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StartseiteBüchermarktDer neue Høeg07.06.2006

Der neue Høeg

Der dänische Erfolgsautor hat nach zehn Jahren wieder einen Roman geschrieben

Dass Peter Høeg eines Tages noch einmal einen neuen Roman schreiben und dann aus diesem öffentlich vorlesen würde, diese Hoffnung wohl hatten die meisten bereits aufgegeben. Zehn Jahre ist es her, dass Høegs letzter Roman in Dänemark erschien. Seither war er der Öffentlichkeit gänzlich entflohen. Selbst im kleinen Dänemark wussten nur wenige, wo er sich aufhielt.

Von Marc-Christoph Wagner

Julia Ormond in der Verfilmung von  "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (AP Archiv)
Julia Ormond in der Verfilmung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (AP Archiv)

So war es bereits eine kleine Sensation, als die schwedische Boulevardzeitung Expressen im vergangenen August titelte, Peter Høeg habe ein neues Buch geschrieben. Die junge Journalistin Natalia Kazmierska hatte sich auf die Suche nach dem dänischen Erfolgsschriftsteller begeben und ihn schließlich in einem kleinen Dorf in Jütland gefunden. Plötzlich stand dieser vor ihr in der Tür - freundlich und offenbar längst nicht so scheu, wie es immer wieder über ihn heißt:

" Ich habe ihm gesagt, ich wolle mich nicht aufdrängen und könne wieder gehen, wenn er das wolle - ich habe von Beginn an mit offenen Karten gespielt. Doch er bat mich zu sich herein und wirkte dabei ganz entspannt, ja er war sich durchaus bewusst, was für ein Image er hat und welch sensationelle Neuigkeit es sein würde, dass er ein neues Buch geschrieben hat. Ich war ganz verwundert, dass er mir das erzählte - die ganze Welt würde sich dafür interessieren, dass er nach zehn Jahren wieder ein Buch veröffentlichen würde. "

Am vergangenen Freitag nun war es so weit - "Den stille pige, Das stille Mädchen" kam in die Buchhandlungen - 411 Seiten dick, geheftet, 349,- Kronen teuer, umgerechnet rund 47 Euro, keineswegs ungewöhnlich für dänische Verhältnisse. Er sei ein langsamer Mensch, antwortet Peter Høeg auf die Frage, warum zehn Jahre seit seiner letzten Veröffentlichung vergingen. Auch habe er eine Scheidung hinter sich, die ihn viel Kraft gekostet hätte.

" Ich habe eine gewisse Routine, einen geregelten Arbeitstag, dem ich folge. Doch aus vielen, auch mir nicht gänzlich ersichtlichen Gründen hat es lange Zeit gedauert, bis ich Seiten geschrieben habe, von denen ich meinte, dass man sie gebrauchen konnte. Wenn ich zehn Jahre lang Steine gestapelt hätte, dann läge heute sicherlich ein großer Berg vor mir. Doch so ist es ja nicht mit Büchern, zumindest nicht mit diesem. Das, was Zeit in Anspruch genommen hat, war, einen Sinneszustand zu erreichen, in dem ich Seiten schreiben konnte, die sich für das Buch verwenden ließen. Und das hat sehr lange Zeit gedauert. "

Zwischenzeitlich hatte Høeg gar daran gedacht, mit dem Schreiben gänzlich aufzuhören. Ein halbes Jahr lang widmete er sich anderen Dingen, dann zog es ihn an den Schreibtisch zurück:

" Mit dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit konnte ich gut umgehen, das hat mich nicht belastet. Die Selbstzweifel kamen als ich Seite um Seite schrieb, die ich dann wieder verwarf. Kreative Prozesse lassen sich nicht steuern und schon gar nicht forcieren. Für einen Schriftsteller aber bedeuten diese eben das Dasein, ja die eigene Identität ist mit dem Schreiben verbunden. Aber manchmal passiert das ja - irgendwo im Universum wird ein Stecker gezogen und dann ist es mit dem Schreiben, mit der Kreativität einfach vorbei. "

Auf den ersten Blick hat der neue Roman Peter Høegs gewisse Ähnlichkeiten mit seinem Welterfolg "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". Ging es seinerzeit um den Tod eines Kindes, so wird diesmal ein kleines Mädchen entführt. Und auch die Hauptperson, Kasper Krone, der sich auf die Suche nach der Verschollenen begibt, verfügt über besondere Eigenschaften - aus Smillas Gespür für Schnee wird hier ein phänomenales Gehör, das selbst die Charaktereigenschaften einer Person erlauschen kann.

" Meines Erachtens kann man Bücher mit Simulatoren vergleichen, wie sie bei der Piloten-Ausbildung benutzt werden. Bücher sind sprachliche Simulatoren, die die Wirklichkeit manipulieren. Welchen Teil der Wirklichkeit sie manipulieren, das ist eine komplexe Frage, von der gar nicht einmal gesagt ist, dass der Autor selbst sie beantworten kann. Was mich jedoch beschäftigt, das ist meine Überzeugung, dass es andere Möglichkeiten gibt, in der Wirklichkeit zu stehen - unser Bewusstsein, unsere Sinne, unser Herz können anders funktionieren als sie es normalerweise tun. Womit ich im vorliegenden Buch unter anderem spiele, ist die Frage, ob ich eine Wahrnehmung unserer Wirklichkeit simulieren kann, die das Normale überschreitet. Ich sage nicht, dass mir dies gelungen ist, aber genau das habe ich mit dem Gehör von Kasper Krone versucht. Sein Gehör ist derart verfeinert, dass es den Rahmen unserer Normalwahrnehmung permanent durchbricht. "

Schon vor dem Welterfolg von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" lebte Høeg ein zurückgezogenes Leben, ohne Telefon und Fernsehen, und widmete sich Meditation und spirituellem Training. Diese Praxis, erzählt Høeg, habe er in den vergangenen Jahren intensiviert, ja zeitweise in einem Zentrum des bekannten dänischen Tiefenpsychologen Jes Bertelsen gelebt. Eine ins Auge fallende Parallele zur Hauptperson des neuen Romans Kasper Krone, meinen viele Rezensenten. Überhaupt sei das Buch überladen mit metaphysischen Motiven, die immer wieder von der eigentlichen Handlung wegführten. Vorwürfe, er wolle seine Leser missionieren und zu spiritueller Vertiefung anhalten, aber weist Peter Høeg zurück. Auch sei "Das stille Mädchen" keine Kritik der westlichen Zivilisation aus religiöser Warte:

" Das hört sich ja fast gefährlich an, als ob man beim Schreiben ein Programm hätte. Was ich möchte, ist eine Geschichte zu erzählen. Ich möchte dem Leser gegenübersitzen - denn obwohl der Leser mir nicht physisch nahe ist, ist er ja dennoch die ganze Zeit zugegen, möchte das Buch aufschlagen und sagen, es war einmal ein Zirkusartist namens Kasper Krone. Genau in diesem Moment erhalte ich die Aufmerksamkeit des Lesers und wir beide werden von etwas durchströmt, das größer ist als wir. Das ist es, was ich möchte. Hätte ich ein Programm, egal ob religiös, politisch oder emanzipatorisch, dann ginge genau dieses verloren - der Leser wird skeptisch und sieht in mir plötzlich einen Agitator. Natürlich habe auch ich ein Privatleben, in dem ich unter anderem spirituelles Training praktiziere, doch das ist nicht das zentrale. Das entscheidende ist der Kontakt zwischen zwei Menschen und die Geschichte, die sich zwischen ihnen entfaltet. "

Doch genau diese Geschichte ist das Problem, finden zumindest die meisten dänischen Rezensenten, von denen viele die Sperrfrist des Buches ignorierten und dieses schon Tage vor seinem Erscheinen besprachen. Auch die Tageszeitung Berlingske Tidende zeigte sich enttäuscht. Høegs Buch enthalte grundlegende Fehler, schrieb der renommierte Literaturkritiker Jens Andersen, dessen eigene hochgelobte Hans-Christian-Andersen-Biographie im vergangenen Jahr ins Deutsche übersetzt wurde. Über weite Strecken etwa sei für den Leser nicht erkennbar, wer sich mit wem unterhalte:

" Es ist ein Buch, dessen Handlung völlig undurchsichtig ist, bei dem man nicht weiß, worum es geht. Schauen Sie, das Buch ist wie ein traditioneller Thriller aufgebaut und da müssten wir auf den ersten 50, 70 Seiten schon ein Gefühl davon bekommen, worum es in dem Buch überhaupt geht - und nicht erst auf Seite 300. Bis zum Ende des Buches gibt es so viele Rätsel, die auch dann nicht faszinierend sind, wenn sie gelöst werden. Die zweite, vielleicht sogar schlimmste Sache aber ist: Høegs Talent, Menschen zu schildern, war noch nie so transparent. Die Figuren in diesem Buch sind durch und durch nichtssagend. Sie sind eindimensional und flach und betreten und verlassen die Szene wie in einem Puppentheater - sie sind ohne Fleisch und Blut, Münder, die mit Zitaten vollgestopft sind. Und das macht das ganze zu einem so merkwürdigen, geistlosen, ja langweiligem Buch. "

Auch Marianne Ping Huang von der linksliberalen Tageszeitung Information fand die Lektüre des "Stillen Mädchens" ermüdend. Die Parallelen zu "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" seien offensichtlich. Allein sei das Buch ein schlechter Abklatsch - die Erzählung komme nie in Schwung und sei durch und durch verdacht.

" Das Buch hat nur einen Hauch von Smilla. Es beinhaltet ähnliche Mechanismen - eine bisschen Science Fiktion, eine Kriminalgeschichte. Ja, und ein wenig erinnert es auch an Dan Browns Sakrileg und dessen metaphysisches Motiv des ewig Weiblichen. In Peter Høegs Roman hätte dies ein Erzählstrang unter anderen werden können. Statt dessen wird der Leser damit förmlich erschlagen. "

Einen deutlich besseren Eindruck vom Buch erhielt Svend Skriver vom Kristeligt Dagblad. Peter Høeg habe einmal mehr bewiesen, dass er sein Handwerk beherrsche. Vor allem die allmähliche Kulmination der Geschichte mache deutlich, dass es sich hier um einen begabten Autor handele. Begabt, aber eben nicht begnadet! Denn, so Skriver, die Erwartungen an den 49-Jährigen seitens der Öffentlichkeit und der Kritik seien schlicht und ergreifend zu hoch:

" Ich denke, hier hat sich ein Missverständnis festgesetzt. Nach dem internationalen Erfolg von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" wurde er auf einer Ebene mit Karen Blixen und Hans Christian Andersen angesiedelt. Dort aber gehört er nicht hin, und eben diese Tatsache verlieren viele Rezensenten aus den Augen. Peter Høeg war noch nie auf einer Ebene mit Karen Blixen, und trotzdem ist er ein interessanter Schriftsteller. "

Doch eben daran hat Jens Andersen von Berlingske Tidende inzwischen so seine Zweifel. Für ihn bedeutet "Das stille Mädchen" den endgültigen Abschied vom Mythos Peter Høeg - ein Abschied, den der Autor sich und der Öffentlichkeit hätte ersparen sollen:

" Es herrscht kein Zweifel, dass sich dieses Buch verkaufen wird. Viele Høeg-Fans, die seine früheren Bücher geliebt haben, werden dieses Buch lesen müssen, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Aber ich bin auch überzeugt, dass sehr, sehr viele Leser enttäuscht sein und nach 50, 100 Seiten aufgeben werden. Eben deshalb wird das Buch auf längere Sicht kein großer Erfolg werden. Und eben deshalb stelle ich mir die Frage, wie sich das Buch international verkaufen wird. Es mag ja sein, dass die ausländischen Verlage derzeit Schlange stehen, aber bislang haben wir hier in Dänemark noch von niemandem gehört, der die Rechte tatsächlich gekauft hat und das Buch übersetzt. Ich denke, auch im Ausland wird man sich wundern, was aus dem alten Peter Høeg geworden ist. "

Ob alt oder neu - jedenfalls wird Peter Høeg, nach dem Interview-Marathon der vergangenen Wochen, dem Licht der Öffentlichkeit nun wohl wieder entschwinden. Ob permanent oder nur für einige Zeit, das wird sich zeigen:

" Als ich so um die dreißig war, fühlte ich, dass ich drei Dinge im Leben ordentlich machen und mich eben deshalb auf diese drei Dinge beschränken wollte: Ich wollte mich denjenigen Menschen widmen, die mir nahe sind - Kinder, Eltern, enge Freunde, für sie wollte ich da sein. Und dann wollte ich mich auf mein spirituelles Training konzentrieren und versuchen, eine höhere Ebene des Nahseins und der Freundlichkeit zu erreichen. Und drittens wollte ich diejenigen Bücher, die ich nun einmal in mir habe, schreiben - und dies auf eine ordentliche Art und Weise. Diese Dinge sind für mich entscheidend. Und nicht, dass ich selbst permanent im Lichte der Öffentlichkeit stehe. "

Peter Høeg: Den stille pige
Rosinante, Kopenhagen 2006, 411 Seiten, Dkr. 349,-.

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