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StartseiteKultur heuteDer Mann, der "Diogenes" erfand13.09.2011

Der Mann, der "Diogenes" erfand

Zum Tod des Schweizer Verlegers Daniel Keel

Er hatte ein sicheres Gespür für die richtigen Bücher zur richtigen Zeit, sagt Martin Ebel, Literaturchef des Tagesanzeigers Zürich. In den 50er Jahren gründete Daniel Keel "Diogenes" als Ein-Mann-Betrieb und machte ihn mit Autoren wie Loriot, Friedrich Dürrenmatt, Patricia Highsmith und Patrick Süskind zu einem der großen deutschsprachigen Literaturverlage. Am 13. September 2011 ist Daniel Keel im Alter von 80 Jahren gestorben.

Martin Ebel im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Fing mit Comics an: Diogenes-Gründer Daniel Keel (picture alliance / dpa Martin Ruetschi)
Fing mit Comics an: Diogenes-Gründer Daniel Keel (picture alliance / dpa Martin Ruetschi)

"Es liegt wohl an der Sprache oder an den Schweizern oder den Deutschen, dass die weniger gut erzählen können als die Angelsachsen. Wenn sie meinen Katalog studieren, sehen sie, dass viel mehr Engländer, Iren und Amerikaner bei uns erschienen sind als deutschsprachige Autoren. Die deutsche Literatur ist eine Literatur der Dichter und Denker, es gibt auch bei den Klassikern wunderbare Lyriker, Philosophen, Gedankliches, und selbst in den Romanen, nehmen Sie Hesse oder Thomas Mann, wird viel philosophiert. Einen Autor wie Tolstoi oder Melville oder Dickens oder Flaubert oder Stendhal gibt es eigentlich im deutschen Raum nicht."

Doris Schäfer-Noske: Der legendäre Gründer des Diogenes-Verlags Daniel Keel ist also heute im Alter von 80 Jahren gestorben. Er war Schweizer, doch seine Autoren kamen aus vielen Ländern der Welt. "Ich höre auf meinen Bauch, mein Herz, meine Nase, meine Eingeweide", so hat er seine verlegerische Tätigkeit definiert.

Geboren 1930 in Einsiedeln, brach Daniel Keel das Gymnasium als 14-Jähriger ab und absolvierte eine Buchhändlerlehre in Zürich. In den 50er Jahren gründete er dann seinen Verlag, den er zunächst als Ein-Mann-Betrieb führte. Kurze Zeit später nahm er dann seinen am selben Tag geborenen Jugendfreund Ruedi Bettschart als Partner dazu. Der kümmerte sich um die Finanzen und um die Geschäftsleitung.

Das Ungewöhnliche ist, dass die beiden auch in der Zeit von Verlagsfusionen Alleineigentümer ihres Verlages geblieben sind. Frage an Martin Ebel, Literaturchef des Tagesanzeigers in Zürich: Herr Ebel, Daniel Keel wurde ein sicheres Gespür für die richtigen Bücher zur richtigen Zeit nachgesagt. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Martin Ebel: Ja, gerne! Ich nehme am besten zwei Beispiele, die jetzt nicht aus dem angelsächsischen Bereich kommen, sondern aus dem deutschen Bereich, den er ja gerade eben etwas geschmäht hat in dem Zitat. Das berühmteste Beispiel ist Patrick Süskinds "Parfüm", das Buch, was 1985 erschien, eine Gesamtweltauflage von 15 Millionen erzielte und den Diogenes-Verlag endgültig aus allen Schwierigkeiten herausholte. Bis dahin hatten sie immer noch Bankschulden, mehrmals an der Pleite vorbeigeschrammt. Es war also eine aufregende Zeit. Mit Süskinds "Parfüm" war der Verlag endgültig etabliert und auf der Sonnenseite, kaufmännisch gesehen.

Das zweite Beispiel ist Bernhard Schlinks "Vorleser", das ja in den USA auch zu einem Millionen-Seller wurde. Beides Autoren, die niemand vorher gekannt hat, die als Autoren gar nicht existierten. Das sind Beispiele auch für die Spürnase, für die berühmte Nase von Daniel Keel.

Schäfer-Noske: Besonders stolz war Keel ja darauf, dass alle Werke von Friedrich Dürrenmatt im Diogenes-Verlag erschienen sind. Wie kamen denn diese großen Autoren zum Diogenes-Verlag?

Ebel: Bei Dürrenmatt gibt es diese berühmte Anekdote, dass er nachts, wohl schon etwas geladen, den Daniel Keel anrief und ihn fragte: "Wotsch du mie?", also in der Schweizer Mundart: "Willst du mich?" Für Diogenes sprach, dass die keine Bücher machten in der Hoffnung, mit einem Buch tolle Kassen klingeln zu lassen, sondern die haben immer Autoren gemacht, Autoren betreut. Also wenn sie Dürrenmatt gemacht haben, haben sie eben alles gemacht und dann auch eine sehr schöne Werkausgabe, 37 Bände Dürrenmatt. Sie haben die Patricia Highsmith eigentlich erst zur anerkannten Autorin gemacht, 30 Bände Highsmith, neu übersetzt mit guten Nachworten, philologisch genau, literarisch sorgfältig. Also wer zu Diogenes kam, der wusste, er ist in guten Händen, er ist in sozusagen familiären Händen, weil Keel auch mit seiner ganzen Familie sich auch persönlich sehr um die Autoren bemühte, aber auch in sehr professionellen Händen. Das ist ein hoch professioneller Verlag mit heute 70 Mitarbeitern, mit einer sehr großen Rechteabteilung, die zum Teil die Weltrechte auch betreuen von mehreren Autoren. Also die Verbindung von etwas sehr Persönlichem und etwas sehr Professionellem.

Schäfer-Noske: Wie wird es denn jetzt mit dem Diogenes-Verlag weitergehen? Keel und Bettschart betonten ja auch immer wieder, es sei ein Familienunternehmen. Sie haben es gerade auch schon angesprochen. Wird nun vielleicht einer seiner Söhne einsteigen?

Ebel: Das ist möglich, aber man weiß es nicht. Es gibt keine Regelungen, also keine, von denen öffentlich bekannt ist, über den Tod hinaus. Keel hat also bis zum letzten Tag Verleger sein wollen, hatte auch bis zuletzt noch gelesen und ausgewählt und die Programmpolitik bestimmt. Er hat diese beiden Söhne, Jakob und Philipp, der eine ist schon im Verwaltungsrat. Es ist gut möglich, dass auf die jetzt mehr Verantwortung zukommt. Aber wie das genau aussieht, das kann ich jetzt nicht sagen.

Schäfer-Noske: Was war denn aus Ihrer Sicht Daniel Keels größtes Verdienst?

Ebel: Ich glaube, das größte Verdienst war, durchgehalten zu haben. Also er hat ja sehr dilettantisch angefangen mit so allerlei Comics, ein Sammelsurium war der Verlag am Anfang. Und dann hat er nach und nach daraus einen richtigen, tollen, großen Autorenverlag gemacht. Und ja: Vielleicht das Entscheidende ist, dass der Diogenes-Verlag eine Marke geworden ist, also ein sogenannter Brand, wie man das heute neudeutsch nennt. Wenn Sie an den Bahnhof gehen, Sie fahren mit dem Zug, wollen schnell noch ein Buch einstecken und greifen blind in den Drehständer, dann nehmen Sie ein Diogenes-Buch, weil Sie wissen, Sie werden wahrscheinlich nicht enttäuscht. Also, dass man Qualität so mit einem Verlag identifiziert, das gibt es nur bei Diogenes, und das ist schon eine ganz besondere Leistung, das ist einzigartig.

Schäfer-Noske: Der Verleger und Gründer des Diogenes-Verlags Daniel Keel ist heute im Alter von 80 Jahren gestorben. Das war ein Gespräch mit Martin Ebel, dem Literaturchef des Tagesanzeigers in Zürich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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