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Der lange Weg von Karl Mannheim bis Francis Fukuyama

Endzeit-Szenarien (5/5): „Grenzen der Geschichte“

Von Tom Goeller

Francis Fukuyama
Francis Fukuyama (Propyläen-Verlag)

In Krisenzeiten haben Untergangsprognosen Konjunktur. Doch Vorstellungen von Apokalypse und Endzeit sind keine aktuelle Modeerscheinung. Sie lassen sich in allen Kulturepochen und Genres finden.

In unserer Serie über "Endzeit-Szenarien" haben wir einige davon präsentiert. Unter dem Titel "Die ‚Grenzen der Geschichte’ oder: Der lange Weg von Karl Mannheim bis Francis Fukuyama" beschließt Tom Goeller mit seinem Essay unsere Reihe. Tom Goeller ist freier Publizist und ehemaliger Amerika-Korrespondent der Wochenzeitung Das Parlament. Außerdem berichtete er für die Washington Times aus Deutschland. 2011 erschien bei Hoffmann und Campe seine Biografie "Der alte Fritz. Mensch, Monarch, Mythos".

Endzeit-Szenarien (5/5)
5. Grenzen der Geschichte

Von Tom Goeller

Kann es ein Ende der Geschichte geben? Für Francis Fukuyama schon. Der amerikanische Politikwissenschaftler und Geschichtsphilosoph japanischer Herkunft stellt 1989 anlässlich des Falls der Berliner Mauer die These auf, dass sich nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa binnen Kurzem Demokratie und freie Marktwirtschaft auf der ganzen Welt durchsetzen würden. Die demokratische Staatsform werde alle anderen Herrschaftsformen ablösen. Es werde zu einem Stillstand in der Entwicklung von Regierungs- und Gesellschaftssystemen kommen, da mit der weltweiten Verbreitung der Demokratie die Höchstform gesellschaftlicher Grundordnung erreicht sei. So seine steile, von westlicher Siegermentalität getragene These.

1992 legte Fukuyama in seinem grundlegenden Buch mit dem Titel "Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch" mit weiteren Argumenten nach. Hintergrund war diesmal das Ende der Sowjetunion als Hegemonialmacht des nun im Orkus der Geschichte verschwindenden Sozialismus. Fukuyama, der damals den Planungsstab des amerikanischen Außenministeriums leitete, fühlte sich auf der ganzen Linie bestätigt. Ein Ende der Geschichte sei erreicht, weil es nun keine weltpolitischen Widersprüche wie zu Zeiten des Kalten Krieges oder des Kolonialismus mehr gebe. Es fehle nur noch der Zusammenbruch des kommunistischen China und seiner Satellitenstaaten wie Nord-Korea, Burma und ähnlicher Nationen sowie der der arabischen Welt.

Aber genau in diesen Weltgegenden fand das von Fukuyama angekündigte Ende nicht statt. Vielmehr verstärkte sich seit der Auflösung des Sowjet-Kommunismus in der moslemischen Welt eine fundamentalistische Islam-Bewegung. Und in China setzte sich nicht die freie Marktwirtschaft, sondern der Staatskapitalismus im Rahmen einer totalitären Einparteiendiktatur durch, sodass Fukuyama seit dem islamistischen Anschlag vom 11. September 2001 bereits widerlegt schien.

Die europäischen Kritiker des amerikanischen Vordenkers brandmarkten seine Grundthese als pseudowissenschaftlichen Unsinn und gossen ihre Häme über ihn aus. Haben sie zu früh gespottet? Ohnehin fühlte sich Fukuyama von der westlichen Intelligenzia gründlich missverstanden und erklärte im Jahr 2006 erneut, was unter seiner These vom "Ende der Geschichte" wirklich zu verstehen sei, vor allem aber, wie er dazu gekommen war:

"Dieser Ausdruck stammt natürlich nicht original von mir, sondern von Hegel, und eigentlich gemeinhin bekannter noch von Marx. Hegel war der erste historistische Philosoph, der die Menschheitsgeschichte als zusammenhängenden, evolutionären Prozess verstand. Hegel sah diese Entwicklung als eine schrittweise Entfaltung der menschlichen Vernunft, die schließlich zur Ausbreitung der Freiheit in der ganzen Welt führt. Marx hatte eine mehr wirtschaftlich begründete Theorie, die besagte, dass die Veränderung der Produktionsmittel einhergehe mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften, angefangen beim Frühmenschen über den Jäger und Sammler bis hin zur Agrar- und Industriegesellschaft; das Ende der Geschichte war folglich eine Modernisierungstheorie, die die Frage aufwarf, wohin dieser Modernisierungsprozess schließlich führen werde."

In seiner Gegenrede auf die europäische Kritik wies Fukuyama ausdrücklich darauf hin, dass schon seit mehr als 150 Jahren von einem "Ende der Geschichte" gesprochen werde. Aber auf welche theoretischen Kronzeugen beruft er sich dabei?

"Viele fortschrittliche Intellektuelle seit der Veröffentlichung des "Kommunistischen Manifests" von Karl Marx im Jahr 1848 bis zum Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts glaubten, dass es ein Ende der Geschichte geben werde und dass der geschichtliche Verlauf dann in einer kommunistischen Utopie endet. Das war aber nicht meine Behauptung, sondern die von Karl Marx."

Statt der marxschen Vorhersage erfüllte sich nach 1989 jedoch der Albtraum des deutschen Begründers des theoretischen Kommunismus: der weltweite Siegeszug der "bürgerlichen Demokratie". Und mit dieser Entwicklung wähnte sich dann Fukuyama berufen, das Ende der Geschichte neu zu verkünden.

Im Grunde genommen, so der amerikanische Endzeitvordenker, gehe seine These von der Durchsetzung eines freiheitlichen Gesellschaftssystems gegenüber despotischen Staatsformen auf einen russisch-französischen Philosophen zurück, der in den 30er-Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts rückwirkend das Ende der Geschichte ins Jahr 1806 verlegte. Es handelt sich um Alexandre Kojève, der von 1902 bis 1968 lebte und auf dem Höhepunkt seiner Philosophen-Karriere in Paris an der École pratique des hautes études lehrte, einer Art Fachhochschule, die sich darauf spezialisiert hat, gelehrte Theorie mit angewandter Praxis zu verbinden.

Genau diesen Lehranspruch der Fachhochschule beanspruchte Kojève auch für seine These. Er kam zu dem Schluss, dass der deutsche Geschichtsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Wesentlichen recht gehabt habe. Dessen Philosophie der Geschichte ging vom Vernunftprinzip aus, also von der Vorstellung, dass es bei der Entwicklung der Menschheitsgeschichte erwiesenermaßen vernünftig zugehe und dass diese Entwicklung zu einem Ende kommen würde, wenn alle politischen Widersprüche durch die Vernunft der Menschheit überwunden seien. Zudem werde sich die Geschichte - so Hegel - in Richtung Freiheit entwickeln. Denn die vollkommene Freiheit der Menschen sei das eigentliche Ziel der Weltgeschichte.

Kojève glaubte, dass die Epoche der Vernunft und der Freiheit im Jahr 1806 angebrochen sei. Eingeläutet 1789 durch die Französische Revolution, hätten die Werte "Freiheit" und "Gleichheit" unter der nachfolgenden napoleonischen Herrschaft eine solch universelle Ausstrahlung angenommen, dass sie gewissermaßen eine durchsetzungsfähige Dominanz aufwiesen und damit den Schlusspunkt in der ideologischen Entwicklung der Menschheit einnähmen, von dem aus keine weitere wirkliche Entwicklung möglich sei. Mit Napoleons Sieg in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 über das despotische Preußen sei dieser Schlusspunkt erreicht worden. Nach dieser Lesart sind die Prinzipien der Französischen Revolution auch in Hegels Deutschland angekommen. Und alles, was sich seither weltweit ereignet hat, ist als Nachzugsgefecht um diese Prinzipien darstellbar.

Kojèves These widersprochen wurde von seinem gleichaltrigen französischen Landsmann Raymond Aron. Er lehrte als Professor für Soziologie an den Universitäten Toulouse und Sorbonne, wurde aber in erster Linie als leitender Journalist bei den französischen Zeitschriften Le Figaro und L’Express nach dem Zweiten Weltkrieg einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren Frankreichs. Bereits seit 1935 stellte er philosophische Betrachtungen über Politik und Geschichte an, unter anderem über das damalige nationalsozialistische Deutschland.

In seinem Buch "Die kritische Philosophie der Geschichte" aus dem Jahr 1950, in dem er sich mit den Theorien der deutschen Philosophen Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Heinrich Rickert und Max Weber auseinandersetzte, kam er zu dem Schluss, dass alle vier zwar unterschiedlich, im Ergebnis aber gleichermaßen zu Recht eine Trennung zwischen Philosophie und Wissenschaft für die Geschichtsbetrachtung forderten und auch vornahmen. Diese Beschäftigung mit den deutschen Jahrhundertwendephilosophen prägten Aron nachhaltig. Anfang der 60er-Jahre stellte er seine eigenen Betrachtungen vor, in denen er darauf verwies, dass es, anders als von Kojève behauptet, von Geschichte auch nach 1806 sehr wohl die Rede sein müsse:

"Es gibt Geschichte, weil die Bewahrung menschlicher Werke den verschiedenen Generationen die Frage vorlegt, ob sie das Erbe der Vergangenheit annehmen oder ablehnen wollen. Die Bewahrung erlaubt den Fortschritt, wenn die Antwort einer Generation auf die vorangegangene Generation zugleich darin besteht, dass sie den vorherigen Erwerb erhält und ihn mehrt. Bei einem Aufstocken der Vergangenheit um das Gegenwärtige kann man die Folge der Zeiten als ein fortwährendes Hinzufügen von Werken verstehen. Im streng positivistischen Sinne spricht man dann von Fortschritt. Denn jede Generation besitzt mehr als die vorhergehende."

Folglich kann es laut Aron eigentlich kein Ende der Geschichte geben, sondern nur Fortschritt. Diesen definiert er folgendermaßen:

"Der von mir beschriebene Fortschritt ist ausschließlich ein Fortschritt de jure, nicht de facto, das heiß er betrifft das Wesen der Geschichte der Wissenschaft, nicht die tatsächliche Geschichte. Ich verstehe darunter, dass es in der Vergangenheit keine regelmäßige Entwicklung des Wissensstandes und der technischen Mittel in jedem Jahrhundert gegeben hat. Je nach dem Augenblick gab es Stagnation, Fortschritt, Vergessen. Nichts ist endgültig erworben."

Mit diesem auf wissenschaftlichen und technischen Fortschritt basierenden Geschichtsbild lehnt Aron die Annahme einer linearen Entwicklung der Geschichte ab, ja, er verweist sogar darauf, dass es Rückschritte und Vergessen gegeben hat, wie etwa nach dem Untergang des Römischen Imperiums. Europa brauchte danach rund 1000 Jahre, um wieder an den Kenntnisstand der Antike anknüpfen zu können.

Aron lehnte bereits in den 50er- und 60er-Jahren den von Fukuyama 1989 so spektakulär wiederbelebten Gedanken der allgemeinen Demokratie als Ende der Geschichte ab, indem er sich auf ein Werk des französischen Historikers François Guizot aus dem Jahr 1828 berief:

"Guizot konnte eine Geschichte der Menschheit schreiben, in der die verschiedenen Regierungsformen gleichsam in die parlamentarische Demokratie als ihre Entfaltung oder Vollendung einmündeten. Diese Überlegung der Repräsentativ-Systeme wird heute jedoch keineswegs mehr als offenkundig unterstellt. Das Abendland ist seiner Überlegenheit auf diesem Gebiet nicht mehr sicher."

Diese Erkenntnis Raymond Arons’ stammt von vor 50 Jahren; sie könnte jedoch auch von heute stammen. Denn nicht nur islamistische Fundamentalisten lehnen in unserer Zeit die Überlegenheit des demokratischen Systems kategorisch ab, auch Arons generelle Kritik an der Demokratie als möglicher Endform der Geschichte wirkt wie aus der deutschen Gegenwart, in der die Prinzipien von Gleichheit und Gerechtigkeit von der Mehrheit der Bevölkerung für wichtiger gehalten werden als Freiheiten vom Staat:

"Alle demokratischen Gesellschaften sind heuchlerisch, und sie können auch nicht anders sein. Die demokratische Lösung verleitet zu einer ständigen Heuchelei, denn keine Gesellschaft hat jemals die Aufgabenstellung noch die Einkommen noch das Prestige von Einzelpersonen völlig gleichmachen können."

Obwohl es laut Raymond Aron eigentlich kein Ende der Geschichte geben kann, sondern nur Prozesse des Fortschritts, gönnte er sich dennoch, eine – wie er sagte "Vorstellung vom Endziel der menschlichen Existenz".

"In unserer Epoche stehen die Kulturen zunehmend in Kontakt miteinander. Zum ersten Mal ist die Geschichte der Gegenwart Weltgeschichte. Dann soll man sich nicht wundern, wenn zum Schluss der Pluralismus herauskommt."

Ein Zeitgenosse Arons war der 1893 in Budapest geborene Soziologe Karl Mannheim. Er hatte unter anderen bei Georg Simmel studiert und sich 1922 bei Alfred Weber habilitiert. Auch er propagierte die Demokratie als Endstadium, weil er darin ein garantiertes Maximum an Freiheit für den Einzelnen sah. Damit diese Freiheit aber nicht aus dem Ruder laufe, sprach sich Mannheim im englischen Exil 1935 entschieden gegen ein – wie er es nannte – "Laisser-faire-Prinzip" aus. Angesichts der Schwäche der Demokratie in der Weimarer Republik gelangte er zu der Ansicht: " … dass die vor uns liegende Epoche nicht ohne Planung auskommen kann. Wir hoffen natürlich, dass diese Planung anders aussehen wird als in einer Diktatur."

Mannheim propagierte also eine gelenkte – oder wie er es nannte "geplante" Demokratie. Diesen Überlegungen ist deutlich anzumerken, dass sie ganz unter dem Schock der Nazi-Diktatur formuliert wurden und sich primär daran orientierten, wie die Demokratie als Staatsform zu retten sei:

"Angesichts des wachsenden Drucks der Verhältnisse und der immer deutlicher hervortretenden Bedrohung der demokratischen Lebensformen ist nicht einzusehen, wieso unser gewohntes Denken von einer Wandlung verschont bleiben sollte. Wenn wir die gesellschaftlichen Kräfte erfolgreich lenken wollen, dürfen wir uns auf Dauer nicht von unseren kurzfristigen Tagesinteressen gefangen nehmen lassen."

Mannheim verfocht in seiner These der "geplanten Demokratie" die Ansicht, Freiheit und Planung müssten sich zu einer Ordnung vereinen lassen, damit Chaos vermieden werde:

"(Wir) müssen mit aller Kraft nach einer Gesellschaftsordnung suchen, die die Freiheit des Einzelnen genau abgrenzt und dadurch sowohl die Freiheit wie auch die Leistungs- und Lebensfähigkeit des Ganzen erhält."

Doch von "welcher Art" Demokratie ist hier die Rede? Welches Modell peilt Mannheim an? Und wie verknüpft er die Begriffe Freiheit und Planung?

"Die hypothetische Frage, ob die einst unversöhnlichen Begriffe Freiheit und Planung in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so unvereinbar sind, lässt sich nur dann beantworten, wenn wir die herkömmliche Auslegung von Freiheit und Demokratie revidieren. … Wer nicht klar zwischen blinder Regulierung und gut überlegter Planung unterscheidet, … wird nie den Unterschied zwischen einer umsichtigen Planung und den egoistischen Machenschaften einer monopolistischen Gruppe begreifen können."

Auch wenn Karl Mannheim nicht explizit über das Ende der Geschichte im hegelschen oder marxschen Sinne nachdachte, so kam im Ergebnis seiner Überlegungen doch eine "höchste Gesellschaftsform" heraus, die die Demokratie im klassisch-unvollkommenen Sinne ablösen sollte. Sie münden in ein Regulationscredo:

"Wir müssen alle gesellschaftlichen Beziehungen regulieren, um die kollektive Freiheit der Gruppe in Übereinstimmung mit einem demokratisch genehmigten Plan zu sichern. Die Menschen werden von nun an eine höhere Form der Freiheit finden, indem sie viele Seiten ihres Eigenlebens der von der Gruppe bestimmten Gesellschaftsordnung unterordnen. ... Im höchsten Stadium kann Freiheit nur dann bestehen, wenn sie durch Planung gesichert ist."

Wir werden auf Mannheims Überlegungen später erneut zurückkommen, denn seine Ideen für eine "höchste Gesellschaftsform" gewinnen durch die neuesten biologischen Möglichkeiten an aktueller Brisanz. Aber auch seine Vorstellung von der geplanten Demokratie fand Nachhall bis in die jüngere Vergangenheit.

Der vor einem Jahr verstorbene amerikanische Sozialwissenschaftler Daniel Bell, der bis 1990 an der Harvard-Universität lehrte, vertrat 1976 ebenfalls die Ansicht:

"Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts bewegen wir uns auf staatlich gelenkte Gesellschaften zu, weil der Umfang der sozialen Forderungen im Gesundheitswesen, in Erziehung, Wohlfahrt, bei den Sozialleistungen ständig wächst, von Forderungen, die mittlerweile zu Rechtstiteln der Bevölkerung zählen."

Bell war ohnehin Mitte der 70er-Jahre davon überzeugt, dass eine beträchtliche Reihe von historisch gewachsenen Gesellschaftsphänomenen dabei waren, "zu Ende zu gehen". So konstatierte er ernüchtert:

"Ich glaube, dass wir in der westlichen Gesellschaft an einem Scheideweg angelangt sind: Wir sind Zeugen vom Ende des bürgerlichen Denkens …, das die Moderne während der letzten 200 Jahre geformt hat. Und ich glaube auch, dass wir den Niedergang des schöpferischen Impulses und der ideologischen Überzeugungskraft des Modernismus erleben, der als kulturelle Bewegung unsere symbolischen Ausdrucksformen während der letzten 125 Jahre geprägt hat."

Allerdings, so versicherte Bell, glaube er nicht an Spenglers Unkenrufe vom "Untergang des Abendlandes" - bis heute ein Bestseller in China und Japan - oder an das "Ende aller Tage" in der Offenbarung des Johannes in der Bibel, sondern an die realen Strukturen, die dem sozialen Wandel zugrunde liegen. Bell widerspricht deshalb auch explizit den Thesen von Hegel und Karl Marx:

"Zu deren Zeit konnte man auch die Geschichte als fortschreitende Ausweitung des Menschen über die Natur und sich selbst begreifen. Nichts von alledem ist heute gültig. Die Geschichte ist nicht dialektisch."

Allerdings sah Bell mit dem rasanten Wegfall der christlichen Religion als maßgebliches gesellschaftliches Bindemittel für die westliche Welt das Heraufdämmern eines Endes der Zukunft; mit anderen Worten also doch ein Ende der Geschichte, nur anders begründet:

"Das wahre Problem des Modernismus ist das Glaubensproblem. Dabei geht es ... um eine geistige Krise. … Es geht um eine Situation, die uns zum Nihilismus zurückführt; wo Vergangenheit und Zukunft fehlen, da kann sich nur noch Leere auftun."

Daniel Bell glaubte also, dass sich die Demokratien zu einer säkularen, letztlich areligiösen Gesellschaft entwickeln und dass sie dadurch zumindest was ihren geistigen Gehalt angeht, dem Untergang geweiht seien. Seine Analyse kann auch noch vier Jahrzehnte danach nicht von der Hand gewiesen werden, denn die Tendenz, jedwede Religion als Sicherungsfunktion für die Gesellschaften abzuschaffen oder zumindest an den Rand zu drängen ist in allen demokratisch strukturierten Staaten eine schleichende Tatsache geworden. Bell kritisierte:

"Die modernen Gesellschaften haben die Religion durch die Utopie ersetzt – eine Utopie nicht als transzendentales Ideal, sondern als Ideal, das erst im Verlauf der Geschichte … mit Hilfe der Technologie und der ‚Hebamme Revolution‘ verwirklicht werden soll."

Wegen der areligiösen Entwicklung in den modernen Demokratien findet dort eine Art Aufhebung der Zeit statt, bei der die Menschen weder das Vergangene schätzten noch die Zukunft herbeisehnten. Ein egoistisches carpe diem stünde im Mittelpunkt. sodass die Gesellschaft zum Aussterben verurteilt sei. Bell entwirft hier das Szenario vom Ende der Geschichte, nämlich dem Ende der Menschheit. Damit dies verhindert werden könnte, plädierte er dafür, in den westlichen Gesellschaften zu einer – wie er es nannte "religiösen Konzeption" zurückzukehren.

"Die Religion kann die Kontinuität der Generationen wiederherstellen; sie verweist auf die existenziellen Kategorien, welche die Grundlage der Bescheidenheit und Achtung für andere bilden. Doch eine solche Kontinuität kann weder künstlich hergestellt noch durch eine Kulturrevolution herbeigeführt werden."

Doch Daniel Bell war kein rückwärtsgewandter Soziologe, der gewissermaßen bedauerte, dass die Zeit nicht stehen blieb. Vielmehr sah er mit dem Blick des Amerikaners, der durch Einwanderer aus aller Welt an den melting pot der Kulturen gewöhnt war, eine Art Ende jener Geschichte, wie sie die Menschheit bisher über tausende von Jahren gekannt hatte:

"Das alte Konzept von Kultur beruht auf Kontinuität, das moderne auf Vielfalt; das alte Konzept schätzt Tradition, das gegenwärtige Ideal heißt Synkretismus."

In den USA ist dieser Gedanke nicht neu, wenngleich er bei seiner Entstehung nicht so negativ gewertet wurde wie Bell dies in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts tat. Denn schon Alexis de Tocqueville hat zwischen 1835 und 1840 in seinem Grundsatzwerk "Über die Demokratie in Amerika" vergleichend festgestellt, die Aristokratie Europas habe in der Vergangenheit aus allen Gliedern der Gesellschaft vom König bis zum Bauern eine Kette hergestellt; die Demokratie amerikanischen Musters aber zerbreche eine solche Kette und trenne jedermann von seinem Bindeglied.

Heute gibt es jedoch angelsächsische Gegenstimmen zur Annahme vom Ende der Geschichte. In Großbritannien sprach sich kurz vor seinem Tod im Jahr 2010 der Historiker Tony Judt dagegen aus, in der Globalisierung ein Ende der Geschichte zu sehen. Mit seiner letzten Essay-Sammlung mit dem Titel "Das vergessene zwanzigste Jahrhundert" wollte er die Nachwelt vor dem - wie er sagte - "Trugschluss" bewahren, die Welt des 21. Jahrhunderts sei völlig anders als die im Jahrhundert davor. Schon vor dem Ersten Weltkrieg habe es eine Globalisierung gegeben, die zwar ab 1914 zum Erliegen gekommen, aber gegen Ende des Jahrhunderts wiederbelebt worden sei.

In keinem der beiden Fälle ist es Judts Meinung nach zu einem Ende der Geschichte im Sinne Fukuyamas gekommen. Insbesondere Ralf Dahrendorf lehnte sich 2004 gegen dessen Endzeit-These auf. In seinem Buch "Der Wiederbeginn der Geschichte", das sich mit den vergangenen beiden Jahrzehnten vom Fall der Berliner Mauer bis zum Krieg im Irak mit moderner Geschichte befasst, begründete er seine Ansicht mit Verve.

Dahrendorf sah im Zusammenbruch des kommunistischen Sowjet-Systems nicht das Ende der Geschichte, sondern eine "Rückkehr Ost-Europas in die Geschichte" und damit einen "Wiederbeginn", oder - modern ausgedrückt - einen "Reset" der osteuropäischen Staaten inklusive Ost-Deutschlands. Allerdings stimmte er mit Fukuyama darin überein, dass es für die Neuausrichtung dieser Staaten keine andere Gesellschafts- und Staatsform geben könne als die Demokratie. Um Geschichte schreiben zu können, bedürfe es nach Dahrendorfs Ansicht allerdings der "Persönlichkeit von Führern", die er gemeinhin nirgends entdecken konnte.

Doch Francis Fukuyama ließ sich von solchen Argumenten nicht beeindrucken. Vielmehr war er bemüht, seine These vom Ende der Geschichte aufgrund der weltweiten Verbreitung der Demokratie immer wieder zu erklären und neu zu untermauern. Demokratien bringen zum Beispiel wirtschaftlichen Wohlstand und persönliche Freiheit hervor, die von aller Welt via Fernsehen und Internet wahrgenommen werden. Wenn auch noch nicht in allen Staaten dieser Erde Demokratien eingeführt sind – de facto sind von den 193 bei der UNO gemeldeten Staaten nur 115 offiziell eine Demokratie, wobei diese Zahl von Jahr zur Jahr abnimmt – so fühlt sich der amerikanische Endzeitwissenschaftler dennoch bestätigt, dass sich zumindest alle Menschen weltweit nach Demokratie sehnen:

Auch der Kritik, der Islam sei inkompatibel mit der Demokratie und deshalb könne es keinen Siegeszug dieser westlich geprägten Staatsform in der arabischen Welt geben, mithin also auch kein Ende der Geschichte, widersprach Fukuyama energisch: Der Islam sei keine einheitliche religiöse Doktrin, die nur eine bestimme Staatsform zulasse. Dies belegten zum Beispiel die beiden muslimisch geprägten Länder Türkei und Indonesien, die beide Demokratien seien. Hinzu kämen andere Staaten wie Indien, Mali, Senegal und ähnliche, die jeweils eine hohe Bevölkerungszahl an Muslimen aufwiesen und wo es keine explizit muslimisch-motivierte Gegenströmungen zur Demokratie gebe.

Zudem hat der "Arabische Frühling" seit Dezember 2010 bewiesen, dass auch die arabischen Nationen von der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung beseelt sind. Die seither anhaltende Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in der arabischen Welt, die sich, ausgehend von der sogenannten Jasminrevolution in Tunesien, über Ägypten, den Jemen, Syrien bis nach Bahrain ausgebreitet haben und gegen die dortigen autoritär herrschenden Regime aufbegehren, sind für die Anhänger Fukuyamas Beweis genug, dass dessen These so abwegig nicht ist.

Hinzu kommt, dass sich auch in den südlich des Maghreb gelegenen Staaten Afrikas sowie in China, die despotischen Machthaber durch die arabischen Rebellionen alarmiert zeigen und Maßnahmen ergreifen, um mögliche Proteste im Keim zu ersticken. Seit 2011 also ist Francis Fukuyama mit seiner These vom Ende der Geschichte durch den weltweiten Siegeszug der Demokratie zumindest teilweise rehabilitiert, da man den universalen Wunsch nach einer Befreiung von Fesseln täglich spüren und beobachten kann. Vielleicht wäre aber für diese Art der politischen These vom Ende der Geschichte eher der Ausdruck von den "Grenzen der Geschichte" angebracht, da auch Fukuyama eingesteht, er habe mit seiner These nicht einen Totalstopp der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit gemeint.

Ein Ende des menschlichen Daseins, ein richtiges Ende, ja den letzten Menschen an sich, sieht der aufmerksame Beobachter Fukuyama nicht im politisch gesellschaftlichen Bereich, sondern hervorgebracht durch die moderne Biotechnologie. Dass wir alle bald mehr als 100 Jahre alt werden und unsere Kinder genetisch maßschneidern können, ist in greifbare Nähe gerückt. Solche Vorstellungen sind keineswegs mehr nur Fantasien von Schriftstellern wie George Orwell und Aldous Huxley.

Vieles von dem, was Orwell in seiner Voraussage von der Überwachung der Menschheit durch einen "großen Bruder" in seinem Werk "1984" beschrieben hat, ist mittels Internet und Personalcomputer tatsächlich eingetreten, wenn auch in anderer Weise als zunächst vermutet. Wer Internet benutzt und E-Mail schreibt ist der gewerblichen und staatlichen Überwachung schutzlos ausgeliefert. In dem Roman "Schöne Neue Welt" von Aldous Huxley tritt das Übel nicht so offen zutage, aber er schildert eine Welt, in der alle das bekommen, was sie sich sehnsüchtig wünschen.

Bei Huxley lassen sich die Menschen von einer leitenden Elite dazu verführen, in einer lückenlos gelenkten und durchgeordneten Gesellschaft zu leben, in der es keine Konflikte mehr gibt, keine Depressionen, keine Einsamkeit, soviel Sex, wie man begehrt, aber keine Illusionen und Träume.

Bei der Schaffung eines neuen Menschen und der Umgestaltung seines Denkens weist Fukuyama auf die neuesten biotechnologischen Möglichkeiten hin: Es ist bereits möglich, zumindest wird zur Zeit darüber geforscht, die menschliche Persönlichkeit mittels Psychopharmaka so zu formen, dass ein Phlegmatiker höchst lebhaft manipuliert und ein hyperaktiver Typ zur Ausgeglichenheit gebracht werden kann; ja, dass man sich mittels solcher Medikamente unter der Woche einen anderen, leistungsfähigen Persönlichkeitstyp geben kann als am Wochenende, wo der lebhafte Spaßtyp überwiegen soll. Doch dies wäre noch lange kein Ende der Geschichte, sondern allenfalls eine tiefgreifende Zäsur.

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