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StartseiteBüchermarktDer neue "Palmbaum"09.07.2002

Der neue "Palmbaum"

Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen., Heft Nr. 1/2002

Zeitschriften in den neuen Bundesländern ersetzen gelegentlich die Abwesenheit wichtiger literarischer Verlage. Das gilt auch für Thüringen. Gerade erschien ein neues Exemplar des führenden literarischen Periodikums dort, sein Name: Palmbaum. Herausgegeben von einer Thüringischen Literaturhistorischen Gesellschaft. Initiator Detlef Ignasiak, promovierter Germanist, der nicht mehr an der Universität weilt. In dem Heft veröffentlichen zahlreiche Germanisten, die einmal mit der Friedrich -Schiller- Universität Jena liiert waren. Die Gründe ihres Ausscheidens sind verschieden. Das Heft lebt von ihrem Wissen und sucht nach Formen, es für nicht nur akademische Kreise aufzubereiten. Hinter dem "Palmbaum" steht der Quartus-Verlag. Vier, fünf profilierte Kleinverlage machen Jena zur heimlichen Verlagshauptstadt Thüringens. Leider hat man außerhalb des Landes davon noch nicht viel bemerkt. Der "Palmbaum" profilierte sich wie "Ostragehege" und "Signum" aus Dresden als interessante deutschsprachige Zeitschrift. Ein Mix aus Literaturgeschichte und neuer Literatur unter dem Blickwinkel ostdeutscher Erfahrungen; der würde allerdings bald zu eng werden. So will auch das neue Heft sich nicht auf eine landsmannschaftliche Provinz festlegen lassen. Natürlich kann man es einfach als Ansammlung von literarischen Texten und Essais betrachten. Da wäre in dieser Ausgabe vor allem der Auszug aus dem Poem des Autors Horst Samson zu würdigen:

Lutz Rathenow

Im Namen des Apfels spreche ich / Uns schuldig. Wir schätzen ihn gering./ Er aber rührte uns aus dem Garten/ Der ewig gleichgestellten Uhren, / Würde Schiller sagen. Wir wissen nicht wie / Uns geschah, nur verführbar / Sind wir immer. Auf zehn Seiten werden Teile einer Arbeit präsentiert, an der Samson seit zwei Jahrzehnten sitzt und die so schnell nicht beendet sein wird. Welche Rolle spielt es, dass er aus Rumänien kommt? Was für eine, dass er seit langem Zeitungsredakteur ist? Ist er gerade deshalb gegen die Verführung immun, rasch produzieren und veröffentlichen zu müssen. Die jetzt in Weimar lebende Gisela Kraft steuert einen Essay über den "Islam und das einfache Leben" bei. Eine Thüringer Provinz sucht ihren Ort in der literarischen Welt. Das gilt für zwei Rezensionen zu Büchern des vor kurzem verstorbenen Autors Harald Gerlach. Und auch der von Wulf Kirsten vorgestellte Dichter Walter Werner wäre sicher außerhalb des Freistaates eher noch zu entdecken.

Hubert Schirneck erschrieb sich mit Kinderbüchern und Rundfunkgeschichten schon kleine Erfolge. Eine parabelhafte Geschichte von ihm beginnt sehr anschaulich: "Ich jubelte. Ich tanzte vor Freude. Ich war ein Glückspilz, von den Göttern begünstigt, von Schutzmännchen behutsam geführt. Ein Auftrag von höchster Stelle! Das hieß, ich würde so viel Geld bekommen, dass ich bis an mein fernes Ende von Sorgen befreit sein würde..." Darf man da noch an die DDR denken? Oder fallen einem aktuelle Sehnsüchte eines permanent unterbezahlten freien Autors ein? Es sind solche Irritationen, die den "Palmbaum" reizvoll machen.

Im Zentrum des neuen Heftes steht ein literarischer Kanon, den Detlef Ignasiak entworfen hat. Ignasiak erinnert auch an die stärkere Besinnung auf eigene Traditionen in Polen und Frankreich. Im Kontrast zu den englischsprechenden Staaten. Man könnte den Kanon als Versuch interpretieren, eine europäische Zukunft für die deutsche Literatur zu entwerfen. Mehrere der Palmbaum-Autoren standen und stehen Sozialismusgedanken nahe. Spannend wird es immer wieder im Heft, wenn eher links geprägte Autoren zu Gedanken und Positionen kommen, die man als aufgeklärtes konservatives Denken bezeichnen kann. Es spricht da eine auf ganz spezielle Weise verarbeitete DDR-Erfahrung. Das gilt wiederum besonders für den Kanon des Herausgebers und seine Begründungen. Zum Beispiel auch in seinem Verzicht auf literarische Zwischenformen. Neu dürfte das Selbstbewusstsein sein, mit dem solch ein Kanon präsentiert wird. Auf spektakuläre Effekte legt er keinen Wert. Die Solidität und die Bevorzugung älterer Literatur nimmt gegen zu rasch wechselnde Moden des Literaturbetriebs Stellung. Die Auswahl insgesamt scheint plausibel. Trotz des Verzichts auf die Lyriker Erich Arendt, Reiner Kunze und Ernst Meister. Wer im tiefen Westen gesamtdeutsche Verganenheit und ostdeutsche Gegenwart besser verstehen will, sollte zu diesem Gewächs aus Papier greifen. Und wer nur einige intelligente und manchmal unterhaltsame Texte lesen möchte, der auch.

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