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StartseiteBüchermarktDer Mann, der seine Kinder liebte29.03.1999

Der Mann, der seine Kinder liebte

"Die totale Familie" nannte Heimito von Doderer seinen Roman "Die Merowinger" im Untertitel. Der letzte Merowinger-Sproß Childerich versucht, durch vier ausgeklügelte Heiratspläne möglichst viele Verwandtschaftsgrade in seiner Person zu vereinen. Von einer totalen Familie, vom totalitären System der Blutsbande handelt ein anderer Roman mit grimmiger Ausschließlichkeit: "Der Mann, der seine Kinder liebte", das opus magnum der australischen Schriftstellerin Christina Stead. 1940 erschien das Buch in den USA, geriet aber in Vergessenheit. Ein Vierteljahrhundert verging, bis es mit der Wucht eines Paukenschlags wiederentdeckt und in seiner herausragenden Bedeutung gewürdigt wurde. Der Mann, der die Pauke schlug, war der englische Literaturkritiker Randall Jarrell. Seine vierzigseitige, von Empathie getragene Einführung in den Roman beginnt mit einer gewagten Behauptung: "Wenn die gesamte Menschheit tausend Jahre lang in Waisenhäusern groß geworden wäre", schreibt Jarrell, "könnte sie durch die Lektüre von 'Der Mann, der seine Kinder liebte' wieder lernen, in einer Familie zu leben."

Katrin Hillgruber

Begeistert zeigte er sich vor allem von Christina Steads fast beängstigender Beobachtungsgabe, von ihrer erstaunlichen Direktheit bei der Reproduktion von Sinneseindrücken. Er bescheinigte der Autorin, jedes Detail ihrer australischen Kindheit in sich aufgesogen und ungetrübt ins Washington des Jahres 1936 verpflanzt zu haben. Der Roman, so Jarrell, mache den Leser wie kein anderes Buch zum Teil der unmittelbaren Existenz einer Familie, und das nicht zuletzt durch die impressionistische, akustische Dimension seiner Sprache. In der Tat: Man hört den Text eher, lauscht seiner Vielstimmigkeit, als daß man ihn liest. Dieses Charakteristikum verdankt sich auch Irmela Erckenbrecht, die "The Man Who Loved Children" im Auftrag der Deutschen Verlags-Anstalt erstmals ins Deutsche übersetzte. Es ist ein bedauerliches Versäumnis, daß Randall Jarrells grundlegender Essay nicht ebenfalls übersetzt und der hiesigen Leserschaft zugänglich gemacht wurde. Ein makabres Detail am Rande: Der von Melancholien geplagte Jarrell konnte Christina Steads Dankesbrief nicht beantworten, weil seine Hand noch nicht verheilt war. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Ihr zweiter Brief traf erst nach seinem Tod ein.

Die Lobrede des englischen Kritikers blieb nicht ohne Wirkung. Der Roman wurde bei seiner Neuauflage enthusiastisch aufgenommen, etwa von Steads Schriftstellerkolleginnen Doris Lessing, Rebecca West, Angela Carter oder Susan Sontag. Der Lyriker Robert Lowell sprach von "Der Mann, der seine Kinder liebte" als einem "großen schwarzen Diamanten". Saul Bellow meinte 1976, Christina Stead hätte eher als er selbst den Literatunobelpreis verdient, wegen ihres phänomenalen Erinnerungsvermögens.

Bei aller gebotenen Vorsicht beim Vergleich zwischen der Vita eines Autors und seinem Werk läßt sich doch die autobiographische Grundierung von Christina Steads Roman nicht verkennen. Die 1902 geborene Tochter des Zoologen David Stead verlor mit zwei Jahren ihre Mutter. Der Vater heiratete erneut und setzte sechs weitere Kinder in die Welt. Ihre früheste Lektüre sei Charles Darwin gewesen, sagte sie in einem Fernsehinterview. Ihr Bett habe zuweilen aus einer Transportkiste für Tiere und Fossillen bestanden. Den Vater schilderte sie als eloquenten und ausdauernden Kindertyrannen ganz wie Sam Pollit, die männliche Hauptfigur des Romans.

1928 verließ sie Australien, um in London eine Handelsschule zu besuchen. Dort lernte sie ihren späteren Mann William Blech kennen, einen ebenfalls despotisch veranlagten Kommunisten. Ruhelos zog das Paar vierzig Jahre lang durch Europa und Amerika. Stead arbeitete zeitweise als Drehbuchautorin bei MGM in Hollywood. Sie schrieb ein gutes Dutzend Bücher, die jedoch alle nicht an den literarischen Rang ihres Hauptwerks heranreichten. 1983 starb Christina Stead in Sydney, endlich literarisch anerkannt.

Was ist das für ein seltsames dickes Buch, in dem fast nur gestritten wird, was ist das für ein Streit, der erst durch Selbstmord ein Ende findet? Steads "Huldigung unglücklichen Familienlebens", wie sie selbst ihren Roman beschrieb, konstituiert sich durch ein Gegensatzpaar, wie es sich konträrer kaum denken läßt. Der Kleinbürger Sam Pollit heiratet nach dem Tod seiner ersten Frau die Patriziertochter Henrietta Collyer aus Baltimore. Er bringt die Tochter Louisa in die Ehe mit, die zu Beginn der Handlung elfeinhalb Jahre alt ist und fünf Halbgeschwister hat. Steads Erzählkunst macht aus jedem Kleinkind einen Charakterkopf. Im Verlauf der sich von Unglück zu Unglück steigernden Handlung kommt noch ein Bruder dazu. Der selbsternannte "Sam der Kühne" und "Kinderführer", ein Zoologe mit beängstigender rhetorischer Begabung, doch ohne jede Selbstkritik, zwingt in der Geburtsszene seine Kinder, der Größe nach aufgereiht die Schreie der Gebärenden mitanzuhören, was die Jüngsten nachhaltig verstört. Der Roman ist voll von solchen Grausamkeiten.

Sam, von seiner Frau Henny als "Pappmessias" verhöhnt, tritt eine zehnmonatige Reise nach Malaysia an, wo er sich gezwungenermaßen unter Erwachsenen bewegt. Als er zurückkommt, verliert er durch eine Intrige seine Arbeit bei der Regierung in Washington. Nach dem Tod des vermeintlich reichen Schwiegervaters muß die Familie vom stattlichen Tohoga House nach Spa House umziehen, in eine Bruchbude im Fischerviertel von Annapolis. Der unaufhaltsame Abstieg ins Elend beginnt, zumal sich der von seiner Einmaligkeit überzeugte Sam keine Arbeit sucht. Lieber richtet er seine kleinen Soldaten im Garten ab. Sams tyrannische Zuwendung erstreckt sich auch auf die Nachbarskinder. Deshalb wäre die wörtliche Übersetzung des Romantitels in "Der Mann, der Kinder liebte" exakter gewesen. Offenbar fürchtete der Verlag ein pädophiles Mißverständnis.

Sam, der als "großer rotgelber Apfel, lebendig und prall" gezeichnet wird, ist eine überlebensgroße Mischung aus Falstaff und Doktor Mabuse. Sein ewiger Sermon bildet den basso continuo des Romans, teils in pseudowissenschaftlichem Vokabular, teils in einer verrückten, sich reimenden Babysprache gehalten. Was er da über Seiten von sich gibt, ist eine krude Mischung aus puritanischer Heilslehre und Euthanasie-Ideen. So erwägt er, durch Gasangriffe oder in "eugenischen Konzentrationslagern" neun Zehntel der Menschheit zu töten, um für die Tüchtigen Platz zu machen. Geschrieben wurde das bereits 1936.

Die verhärmte Großbürgerin Henny, von der Hausarbeit und den vielen Geburten frühzeitig gealtert, steht als das dunkle, auch weibliche Prinzip gegen die tragische Lichtgestalt Sam. Ihr zum Tode drängendes Schicksal bildet das tragische Zentrum des Textes. Spricht aus Sams Worten die Realitätsverkennung des Manikers, so antwortet Henny, die von ihren Kindern geliebte Hexe, mit blankem Haß. Er ist bis zum Irrsinn ehrlich, sie geht mit Intrigen und Notlügen vor, nicht zuletzt, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Er ist das Kind, sie die Erwachsene. Henny sucht sich Unterstützung außerhalb der häuslichen Welt, bei einem charakterschwachen Liebhaber und bei ihrer ehemals vornehmen Verwandtschaft. Doch ihr selbstzerstörerischer Lebenskreis zieht sich immer enger, vor allem als sie ihren Lieblingssohn Ernie schlägt, bis sie bewußtlos wird. Draußen scheint die Sonne, drinnen tobt der Wahnsinn. Neben den Behausungen der eigentlichen Kernfamilie blendet Stead zahlreiche, meist trostlose Nebenschauplätze ein. Auch hier gelingt ihr in der Beschreibung eine Daseinsfülle, die ihresgleichen sucht.

Die sich hochschaukelnden Grausamkeiten gipfeln in einer quälend intensiven Episode. Sam und seine Mannschaft kochen im Waschkessel der Mutter gegen deren Willen tage- und nächtelang einen riesigen Speerfisch aus, um Öl zu gewinnen. Christina Stead komponiert zu diesem Geschehnis und dem letzten Streit der Eltern Unwetterszenen, die das Ganze zum Alptraum machen. Am nächsten Morgen beschließt die halbwüchsige Louie, die Eltern zu vergiften. Henny, seit langem todessehnsüchtig, ertappt sie dabei. Sie trinkt den Zyankali-Tee freiwillig. Jetzt ist es ruhig in Spa House. Louie, das eigentliche Erzählmedium, bricht alleine in die Welt auf. Selten wurde die Gefühls- und Gedankenwelt eines pubertierenden Mädchens eindringlicher dargestellt als in dieser linkischen, tagträumenden, ständig lesenden Figur, dem alter ego der Autorin.

Vieles an diesem Roman ist in seinen Dimensionen und Inhalten gewaltig, auch gewalttätig. Nie habe sie vergessen, sagte die an Darwin geschulte Christina Stead in dem erwähnten Interview, daß wir auf Erdreich wandeln, unter dem Millionen von Skeletten und Fossilien in Schichten übereinander lagern. Ein Erzählkosmos, der auf diesem Humus gründet, muß jenseits aller Pracht und Fülle kalt sein, schneidend kalt. "Der Mann, der seine Kinder liebte" ist ein zeitloses Buch.

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