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Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteInterviewDer Name als Programm14.03.2013

Der Name als Programm

Bischof von Trier: Franziskus steht für Zuwendung zu den Armen

"Die Namensgebung ist natürlich ein starkes Signal", meint Stephan Ackermann, Bischof von Trier, denn Franziskus habe in einer kritischen Zeit der Kirche gelebt. Die Tatsache, dass er sich mit seinem Namen nicht in die Reihe mit anderen Päpsten stelle, sei eine Besonderheit.

Stephan Ackermann im Gespräch mit Jasper Barenberg

Franziskus I. ist Jesuit. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Franziskus I. ist Jesuit. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Jasper Barenberg: Schon der erste Moment in der Öffentlichkeit bietet eine Überraschung. Als Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum ersten Mal als Papst Franziskus auf den Mittelbalkon des Petersdoms und vor die wartenden Menschen tritt, trägt er ein schlichtes weißes Gewand. Der pelzbesetzte Umhang fehlt. Das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken wirkt bescheiden, gibt sich zurückgenommen. – Am Telefon begrüße ich den Bischof von Trier. Guten Morgen, Stephan Ackermann.

Stephan Ackermann: Guten Morgen, Herr Barenberg!

Barenberg: Herr Bischof, die zurückhaltende Art des neuen Papstes bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, seine Bescheidenheit, das ist seit gestern Abend ja oft betont worden. Es wird viel darüber geredet. In dieser schlichten weißen Soutane, in der Franziskus gestern auf den Balkon getreten ist, hat das für Sie eine symbolische Bedeutung, ist das eine bewusst gewählte Geste und wie deuten Sie sie?

Ackermann: Also man muss es sicher abwarten, wie man das genau zu verstehen hat. Aber es war sicher doch auch ein Zeichen. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass ich zunächst einmal einfach auch in Anspannung war, in Erwartung, wer wird der neue Papst sein, so dass ich ehrlich sagen muss von mir hier: Ich habe gar nicht so sehr darauf geachtet, was hat er jetzt genau an. Aber ich glaube, man hat in der Haltung, im Ausdruck und auch in der Zuwendung zu der Menge auf dem Petersplatz schon gemerkt, wie zurückhaltend auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch herzlich er reagiert hat.

Barenberg: Zurückhaltung, Bescheidenheit, Zurückgenommenheit auf der einen Seite und eine klare Überzeugung, eine Art Zugehen auf die Gläubigen, sind das die beiden Signale, die Sie aus diesem ersten Auftritt mitnehmen?

Ackermann: Das würde ich so sagen. Ich glaube, die Namensgebung ist natürlich ein starkes Signal, stärker als sozusagen die ersten Bilder auch dessen, was er trägt als Papstkleidung. Den Namen Franziskus sich zu geben, das ist doch ein Einschnitt, Franziskus I. Er stellt sich nicht in eine Reihe von Päpsten, die bereits diesen Namen getragen haben. Das ist so das eine, und das zweite, das hat mich sehr berührt, dass er sagt: bevor ich euch segne, wie es traditionellerweise üblich ist mit dem ersten Segen als Papst, bitte ich aber um eine Stille des Gebetes, dass ihr besonders bittet um den Segen für mich. Das Volk Gottes, das Gottes Segen auf den neuen Amtsträger herab bittet, das ist, meine ich, schon eine sehr, sehr ausdrucksstarke Geste.

Barenberg: Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Namensgebung Franziskus, ein Bruch mit der Tradition der päpstlichen Namensgebung der gesamten letzten Jahrhunderte. Was lesen Sie daraus, dass dieser Papst sich diesen Namen Franziskus gibt?

Stephan Ackermann, Bischof von Trier, die linke, geöffnete Hand zu einer Geste erhoben. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen) Ackermann: Ja das ist natürlich schon etwas besonderes zu sagen, ich wähle den Namen Franziskus, jemand, der ja nun auch in einer kritischen Zeit der Kirche gelebt hat. Franziskus, der jetzt nun wahrhaftig nicht für eine triumphale Kirche steht, sondern im Gegenteil besonders in seiner Spiritualität die Armut betont, auf der anderen Seite die Kirche durch sein Charisma stützen wollte. Es gibt ja die berühmte Vision, den berühmten Traum des Franziskus, wo er den schwankenden Lateran, die Papstkirche sieht und sich gerufen sieht, diese Kirche zu stützen. Und dann ist es natürlich immer eine Zuwendung zu den Armen selber, nicht nur abstrakt ein Blick auf die Armut und die Verbundenheit mit der Schöpfung und dem Schöpfer. Also zu sagen, ich wähle als erster diesen Namen, das ist, meine ich, wirklich Programm.

Barenberg: Ich lese daraus, dass Sie das so interpretieren, dass es zum einen eine Hinwendung zu den Gläubigen ist und zum anderen eben so etwas wie ein Anspruch, dass er sich die Bewahrung der Schöpfung geradezu zum Motto seiner Papstzeit macht?

Ackermann: Ja, das wird sicher so sein. Der Schritt, jetzt einen lateinamerikanischen Bischof, Kardinal zum Papst zu wählen, ist ein Zeichen, das das Kardinalskollegium ja auch damit gibt, also jemand, der sicher für die Fragen der sozialen Gerechtigkeit eine hohe Sensibilität hat, auf andere Weise noch mal als wir in Europa damit tagtäglich konfrontiert ist. Und wenn Sie an die ganzen Fragen der Globalisierung denken, wie leben wir, wie wollen wir künftig in der einen Welt leben und so leben, dass auch künftige Generationen auf dieser Welt, die uns nach dem Glauben von Gott geschenkt ist, dem Schöpfer, wie wollen wir da gut leben, verantwortlich, dann ist das sicher ein Programm, das mit hinein gehört.

Barenberg: Was bringt denn ein Papst aus Lateinamerika, der erste in der Geschichte? Was bringt er an Religiosität, vielleicht an anderer Religiosität mit, als wir sie hier in Europa kennen?

Ackermann: Wenn ich das richtig sehe, von den biographischen Notizen des neuen Papstes Franziskus her – denn ich muss ehrlich sagen: Ich bin ihm selber persönlich noch nie begegnet, für mich war das gestern Abend auch eine große Überraschung -, dann sieht man aber in seiner Biografie: Er ist Lateinamerikaner, zugleich ist er Ordensmann, er ist Jesuit, und die Tradition der Jesuiten steht natürlich auch für eine hohe Intellektualität. Er hat vor seinem Theologiestudium ein Chemiestudium absolviert. Er hat hier in Europa, das heißt auch in Deutschland studiert. Das heißt, er ist sicher jemand, der auch die beiden großen Kulturkreise, Lateinamerika und Europa, gut kennt. Trotzdem, glaube ich, ist ja, so wie ich das bisher kennen lernen durfte im Kontakt mit Mitbrüdern aus Lateinamerika, das besondere auf der einen Seite eine Volksfrömmigkeit, also eine sehr stark auch in der Tradition verwurzelte Spiritualität auf der einen Seite, und auf der anderen Seite eine hohe Sensibilität für Fragen des Sozialen, der Gerechtigkeit, auch natürlich des Politischen. Das wird man allerdings erst mal sehen müssen. Aber ich glaube, diese Mischung traditioneller Frömmigkeit, der Intellektualität eines Jesuiten und die Frage des Sozialen, die Aufmerksamkeit dafür, das sind wahrscheinlich Punkte, die auch das Pontifikat dann prägen werden.

Barenberg: Bischof Ackermann, es sind viele Erwartungen formuliert worden an den nächsten Papst. Es sind viele Probleme skizziert worden, mit denen die Katholische Kirche zu kämpfen hat. Was wünschen Sie sich als erste Schritte im nächsten Pontifikat?

Ackermann: Ich glaube, dass es uns hier in Europa gut tut, wenn der Blick nicht sozusagen zu stark eurozentrisch ist – mit all den Fragen. Das ist natürlich einmal immer auch hier die Frage der Theologie, die Auseinandersetzungen, die wir dort kennen, die theologischen Fragen, die anstehen, auch um die Frage des Amtes, des Priesteramtes. Das sind wichtige Fragen. Aber manchmal sind wir ja auch hier in der Gefahr, zu sehr auf uns zu schauen. Also dass er den Horizont uns auch weitet und deutlich macht, es ist die eine Kirche und sie hat einen Auftrag auch in dieser Welt, wir wollen diesen Auftrag wahrnehmen, nicht in einer irgendwie aggressiven Weise kämpferisch, auf der anderen Seite doch das durchzuführen, was das Konzil genannt hat, Kirche als Sakrament, das heißt als Werkzeug auch für die Menschheit, das wäre so ein Wunsch, dass das jetzt auch durch die Person von Papst Franziskus aufleuchtet. Das andere sind die Dinge auch sozusagen der kirchlichen Verwaltung, des Zueinander von Rom als Zentrale und den Ortskirchen, das heißt den Bistümern vor Ort. Jemand, der Kardinal einer großen Diözese war, also Oberhaupt einer Ortskirche, von daher auch den Kontakt mit Rom kennt, auch die Grenzen, auch die Schwierigkeiten, die es da gibt, da habe ich die Hoffnung, dass er auch eine Sensibilität dafür hat, dass eben nicht Weltkirche identisch ist mit Rom und der Zentrale.

Barenberg: Der Bischof von Trier heute Morgen im Deutschlandfunk. Vielen Dank, Stephan Ackermann, für dieses Gespräch.

Ackermann: Ich danke auch, Herr Barenberg.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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