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StartseiteTag für Tag"Wertschätzung des Lebens"23.03.2017

Der Körper im Judentum"Wertschätzung des Lebens"

Religiosität kann in säkularen Gesellschaften zu Konflikten führen, etwa bei der Beschneidung. Sie sei aber ein "zentrales Gebot im Judentum", sagte der Medizinhistoriker Robert Jütte im Deutschlandfunk. Welches Verhältnis hat das Judentum zu "Leib und Leben"? Entscheidend sei der "Fokus auf die Gesundheit".

Robert Jütte im Gespräch mit Andreas Main

Der Medizinhistoriker Robert Jütte. Er leitet seit 1990 das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. (imago / Horst Galuschka)
Robert Jütte ist Professor am Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung. Er zeigt von den biblischen Quellen bis heute, wie sich Vorstellungen vom Körper im Judentum im Laufe der Geschichte verändert haben. (imago / Horst Galuschka)
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Andreas Main: Speisegesetze, Jungfräulichkeit, Homosexualität - mit solchen Fragen beschäftigen sich Menschen seit alters her. Auch in den Religionen. Fragen rund um Leib und Leben führen oft zu Konflikten. Auch heute in unseren vermeintlich so aufgeklärten und säkularen Gesellschaften. Und das gilt für alle Religionen.

Nacktheit, Tätowierungen oder Sterbebegleitung - auch darum geht es in einem Buch des Medizinhistorikers Robert Jütte. Der Titel: Leib und Leben im Judentum. Robert Jütte ist Professor am Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung. Er zeigt von den biblischen Quellen bis heute, wie sich Vorstellungen vom Körper im Judentum im Laufe der Geschichte verändert haben. Er ist uns in Stuttgart zugeschaltet. Guten Morgen Herr Jütte.

Robert Jütte: Guten Morgen, Herr Main.

Main: Herr Jütte, von Piercing bis Diabetes. Wir werden nicht alle Aspekte rund um Leib und Leben im Judentum besprechen können. Was ist die Klammer, die mit Blick auf den Körper alles zusammenhält im jüdischen Denken?

Jütte: Das ist die Wertschätzung des Lebens, der lebendige Körper und damit der Fokus darauf, diesen Körper gesund zu erhalten, und dazu, zur Gesundheit - das wissen wir - zählen ja viele Aspekte, aber auch die Möglichkeit, natürlich dem Körper zu schaden. Und das auszuschließen, das ist die Klammer: die große Wertschätzung, der Fokus auf die Gesundheit, auf das Leben.

Main: Über den letzten Satz Ihres Buches musste ich schmunzeln. Da bedanken Sie sich bei Ihrer Frau. Und sagen dann, dass Ihre Frau Sie gefragt habe, warum man überhaupt ein solches Buch schreiben müsse. Und ich muss dazu sagen: Ihre Frau ist Anat Feinberg, Professorin für Hebräische und jüdische Literatur in Heidelberg. Und Sie sagen, Sie hätten diese Frage wohl nie ganz zu ihrer Zufriedenheit beantworten können. Also jetzt nochmal hier im Deutschlandfunk: Warum braucht es so ein Buch?

"Der jüdische Körper ist ein heikles, auch politisches Thema"

Jütte: Das Buch braucht es, um aufzuklären über Vorurteile, die man seit der Antike über den jüdischen Körper hat - die dann natürlich christlich überformt sind -, wo es darum geht,  den jüdischen Körper zu einem besonderen Körper zu machen. Und das war natürlich die Sorge auch meiner Frau, wenn ich ein Buch zum Beispiel über die jüdischen Feiertage - was ich mir nicht zutrauen würde - schreiben würde, gebe es wahrscheinlich keine Probleme. Das nimmt man als Sachbuch und lässt sich gerne darüber informieren.

Aber der jüdische Körper ist ein heikles, auch politisches Thema durch den Antijudaismus und dann später durch den Antisemitismus - und deswegen muss man damit rechnen, dass man natürlich angegriffen wird: von wohlmeinenden Philosemiten, aber auch vielleicht - zur Instrumentalisierung der Ergebnisse - durch Antisemiten. Das ist die große Gefahr, und das war die große Sorge meiner Frau.

"Es braucht viel Fingerspitzengefühl"

Main: Und die Gefahr besteht auch darin, dass man alte Klischees nochmal wiederholt und nochmal womöglich auch verstärkt.

Jütte: In der Tat, also am Anfang des Buches stand eine Ausstellung in Wien im Jüdischen Museum, wo wir versucht haben, über jüdische Körperstereotype eine Ausstellung zu machen - und das in der Hochburg des Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Und das war nicht leicht, für ein breites Publikum solche Themen wie Judennase und so weiter darzustellen. Also das hat damals schon viel Fingerspitzengefühl erfordert. Aus dieser gemeinsamen Arbeit ist dann die Idee entstanden, das Ganze auch etwas größer zu machen, auch weg von den Stereotypen.

Was ich versucht habe in meinem Buch und das ist vielleicht auch das Neue, die jüdische Innensicht auch zu bringen und zu sagen, wie haben Juden ihren eigenen Körper gesehen und wie haben sie zum Beispiel auch auf antijüdische und antisemitische Vorurteile reagiert.  

"Die Kopfbedeckung ist kein Gebot"

Main: Lassen wir jetzt mal den Antisemitismus, den Judenhass, beiseite, reden wir über Religion und beginnen wir oben beim Kopf: Den Kopf zu bedecken - aus religiösen Gründen - das kann auch heute noch zum Stein des Anstoßes werden. Einige Juden bedecken zum Teil ihren Kopf - Männer etwa mit der Kippa, Frauen mit Tüchern oder Perücken. Viele verzichten auf eine Kopfbedeckung. Wie stark ist die Kopfbedeckung biblisch verwurzelt?

Jütte: Es gibt kein Gebot in der Thora, in den fünf Büchern Moses, wo steht: Du musst als Mann, als Jude, deinen Kopf bedecken. Es gibt eben keine genaue Vorschrift, dass ein männlicher Jude eine Kopfbedeckung tragen muss. Also, es gibt zwar einen Streit. Es gibt manche, die sagen, es kommt fast einem biblischen Gebot nah, aber die eigentliche Position ist es, dass es also 'dat jehudit', das ist der Fachausdruck, das ist sozusagen eine jüdische Tradition, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hat.

Und wenn man sich das anschaut, wird man das auch in unterschiedlichen Siedlungsregionen der Juden anders zunächst mal in der Geschichte sehen: In Babylon, im alten Babylon, war es anders als in Palästina nach der Zerstörung des zweiten Tempels; und im aschkenasischen Judentum seit dem Mittelalter, also in Mitteleuropa hat sich dann erst sehr langsam diese Kopfbedeckung als Quasi-Gebot herausgebildet. Aber nochmal gesagt, es ist kein Gebot, es ist eine Tradition, mit der man Gott Respekt erweist; und im Reformjudentum in Amerika und auch in Deutschland tragen eben ein jüdischer Mann und auch ein jüdischer Rabbiner keine Kopfbedeckung.   

"Juden sollten mit einem spitzen Hut lächerlich gemacht werden"

Main: In mittelalterlichen Darstellungen tragen jüdische Männer dann immer eine Art Mütze, wenn ich das richtig sehe.

Jütte: Ja, das ist der sogenannte Judenhut. Da muss man unterscheiden, also Juden haben gelegentlich natürlich immer einen Hut getragen, und man hat dann versucht, als sich die Huttracht im Christentum verändert hat, den Juden diesen Hut als Merkmal, als Stigmazeichen aufzudrücken - und dann auch einen besonders altertümlichen Hut, also diesen spitzen Hut, der sie dann auch sehr lächerlich macht.

Das ist dann aber davon zu unterscheiden, was Juden selbst während des Gottesdienstes getragen haben und wie sie selbst über die Frage, Tragen - ja oder nein, gestritten haben. Das ist ein Zwangszeichen, das sozusagen vom Judentum notwendigerweise akzeptiert werden musste, aber nicht genuin jüdisch ist. 

Main: Wann kam die Kippa auf?

Jütte: Die Kipa, die ersten Hinweise auf diese kleine, runde Kopfbedeckung haben wir im 18. Jahrhundert -

Main: Also sehr modern.

Jütte: Es ist sehr modern. Also man konnte jede Art von Kopfbedeckung tragen. Also die Kippa - erst seit dem 18. Jahrhundert.

Main: Und das Haarteil oder die Perücke oder der Schleier der Frau - auch eine eher junge Mode im Judentum?

Jütte: Ja, wenn man zwar von Hinweisen absieht im Talmud, also in der Zeit 4., 5., 6. Jahrhundert, dass dort Frauen schon eine Art Haarteil zusätzlich getragen haben. Aber in der Regel waren Frauen, jüdische Frauen, aber nicht nur diese, verschleiert, haben also einen Schleier getragen.

Die Perücke kommt erst auf mit der christlichen Perückenmode; und die beginnt im 17. und vor allem dann im 18. Jahrhundert. Und so eifern dann auch jüdische, modebewusste Frauen dieser Mode nach; und als dann die weibliche Perücke wieder verschwindet, Anfang des 19. Jahrhunderts, behält gerade das orthodoxe Judentum diese Perücke als Ersatz - oder zusätzlich zum Kopftuch - bei.

"Entscheidend ist das Gebot, sich gesund zu halten"

Main: Wenn Juden sich als Juden zu erkennen geben, setzen sie sich der Gefahr aus, von Judenhassern gleich welcher Couleur angegriffen zu werden. Aus religiös-jüdischer Sicht ist es aber dann okay, wenn jemand mit Rücksicht auf seine Gesundheit auf die Kopfbedeckung verzichtet?

Jütte: Ja, also das Gebot, sich gesund zu halten, also sich um das Leben zu kümmern, steht immer im Vordergrund. Deswegen kann man auch Gebote außer Kraft setzen, wenn es darum geht, einen Menschen zu retten oder um seine Gesundheit zu erhalten. Das gleiche gilt auch für die Speisegesetze. Das hat schon Maimonides, ein berühmter mittelalterlicher Arzt und Rabbiner gesagt: Da kann man sogar als Jude Schweinefleisch essen, wenn das nach der damaligen Auffassung gut für den Körper ist.

Main: In einer Woche eröffnet im Jüdischen Museum Berlin eine Ausstellung mit dem Titel "Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht". Ist es zulässig, aus Ihrer Sicht, jüdische, islamische und christliche Verhüllung des Körpers in dem Maße gleichzusetzen, wie es die Ausstellungsmacher zumindest im Titel ihrer Ausstellung tun?

Jütte: Man müsste die Ausstellung jetzt gesehen haben. Aber ich kann vom Titel her sagen, das macht durchaus Sinn, weil wenn man sich das anschaut, ist die Stellung der Frau sicherlich eine andere, eine emanzipiertere als im Islam, zumindest im traditionellen Islam.

Also, insofern hat die Kopfbedeckung durchaus eine andere Bedeutung. Sie ist, das zeigen zumindest die frühen Quellen, von den frühen Christen sehr positiv bewertet worden, weil christliche Frauen haben, am Anfang zumindest, diese Haarmode noch nicht mitgemacht und den Kopf nicht verschleiert.

Im Judentum steckt dahinter, ähnlich wie dann im Islam, dass das Haar der Frau, das offene Haar der Frau, einen erotischen Reiz auf die Männerwelt ausübt.

Deswegen muss es eben bedeckt werden. Es geht nicht, darum Gott Ehre zu erweisen, um Respekt, sondern hier um  männliche Lust zu vermeiden.  

Main: Also, es gibt gemeinsame Ursprünge der Verhüllung in Judentum, Christentum und Islam - oder überwiegen die Unterschiede?

Jütte: Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Denn die Kopfbedeckung sieht, wenn sie sich das mal anschauen, die Kopftücher sehen ähnlich aus; und das sehen sie dann auch im christlichen Bereich. Bei frommen Frauen, bei Nonnen und so weiter, da gibt es durchaus Parallelen. Aber ich sage noch einmal, es geht hier jetzt nicht drum, bestimmte religiöse Regeln einzuhalten, sondern dafür zu sorgen, das Ideal der jüdischen Frau, nämlich die Bescheidenheit und gleichzeitig auch die Moral, aufrecht zu erhalten. Dazu trägt eben bei, dass sie möglichst kein offenes Haar zeigt.

Da gibt es eine berühmte Geschichte über eine Frau eines Rabbiners, die sagt: Sie hat deswegen so erfolgreiche Söhne gehabt, weil sie nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden das Kopftuch abgelegt hat und ihr offenes Haar gezeigt hat.

"Die Beschneidung ist für Juden ein zentrales Gebot"

Main: Sie hören den Deutschlandfunk, die Sendung "Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft" im Gespräch mit Robert Jütte, Medizinhistoriker. Herr Jütte, vieles ist im Fluss im Judentum. Anders wohl bei der Beschneidung: Da würden Juden wohl nicht dem Druck nachgeben, der von einigen Teilen der Gesellschaft ausgeübt wird, wenn eben versucht wird, die Beschneidung juristisch zu unterlaufen? Wie ausgeprägt sind in dieser Frage die biblischen Wurzeln?

Jütte: Also, im Unterschied zur Kopfbedeckung gibt es eindeutig ein Gebot in der Thora, im ersten Buch Moses. In der Genesis, 17:10, wird der Jude dazu verpflichtet, seine männlichen Nachkommen nach dem achten Tag beschneiden zu lassen. Und mit der Strafandrohung, wer das nicht macht, wird also vom Paradies und vom Himmelreich ausgeschlossen. Und das ist bis heute ein zentrales Gebot.

Es hat natürlich dann im 19. Jahrhundert schon erste Stimmen auch im Judentum, mit der Reformbewegung, gegeben, hiervon dann vielleicht doch Abstand zu nehmen, dass es vielleicht doch kein so wichtiges Gebot ist, man müsse sich also angleichen. Aber man muss sagen, dass jetzt in der jüngsten Diskussion, die wir 2012 nach dem Urteil in Köln gesehen haben, dass es sich zunächst mal um eine islamische Beschneidung handelte, dass selbst die Juden, die eher säkular eingestellt sind und höchstens mal an den hohen Feiertagen in die Synagoge gehen, hier doch gesehen haben: Wenn dieses von staatlicher Seite eingeschränkt ist, ist die Existenz jüdischen Lebens in Deutschland also gefährdet.

Das hat damals, glaube ich, auch die Politik sehr beeindruckt. Man muss sagen: Das ist eines der zentralen Gebote, weil es hier um jüdische Identität geht. Das Christentum hat sich ja ganz bewusst schon unter Paulus von der jüdischen Beschneidung abgewandt und hat eben die Taufe als zentrales Element herausgearbeitet. Also Beschneidung ist das zentrale Element im Judentum.  

"Die Abtrennung der Vorhaut bringt gesundheitliche Vorteile"

Main: Also nicht verhandelbar. Sie haben vorhin gesagt, Gesundheit sei die Klammer schlechthin, wenn  es um Leib und Leben im Judentum geht. Als des Teufels Advokat frage ich jetzt: Was hat das mit Gesundheit zu tun, wenn man am Glied eines Kindes herumschneidet?

Jütte: Also immerhin kann man anführen, dass die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, empfiehlt zur Aidsprävention in Afrika, also da, wo wir noch nicht die Medikamente in der Menge zur Verfügung haben und zu dem Preis, um Aids zu behandeln, dass zur Vorbeugung die Beschneidung der Jungen eingeführt wird.

Das heißt, wir haben durchaus Studien, die zeigen, dass offensichtlich die Abtrennung der Vorhaut gewisse gesundheitliche Vorteile bringt, indem sich zum Beispiel der Erreger nicht so leicht einnisten kann.

Oder zum Beispiel, dass Frauen nach einem Geschlechtsverkehr mit einem beschnittenen Mann ein geringeres Risiko haben, Gebärmutterhalskrebs zu entwickeln.

Das sind nun auch medizinische Fakten, die man im Nachhinein medizinisch pro Beschneidung anführen kann, aber ich sage nochmal: Das Judentum interessiert sich nicht für die medizinische Rechtfertigung, sondern das ist ein Gebot Gottes, an dem es also für jeden frommen Juden keinen Zweifel gibt. 

"Keine andere Religion kümmert sich so ums Kindeswohl"

Main: Es ist immer wieder zu lesen und zu hören, dass die Beschneidungsdebatte hier vor einigen Jahren von einigen Juden als Schock und als Zäsur wahrgenommen wurde. Sehen Sie Indizien, dass an dieser Front zurzeit Ruhe ist?

Jütte: Es wird zumindest nicht in den Feuilletons und auch nicht in politischen Debatten das angesprochen. Aber ich weiß zum Beispiel, dass unter Kinderärzten und Urologen das Thema noch nicht vom Tisch ist. Es gibt da eine kleine, aber doch sehr auch vernetzte Gemeinschaft von wohlmeinenden deutschen Kinderärzten und zum Teil auch in Verbindung mit Juristen, die dieses Thema jetzt auch in Düsseldorf bei einem Kongress wieder aufgenommen haben, wie gesagt immer mit dem Vorwand, das Kindeswohl müsse über der Religionsfreiheit stehen.

Ich glaube, die Sorge um das jüdische Kind ist insofern nicht berechtigt, weil es gibt, glaube ich, keine Religion, die so stark auch auf Kindererziehung und auf das Wohl der Kinder sich auch bezieht wie das Judentum. Und da könnte sich also manche Religion, ich nenne jetzt keine Beispiele, eine Scheibe von abschneiden.

Also sie werden nie ein jüdisches Kind als Selbstmordattentäter irgendwo sehen. Das fehlt einfach. Und deswegen muss man sagen, wir haben ein Problem immer noch mit einem latenten Antisemitismus in der Bundesrepublik. Darum sollten sich die wohlmeinenden Mitbürger und Mitbürgerinnen kümmern - und nicht um das angebliche Kindeswohl von jüdischen Jungen.

"Du sollst nicht töten!"

Main: Einstellungen zum Körper gehen einher mit ethischen Haltungen. Um das mal an einem Beispiel durchzudeklinieren, lassen Sie uns mal aufs Verbot der Selbsttötung im Judentum schauen. Sie haben das eben auch schon angedeutet. Das wirkt ausgesprochen eindeutig - ebenso bei aktiver und passiver Sterbehilfe. Wie ist das Verbot begründet?

Jütte: Also, das sind drei Aspekte: Es gibt das generelle Tötungsverbot, das sie aus den zehn Geboten kennen, Du sollst nicht töten.

Dann gibt es zweitens also die Auffassung, die Sie immer wieder auch in den fünf Büchern Moses aufscheinen sehen, nämlich dass das Leben nur eine Leihgabe Gottes ist. Diese Auffassung gibt es übrigens auch im Islam, aber sie wird eben nicht so streng, in allen Bereichen durchgehalten, wie zum Beispiel im Hinblick auf den Selbstmord.

Und dann gibt es noch diese Idee des 'Pikuach Nefesch', also die hohe Wertschätzung des Lebens, das ich, um jemandem das Leben zu retten, gewisse zeitliche Gebote übertreten kann.

Main: Konsequent Leben erhalten spiegelt sich auch wider in der Haltung, dass alles getan werden soll, dass neues Leben entsteht. Sehe ich das richtig?

Jütte: Ja, also wir haben im Judentum eine sehr liberale Haltung, was zum Beispiel die Befruchtung betrifft. Wir haben in Israel eine der fortschrittlichsten Stammzellenforschungen der Welt, weil alles unter dem biblischen Grundsatz steht 'pru urvu' - also: 'Seid fruchtbar und mehret Euch!'

Und damit ist das Judentum, was also die Zeugung von Nachkommenschaft anbetrifft, viel offener und andererseits auch durchaus begrenzter, was Fragen der Abtreibung und der Geburtenregelung anbetrifft.

Da gibt es auch wieder durchaus Parallelen mit anderen Religionen, auch zum Teil mit Christentum. Aber in der Haltung zur Abtreibung zum Beispiel gibt es sehr differenzierte Positionen, weil im Judentum vor allen Dingen dem Mann untersagt ist, empfängnisverhütende Methoden zu betreiben, während die Frau es unter bestimmten - insbesondere medizinischen - Umständen kann.

"Das Judentum ist eine sehr pragmatische Religion"

Main: Der Medizinhistoriker Robert Jütte im Deutschlandfunk im Gespräch über sein Buch "Leib und Leben im Judentum". Wenn ich da mal durchblicke und die Überschriften mir anschaue: Kuren und Wellness, Scheintod, Empfängnisverhütung - es scheint so, als hätten sich jüdische Positionen über die Jahrtausende hinweg immer wieder massiv verändert, wenn ich Ihr Buch richtig verstanden habe. Würden Sie unterschreiben können, wenn ich formuliere, das Judentum wirkt im Verhältnis zu Leib und Leben eher pragmatisch und weniger dogmatisch? 

Jütte: Das kann man genau so sehen, weil überhaupt das Judentum ja eine sehr pragmatische Religion ist. Wenn Sie überlegen, wie aus den zehn Geboten und den sonstigen Geboten, die in der Bibel aufscheinen, dann eine sehr differenzierte Alltagsethik geworden ist durch rabbinische Auslegung; und da musste man natürlich schon auf den Alltag Rücksicht nehmen.

Und da ist nun mal auch jede Gemeinde selbstbestimmt: Ich erinnere daran - ich war eben in Venedig gerade, am Wochenende - wo eben die Rabbiner im 16. Jahrhundert gesagt haben: Am Schabbat darf man auch mit der Gondel fahren, weil es geht nun mal nicht anders in Venedig. Es gibt da immer wieder eine Erlaubnis, die erstaunt, ... wie gesagt, sie haben immer verschiedene Meinungen.

Das finden Sie schon im Talmud. Welche Meinung man sich dann raussucht, ist dann immer eine Entscheidung der Mehrheit der Juden in einer bestimmten Region.  

Main: Aber bei allem Pragmatismus: Welche Grenzen werden mit Blick auf Leib und Leben im Judentum nicht überschritten? 

Jütte: Also das sind die Kerngebote und dazu gehört zum Beispiel eben, Du sollst nicht töten. Das sind also die Dinge, an denen man sich orientiert.         

"Konkurrenz der Religionen"

Main: Jüdische Auffassungen - wie weit sind diese Auffassungen auseinander von christlichen? 

Jütte: Wir müssen nun sehen, dass wir in den drei abrahamitischen Religionen viele Gemeinsamkeiten haben und sich erst durch Tradition Unterschiede herausbilden. Und wir sehen das zum Beispiel, dass das Christentum, das frühe Christentum, um sich vom Judentum abzugrenzen, dem Judentum vorgeworfen hat, sie sei eine Religion des Fleisches, sie konzentriere sich also eher auf das weltliche, während das Christentum durch die Taufe, durch die Spiritualität, durch die Seele eine ganz andere Funktion hat.

Das ist sozusagen aus der Konkurrenz der Religionen entstanden. Wir sehen das auch mit anderen Religionen in der Spätantike, wo sich das Christentum von den Manichäern… - und wenn Sie überlegen: Der Augustinus kam ja auch aus einer Sekte, ist dann konvertiert und musste sich dann wieder abgrenzen gegenüber seiner früheren - auch im Sexualverhalten.

Also die Sexualmoral des Christentums im Unterschied zum Judentum hat sich vor allen Dingen im Blick auf die Konkurrenzreligionen damals, also die Manichäer, herausgebildet und ist dann allerdings, als das Christentum das Monopol im Abendland - wenn man es etwas salopp sagt - bekommen hat, zu einer sehr starken moralischen Position geworden, sie wir aber sozusagen historisch erklären können. 

Main: Im Gegensatz dazu: Was ist für Sie ein zentrales Beispiel, dass sich Juden und Christen sehr nahe sind in ihren Positionen zu Leib und Leben?

Jütte: Im Bereich der Sterbehilfe. Wenn wir also sehen, dass zumindest im katholischen Bereich und dann aber auch im jüdischen Bereich durchaus ganz klare Positionen hinsichtlich einer aktiven Sterbehilfe bestehen, das sind Gemeinsamkeiten. In der Frage der passiven Sterbehilfe gibt es vielleicht leichte Unterschiede, aber da sehe ich zum Beispiel ähnlich wie bei der Empfängnisverhütung durchaus Gemeinsamkeiten. In zwei ganz großen Bereichen: Am Anfang des Lebens und am Ende des Lebens.

Main: Also, passt es oder ist es etwas weit hergeholt, wenn ich sage, dann wären unsere Medizin und unsere Einstellungen zum Körper ein gemeinsames jüdisch-christliches Erbe?

Jütte: Ja, also es gibt ja keinen jüdischen Körper und es gibt keinen christlichen Körper, aber er wird durch beide Religionen sehr stark normiert und in diesen Normen gibt es Überschneidungen. Und es gibt eben auch Abweichungen - und deswegen würde ich das so sehen, wie Sie das formuliert haben.

Main: Leib und Leben im Judentum - darüber sprach ich mit dem Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte. "Leib und Leben im Judentum" - sein Buch ist erschienen im "Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag". Rund 54o Seiten kosten 33 Euro. Robert Jütte, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Jütte: Danke für das Gespräch, Herr Main.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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