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StartseiteBüchermarktDer neugierige Dieb18.08.2002

Der neugierige Dieb

Aus dem Italienischen von Bruno Genzler

Alberto Moravia ist aus den Buchhandlungen beinahe verschwunden. Kaum ein Buch von ihm findet man dort. In den Antiquariaten hingegen biegen sich fast die Regale unter der Last seiner zerlesenen Romane und Erzählungen. Der Grund? Alberto Moravia ist irgendwie out. Das war freilich mal anders. Seinen ersten großen Erfolg feierte er schon 1929 im Alter von 22 Jahren mit dem Roman "Die Gleichgültigen". Erst 27 Jahre später erschien der Roman auch in Deutschland. Bei seinen folgenden Büchern ließen die deutschen Übersetzungen dann nicht mehr lange auf sich warten. Seine Romane "Agostino", "Cesira", "La Noia", und "Inzest", aber auch seine römischen Erzählungen machten Moravia auch in Deutschland bekannt. Und noch zu seinen Lebzeiten, bis in die achtziger Jahre hinein, gehörte er zu den beliebtesten Autoren Italiens. Die Verfilmungen seiner Bücher, wie etwa des Romans "Ich und Er", lockten zudem auch viele Nichtleser ins Kino. Doch mit Moravias Tod am 26. September 1990 wurde - zumindest hierzulande - auch sein Werk zu Grabe getragen.

Shirin Sojitrawalla

Nun hat sich die Verlagsgruppe Bertelsmann daran gemacht, das ändern zu wollen. Die wichtigsten Romane Alberto Moravias erscheinen in neuen Übersetzungen. Den Anfang macht im Herbst "Die Römerin". Zur Einstimmung aber hat btb jetzt erst einmal Erzählungen aus dem Nachlass des Schriftstellers herausgebracht. "Der neugierige Dieb", heißt der dicke Band mit 69 Erzählungen, die vor zwei Jahren in Italien unter dem Titel "Racconti dispersi", verstreute Erzählungen, erschienen sind. Bei diesen Erzählungen handelt es sich um Geschichten, die Moravia in der Zeit zwischen 1928 und 1951, also zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere, in italienischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte. Nun liegen sie zum ersten Mal, chronologisch geordnet, als Buch vor. Um es gleich vorwegzunehmen: die Erzählungen sind es nicht alle wert, erhalten zu bleiben. Der Wille zur Vollständigkeit geht zweifellos auch zu Lasten der Qualität. Und wenn es hieße, man habe die Geschichten ganz hinten in einer Schreibtischschublade Moravias gefunden, würde man das ohne weiteres glauben können. Viele der Erzählungen wirken nämlich wie bloße Vorstudien, Skizzen zu späteren Werken, aber gerade das macht sie auch interessant. Denn vieles, was man vom späteren Moravia kennt, ist, wenn auch nicht immer ausgereift, in diesen Erzählungen bereits angelegt. Besonders deutlich wird dies in seinen Erzählungen über den Krieg, die er größtenteils in italienischen Tageszeitungen publizierte. Dabei handelt es sich eigentlich gar nicht um Erzählungen, sondern vielmehr um persönliche Erinnerungen. Er selbst flüchtete 1943, nach dem Sturz von Mussolini und der Besetzung Roms durch die Deutschen in die Berge. Mit seiner damaligen Frau, der Schriftstellerin Elsa Morante, fand er Unterschlupf bei einer Bauersfamilie, in der Nähe von Fondi. Diese Zeit der Ungewissheit und Verzweiflung hält Moravia in mehreren Erzählungen fest, indem er sich erinnert und in Ich-Form darüber berichtet. So etwa in der Erzählung " Bauern lieben Geld", die wie folgt beginnt:

Ganz plötzlich musste ich fliehen, aber da seit längerem schon klar war, was die Deutschen planten, hatte ich mich vorbereitet. In jenen unsicheren, bangen Tagen gelang es mir noch, ausstehende Honorare bei den Verlegern einzutreiben und meine wenigen Ersparnisse vom Konto abzuheben. Am Tag meiner Flucht packte ich alles Geld zusammen und steckte es in eine Seitentasche meiner Hose. Wenn nötig, nahm ich mit den Fingerspitzen, ohne hinzuschauen, einen Schein von dem Bündel und bezahlte damit. In den ersten Tagen beulte das Geld noch gut sichtbar meine Hosentasche aus, am Schluss waren nur noch wenige Scheine übrig. Anfangs hielten uns die Bauern für mittellose Flüchtlinge. Kein Wunder, so wie wir, meine Frau und ich, dort oben in den Bergen vor ihnen standen, mit verschlammten Schuhen, die Kleider in Fetzen, mit keinen anderen Kleidungsstücken als jenen, die wir am Leibe trugen. Ich bot ihnen kein Geld, denn unerfahren, wie ich war, fürchtete ich, sie vielleicht zu kränken, setzte ich doch Patriotismus und Menschenliebe dort voraus, wo höchstens traditionelle Gastfreundschaft stärker sein konnte als ihr Geiz.

Es sind eigene Erfahrungen, die Moravia in diesen Geschichten vom Krieg beinahe eins zu eins zu Papier bringt. Erst später in seinem Roman "Cesira", den er 1957 fertig stellt, fiktionalisiert er das Geschehen jener Zeit. Dort erzählt er die Geschichte der Kleinhändlerin Cesira und ihrer Tochter Rosetta, die vor den Kriegswirren in die Berge flüchten. Die vorliegenden Kriegserzählungen aber sind weniger literarisch von Belang als biografisch und werkgeschichtlich aufschlussreich. Und sie sind sicher auch den Geldsorgen des damals noch nicht arrivierten Schriftstellers zuzuschreiben. Nach seinem Erstling "Die Gleichgültigen" dauerte es 15 Jahre lang bis der zweite Erfolg mit dem kurzen Roman "Agostino" kam. Doch erst mit der Veröffentlichung seines Romans "Die Römerin", drei Jahre später, konnte Moravia vom Verkauf seiner Bücher leben.

Ferner zeugen viele von Moravias Kriegserinnerungen aber auch von seinem journalistischen Gespür für präzise Beobachtungen und Recherchen, das in nicht wenigen der vorliegenden Erzählungen zu Tage tritt. So auch, wenn sich der Autor dem Innenleben von Gefängnissen und Heilanstalten nähert und in bester Reportagemanier mit allen Sinnen die Umgebung einfängt. Mit durchschnittlichen Sozialreportagen haben seine Schilderungen freilich nichts gemein. In der Erzählung "Massaker und Melancholie" etwa berichtet er vom Besuch in einer Nervenklinik. Dabei gibt sich Moravia nicht zufrieden mit der genauen Beschreibung der Forschungsabteilung, in der die in Paraffin eingelegten Gehirne vermeintlich Verrückter die Regale füllen, sondern versucht in beeindruckender Ausführlichkeit, den eigenartigen Geruch der Anstalt in Worte zu fassen:

Wir betreten das angrenzende Gebäude, wo die Verrückten mit gelegentlichen Tobsuchtsanfällen untergebracht sind. Und sogleich steigt mir ein penetranter Geruch in die Nase. Wer noch nie ein Irrenhaus besucht hat, kann nicht wissen, was für ein spezieller Geruch das ist. Man stelle sich den Gestank einer Tierhöhle vor, aber nicht so warm, nicht so unschuldig, feiner, saurer, nicht unbedingt menschlich, aber auch nicht tierisch, irgendetwas dazwischen. Umso bemerkenswerter ist dieser Gestank wegen der Sauberkeit und der kargen Einrichtung der Räume. Da ist nichts, was diesen Geruch ausströmen könnte, kein Stoff, kein Hausrat. Alles ist auf das Wesentliche reduziert, so dass fast der Verdacht aufkommt, es handele sich um einen sozusagen moralischen Geruch, den ureigenen Geruch des Wahnsinns.

Es sind solche Beschreibungen und auch Formulierungen wie die von der Angst, die einem wie Wein zu Kopf steigt, die vom Können Moravias zeugen. Doch auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei vielen dieser Erzählungen um erste literarische Gehversuche handelt. Unsicherheiten bei der Konstruktion und auch die Suche nach einem eigenen Ton sind auffällig. Vieles wirkt noch überladen schwülstig und die aufgesetzte Symbolik zu oft wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Gewaltige Unwetter künden zuverlässig von nahenden privaten Regenschauern. Nun ja. Auch der von Moravia noch in späteren Jahren gern verwendete Kniff, einen Ich-Erzähler berichten zu lassen, was einem Freund zustieß, wirkt hier fast schon wie eine Manie. So lässt Moravia seine Erzählungen häufig mit Sätzen beginnen wie

"Mein Freund Rodolfo... ",, Ich traf Alessio...", "Meine drei Freunde...", "Der kleine Sohn eines Freundes...", "In jungen Jahren lernte ich Federico kennen...", "Ein Freund erzählte mir...".

Auf diese Weise schafft Moravia nicht nur eine Pseudoauthentizität, sondern macht aus dem Erzählten auch eine vertrauliche Angelegenheit. Das gilt auch für das von Moravia gern praktizierte Verfahren, seine Figuren einander belauschen oder heimlich beobachten zu lassen. So bezieht die Titelgeschichte des Bandes "Der neugierige Dieb" ihren Reiz aus dem Umstand, dass der Leser gemeinsam mit dem Dieb in die Zimmer eines fremden Hauses spähen darf. Der Dieb wird zum Voyeur und der Leser mit ihm. In späteren Erzählungen Moravias ist es ja auch oft der Blick unter die Bettdecken fremder Paare, der für sein Werk einnimmt. Doch diesen Erzählungen fehlt meist das Schlüpfrige. Hier gibt er sich noch beinahe prüde, was auch damit zusammenhängen mag, dass die Erzählungen in prüderen Zeiten und zudem vor allem in Tageszeitungen publiziert wurden. Wer Moravia also vor allem für seine breitbeinige Prosa schätzt und nun hofft, auch hier vorwiegend Schamloses zu lesen, wird enttäuscht werden.

Den meisten Erzählungen ist deutlich anzumerken, dass sich hier ein Autor noch ausprobiert, seinen eigenen Stil noch nicht gefunden hat. So wendet sich das Buch wohl eher an Moraviakenner und Liebhaber seines Werks und nicht an diejenigen, die noch keine Zeile von ihm gelesen haben. Moravia hat weit Besseres geschrieben, originellere Erzählungen, vor allem aber Romane. Stellvertretend seien hier "Agostino" aus dem Jahr 1944 und "Ehe Liebe" aus dem Jahr 1949 empfohlen. An dieser Stelle muss aber auch der Übersetzer der vorliegenden Erzählungen erwähnt werden. Bruno Genzler überträgt den Duktus Moravias nämlich schnörkellos ins Deutsche und trägt mit seinen sachkundigen Anmerkungen zum Verständnis des Gelesenen bei. Behutsam erhält er auch den zuweilen altväterlichen Tonfall Moravias sowie die ganz eigene Haltung zum Erzählten.

Neben seiner Arbeit an Romanen hat Moravia von Anfang an auch immer Erzählungen geschrieben. Die großen Themen und detaillierten Charakterstudien seiner Romane stehen einer enormen Bandbreite an Figuren und Ereignissen in seinen Erzählungen gegenüber. Für Moravia bot sich in der Form der Erzählung die Möglichkeit, all die Kleinigkeiten, die das Leben womöglich ausmachen, in den Fokus zu nehmen. Dabei machte er selbst zwar keinen qualitativen Unterschied zwischen Erzählung und Roman, aber doch einen quantitativen:

Quantitativ gesehen ist die Welt Maupassants weiter und vielfältiger als die des Zeitgenossen Flaubert; jene Cechovs mehr als die seines unmittelbaren Vorgängers Dostojewskij. Ja, genauer betrachtet, könnte man sagen, das Maupassant und Cechov sozusagen die ganze Vielfalt der Situationen und Figuren ihrer Zeit ausschöpfen, während Flaubert und Dostojewskij, ähnlich manchen Vögeln, die pausenlos immer wieder das gleiche Liedchen trällern, im Grunde nichts anderes tun, als immer wieder von neuem den gleichen Roman zu schreiben, mit den gleichen Situationen und Figuren.

So gesehen, schien die Erzählung Moravia ein Mittel, um der Vielfalt beizukommen. Ein wenig hat er sich dabei selbst belogen, denn die gleichen Situationen und Figuren, die er in seinen Romanen entfaltete, begegnen einem auch immer wieder in seinen Erzählungen. Literarische Vielfalt beweist Moravia im vorliegendem Band vielmehr mit ganz unterschiedlichen Erzählformen. Humoresken wechseln sich mit surrealen Fantasien ab, niedliche Anekdoten mit derben Grotesken, Gesellschaftskritisches mit Banalem. Vielleicht ist die größte Qualität Moravias seine Kenntnis der Menschen und sein erbarmungsloser Blick auf sie. Dabei fällt auf, dass das seelische Ungenügen seiner Figuren stets in ihren äußerlichen Deformationen seinen Ausdruck findet. Da verwendet Moravia schon einmal eine Seite darauf, die Lippen oder Hände einer Figur bis in kleinste Details zu schildern. Mit ebensolcher Sorgfalt widmet er sich der Kleidung, die den Charakter der Figur zur Schau trägt. In der Erzählung "Meinungsaustausch" beschreibt Moravia einen gewissen Moroni:

Er war ein junger Mann, weder schön noch hässlich, weder groß noch klein, sehr seriös gekleidet in einem dunkelblauen Wintermantel mit schwarzem Samtkragen. Gewisse Feinheiten, eine Perle auf der Krawatte, die Wildlederhandschuhe, die er noch in der Hand hielt, die Onyxknöpfe an den Manschetten, das goldene Zigarettenetui, das er mir, kaum dass er saß, geöffnet hinhielt, erweckten bei mir den Eindruck, dass er reich war und großen Wert darauf legte, elegant zu erscheinen. Er hatte dichtes, von Pomade triefendes Haar, das ihm tief in die Stirn fiel, weibliche Augen, groß mit langen Wimpern, und einen ein wenig schiefen Mund. Vor allem dieser Mund beeindruckte mich: Wenn er ernst war, hatte es den Anschein, als dränge es ihn, sich zu öffnen wie eine übervolle Handtasche; und voll war dieser Mund tatsächlich, voller Zähne nämlich. Voller langer Zähne, die sich an den Seiten überlagerten und überschnitten, so als habe er zwei oder drei Gebissreihen. Alles, was dieser Mund von sich gab, war gewürzt mit einer fetten kalten Stimme, ähnlich einer geronnenen Soße.

Mehr muss wohl nicht gesagt werden, um diesen Menschen als Schwätzer und Angeber zu charakterisieren. Leider bestätigen Moravias Figuren immer alle Vorurteile, die ihr äußeres Erscheinungsbild hervorrufen, wie auf Kommando. Und dieser gewisse Moroni ist natürlich genau so, wie wir uns gedacht haben, dass er sei. Denn die Physiognomie dient Moravia als Spiegel der seelischen Verfassung. Dieses Spiel betreibt er gekonnt, und man kann sich mühelos vorstellen, wie Moravia Stunden in römischen Cafés zubrachte, um die Menschen in all ihrer Fehlerhaftigkeit zu beobachten. Denn das Unvollkommene interessierte ihn besonders, wobei man wissen muss, dass das vermeintlich Normale für ihn gar nicht existierte. In der grandiosen Biografie "Vita di Moravia" in Form eines irrsinnig langen Gesprächs, das auf Deutsch leider nicht mehr verlegt wird, sagt Moravia einmal:

Ich habe nie begriffen, was normal bedeutet. Für mich ist nichts normal. Oder auch: Bei meiner Sensibilität ist alles abnormal, sogar die Farbe einer Blume.

Dabei erweist sich Moravia als ein besessen genauer Beobachter seelischer Schlachtfelder. Er baut die Menschen auseinander, zerlegt sie in ihre Einzelteile, ohne aber je ihr Geheimnis zu verraten, das sie spazieren führen dürfen wie ihren Hund. Das Geheimnisvolle verbindet alle seine Figuren, und wahrscheinlich war Moravia der gleichen Meinung wie der Ich-Erzähler der Geschichte "Der Menschenfeind":

Ich versuchte ihm klar zu machen, dass man, auch wenn man einmal den geheimen Antrieb eines Charakters gefunden hatte, deswegen nicht gleich behaupten könne, diesen Menschen zu kennen. Denn so entgehe einem seine ganze Vielschichtigkeit und sein Geheimnis. Er erwiderte darauf, ich solle ihm doch bitte schön einmal erklären, worin denn das Geheimnis eines Menschen bestehe, bei dem sich ganz offensichtlich alles nur um eine bestimmte Sache dreht. Ich antwortete ihm, das Geheimnis seien zum Beispiel die Wärme seiner Hand, der Tonfall seiner Stimme, kurzum, auch all jene Äußerlichkeiten, die er so verachte.

Moravia liebte das Geheimnisvolle und in "Der Unentschlossene", eine der besten Erzählungen des Bandes , treibt er seine Geheimnistuerei auf die Spitze. Wie so oft erzählt ein Ich-Erzähler von einem Freund, diesmal von Alessio. Alessio hat ein Problem, und sein Freund soll ihm beistehen. Doch alles, was der Leser erfährt, ist, dass Alessio eine Entscheidung zu treffen hat und nicht weiß, wie er sich entscheiden soll. Um was es bei dieser Entscheidung geht, behält Moravia für sich. Er schildert lediglich präzise, wie Alessio mit sich ringt, immer wieder abwägt und doch seinem persönlichen Dilemma nicht entfliehen kann. Das ist durchaus typisch für Moravia. Nicht was den Menschen passiert, sondern wie er sie dabei aussehen lässt, erzeugt den Reiz seines Werks. Dabei stellt Moravia seine Figuren aber niemals bloß, sondern bloß genau vor, wie etwa Clara in der Erzählung "Die Witwe":

Ich hatte Clara als junges Mädchen kennen gelernt, und damals schien sie ihrem Namen in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Sie war ein schönes Mädchen, klar und rein, fast fade durch diese Klarheit. In ihrem vom Schwimmen und Tennisspielen geformten Körper oder in ihrem undurchschaubaren Gesicht mit den regelmäßigen, heiteren Zügen des Mädchens aus gutem Hause war so gut wie nichts von jenen kleinen, aber bedeutsamen Unvollkommenheiten zu erkennen, die auf den Charakter eines Menschen schließen lassen und eine Begegnung mit ihm ermöglichen, die über das rein Konventionelle hinausgeht. Sie war ein stilles Mädchen, fast zu still, dabei selbstsicher und vielleicht auch ein wenig hochmütig; es war jener typische unbewusste und dümmliche Hochmut, der aus der Ignoranz und den Annehmlichkeiten eines privilegierten Lebens herrührt. Clara war die Tochter reicher Eltern, sie hatte keine Bildung genossen und umgab sich mit Gleichaltrigen, die ebenso anmutig und ungebildet waren, wie sie selbst.

Doch auch Clara kann sich des Mitgefühls des Autors sicher sein. Ebenso wie all die Lügner, Aufschneider, Lüstlinge und die Einsamen, Depressiven, Unglücksgeplagten. Nur auf den ersten Blick seziert er seine Figuren verächtlich und spöttisch. Im Grunde genommen aber ist Alberto Moravia ein ausgesprochener Menschenfreund. Die Ausgestoßenen und, warum auch immer, an den Rand der Gesellschaft Gedrängten finden in seinen Geschichten ein Zuhause. Doch so richtig wohl scheinen sich seine Figuren erst zu fühlen, wenn sie genügend Platz bekommen. Den verweigert ihnen Moravia in den meisten der vorliegenden Erzählungen. Oft umfassen sie nur ein paar Seiten, womit auch das größte Handicap des Bandes angesprochen ist. Moravia ist kein Meister der Kürze, nein, sie scheint seiner Erzählweise sogar zu schaden. Moravia benötigt, um sich literarisch zu entfalten, seinen psychologischen Realitätssinn voll auszuschöpfen, einige Seiten. Das beweist dieser Band sehr schön, denn so bald Moravia mehrere Seiten darauf verwendet, seine Geschichten in Gang zu bringen, gelingen sie ihm meist auch besser, sind sie in sich stimmiger. Doch die vorliegenden Erzählungen erweisen sich all zu oft als bloße Momentaufnahmen, die nicht genügend Zeit mitbringen, um der Psychologie der Figuren auf die Schliche zu kommen.

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