Kultur heute / Archiv /

 

Der neue Wilde aus Frankreich

Olivier Dubois' Choreografie "Revolution" beim Holland Festival in Amsterdam

Von Wiebke Hüster

Olivier Dubois' Arrangement charismatischer Tänzerinnen ist ein faszinierendes Experiment. Es hat wenig von der klassischen Inszenierung: Tänzerinnen in schwarzen Miniröcken schreiten im Uhrzeigersinn nach Taktschlag um ihre Stange herum. Alles in einer Revolution, alles hängt davon ab, wie viele Kraft, Mut, Intelligenz wir zu investieren vermögen.

Ein männlicher Choreograf, vierzig Jahre alt, engagiert zwölf sehr unterschiedliche Tänzerinnen und stellt sie an die aus Nachtklubs wie dem Badaboum bekannten Poles - senkrechte, in Boden und Decke befestigte Stangen. Er nimmt dazu Maurice Ravels bekannteste Musik, die vielleicht nervenzerreißendste Komposition des 20. Jahrhunderts, den "Boléro", und vervielfältigt ihre Bestandteile dergestalt, dass die Musik zwei Stunden und fünfzehn Minuten braucht bis zum erlösenden finalen Insichzusammenfallen. Dann nennt er das Stück auch noch "Revolution" - aber: ein Provokateur sei er nicht, sagt der 1972 geborene französische Tänzer und Choreograf Olivier Dubois. Das sei ja auch eine dämliche Strategie, denn sicher könne man darauf setzen, das Publikum von heute zu provozieren und vielleicht würde das funktionieren, aber schon morgen könne, was heute schockiere, nur noch ein Gähnen hervorrufen.

Im Amsterdamer Bellevue-Theater fühlen sich an diesem Abend dennoch ein gutes Dutzend Zuschauer nicht willens und in der Lage, Dubois' Arrangement charismatischer Tänzerinnen zwei Stunden zu folgen. Dabei ist, wozu er einlädt, ein faszinierendes Experiment. In der ersten halben Stunde schreiten die Tänzerinnen in Einklang mit den Zählzeiten des Bolero-Schlagwerks nur im Uhrzeigersinn um ihre Stangen herum, wobei ihre Körper räumlich exakt gleich ausgerichtet sind. Minimale Variationen ergeben sich, wenn einige der gleichmäßig über Bühnenraum verteilten Frauen das Schritttempo - sechs Schritte sind ein voller Kreis - halbieren. Olivier Dubois:

"Das ist nicht die ewige Rückkehr zum Nullpunkt, da findet eine Aufladung statt. Mit jeder Umdrehung lädt sich das stärker auf, es ist nie eine Wiederholung, es schreitet voran auch musikalisch. Ich habe den Tänzerinnen während der Arbeit immer wieder gesagt, ihr lauft nicht im Kreis, ihr schreitet voran."

Immer schwacher wird der Widerstand des Publikums gegen den Sog dieser meditativen Übung. Je länger man umsonst auf den Einsatz der Melodie wartet, desto williger überlässt man sich dem rhythmischen Treiben und vertieft sich in die Betrachtung der einzelnen Frauen. Was man entdeckt? Eine überraschende Befreiung des Empfindens, eine die Neugier befriedigende Möglichkeit, feinste Unterschiede zu beobachten, Favoritinnen auszumachen, zu ergründen, was ihr Ausdruck, ihr stolzer Gang, ihre unerschütterliche Energie, ihr durch keinen Schwindel irritierter Wille bedeuten. Olivier Dubois:

"Das Modell ist die kopernikanische Revolution - das heißt, die Planeten drehen sich um sich selbst und ziehen doch auf ihrer Bahn voran. Man ist nie am selben Punkt, es ist immer schon etwas passiert. Und plötzlich kommt ein anderer Schritt - und noch einer. Und musikalisch wird das Geschehen auf der Bühne zusätzlich informiert, auch durch das Licht, die Musik, das Licht, meine Augen meine Ohren sagen mir, dass ich voranschreite. Es ist ein Marsch nach vorne, eine Transversale, ich möchte beinahe sagen, ein transhistorischer Marsch."

Man schaut zu, man schweift ab, man glaubt, man hält das nicht durch, man fühlt sich verpflichtet gegenüber den fantastischen Tänzerinnen, nicht nur durchzuhalten, sondern jeden Moment in sich aufzunehmen, zu begreifen, was da mit einem passiert, während man sich geduldet, sich dem Sog ergibt, von Gedanken wieder herausgerissen wird aus dem Jetzt, dem Moment unabgelenkten Sehens, Hörens und Fühlens.

Natürlich denkt man an Maurice Béjarts klassische Version des Boléros als Table Dance mit Zuschauern, natürlich erinnern die schwarzen Miniröcke und selbstbewussten Mienen der Tänzerinnen an Anne Teresa de Keersmaekers bahnbrechenden Minimalismus der achtziger Jahre. Olivier Dubois' Arbeit zielt aber noch auf anderes ab als darauf, den Rausch der Postmoderne als eine erkaltete Ekstase vorzuführen. Er zeigt, wie Geduld als Übung, Persistieren als Existenzform die Körper mit einer unglaublichen Präsenz erfüllt, so sehr, dass man ihnen jegliche Macht zur Veränderung der Verhältnisse zutraut. Das zeigt Olivier dann auch, wenn in der letzten halben Stunde alle Bewegung vielfältiger, leidenschaftlicher, komplexer wird. Alles in einer Revolution, das zeigt das Stück brillant, hängt davon ab, wie viele von uns wie viel Kraft, wie viel Mut, wie viel Intelligenz wie lange zu investieren vermögen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Terry Gilliams Film "The Zero Theorem" Pures Spektakel mit längeren Gedankenspielen

Mitglieder von Monty Python: John Cleese, Terry Gilliam, Terry Jones, Eric Idle und Michael Palin (von links)

Terry Gilliam gehört zu den legendären Monty-Python-Komödianten, aber er ist auch für legendäre Kinofilme wie "Brazil" oder "12 Monkeys" verantwortlich. Sein neues Werk "The Zero Theorem" ist fast ein Kammerspiel mit ebensowenig Personal wie Handlungsorten - dafür protzt es mit bizarren Wortschöpfungen und überbordender Ausstattung.

Peter Doig-Retrospektive Wie die Innendekoration für ein Feinschmeckerlokal

ItalienOpernhäuser in der Krise

Römische Staatsoper: Zuschauer schauen von den Rängen.

Um Italiens Opernhäuser ist es schlecht bestellt: Jahrelanger finanzpolitischer Schlendrian, ein etwa 300 Millionen Euro hoher Schuldenberg, häufig wechselnde Intendanten und Korruption führten zu maßlos überteuerten Produktionen. Die Folge: Immer mehr Dirigenten verlassen die schwer angeschlagenen Theater.

 

Kultur

Londoner Duo "We are shining""Wir wollten uns einfach möglichst individuell ausdrücken"

Im letzten Jahr veröffentlichte das Duo "We are shining" sein Mixtape "Devileye", das bereits Songs des aktuellen Longplayers enthielt: Anderthalb Jahre schraubten Morgan Zarate und Acyde an ihrem Album "Kara". Ein pralles und raues Werk, das Blues und Hip Hop, afrikanische Rhythmen, Gospel, Soul und psychedelischen Rock enthält.

CorsogesprächMithüpf-Garantie für das Party-Proletariat

Die Musiker der Punkrockband "Schmutzki" (v.l) Beat Schmutz (Gitarre), Dany Maier (Bass), Florian Hagmüller (Schlagzeug) stehen am 14.11.2013 in ihrem Probenraum in Stuttgart-Möhringen.

"Backstage", "Disko Diktatur" oder "Krass gut" - so heißen Songs von Schmutzki, einem Stuttgarter Punkrock-Trio. Die Jungs repräsentieren und ironisieren gleichzeitig das wilde Leben als coole Band, spielen mit selbst gelebten Klischees und bieten einen erfrischend melodiösen Punkrock inklusive Mithüpf-Garantie.

Der fünfte BeatleEinsam, depressiv und tablettenabhängig

(L-r) John Lennon, George Harrison, Manager Brian Epstein, Ringo Starr und Paul McCartney relaxen in einer Hotel-Suite während einer Auslandstournee der britischen Popgruppe The Beatles. (Undatierte Aufnahme). Brian Epstein, erfolgreicher Manager der Pilzköpfe, wurde am 19.09.1934 in Liverpool geboren und am 27.08.1967 tot in seiner Wohung in Belgravia in London aufgefunden.

"Wenn es einen fünften Beatle gegeben hat, dann war es Brian Epstein", sagte Paul McCartney einmal. Der tragische Tod von Epstein läutete auch das Ende der Beatles ein. Vor Kurzem ist seine Autobiografie in deutscher Sprache erschienen