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StartseiteDLF-MagazinDer lange Atem des Nebenklägers02.02.2012

Der lange Atem des Nebenklägers

Die Mühen Michael Bubacks im Becker-Prozess

Michael Buback will die Wahrheit über den RAF-Mord an seinem Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback, erfahren. Antworten erhofft er sich als Nebenkläger in einem Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Der zieht sich bereits seit September 2010 hin - und kostet Geld und Nerven.

Von Thomas Moser

Die Leiche von Generalbundesanwalt Siegfried Buback liegt nach dem Attentat am 7. April 1977 auf dem Pflaster in Karlsruhe. (AP)
Die Leiche von Generalbundesanwalt Siegfried Buback liegt nach dem Attentat am 7. April 1977 auf dem Pflaster in Karlsruhe. (AP)

"Dieses Thema bekommt man einfach nicht aus dem Kopf. Wir haben natürlich auch unsere sozialen Kontakte sehr vernachlässigt, also Einladungen. Wir haben, glaub ich, seit zwei Jahren keine Freunde und Bekannten mehr eingeladen, oder viele andere Dinge, Theater, das gibt es jetzt im Moment für mich, für uns nicht mehr."

Michael Buback, Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback. Er nimmt zusammen mit seiner Frau Elisabeth am Prozess gegen Verena Becker als Nebenkläger teil. Es ist Verhandlungstag 72. - Der Prozess begann vor inzwischen 16 Monaten am 30. September 2010 in Stuttgart-Stammheim:

Walter Hemberger: "Der Tatvorwurf stützt sich darauf, dass Frau Becker entscheidend an der Vorbereitung, Planung des Anschlages beteiligt war."

Michael Buback: "Also wir Bubacks, wir wollen die wirklichen, die wahren Täter haben. Wir wollen wissen, wer die beiden Personen auf dem Motorrad waren, und ich denke, dass das keine persönliche Angelegenheit der Bubacks ist."

Wolfgang Euler: "Also nach unserer Auffassung stützen die uns bekannten Beweismittel, da können natürlich noch welche dazukommen, die Anklage nicht."

Bundesanwalt Walter Hemberger, Nebenkläger Michael Buback, Becker-Verteidiger Hans-Wolfgang Euler.

Vom Hochsicherheitsgebäude am Stadtrand ist das Gericht inzwischen ins Justizviertel in der Innenstadt umgezogen. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen haben sich als unnötig erwiesen. Im Bistro der nebenan liegenden Landesbibliothek machen die Prozessbesucher Mittagspause. Meist sind auch die Bubacks da, manchmal die Bundesanwälte, nie die Angeklagte und ihre beiden Verteidiger. Der Prozess strengt an. Michael Buback hat noch einen Hauptberuf, er ist Chemieprofessor an der Universität Göttingen.

"Ich versuche, dass da die Kräfte nicht nachlassen, also das ist meine Publikationstätigkeit, meine Forschungstätigkeit. Ich muss mich ja auch um meine Mitarbeiter kümmern, dass das alles weiter bleibt. Aber es sind ständig grenzwertige Situationen, weil eben keine, praktisch auch keine Entspannung mehr möglich ist."

Es ist ein Prozesstag ohne Zeugen. Mehr als 170 sind bisher gehört worden. Das Gericht hat den Tag als Frist für die letzten Anträge gesetzt. Michael Buback möchte unter anderem, dass der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Holger Ludwig Pfahls sowie der frühere Innenminister Gerhart Baum gehört werden. Sie sollen Wissen über die Zusammenarbeit Verena Beckers mit dem Verfassungsschutz haben. Die Bundesanwaltschaft stellt keinen Beweisantrag.

"Wir haben ja einen sehr, sehr schweren Stand im Prozess. Wir spüren ja immer wieder diese doch erstaunliche Nähe von Anklage und von Verteidigung."

Zunächst geht es aber um Bubacks Rechtsbeistand. Er und seine Frau, die an dem Tag fehlt, waren mit ihren Anwälten nicht zufrieden. Im letzten Herbst haben sie zwei neue beauftragt. Das Gericht hat diesem Wechsel allerdings nicht zugestimmt. Die Folge: Die Bubacks mussten die neuen Anwälte aus eigener Tasche bezahlen. Das wurde zu teuer. Inzwischen sitzen sie ohne Rechtsbeistand dar.

"Wenn Sie Anwälte wählen, die zum Beispiel den beiden hervorragenden Anwälten, die Frau Becker vertreten, gewachsen sind, ist das nicht umsonst. Das schon wenige 1000 Euro pro Verhandlungstag.
Dass wir nun auch noch das Erbe unserer Kinder hier in diesen Prozess einbringen, das ist nicht das, was wir wollen."

Zumal Nebenkläger auch die anderen Kosten selber zu tragen haben:

"Also alle Fahrtkosten, alle sonstigen Kosten, die mit der Reise verbunden sind, natürlich die Übernachtungen hier in Stuttgart.
Und die Kosten sind schon erheblich, das kann sich jeder vorstellen. Aber wie gesagt: Das Geld ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist dieser Kraftverlust, den man hat."

Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker vor Gericht (AP)Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker erscheint seit 16 Monaten täglich im Gerichtssaal (AP)Man könnte meinen: Wer Opfer wird, ist selber schuld. – Tag für Tag, seit 16 Monaten, erscheint auch die Angeklagte Verena Becker im Gerichtssaal. Sie sagt kein Wort, ihre Augen hat sie verborgen hinter einer Sonnenbrille, die sie aus gesundheitlichen Gründen tragen darf. Aber sie scheint bei der Sache zu sein. Wenn Michael Buback redet, weicht ihr Blick nicht von ihm.

"Ich verstehe natürlich, dass es für sie Gründe geben kann, dass sie nicht darüber reden will. Aber das wird einfach die Zukunft zeigen, wie stark ihr Bedürfnis ist. Und ich denke, dass sie auch merkt, dass wir ohne Rache sind."

Schüler aus Bad Homburg besuchen mit ihren Lehrern an diesem Tag den Prozess. Ihr Gymnasium liegt in unmittelbarer Nähe des Attentat-Ortes auf Alfred Herrhausen. Michael Buback setzt sich in der Mittagspause zu ihnen. Sie machen noch ein Foto mit ihm. Dann holt er sich eine Tasse Kaffee und kommt zum Interview. Er wird demnächst 67, den Geburtstag wird er im Gerichtssaal verbringen. Er hat abgenommen und die Haare haben Farbe verloren, aber verbittert oder gar traumatisiert ist der Mann nicht, eher im Gegenteil. – Gegen die Fragestellung nach seiner persönlichen Situation wehrt er sich ein bisschen. Der Mord am Generalbundesanwalt, seinem Vater, sei keine Privatangelegenheit:

"Also in der Personalisierung sehe ich immer eine Ablenkung. Also wir spielen eigentlich als Personen keine Rolle."

Michael Buback hat im Verlauf der Hauptverhandlung an Realismus gewonnen und an Selbstsicherheit. Er interpretiert die Rolle des Nebenklägers offensiv, stellt Fragen, gibt Stellungnahmen ab, das ist ungewöhnlich. Um halb sechs abends nimmt Buback den ICE nach Göttingen. Drei Stunden Fahrt, auf der noch Arbeit wartet.

"Fahre jetzt auch immer mehr mit dem Zug, sodass ich dann die Zeit im Zug, dass es volle Arbeitszeit ist. Also entweder, dass ich dort an Doktorarbeiten oder Publikationen arbeite, oder dass ich mich auf den Prozess vorbereite oder schon Blogtexte entwerfe. Ich hoffe, dass ich es gelernt habe, relativ effektiv jetzt zu arbeiten, weil sonst wäre da Land unter."

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