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StartseiteTag für TagDer missverstandene Gott15.10.2013

Der missverstandene Gott

Münsteraner Theologe Khorchide stellt jahrhundertelange islamische Tradition infrage

Kein anderer muslimischer Intellektueller in Deutschland polarisiert so sehr wie Mouhanad Khorchide. In seinem neuen Buch stellt er die These auf: Es irrt, wer die Scharia als Katalog von Ge- und Verboten sieht.

Von Jan Kuhlmann

Mouhanad Khorchide gilt als der Vertreter schlechthin für einen liberalen Islam. (WWU - privat)
Mouhanad Khorchide gilt als der Vertreter schlechthin für einen liberalen Islam. (WWU - privat)

Mouhanad Khorchide ist ein ungeduldiger Intellektueller. Innerhalb eines Jahres hat der Münsteraner Theologe zwei Bücher veröffentlicht, in denen er nichts weniger tut, als die jahrhundertealte islamische Tradition infrage zu stellen. Im ersten Band wandte er sich vor allem gegen das Bild eines strengen Herschergottes. Khorchide sieht Gott nicht als Diktator, der Gehorsam erwartet - sondern als Barmherzigen, der mit den Menschen in einer dialogischen Liebesbeziehung steht. Im neuen Werk denkt er dieses Gottesbild weiter - und stellt die Frage, welche Auswirkungen es auf die Scharia, das islamische Recht, hat:

"Heißt das, dass Scharia so verstanden wird als Ansammlung von Instruktionen, von Gesetzen? Oder, wenn es eine dialogische Beziehung (ist), dann geht es vielmehr um den Menschen. Und da versuche ich, diese - in Anführungszeichen - 'anthropologische Wende' im Islam zu begründen und zu zeigen: Gott geht es um den Menschen, nicht um sich selbst."

Für die Scharia hat dieser Ansatz weitreichende Konsequenzen. Meistens wird sie als juristisches System verstanden, das den Gläubigen genau vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben. Doch davon will Khorchide nichts wissen. Khorchide will auch keine Muslime, die blind den Instruktionen von Rechtsgelehrten folgen. Die Gläubigen sollen vielmehr frei von Bevormundung eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen. Die Scharia ist für Khorchide nichts anderes als der spirituelle Weg zu Gott. Er reduziert sie auf eine islamische Normenlehre, die den Rahmen vorgibt. Vor allem zwei Ziele strebt die Scharia bei Khorchide an: die Läuterung des eigenen Herzens und eine gerechte Gesellschaftsordnung.

"Die Frage, wie man das herstellt, ein geläutertes Herz oder eine gerechte Gesellschaftsordnung, da sagt der Koran sehr wenig dazu. Er macht keine Rezepte. Er sagt nur, jeder soll sich selbst reflektieren, an sich hart arbeiten, was der Prophet als den eigentlichen Dschihad bezeichnet hat. Und auf der anderen Seite: Jede Gesellschaft muss für sich überlegen, wie gestalten wir unsere gerechte Gesellschaftsordnung."

Lebenswirklichkeit hat großes Gewicht

In diesem Verständnis steht die Scharia nicht im Konflikt mit Rechtssystemen europäischer Prägung. Auch die Quellen der Scharia bewertet Khorchide anders als die islamische Tradition. Nach der klassischen Lesart gelten neben dem Koran vor allem die Hadithe, also die Worte und Taten des Propheten Muhammad, als wichtigste Grundlage. Doch Khorchide sieht die Hadithe äußerst skeptisch - schon allein, weil bei vielen Überlieferungen unklar ist, wie authentisch sie sind.

Stattdessen gibt der Münsteraner Theologe der Lebenswirklichkeit der Menschen ein viel größeres Gewicht: Normgebend sind für ihn auch die menschlichen Interessen, solange sie nicht eindeutigen islamischen Grundsätzen widersprechen. Khorchide betont dabei die Vernunft des Menschen. Für ihn ist die Scharia nichts Starres, was vom Himmel gefallen ist - sondern etwas sehr Dynamisches. Ohne dabei beliebig zu sein, wie er im Buch schreibt:

"Die Dynamik der Scharia bedeutet keineswegs Beliebigkeit, denn neben der unveränderten Form religiöser Rituale steht Scharia für allgemeine Prinzipien, deren Gültigkeit kontextunabhängig bleiben muss. Das sind unter anderem Prinzipien der Gerechtigkeit, der Unantastbarkeit menschlicher Würde, der Freiheit, der Gleichheit und der sozialen Verantwortung. All diese religiösen Rituale und Prinzipien münden in dem höchsten, dem eigentlichen Ziel: die Aufnahme in die Gottesgemeinschaft."

Als vor einem Jahr Khorchides erster Band "Islam ist Barmherzigkeit" erschien, gab es scharfe Kritik aus konservativen Kreisen. Aus manchen Reaktionen war der Vorwurf herauszulesen, der Theologe sei vom wahren Islam abgefallen. Solche Angriffe erklären, warum Khorchides neues Buch in manchen Teilen emotional ist - so als hätte er es mit Wut geschrieben. Ein ganzes Kapitel widmet er etwa den Salafisten - jenen Muslimen, die ein rückwärtsgewandtes und streng puritanisches Islamverständnis haben. Solche Züge erkennt Khorchide mittlerweile auch in gemäßigteren Kreisen:

"Ich bin öfters sehr erstaunt und schockiert, wenn wir dieses Gedankengut bei normalen Muslimen finden. Vor allem diese Tendenz, schnell Muslimen ihren Glauben abzusprechen, wenn sie anderer Meinung sind. Ich vermisse öfters in bestimmten Kreisen von Muslimen die sachliche Auseinandersetzung mit dem Gedanken. Dass man nicht versucht, mit Argumenten zu diskutieren und Argumente mit Gegenargumenten zu widerlegen, sondern schnell (sagt): Das ist unislamisch. Oder diese oder jene Meinung, wenn man sie vertritt, ist man vom Islam abgefallen."

Schmähung als "Guru der Barmherzigkeitssekte"

Die Debatte über das neue Buch dürfte kaum sachlicher geführt werden. In den sozialen Medien des Internets kursieren bereits spöttische Kommentare. "Oberflächlich" und "banal" sei Khorchides neues Buch, heißt es. An anderer Stelle wird der Theologe als "Guru der Barmherzigkeitssekte" verschmäht.

Kritisch diskutiert werden kann sicherlich Khorchides Ansatz, den Koran an einigen Stellen sehr frei und ganz im Sinne seiner eigenen Theologie zu übersetzen. Wo andere Übersetzer das arabische Wort "Wadschl" beispielsweise mit "Furcht" oder "Angst" ins Deutsche übertragen haben, schreibt Khorchide von "Demut" - für ihn lediglich eine Anpassung an die heutigen Zeiten.

"Der Koran verwendet eine starke Bildsprache für die Menschen im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel. Begriffe, die abstrakt sind, wie Gewissen oder Menschenwürde, so wie wir sie heute verwenden, kommen nicht vor im Koran. Was nicht heißt, dass die Inhalte, die gemeint sind, nicht vorkommen. Ich versuche, den Koran in unseren heutigen Termini zu verstehen, also nicht wortwörtlich zu übersetzen, sondern die Bedeutung zu übersetzen. Im Sinne von: Welche Termini würde der Koran heute verwenden, würde er heute verkündet werden."

Seine Kritiker dürfte diese Erklärung kaum besänftigen. Auch anderes an dem Buch mag man bemängeln - einige Redundanzen etwa. Oder der manchmal pastorale Tonfall. Dennoch - für den neuen Band gilt dasselbe wie für den Ersten: Es ist ein pointiertes und äußerst wichtiges Buch. Denn Khorchide entwirft eine Theologie, die nichts als gegeben hinnimmt, sondern nach bester kritischer Tradition vieles infrage stellt. Das Buch ist ein Debattenbeitrag zu der Frage, wie ein Islam aussehen kann, der in und von Deutschland geprägt ist.

Manche Aufregung über seine Thesen ist im Übrigen allein deshalb übertrieben, weil vieles gar nicht so neu ist. Im Gegenteil: Bei Khorchide finden sich zahlreiche Gedanken, die muslimische Reformdenker in den vergangenen 150 Jahren bereits vorgetragen haben - Gedanken, die vielen Muslimen auch in Deutschland aus der Seele sprechen dürften.


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