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StartseiteBüchermarktDer Konsum und seine Verächter09.03.2011

Der Konsum und seine Verächter

Thomas Hecken: "Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter". transcript, 250 Seiten

Nichts wird von der intellektuellen Klasse schärfer kritisiert als der Konsum. Dabei stellt der massenhafte Konsum einen unverzichtbaren Bestandteil jeder auf Wohlstand abzielenden Wirtschaftsordnung dar. Dennoch einigt die Ablehnung einer "materialistischen Einstellung" Rechte wie Linke, Avantgardisten wie Bildungsbürger.

Von Thomas Palzer

Passanten laufen über Düsseldorfs teuerste Einkaufsstraße, die Kö. (AP)
Passanten laufen über Düsseldorfs teuerste Einkaufsstraße, die Kö. (AP)

Zu den Lieblingsvokabeln der 68er-Generation zählten einst "Konsumidiot" und "Konsumterror". Und es ist kein Zufall, dass Andreas Baader und Gudrun Ensslin in der Nacht zum 3. April 1968 Brandsätze in zwei Warenhäusern zündeten. Den Begriff "Konsumtempel" gab es damals für das Warenhaus noch nicht.

In den 70er-Jahren gewinnt die Haltung wider den Konsum so große Ausstrahlungskraft, dass sich Kleidungs- und Umgangsformen auf breiter Front hin zu casual und Formlosigkeit verändern. In den 90er-Jahren endlich adelt das Pop-Feuilleton zwar den Konsum, aber nur, insofern er von einer Art salonbolschewistischer Geschmackspolizei zuvor abgesegnet worden ist.

Thomas Hecken, der letztes Jahr Pop auf seine Konzepte hin geduldig untersucht hat, widmet sich in seinem neuesten Werk dem Konsum und seinen Verächtern. Die Pop-Linke, so der Privat-Dozent, sei dabei nicht unbedingt so hedonistisch wie sie tue:

"Ihre Pop-Bejahung erstreckt sich nicht unterschiedslos auf die gängigen Versionen zeitgenössischer Unterhaltung und hedonistischen Konsums, sondern bloß auf besondere, ausgewählte Varianten."

Und die müssen politisch widerständig sein. Anders gesagt: die Pop-Linke dichtet sich vor allem gegenüber einem ab - gegenüber der Popularität. Im Aufstand der Massen durch massenhaften Konsum ortet sie den Feind.

Es ist schon erstaunlich: Wiewohl Feuilleton, Kunstszene und Akademikertum den ungebremsten Konsum seit Jahrzehnten an den Pranger stellen, zieht die Bevölkerung materiellen Wohlstand der Verfolgung großer kultureller oder politischer Ziele hartnäckig vor. Der ganze Ostblock ist über diese Tatsache zu Fall gekommen. Trotzdem hört die Konsumkritik nicht auf, dem konsumverliebten Teil der Welt den baldigen Untergang zu prognostizieren. Aber Krise und Apokalypse bleiben ebenso hartnäckig aus, wie die Konsumenten nicht vom konsumieren lassen wollen. Die Ausgaben für den Konsum verringern sich einfach nicht, im Gegenteil. Davon wiederum sieht sich die Konsumkritik ihrerseits keineswegs aufgerufen, die eigenen Prognosen zu ändern. Eine Schlacht der Schwersthörigen.

"Wenn die Damen einen Kuckuck auf ihren Hüten haben wollen, dann sollen sie diesen Kuckuck haben. Ich werde jedenfalls die Produktion von Kuckuck-Hüten nicht verbieten..."

... meint 1964 Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhardt.

Was zu jener Zeit konservative Kreise dem Wirtschaftsliberalismus vorwerfen, das wirft über 40 Jahre später eine Partei wie die Grünen den Konservativen vor. Lauteten damals die Stichworte, die den verderblichen Einfluss auf den Punkt bringen sollten, erotische Reize, Automobilismus, Abkehr von der Gemeinschaft und ihren akzeptierten Sitten, Verführung durch Werbung und Genuss- und Rauschmittel, lauten diese heute: Sexismus, Automobilismus, Abkehr von der Gemeinschaft und dem, was ihr nützt, Verführung durch Werbung und Nichtraucherschutz.

Les extrèmes se touchent:

"Der Verlust der konservativen Deutungshoheit im kulturellen Bereich kommt in beachtlichem Maße durch die Ausbreitung der neulinken Kritik an der Konsumkultur zustande. Gut vorbereitet durch die Entfremdungskritik und die Kritik an der Kulturindustrie, gewinnt die Kritik an Warenfetischismus und kapitalistischer Kommerzialisierung, an der unpolitischen Flucht in Freizeiterlebnisse und an der Pseudofreiheitlichen Permissivität enorm an Zustimmung."

Mitte der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts schwelt in der deutschen Gesellschaft das kleinbürgerliche Ressentiment gegen die urbane, industrielle Kultur: gegen Bourgeoisie, Manchestertum, Materialismus, Parlamentarismus und Parteiwesen. Das Lebensgefühl der damaligen Zeit – vor allem das der Verlierer und Unzufriedenen - läuft darauf hinaus, der modernen Gesellschaft ihre Unzulänglichkeiten anzurechnen und ihr einen mythischen Idealismus entgegen zu setzen. Der gebildete Deutsche – noch im kaiserlichen Reich auf einem Ehrenplatz unterhalb des Adels – leidet nämlich unter der plötzlichen Machtfülle erfolgreichen Unternehmertums und geißelt naturgemäß besonders die "geistige Leere" einer am Kommerz orientierten, kapitalistisch entfesselten Moderne. Von diesem Ressentiment werden weinige Jahre später bekanntlich die Nationalsozialisten profitieren.

Nun haftet dem Begriff Nationalsozialismus von heute aus betrachtet ein bemerkenswerter Widerspruch an, vermengt er doch das "nationale" Gedankengut der Rechten mit dem "internationalen" der Linken. Tatsächlich einig sind sich aber beide Strömungen, rechts wie links, in ihrer tiefen Verachtung des Konsums. Das kleinbürgerliche Ressentiment aus der Zeit der Weimarer Republik hat also in Form von konsumkritischer oder gar konsumfeindlicher Stimmung bis in die Gegenwart gefunden.

Nach der Niederlage 1945 begünstigen es die verheerenden Zustände und das entbehrungsreiche Leben der meisten Deutschen, dass das Ressentiment zu den ersten Gefühlen gehört, die aus den Ruinen wiederauferstehen. Psychologisch gesprochen, werden die eigenen Probleme lediglich verschoben, indem man die Not vor allem in jener "geistigen Leere" erblickt, die Materialismus und oberflächliche Unterhaltung immer ungebremster produzieren - oder produzieren würden, wäre man ihnen nur ausgeliefert. Das dauert aber noch.

"Besonders die aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Mitglieder der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theordor W. Adorno, hindert ihre teilweise marxistische Abkunft nicht, die Kultur in ähnlicher Manier bedroht zu sehen wie ihre vielen (einst) deutsch-nationalen, konservativ-revolutionären Widersacher und akademischen Kollegen. Mit den Worten Adornos: die "spätindustrielle, von totalitären Regimes oder Riesenkonzernen gesteuerte Massenkultur" würdigt den Menschen zu "bloßen Empfangsapparaten, Bezugspunkten von conditioned reflexes" herab."

Der Feind ist also der Konsum beziehungsweise alles, was diesen ermöglicht: Standardisierung, Massenproduktion - und das Heer potenzieller Konsumenten, die Masse. Die Masse ist der Begriff mit der steilsten Karriere. Sie ist ein neues Phänomen, aus jeder ständischen Ordnung und Sitte herausgelöst, weshalb das menschliche Atom, wie man annimmt, leichter verführbar wird von Führern und Ideologien. Kein Wunder, dass für Adorno und Horkheimer die Kulturindustrie zur Bewusstseinsindustrie promoviert, da nach dieser Annahme Massenmedien wie Kino, Radio und Fernsehen der Bevölkerung tagtäglich das Gehirn zu waschen vermögen.

Im amerikanischen Exil wird Adorno mit empirischen Erhebungen zum Radioprogramm konfrontiert: Likes and Dislikes in Music oder Success or Failure of a Programme. Der Philosoph, der nach Berechnungen des Übersetzers Klaus Reichert trotz all seiner Kritik am Massenmedium etwa einmal pro Woche auf irgendeinem Radiosender zu hören ist, ist von den quantifizierenden Methoden zur Beschreibung der Massenkultur ebenso fasziniert wie abgestoßen. Die Methoden gelten fraglos der Vermarktung von Kultur - so, wie Autos, Kühlschrünke und Rasierapparate methodisch vermarktet werden.

"Der Bann des Konformismus ist für die angesprochenen 'Massen' nach Einschätzung Adornos undurchdringlich, die Konditionierten würden unablässig nach dem verlangen, was sie gewohnt sind, und in Wut geraten, wenn man die ihnen aufgeherrschten Erwartungen enttäuschte."

Im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit und damit ihrer gnadenlosen Vermassung ist das Ende der Hochkultur unabwendbar eingeleitet. Die Priesterkaste der Intellektuellen, einst von ihrem privilegierten Zugang zur Kultur geadelt, wird durch die Massenkultur um ihre Vorrechte gebracht. Darum versagt diese Kaste in zweierlei Hinsicht: sie versagt sich dem Konsum, und sie versagt darin, den Konsum richtig zu deuten. Gegenüber den Konsumenten ist sie einfach nur beleidigt und versucht, diesen den Spaß zu verderben.

Thomas Hecken leistet eine genau recherchierte Kritik der Konsumkritik. Er weist darauf hin...

"... dass der Bereich des Konsums nicht zuletzt deshalb diskreditiert worden ist, weil er als weibliche Sphäre - und damit fälschlich als Sphäre der Oberflächlichkeit und Irrationalität - betrachtet wurde."

Hecken zeigt, dass der theoretische Aufwand, den ein bestimmter Pop-Feuilletonismus betreibt, um einen bestimmten, "erlaubten" Konsum zu rechtfertigen, gerade darin seine konsumfeindliche Herkunft verrät. Er will sich gegenüber dem Schimpfwort des Jahrhunderts, der Masse, unbedingt abgrenzen. Besonders deutlich wird das an dem Begriff der Unterschicht, in dem in Abhebung zum Leistungsträger die Klassengesellschaft Wiederauferstehung feiert. Zur Unterschicht wollen auch die nicht gehören, die sich das Glück der Massen eigentlich auf die Fahnen geschrieben haben - die Pop-Linke und Pop-Feuilletonisten.

Haben oder Sein hat Erich Fromm 1976 sein Buch betitelt, das schnell zu einer Art Bibel avanciert ist. Haben oder Sein ist aber gar keine wirkliche Alternative, muss man, um zu haben, doch allererst mal sein. Wer ist, sucht aber den Distinktionsgewinn - und besonders um Abgrenzung und Originalität bemüht erscheinen vor allem jene, die gängige Konsumhaltungen und Konsumentscheidungen fortwährend der Kontrolle einer Geschmackspolizei unterziehen, um sich nicht aus Versehen mit der Masse gemein zu machen: die libertäre Pop-Linke.

Thomas Hecken zeichnet in seinem Essay die Geschichte dieser Versagung von Böll bis Habermas, von der KPD bis zur CDU und von der FAZ bis zur "konkret" nach. Er entlarvt die zwiespältigen Versuche der Pop-Linken und der Neoliberalen, daran etwas zu ändern – und unternimmt schließlich selbst eine Verteidigung von Konsum und Materialismus. Vonnöten wäre es, eine kluge Apologie der Konsumgesellschaft zu leisten. Thomas Hecken hat für eine solche das historische Stichwort geliefert.

Thomas Hecken "Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter"
Bielefeld 2010: transcript, 250 Seiten, Euro 21,80

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