen, die Inseln des Wohlstands und der Stabilität in Westeuropa und veranlassen dort die Politik zu einer Verschärfung ihrer Sicherheitsmaßnahmen und zu einer Verstärkung ihrer Sicherheitskräfte. Dazu gehört auch die europäische Strategie, Grenzkonflikte nach außen zu verlagern, also die Flüchtlinge gar nicht erst aus Afrika herauszulassen, dort Auffanglager einzurichten und die Gewalt örtlichen Polizei- oder Militärkräften zu überantworten.

Und der Klimawandel öffnet noch eine weitere Bühne für Gewaltkonflikte: die unter dem arktischen Eis vermuteten gigantischen Rohstoffvorkommen werden bald zugänglich sein, und seit langem ist umstritten, wer Anrechte darauf hat, sie abzubauen. Die russische Arktis-Expedition "Akademik Fjodorow" hat im Sommer 2007 Hoheitsansprüche angemeldet, indem sie in 4.200 Meter Tiefe eine Titanflagge auf den Meeresgrund stellte. Umgehend erfolgten Reaktionen aus Amerika, aus Kanada und aus Dänemark, die jegliche russische Ansprüche zurückwiesen. Großbritannien hat Gebietsansprüche auf eine Million Quadratkilometer der Antarktis angemeldet, was zu Konflikten mit Argentinien und Chile führt. Das Schmelzen des Eises eröffnet darüber hinaus neue Verkehrswege und damit beträchtliche wirtschaftliche Chancen. Ein neuer Seeweg nach Asien, die Nordwestpassage, hat sich im Sommer 2007 zum ersten Mal geöffnet. Kanada zeigt ebenso wie die USA militärische Präsenz in der Region.

Ein bedrückendes Phänomen ist auch das Verschwinden der großen Seen, die von zwischenstaatlichen Grenzen durchlaufen werden. So hat der Tschadsee mittlerweile 95 Prozent seiner ursprünglichen Fläche verloren, was auf den Rückgang von Niederschlägen und auf Ableitungen für Bewässerungsprojekte zurückgeht. Ursprünglich lagen mit Niger, Nigeria, Tschad und Kamerun vier Länder am Tschad-See, heute haben Niger und Nigeria keine Seeufer mehr. Wenn sich Menschen auf dem verlandeten Seegrund ansiedeln, gibt es Grenzkonflikte, zum Beispiel zwischen Nigeria und Kamerun. Eine vergleichbare Situation findet sich am verschwindenden Aralsee, durch den die Grenze zwischen Kasachstan und Usbekistan verläuft.

Aus all dem ergibt sich ein Szenario, das die weltweite Verflechtung der Gesellschaften insgesamt trifft und unter Druck setzt; unterschiedliche Formen und Intensitäten von Spannungen und Gewaltgebrauch werden die Folge sein. Dabei muss es nicht sein, dass den Konfliktparteien klar ist, was die Ursache ihrer Probleme ist: in Darfur sieht es aus, als seien ethnische Spannungen der Grund für den mörderischen Kampf zwischen "arabischen" Nomaden und "afrikanischen" Bauern; vor dem Völkermord in Ruanda fühlten sich die Hutu von den Tutsi bedroht, aber kaum einem außenstehenden Beobachter fiel auf, dass Ruanda das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Afrika und mit einer der höchsten weltweit ist. Bevölkerungsdruck, Wetterereignisse und andere umweltbedingte Ursachen sind nichts, was die Menschen vor Ort als Ursache wahrnehmen; sie sehen, dass andere sie bedrohen, angreifen oder ihnen ihre Lebensgrundlagen entziehen wollen, und darauf reagieren sie ihrerseits mit Gewalt.

Der Klimawandel ist also nur insoweit eine Angelegenheit für die Naturwissenschaften, als wir wissen müssen, was in den kommenden Jahren geschehen wird und wie man der ungebremsten Emission von Kohlendioxyd und anderen Treibhausgasen gegensteuern kann. Hinsichtlich der sozialen und kulturellen Folgen ist der Klimawandel aber ein Thema für die Sozial- und Kulturwissenschaften, für die nächsten Jahre das Thema überhaupt. Das soziale Klima ist komplexer als das physikalische, was aber nicht bedeutet, dass man die Gefährdungs- und Gewaltpotentiale nicht bestimmen könnte, die in Zukunft wirksam werden können. Klimaveränderungen wirken in zwei Richtungen: sie können Gewaltkonflikte hervorrufen oder bestehende Konfliktlagen vertiefen.

Zudem können sie durch Wechselwirkungen und indirekte Rückkoppelungen unerwartete Folgen hervorrufen. Es ist höchste Zeit, Umweltwirkungen in die Beschreibung und Analyse von Gewaltkonflikten einzurechnen. Die meisten der skizzierten Aspekte haben das Stadium der hypothetischen Annahme nämlich längst verlassen und bestimmen heute schon die Wirklichkeit von Menschen - es gibt Klimakriege, es wird getötet, gestorben, geflohen.

Globalisierung, das ist die Zunahme der weltweiten Verflechtungen im politischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Bereich, weshalb auch Dauerkriege, ethnische Säuberungen und Völkermorde im Zusammenhang dieser Verflechtungen gesehen werden müssen. Gewalt hat im Zeitalter der Globalisierung also keine außen stehenden Bebachter, lediglich in unterschiedlichem Ausmaß Beteiligte. Samuel Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen ist nicht grundlegend falsch, weil es diese kulturellen Gewaltkonflikte tatsächlich gibt und sie sich künftig noch verstärken werden, aber sie ist in ihrem Horizont dadurch begrenzt, dass Huntington nur sieht, was die anderen tun, und nicht die Rolle, die seine eigene Kultur in jenem Handlungszusammenhang spielt, den alle Kulturen gemeinsam bilden und deren Konflikte sie auch gemeinsam austragen.

Im 21. Jahrhundert wird anders als im Jahrhundert zuvor weniger aus ideologischen Gründen getötet werden, und auch nicht deshalb, weil Utopien Entwürfe dafür bereitstellen, wie die Welt nach den ewigen Gesetzen der Natur einzurichten wäre und wer diesen Gesetzen nach auszurotten sei. Das 21. Jahrhundert ist utopiefern und ressourcennah - es wird getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchen, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten. Kann man also wirklich glauben, dass unsere Welt bleiben wird, wie sie ist?

Mit der Verbreitung und der Spürbarkeit der Klimafolgen, mit dem Wachsen von Not, Migration und Gewalt, verengen sich die mentalen Horizonte und erhöht sich die Wahrscheinlichkeit irrationaler und gefährlicher Lösungsstrategien. Das gilt insbesondere für die Gewaltproblematik, die durch den Klimawandel verschärft wird. Es besteht aller historischer Erfahrung nach eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die als Kriegs- oder Klimaflüchtlinge den Status von Überflüssigen bekommen und die Wohlstands- und Sicherheitsbedürfnisse der etablierten Länder zu bedrohen scheinen, in großer Zahl zu Tode kommen werden; sei es durch fehlendes Wasser und mangelnde Ernährung, sei es durch Kriege an der Grenze, sei es durch Bürgerkriege und zwischenstaatliche Konflikte infolge veränderter Umweltbedingungen. Das ist das, was man aus Lösungen gefühlter Probleme im zwanzigsten Jahrhundert gelernt haben kann.

Das alles wird nicht die Gestalt einer Wiederholung des Holocaust haben; Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Menschen nehmen Probleme wahr, und wenn sie diese als bedrohlich für die eigene Existenz interpretieren, neigen sie zu radikalen Lösungen, solchen, an die sie vorher nie gedacht hätten. Den westlichen Kulturen muss man attestieren, dass sie diese Lektion des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gelernt haben, sondern sich auf Humanität, Vernunft und Recht viel zugute halten, obwohl diese drei Regulierungen menschlichen Handelns historisch jedem Angriff erlegen sind, wenn er nur heftig genug ausfiel. Sehr lange werden diese Kulturen nicht mehr existieren, wenn sie an den gewohnten Strategien des Lösens von Problemen festhalten, vielleicht noch zwei, drei Generationen. Ihre Verweildauer wäre dann, gemessen an der Existenzzeit anderer Kulturen, lächerlich gering gewesen.

Freilich könnten die reichen Gesellschaften, und damit komme ich zurück zu den Handlungsspielräumen und den Möglichkeiten der Anpassung, einen anderen Weg einschlagen, als sie ihn bislang verfolgen. Man muss nämlich sehen, dass ihnen der Erfolg ihrer Wirtschafts- und Lebensform einen ökonomischen und organisatorischen Vorsprung verschafft hat, aus dem sich gerade vor dem Hintergrund der kulturellen und sozialen Folgen des Klimawandels eine erhebliche Verantwortung ableitet. Nimmt man etwa die gegenwärtige vieldiskutierte Frage, ob man Gesellschaften mit Modernisierungsrückstand dieselben Verschmutzungsrechte einräumen müsse, wie sie die frühindustrialisierten Länder unheilvollerweise hatten, so kann man sie im Lichte dieser Verantwortung nur mit einem klaren "Nein" beantworten. Denn die bedenkenlose Verschmutzung konnte mitsamt ihrer Folgen ja nur deshalb eintreten, weil niemand sich darüber Gedanken gemacht hat. In der heutigen Situation, im Wissen um die Folgen solcher Sorglosigkeit, ist eine solche Frage lediglich noch Ausdruck künstlicher Dummheit. Es gibt gewiss bessere Gelegenheiten, über globale Gerechtigkeit nachzudenken, als ausgerechnet im Zusammenhang einer weiteren Einschränkung der Zukunftschancen der Menschen.

Wenn in diesem Kontext überhaupt etwas zu diskutieren ist, dann wäre es die Frage nach einer gerechten Verteilung der Lasten, die durch eine Reduzierung des Energieverbrauchs entstehen. Da sollten Ethikkommissionen Vorschläge erarbeiten, wie die reichen Hochtechnologieländer den Staaten mit nachholendem Modernisierungsbedarf kostenlos das aktuellste Know-how und die avancierteste Technik zur Emissionsminderung oder besser -vermeidung zur Verfügung stellen können - man hat dort schließlich den Vorteil, dass man nicht erst mühsam rückbauen muss, was nach dem heute möglichen Stand schon antiquiert ist.

Aber nicht nur die Politik, besonders auch die Wissenschaft muss sich trauen, vom "Denken wie üblich" abzugehen und Szenarien aus den Klima-Prognosen abzuleiten, die der sozialen und kulturellen Revolution angemessen sind, die der Klimawandel bedeutet. Hazardanalyse, Risikomanagement und Katastrophenvorsorge, die Schneelawinen und Bergrutsche, Hochwasser und Sturzfluten, Tsunamis und Hurrikane, Bodenerosion und Wüstenbildung einkalkulieren, bedürfen der Ergänzung durch eine kulturelle, auf Persönlichkeit, Mentalitäten und Funktionssysteme bezogene Szenarienbildung, die aber erst noch erfunden werden muss - von der rechten wie der linken Variante der 60er-Futurologie ist da kaum etwas zu lernen und noch weniger vom Gros der heutigen Trendforschung.

Wir müssen uns Kulturtechniken des Überlebens und neue Formen der Selbstdisziplinierung ausdenken und uns dabei der radikalen Transkulturalität des Klimawandels stellen. Das wird dann auch bedeuten, dass die reichen Gesellschaften sich mit der Selbstverpflichtung konfrontieren müssen, ganz andere Kontingente von Flüchtlingen aufzunehmen und zu integrieren als bislang und Formen der Globalisierung zu entwickeln, die die Verletzbarkeit der einbezogenen Gesellschaften nicht erhöhen, sondern vermindern. Klimaerwärmung ist durch den bedenkenlosen Einsatz von Technik entstanden, weshalb jeder Versuch, es durch "besseren" Technikeinsatz und ausgefeilte politische Technologie zu beheben, Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Ob Klimaschutz verbesserte Kohlekraftwerke oder doch mehr Atomkraft nahelegt, ist ein müßiger Streit, weil beide Energietechnologien auf begrenzte Ressourcen bauen und sich hinsichtlich ihrer Folgen als unüberschaubar erwiesen haben. Und das jüngste Drama um den Biosprit macht klar, wie viele nicht-beabsichtigte Folgen seines Handels auch der umsichtigste Klimaschützer einkalkulieren muss, was gewiss auch bei der Co2-Abscheidung, der Photovoltaik und künstlicher Photosynthese der Fall sein wird.

Man wird also kaum damit durchkommen, bestimmte gesellschaftliche Funktionsbereiche wie die Politik oder die Forschung mit dem Klima zu befassen und andere, wie die Industrie oder die Administration, davon unbehelligt zu lassen. Klimatologische Aufmerksamkeit und Kommunikation ist nicht das Ende der reflexiven Moderne, sondern ihr eigentlicher Beginn.

Die Frage globaler Gerechtigkeit muss so an die historischen Verursacher des Klimaproblems, also an uns, rückadressiert werden, dass Fehler nicht andernorts wiederholt werden müssen, die wir selbst gemacht haben. In der Entwicklungspolitik folgt man seit einigen Jahren dem Konzept der "good governance", des guten Regierens. Zuwendungen an ein Empfängerland werden seither von Kriterien wie Transparenz, Effizienz, Partizipation, Verantwortlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Gerechtigkeit abhängig gemacht; wer schlecht regiert, soll nichts bekommen. Man muss auch das in eine reflexive Form bringen, nämlich auf uns selbst anwenden. Dann tun sich plötzlich ganz neue Entwicklungsperspektiven auf: Eine reiche Gesellschaft, die noch Handlungsspielräume hat und nicht unter permanentem Überlebensdruck steht, kann sich bei anstehenden Entscheidungen am Prinzip der Aufrechterhaltung des größtmöglichen Entwicklungspotentials orientieren, was vor allem heißt, irreversible Entscheidungen zu vermeiden. Das wäre nicht mehr als eine plausible Schlussfolgerung aus den verheerenden Umweltfolgen der Frühindustrialisierung und der Irreversibilität ihrer Entscheidungen - wie etwa der Aufzehrung vorhandener Ressourcen, der Inkaufnahme unheilbarer Umweltschäden, generationenungerechter Entsorgungslasten wie im Fall der Kernenergie.

Und reiche Nationen müssen ihre intellektuellen Kapazitäten nicht länger für human aussehende Grenzsicherungsstrategien aufwenden, um Klimaflüchtlinge fernzuhalten, solange sie noch über neue Partizipationsmodelle nachdenken können. Das muss die Politik nicht ganz alleine machen: Im Zeitalter von dichter Kommunikation braucht politische Teilhabe keineswegs am Zyklus der Wahlen orientiert zu bleiben, es lassen sich neue Formen außerparlamentarischer Debatten und Demokratie entwickeln. Die Erhöhung der Kommunikations- und Teilhabechancen erhöht automatisch auch die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit der Gesellschaft, die sie bilden, und somit die Chancen für bürgerschaftliches Engagement. Bezogen auf den Klimawandel und das Inventar der vorhandenen Lösungsvorschläge bedeutet das kulturelle Projekt einer guten Gesellschaft die Abkehr von der Illusion, Menschen würden anders mit der Welt umgehen, wenn man ihnen sagt, dass diese irgendwann einmal weniger gefährdet ist als jetzt.

So etwas funktioniert psychologisch nicht, weil die greifbaren Belohnungen für die eigenen Anstrengungen ausbleiben, und letztlich nur die Erfahrung des Verzichts bleibt. Das Konzept einer guten Gesellschaft favorisiert nicht Verzicht, sondern Teilhabe und Engagement für ein besseres Klima in der Gesellschaft, und eine Gesellschaft, die größere Teilhabe und höheres Engagement erlaubt, ist besser in der Lage, die dringenden Probleme zu lösen, als eine, die ihre Mitglieder gleichgültig lässt.

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