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Der Künstler und das Netz

Ai Wei Wei: "Macht euch keine Illusionen über mich: Der verbotene Blog"

Der Chinesische Künstler Ai Wei Wei, der vor kurzer Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, hatte seit dem Jahr 2005 einen eigenen Blog, in dem er sich regelmäßig äußerte. Nun sind Auszüge daraus im Berliner Galiani Verlag erschienen.

Von Silke Ballweg

Der chinesische Künstler und Menschenrechtsaktivist Ai Wei Wei.  (picture alliance / dpa / Maxppp)
Der chinesische Künstler und Menschenrechtsaktivist Ai Wei Wei. (picture alliance / dpa / Maxppp)

"Die Freiheit im Internet ist wie das Wasser", hat Ai Wei Wei einmal gesagt. Sie lasse sich nicht aufhalten. Ganz egal, wo man sie staue – an irgendeiner Stelle bahne sie sich ihren Weg. An diese Freiheit hat der Künstler geglaubt, ganz besonders in China.

"In China hat das Internet die publizistische Landschaft völlig verändert, denn die Grundidee des Internets, nämlich ein Ort zu sein, an dem Menschen ihre Meinungen und Ansichten frei austauschen, ist eine große Gefahr für Chinas Partei. Das Internet hat in China eine immense Bedeutung. Es zerstört die totalitären Macht-Strukturen."

Ai Wei Wei ist international einer der bekanntesten chinesischen Künstler. Und ein unerbittlicher Regime-Kritiker. Zu hören war diese Kritik jahrelang vor allem im Ausland, denn Chinas staatliche Medien schwiegen den Künstler tot. Erst durch das Internet konnte er sich auch an die chinesische Öffentlichkeit wenden. Seit dem Jahr 2005 schrieb Ai Wei Wei einen Blog, den er als Tagebuch, Skizzenheft und öffentliche Anklageschrift zugleich nutzte. In vier Jahren postete er dort rund 2600 Einträge und stellte mehrere tausend Fotos online. Dabei hatten diese seine Aktivitäten eher zufällig begonnen: Im Jahr 2005 wurde der Künstler von einem populären chinesischen Onlineportal gefragt, ob er nicht Lust habe, zu bloggen.

"Sie kamen zu mir und sagten: Sie sind bekannt, wir würden uns freuen, wenn Sie mitmachen würden. Und ich sagte nur: ich weiß gar nicht genau, wie man einen Computer benutzt und ich kann auch gar nicht tippen. Na ja, und dann habe ich angefangen, es zu lernen und habe festgestellt, dass es eine wunderbare Sache ist."

Die vom Berliner Galiani-Verlag herausgegebenen Blog-Einträge zeigen, welche Themen Ai Wei Wei damals bewegten. In den ersten Jahren, also von 2005 bis 2007, beschäftigt er sich mit eher allgemeinen, auch kunsttheoretischen Fragen. Seine Sprache ist vorwiegend nüchtern, distanziert, ganz so, als müsse er sich mit dem Schreiben und Bloggen erst vertraut machen. Doch allmählich dringen aktuelle Entwicklungen in seine Posts. Immer wieder lässt er sich etwa über die Abrisswut in Peking aus.

"Die Bewohnbarkeit der Stadt ist keine Frage des äußeren Scheins",

empört sich Ai Wei Wei am 5. Dezember 2005:

"Wenn eine Stadt irrational, unmenschlich und gefühllos ist und ihren Bewohnern keine Heimat bieten kann, welchen Wert hat dann eine schöne Fassade. Eine Stadt ist für ihre Bewohner da, für eine Vielfalt von Menschen mit verschiedenen Emotionen, die mit vollem Recht die Chance bekommen wollen, die Vorzüge der Stadt zu genießen, miteinander zu kommunizieren und ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen."

Chinas Internet ist zensiert, politisch heikle Themen werden gelöscht, brisante Webseiten gar nicht erst angezeigt. Doch die Behörden können nicht alles kontrollieren. Gut 450 Millionen Chinesen sind mittlerweile online, bekannte Blogger erreichen mit jedem Eintrag Hunderttausende Leser. Auch Ai Wei Wei scheint mit der Zeit das Potenzial des Internets für sich zu erkennen. Sein Ton ändert sich. Er wird persönlicher, verächtlicher, oft auch wütender. Er postet immer öfter zu aktuellen Ereignissen und verhöhnt die Reaktionen der staatlich gelenkten chinesischen Medien, er attackiert die Politik und stellt bloß.

Über den blutigen Aufstand in Tibet im März 2008 schreibt er ebenso wie über das Erdbeben in der Provinz Sichuan im Westen des Landes mit fast 70.000 Toten. Schon bald kursieren Gerüchte, dass beim Bau einiger Schulhäuser geschlampt worden ist. Deswegen seien so viele eingestürzt. Ai Wei Wei reist ins Erdbebengebiet. Er will wissen, wie viele Kinder in den Schulen umgekommen sind. Und er fordert drei Wochen nach der Katastrophe in seinem Blog eine Untersuchung der Vorfälle:

"20 Tage sind seit dem Erdbeben vergangen, und es gibt noch immer keine Liste mit den Namen der verstorbenen Kinder und keine genauen Statistiken über die Opfer. Die Öffentlichkeit weiß immer noch nicht, wie die Kinder heißen, wer ihre Familien sind, wer es versäumt hat, die Schulen mit Stahl zu verstärken, und wer beim Bau minderwertigen Beton für Fundamente und Stützpfeiler verwendet hat."

Die Regierung versucht offensichtlich, die Angelegenheit zu vertuschen. Doch Ai Wei Wei lässt nicht locker. Er nutzt seinen Blog nun ganz bewusst und ruft zu einer Aktion auf. Am 30. März 2009 postet er, er suche Freiwillige für eine sogenannte Bürgeruntersuchung. Hunderte antworteten ihm und viele von ihnen werden anschließend nach Sichuan geschickt, um mit den Eltern der toten Kinder zu sprechen.

"So wurde daraus ein Akt der Bürgerbewegung. Wir haben jedes Detail aufgeschrieben und im Internet gepostet, viele Leute konnten sich also über unser Projekt informieren."

Ai Wei Wei verwandelt seinen Blog immer häufiger in eine Waffe. Die richtet er auf Chinas Partei. Tausende in China verfolgen, was er schreibt. Wenn die Behörden Blogeinträge von ihm löschen, stellt er sie einfach wieder online. Vom Staat wird der Eingang zu seinem Wohnatelier mit Videokameras überwacht. Ai Wei Wei reizt im Internet weiter die Grenzen aus.

"Ihr behauptet, öffentliche Unterdrückung und geheime Prozesse seien kein Gewaltakt und die Knüppel in den Händen der Polizisten auf dem Tiananmen-Platz seien Ausdruck der Fürsorge; das kollektive Schweigen der Medien sei ein Zeichen der Harmonie, die Zensur von Bildern und die Löschung von Informationen seien ebenfalls keine Gewalt."

Ai Wei Weis Einträge sind in klaren Worten verfasst und ungekünstelt geschrieben. Sie zeigen ihn als wütenden Menschen, der leidenschaftlich und zornig gegen den Herrschaftsanspruch der kommunistischen Partei aufbegehrt. Dass er dies alles im offiziellen chinesischen Internet schreiben durfte, verwundert beim Lesen immer wieder. Doch irgendwann ging er Chinas Zensoren offensichtlich doch zu weit: Im. Mai 2009 schalteten sie seinen Blog ab. Unmittelbar davor hatte Ai Wei Wei über einen Besuch von Sicherheitsbeamten berichtet, die ihn wohl einschüchtern wollten. Das Gespräch mit ihnen habe er jedoch verweigert.

"Sie wollten mich dazu bewegen, nicht mehr zu schreiben. Aber ich habe gesagt, versucht gar nicht mit mir zu verhandeln. Wenn ihr das nächste Mal unbedingt wiederkommen müsst, bringt eure Handschellen mit."

Einige Monate später schlagen Polizisten in Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan, Ai Wei Wei so heftig auf den Kopf, dass er sich kurz darauf in München einer Notoperation unterziehen muss. Im April dieses Jahres wurde er verschleppt und erst vor einigen Wochen - nach rund zweieinhalb Monaten Haft - gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Seither darf er Peking nicht verlassen und keine Interviews geben. Bloggen darf er auch nicht mehr.

Ai Wei Wei: "Macht euch keine Illusionen über mich: Der verbotene Blog." Galiani Berlin, 440 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-869-71049-5

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