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StartseiteBüchermarktDer Mensch schafft sich ab07.08.2013

Der Mensch schafft sich ab

Reinhard Jirgl: "Nichts von euch auf Erden", Hanser Verlag

Unter dem biblisch anmutenden Titel "Nichts von euch auf Erden" hat Reinhard Jirgl einen Roman vorgelegt, der einen skeptischen Blick in die Zukunft der europäischen Zivilisation wirft. Ein Roman ohne Menschen und wohl sein düsterster Roman, künstlerisch aber möglicherweise sein bester, meint Beatrix Langner.

Von Beatrix Langner

Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger 2010, hat einen technizistischen Romanleviathan geschaffen.  (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger 2010, hat einen technizistischen Romanleviathan geschaffen. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

"Ein Schrei macht den Mensch zum Menschen", so steht es in Reinhard Jirgls erstem gedruckten Roman, Vater-Mutter-Roman, erschienen 1990 im Berliner Aufbau Verlag. Dreiundzwanzig Jahre und vierzehn Bücher später ist der Schrei verstummt. Was bleibt, ist ein Loch im Text, ein stummes rundes O, von Mündern geformt, denen die Ermächtigung zum Schreien von einer weltweiten digitalen Autokratie kommunizierender Maschinen, aberkannt wurde.

Die Erde ist in vier separatistische Machtblöcke aufgeteilt. Die Umwelt erscheint als eine Art gigantischer digitaler Benutzeroberfläche; individuelles Bewusstsein inklusive persönlicher Erinnerungen ist in Form von Speichereinheiten über Holovisions-Schnittstellen-Einheiten externalisiert, das kollektive Unbewusste in Gestalt einer Art Bewusstseins-Cloud am künstlichen Himmel über Zentraleuropa akkumuliert.

Reinhard Jirgl versteht sich auf die Maschinerie totalitärer Ideologien. Er wuchs in der DDR auf und begann in den späten 1980er-Jahren unter dem Einfluss seines literarischen Mentors Heiner Müller mit dem Romaneschreiben. Der gelernte Elektronikingenieur, bekennende Internetverweigerer und Büchnerpreisträger von 2010 stattet seinen Roman mit innovativen Technologien wie terraforming, gendesign und space lab aus, die in das Leben der Erdbewohner in Gestalt anonymer Mächte brutal eingreifen. Der Mensch ist nicht mehr Subjekt, sondern Opfer der perfiden Zukunftsplanung skrupelloser Expropriateure.

"Genau in vierhundert Jahren liegt die Handlungszeit, das ist nicht beliebig. Wenn Sie jetzt die Gegenwart, das Jahr 2012, als Spiegelachse nehmen und vierhundert Jahre zurückgehen: Wo waren wir da? Kurz vorm 30-jährigen Krieg. Der 30-jährige Krieg und alles, was damit zu tun hat, wird im Buch mit keinem Satz erwähnt, spielt in diesem Sinn auch gar keine Rolle.

Nur: Es ist die Begrenzung des Spielfelds, die ich mir aufgetan habe. Weil ich den Eindruck habe, dass vom Beginn des Krieges bis zur Gegenwart – ja, ich sag's mal bisschen flapsig – sind wir einmal rum: mit den politischen, mit den kulturellen, auch mit den politischen Momenten, die, wenn man so will, ein menschliches Kollektiv bezeichnen. Wir haben das durch."

Mit andern Worten: Nach der nächsten Runde, also in vierhundert Jahren, prognostiziert uns Reinhard Jirgl, sind wir alle tot. Wohl wahr. Aber er meint wirklich: alle. Und erklärt auch wieso. Am Ende des 21. Jahrhunderts haben die sogenannten Sonnenkriege - globale Kriege um die letzten Energieressourcen der Menschheit – das Unternehmen ESRA nach sich gezogen.

Ein paar Tausend Erdmenschen werden auf den Mars deportiert, um ihn für eine Besiedelung vorzubereiten. Acht Generationen werden in unterirdischen marsianischen Giftgasfabriken verheizt, bevor infolge falscher Computerberechnungen der rote Nachbarplanet explodiert und in zwei Teile zerbricht, wobei der eine Teil den Marsmond Phobos – rums - wie eine Billardkugel auf die Erde katapultiert.

"Das ist aber keine schlimme Fantasie von mir, sondern wenn sie den Mars nach dem Terraforming–Programm umgestalten wollen, das die NASA schon in den 1970er-Jahren entwickelt hat, indem sie eine Atmosphäre erzeugen dort, die auf reiner Giftgasproduktion, und zwar Milliarden Kubikmeter Giftgas sind für den Treibhauseffekt in die Marsatmosphäre einzubringen, dann müssen sie auch Arbeitsbedingungen wie in früheren Zeiten herstellen, das heißt also, ein Taylorismus der Dreckproduktion wäre das – und so werden dann entsprechend auch die Menschen behandelt, das eine zieht dann das andere nach sich."

Schluss, aus, Feierabend. Der Mensch hat sich im 25. Jahrhundert nach Christus abgeschafft: Dieses einzige Lebewesen, das die Fähigkeit besitzt, sich in seinem Denkorgan andere Welten zu entwerfen als die, deren natürlichem Lebensraum es als biologische und soziale Species angehört.

Solche künstlichen Welten werden seit Thomas Morus als Utopien bezeichnet: imaginäre Modelle optimierter Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens, die gern in die Zukunft oder in unerreichbare Räume des Universums wie die Sonne oder ferne Planeten verlegt werden - oder neuerdings auch gern als Dystopien: negative Zukunftsfiktionen aus dem Ruder gelaufener diktatorischer oder totalitärer Regime.

"Das Weltall ist voller Leben, bloß nicht voll menschlichem. Und ich glaube, diese Ahnung von Nietzsche damals, dass er glaubt und hofft, dass das menschliche Leben ein sehr sehr seltener Fall im Universum sei, wenn nicht der einzige, das scheint sich zu bestätigen heutzutage."

Die auf den Mars Deportierten waren zuvor einem human design unterzogen worden. Damit sie als Arbeitskräfte problemlos einsetzbar sind, war ihnen das Detumeszenz-Gen abgezüchtet worden, die Triebhaftigkeit. Durch einen genetischen Unfall verbreitete sich das mutierte Gen auch unter den Erdbewohnern.

Die Folge: eine apathische, autistische, asexuelle Bevölkerung ohne Renitenztrieb, die perfekte Untertanenpopulation, die in strikter separatistischer Friedhofsfriedlichkeit und "komfortabler Betäubung" unter der unsichtbaren Diktatur einer Telekommunikationstyrannis lebt. Statt des echten Himmels gibt es "Imagosphären", künstliche Himmel mit permanenten Sonnenuntergängen – der Untergang des Abendlandes als zartrote Permaillusion. Sex und Fortpflanzung sind abgeschafft.

"Nein, die Erdbevölkerung ist in sich in der Tat glücklich, diese halbe Kindlichkeit, diese befriedete Rentnerstimmung – die hat doch was für sich, find ich gegenüber diesem Radau und dieser Eisenwelt der anderen. Und nun kommt natürlich diese Marsdelegation und sieht, in welchem Zustand diese Leute sind und muss sie zu Arbeitskräften wieder umformen, mit diesen Leuten können sie nicht arbeiten, diese friedlich in die Luft starrenden Menschen, die sich an den Gestalten der künstlichen Sonne erfreuen, die müssen also genmäßig wieder umgebaut werden."

1988 gelang der britischen Autorin Margaret Atwood mit "Der Bericht der Magd" die eindrucksvolle Darstellung einer dystopischen, tyrannisch-fundamentalistischen Gesellschaft nach dem mythischen Modell des von Gott Jahwe verheißenen Landes Gilead, bekannt aus dem Buch Genesis des Alten Testaments. Reinhard Jirgls Vision bedient sich vergleichbarer Erzählmuster, zielt aber keineswegs wie bei Atwood, Arthur Charles Clark, Robert Silverberg oder Philip K. Dick – um nur die nächsten literarischen Artverwandten zu nennen - auf dystopische fantasy.

Seine Horrorvision eines digitalen planetarischen Imperialismus, ausgemalt in halsbrecherischen expressionistischen Wortkaskaden und derbzynischen Metaphern, bewegt sich in einem streng auskalkulierten geschichtsphilosophischen Denkmodell. Die Einführungskapitel mit dem Titel: Das Buch der Kommentare, typographisch und orthographisch in einer Art Politbüro-speech gehalten und von den anschaulicheren Erzählpassagen abgehoben, in denen vom Leben auf der Erde die Rede ist, zeigen den Blick der Marsianer auf die verschnarchten Erdlinge.

Das erste Buch, Die Toten, wird dramaturgisch mittels Zitaten aus dem Buch ESRA des Alten Testaments gegliedert und spielt auf der Erde, das zweite – Dersturm – auf dem Mond und dem Mars. Dem Leser werden die unterirdischen Sklavenfabriken auf dem Nachbarplaneten gezeigt. Er lernt etwas über menschliche Obsoleszenz, künstliche Erinnerungen, "morfologische Bücher", das Essen lebend gebratener Gänse, das Schlürfen von Hirn aus den geöffneten Schädeln lebender Kleinkinder, deren brechende Augen den Essenden anstarren.

Das alles ist mit sprachlicher Raffinesse meisterhaft konstruiert und reichlich gewürzt mit kalauerndem Humor und Kaltschnäuzigkeit. Das Babyhirnmenü endet zum Beispiel mit der lakonischen Bemerkung des Erzählers: "Genug Fleischliches für heute."

"All diese Dinge, die dort aufgezählt werden, sind im Prinzip Schilderungen von Menschen, die entweder in Konzentrationslagern, in Zwangsarbeitsstätten oder in diesen Bergwerken, die es ja heute noch gibt, irgendwelchen Diamantminen oder sonstigen Bergwerksorten, wo also unter unmenschlichen Sklavenbedingungen wie vor 3000 Jahren diese Leute verheizt werden. Es ist kaum was erfunden. "

So soll dem Leser mittels Spiegelmetaphern ein zyklisches Denken á la Leopold Ranke und Oswald Spengler schmackhaft gemacht werden, der düsteren Propheten jener ewigen Wiederkehr des Immergleichen, das auf einen gegenwärtig wieder modisch werdenden historischen Relativismus hinausläuft.

Zwischen dem Gründungsmythos des Volkes Israel, dem betlehemitischen Kindermord, dem jüdischen Holocaust des 20. Jahrhunderts und der genetischen Selektion von Arbeitssklaven im Rahmen einer digitalen Weltherrschaft rassistischer Technokraten sind dann nur noch graduelle Unterschiede auszumachen.

"Es ist ein Roman über den Kulturzyklus, könnte man sagen, auch den moralischen Zyklus, und nicht umsonst hab ich ja als Folie das Buch Esra aus der Bibel genommen. Für mich ist entscheidend, dass in einem kulturstiftenden Werk wie der Bibel, das sie ja ohne Zweifel ist, im Zentrum dieses Werkes steht die Sanktionierung eines Völkermords und die Durchführung."

Genau vier Romanfiguren - oder sollte man besser sagen: Spielpuppen - genügen Jirgl für die Ausstattung seiner fünfhundert Seiten mit dem menschlichen Faktor. Ein junger Mann, halb Erdling, halb Marsianer, dessen Geliebte und dessen Mutter und Vater. Doch die Probleme der Marsianer sind leider auch die Probleme dieses Romans: Die Ausschließung des "anthropozentrischen Faktors" zeitigt gewissermaßen einen Roman ohne Menschen, einen technizistischen Romanleviathan. Jirgls Vision ist ein gellender Aufschrei gegen das Unrecht in jeglicher Herrschaftsform – aber doch ein Aufschrei aus der konservativen Ecke all jener Gesellschaftstheoretiker, die uns neuerdings gern einreden wollen, persönlicher Ungehorsam, Widerstand, Bürgermut, Fantasie, humanitärer Fortschritt seien a priori Hirngespinste, Gutmenschendilettantismus und verlorene Liebesmüh gegen die zyklischen Untergänge des Abendlands.

Er lässt keine Hoffnung. Wozu aber ein Roman – und sei er noch so genial geschrieben - in dem der Mensch, wie ihn Antike, Humanismus und Aufklärung ethisch geformt haben, nicht mehr vorkommt, weil er ersetzt wird durch amorphe Fleisch-Blut-und Gewebeproben und digitale Hologramme von Menschen, um an ihnen das Jirglsche posthumanistische Privattheater der Grausamkeit abzuarbeiten?


Reinhard Jirgl: "Nichts von euch auf Erden".
Hanser Verlag, München 2013, 512 Seiten, 27,90 Euro

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