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Der letzte König von Schottland

Johannes Kaiser

Das Thema des vierunddreißigjährigen Literaturredakteurs des <em>Guardian</em>, Giles Foden, klingt zunächst ziemlich abwegig: ein Roman über den afrikanischen größenwahnsinnigen Diktator Idi Amin, der 1971 mit britischer und israelischer Hilfe in einem Staatsstreich den gewählten ugandischen Staatspräsident Obote gestürzt hatte. Eine der grausamsten Diktaturen in dem an Willkürherrschaften nicht gerade armen Afrika begann, die hunderttausende das Leben kostete. Der 1967 geborene Giles Foden hat diese Zeit zwar nicht miterlebt, aber er kennt Afrika seit seinem fünften Lebensjahr wie seine Westentasche, denn sein Vater zog als Landwirtschaftsexperte im Auftrag der Vereinten Nationen lange Jahre von einem Projekt zum anderen, kam unter anderem auch nach Uganda. Zwar schickte er, darin typischer Brite, seinen Sohn nach England auf die Internatsschule, aber die übrige Zeit verbrachte Giles Foden in Afrika, zog erst 1993 endgültig nach London, um anfangs bei der Times, dann beim Guardian als Literaturredakteur zu arbeiten. Nebenher bastelte er an seinem Debütroman, der auf seinen afrikanischen Kindheitserlebnissen unter verschiedenen schwarzen Gewaltherrschaften basieren wollte. Die Geschichte Idi Amins bot sich an, weil seine Eltern in Uganda lebten und er dort eine Menge Leute traf, die sich noch gut an die Schreckensherrschaft des grausamen Riesen erinnern konnten.

Kurz nachdem Idi Amin die Macht ergriffen hat, trifft der junge schottische Arzt Nicholas Garrigan in Uganda ein, um in einer weit abgelegenen Krankenstation auf dem Land als Entwicklungshelfer zu arbeiten. Als Idi Amin sich bei einem Ausflug mit seinem roten Ferrari in der Nähe der Klinik überschlägt und das Handgelenk verstaucht, wird der Schotte zur ersten Hilfe herbeigeholt. Seine Behandlung gefällt dem Staatschef so gut, daß er Garrigan zu seinem Leibarzt ernennt. Ihm wird in die Hauptstadt Kampala im Regierungswohnviertel ein hübscher Bungalow zugewiesen. Eine angenehme Zeit in relativem Wohlstand beginnt. Nur selten zitiert Idi Amin den Arzt zu sich. Geblendet und verführt von dessen Macht, ist er unfähig und zu feige sich loszureißen, zu fliehen, als er bald hautnah die perverse Lust des Diktators an Folter und Mord miterlebt:

Stone faltete die Hände auf dem Tisch. 'Noch mal im Klartext: jeden Tag sterben Hunderte von Menschen, und was tun Sie? Sie machen Dienst nach Vorschrift und versuchen, sich unsichtbar zu machen. Und wenn Sie nicht bald etwas unternehmen, Nicholas: Dann stecken auch Sie in der Jauchegrube, zu der das ganze Land geworden ist. Noch gehören Sie zu den wenigen Menschen, die sie ausheben können.' - 'Das ist nicht fair', sagte ich. 'Außerdem ist es Ihre Schuld. Wenn Sie ihn nicht an die Macht gebracht hätten, wäre das alles nicht passiert.'.. - 'Er ist wahnsinnig', sagte Stone vorwurfsvoll. 'Ein Wahnsinniger, an dessen Händen Blut klebt, und es wird noch mehr werden. Er darf einfach nicht regieren. .. Was er aus Jux und Tollerei anstellt, ist reine Pornographie. Und wenn Sie für ihn arbeiten, ist es noch viel schlimmer.' - Ich fühlte mich äußerst unwohl in meiner Haut 'Ich... ich arbeite nicht für ihn. Ich muß ihn ab und zu behandeln. Ich zieh nicht herum und ermorde Menschen. Hunderte von Ugandern sind in derselben Lage wie ich.' - 'Sie könnten ihnen und dem ganzen Land aber helfen. Sie würden Uganda einen Dienst erweisen. Sie haben die richtigen Präparate dafür. Sie sind der einzige, der nah genug an ihn herankommt. Ich mache keinen Hehl daraus: Es genügt nicht mehr, ihn zu sedieren - ich habe den Befehl, Sie aufzufordern, ihn zu töten.' - 'Das kommt überhaupt nicht in Frage', sagte ich und lachte über die Absurdität, war aber gleichzeitig tief schockiert. 'Ärzte tun so etwas nicht. Wir haben schließlich unseren Eid.' - 'Ich weiß', antwortete er leise, 'aber er verpflichtet Sie, Leben zu retten, also denken Sie bitte daran, wie viele Leben Sie in diesem Fall retten könnten. Sie werden keinen Scherereien bekommen, dafür sorge ich schon...' - 'Ausgeschlossen' sagte ich und stand auf.

Für Giles Foden, vom Typ her Brite durch und durch, bleiche Haut, schon schütteres Haar, weiche, runde Gesichtszüge, schmaler Mund, verkörpert der Arzt, so exponiert er in diesem Fall auch ist, das typische Verhalten zahlreicher Briten, die einstmals als Kolonialherren nach Afrika kamen und heute als Farmer, Unternehmer, Berater in unabhängigen Staaten unter Regimen leben, die nur selten demokratisch sind. Giles Foden hat diese Furcht, sich einzumischen, diese Hoffnung auf bessere Zeiten, den Kopf eingezogen angesichts der Wechselfälle der Politik, oft genug gesehen:

Man fühlte sich politischen Zufälligkeiten ausgeliefert, war ein Außenseiter, ein Ausländer, ein Weißer, hatte den Eindruck, daß alles geschehen könnte und war doch zugleich isoliert, abgekoppelt. Wenn man sich ständig mit Recht und Unrecht im Land auseinandergesetzt hätte, hätte man dort nicht leben können. Es wäre zu erschreckend gewesen. Die Erfahrung, abgekoppelt zu sein, ist schwer zu ertragen. Das genau ist Grund für die Schwierigkeiten, in die Nicholas Garrigan, der Romanheld gerät: Es begeistert ihn dort zu leben, die exotische Landschaft zieht ihn an, aber zugleich gerät er in Schwierigkeiten, weil er sich in moralischem Sinne in nichts, was dort geschieht, einmischen will und dann wird er mitten ins Zentrum der Ereignisse gezogen, so wie eine Motte zur Flamme und die Flamme ist hier Idi Amin. Viele haben mich gefragt, warum er nicht wie Schwarzenegger zuschlägt. Doch die meisten Leute sind nicht so, wollen einfach nur weitermachen wie bisher, ohne in allzu große Schwierigkeiten zu geraten. Insofern ist es realistisch, jemanden zu wählen, der kein großer Held jenes Typs ist, der viele britische Abenteuerromane füllt. Die Figur mußte gewissermaßen ein Vakuum sein, das Idi Amin mit seiner machtvollen Gegenwart füllen konnte.

Idi Amins komisch-bizarrer Größenwahn und darauf spielt der Buchtitel an, zeigte sich nicht zuletzt darin, daß er sich selbst den Titel 'Der letzte König von Schottland' gab, weil der von schottischen Offizieren ausgebildete Diktator glaubte, als ihn England fallen ließ, in den englandkritischen Schotten Seelenverwandte zu finden. Das Buch lebt aber nicht nur von den detailbesessenen Beschreibungen des Diktators, sondern auch von den prächtigen Landschaftsbildern, den warmherzigen Porträts der Afrikaner. Man spürt in jedem Satz die Sehnsucht des Autors nach Afrika. So verwundert wenig, daß Giles Foden auch in seinem zweiten Roman 'Ladysmith' wieder in den schwarzen Kontinent zurückgekehrt ist. Dafür sprang er allerdings ein ganzes Jahrhundert zurück und zwar in Burenkrieg in Südafrika, der 1899 begann, als sich die holländischen Siedler gegen die englischen Kolonialherren erhoben. Derzeit sitzt Giles Foden an seinem dritten Romans, der - wie nicht anders zu erwarten ist - erneut in Afrika spielt, allerdings ein Ereignis aus der jüngsten Geschichte aufgreift, den Terroranschlag auf die amerikanische Botschaft in Tansanias Hauptstadt Nairobi. Im Mittelpunkt soll ein junger amerikanischer Meeresbiologe stehen, der in eben diesen terroristischen Anschlag verwickelt wird. Dabei soll es auch um die Auswirkungen der Globalisierung auf Afrika gehen.

Dass mich Giles Foden an einem Sonntag im Großraumbüro des Guardian empfängt, ist typisch für ihn. Zum einen liebt er die Arbeitsatmosphäre in der Reaktion und nimmt die Korrekturen an seinem letzten Roman lieber an seinem Bürocomputer vor als allein zuhause, zum anderen reizt ihn die temporeiche Welt des Journalismus, die ihn immer wieder nach Afrika führt und Material erbringt, das er sonst nicht so leicht sammeln könnte. Auf das Geld ist er nicht mehr angewiesen. Seine Romane bringen weit mehr ein als der Zeitungsjob. Er ist ein besessener Rechercheur, der jede Kleinigkeit richtig darstellen möchte. Seine Romane nennt er denn auch factual stories, was man mit Tatsachengeschichten übersetzen könnte. Er füllt nachprüfbare Ereignisse zwar mit erfundenen Figuren, aber die verhalten sich so wie historische Vorbilder. Selbst ihre moralischen Konflikte sind dem wirklichen Leben entsprungen. Nur verleiht Giles Foden den historischen Fakten Gesicht und Herz. Aus Geschichte werden bei ihm äußerst lebendige Geschichten.

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