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StartseiteKultur heuteDer Konflikt ist katholisch, der Konsens protestantisch20.02.2012

Der Konflikt ist katholisch, der Konsens protestantisch

Joachim Gauck und das Wunder von Berlin

Margot Käßmann, Katrin Göring-Eckardt, Wolfgang Huber, Joachim Gauck – sie sind die demokratischen Notfallseelsorger in Deutschland. Sie werden herbeigerufen, sobald die politische Betrieb schwer atmend darniederliegt, meint Christiane Florin.

Von Christiane Florin

Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)
Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Gehört der Protestantismus auch zu Deutschland? Christian Wulff hatte in seiner legendären Integrationsrede bloß vom Christentum gesprochen. Seit er zurückgetreten ist, wissen wir: Der Protestantismus gehört nicht nur zu Deutschland. Der Protestantismus ist Deutschland.

Margot Käßmann, Katrin Göring-Eckardt, Wolfgang Huber, Joachim Gauck – sie sind die demokratischen Notfallseelsorger, sie werden herbeigerufen, sobald die der politische Betrieb schwer atmend darniederliegt. Zwischen Erster Hilfe und Letzten Dingen traut man protestantischen Würdenträgern alles zu. Kann man sich vorstellen, dass jemand Kardinal Meisner oder den Freiburger Oberhirten Robert Zollitsch als Bundespräsidentenkandidaten vorschlägt? Klar, katholische Bischöfe dürften ohnehin kein politisches Amt übernehmen, aber sie kommen nicht einmal dazu Nein zu sagen, weil sie niemand fragt.

Der Konflikt ist katholisch, der Konsens protestantisch. Christian Wulff stolperte über die Freundschaft zu einem Filmproduzenten. Der hatte unter anderem den Fernsehhit "Das Wunder von Lengede" produziert. Wunder sind eigentlich eine sehr katholische Angelegenheit. Doch seit sich gestern die wichtigsten Parteien auf einen Kandidaten einigten, ist klar: Auch Protestanten können Unerklärliches vollbringen. Joachim Gauck hat seit dem Wunder von Berlin das Zeug dazu, übers Wasser zu gehen. Und niemand wird einwerfen: Der kann ja nicht mal schwimmen.

Bisweilen erweckte die Wulff-Debatte den Eindruck, diese Republik sei nicht bei Trost. Protestantische Geistliche aber sind große Tröster. Sie reichen uns ein Taschentuch für unsere rotgeheulten Augen, der hochrote Kopf ist ihnen fremd. Der Protestant an sich bleibt kühl. Er trägt Jahrhunderte deutscher Geistesgeschichte mit sich herum, und beginnt jeden zweiten Satz mit einem bescheidenen "Ich denke". Das beeindruckt sogar Bayern. "Ich denke, die Entscheidung, die für Joachim Gauck gefallen ist, ist eine gute Entscheidung für unser Land". Das sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gestern ohne hochroten Kopf. Noch ein Wunder von Berlin.

Der alte Bundespräsident hat sich wochenlang tief in einen Ablasshandel um Kredite und Rabatte verstrickt. Solange, bis Medien und Publikum ihm das Geschäft vermasselten. Ein protestantischer Pastor steht erst gar nicht im Verdacht, solche Händelchen zu versuchen. Luther verpflichtet, Martin oblige. Zu viel Luther tut der wunden deutschen Seele jedoch weh. Wenn der kluge Notfallseelsorger beim Wasserwandeln nicht untergehen will, gibt er uns moralischen Rabatt. Er wird sagen: Ich stehe hier. Aber ich könnte auch ein bisschen anders. Alles andere wäre ein Wunder.

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