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StartseiteInterview"Der öffentliche Bericht ist bedeutsam"09.03.2010

"Der öffentliche Bericht ist bedeutsam"

Grünen-Politikerin Künast fordert Öffentlichkeit bei den Ermittlungsergebnissen der Missbrauchsfälle

In der Debatte über sexuellen Missbrauch an Schulen plädiert Renate Künast, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, in allen Fällen eine Aufarbeitung durch externe, unabhängige Dritte. Nur so könnten die Einrichtungen aus dem institutionellen Versagen lernen.

Renate Künast im Gespräch mit Friedbert Meurer

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast während einer Rede im Bundestag. (AP)
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast während einer Rede im Bundestag. (AP)

Friedbert Meurer: Erst standen Lehrer und Erzieher an katholischen Schulen und Internaten am Pranger. An mehreren Eliteeinrichtungen hat es sexuellen Missbrauch gegeben und Gewalt gegen Schüler. Aber das Problem scheint, doch keines der Katholischen Kirche alleine zu sein. Im Fokus steht jetzt die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim. Ausgerechnet in dieser reformpädagogischen Vorzeigeeinrichtung, die nächsten Monat ihr 100-jähriges Bestehen feiert, hat es ebenfalls sexuellen Missbrauch und das in Serie gegeben, und wieder wollte es keiner damals gewusst haben. Jetzt wird die Debatte um Verjährung oder um Prävention umso intensiver geführt. Am Telefon begrüße ich nun Renate Künast, sie leitet die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Guten Tag, Frau Künast.

Renate Künast: Guten Tag, Herr Meurer.

Meurer: Damals in den 70er-, 80er-Jahren haben Sie Sozialarbeit studiert, zunächst auch als Sozialarbeiterin gearbeitet. Haben Sie sich damals vorstellen können, dass so etwas in Serie mal an die Öffentlichkeit kommt?

Künast: So was habe ich mir nie in dieser Massierung vorstellen können, obwohl in den 70ern es ja mit dem Buch von Ulrike Meinhof, "Bambule", und dem Film dazu schon Hinweise gab auf Gewalt. Wir haben mittlerweile ja auch einen Runden Tisch eingerichtet vom Bundestag aus, der sich mit Gewalt und Arbeitsverhältnissen und Ausbeutung von Jugendlichen in den Heimen in den 50er-, 60er-Jahren auseinandersetzt. Eines weiß ich auf alle Fälle: es gibt viel aufzuarbeiten und das muss jetzt auch der Punkt sein, sagen was war, und zwar öffentlich sagen was war.

Meurer: Bleiben wir bei der Vergangenheit. Odenwaldschule, hatte eigentlich einen guten Ruf als reformpädagogische Einrichtung. Warum geschehen ausgerechnet in solch einer Schule diese Dinge, in einer Schule, die für offenen, fairen, liberalen Umgang mit den Schülern steht?

Künast: Na ja, egal ob jetzt eine staatliche, eine private Schule, eine kirchlich organisierte Schule, so was kann in solchen Institutionen passieren und vorkommen. Die Kernfrage ist aber, wie wird damit umgegangen. Das haben wir ja beim Canisius-Kolleg in Berlin auch erlebt, dass der Rektor, ein Herr Mertes, der sehr vorbildlich vorgegangen ist - den muss man loben -, selber auch das institutionelle Versagen beschrieben hat. Unsere Frage für die Vergangenheit - und daraus müssen wir lernen - muss doch sein: wie ist die Institution organisiert? Wie ist der Lehrkörper damit umgegangen? Welche klaren Regeln des Vorgehens gibt es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, damit sie damit überhaupt umgehen können? Auch Hilfe! Manche haben halt Angst, bei so einem Verdacht ihren Kollegen anzuschwärzen, wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Deshalb sage ich mal, für die Frage der Aufarbeitung brauchen wir jetzt für alle Institutionen externe unabhängige Dritte. Ich sage, Leute, die nicht zum Beispiel zur Kirche, oder zu einer Schule gehören, Dritte, die das aufarbeiten, die das aufschreiben. Ich erwarte gerade auch von der Kirche, dass sie die Ergebnisse öffentlich macht. In Irland hat man gleich eine Regierungskommission damals eingerichtet. Es muss aber öffentlich später zugänglich sein ein anonymisierter Bericht, was war da. Und die Kirche muss sich jetzt bekennen zu der Frage, selbst wenn es zivilrechtlich verjährt ist, dass sie zum Beispiel durch eine Stiftung Entschädigungen möglich macht, die Leute nicht wieder in die Situation bringt, individuell nachzufragen.

Meurer: Dass Sie speziell die Kirche, die Katholische Kirche erwähnen, muss man jetzt nicht festhalten. Das ist nicht nur eine Sache von der Kirche gewesen.

Künast: Nein, das ist nicht nur eine Sache von der Kirche, aber natürlich: da sich da jetzt die Fälle häufen, Herr Meurer, blicken wir auch darauf. Das kann durchaus auch in staatlichen und anderen Schulen passieren, aber unsere Aufgabe ist ja jetzt nicht, Herr Meurer, das ganze so verbal, so breit zu ziehen, dass es wieder zugekleistert ist. Schauen wir auf die Schulen, die es betrifft, auf die Odenwaldschule, auf katholische Schulen oder Internate, und dort muss Aufklärung passieren. Ich kann es jetzt auch nicht so anonymisieren, dass ich das Wort "katholisch" nicht mehr spreche. Ich weiß, dort engagieren sich viele Leute. Ich will aber eines ganz klar: es muss eine unabhängige Aufarbeitung geben, es muss öffentliche Berichte geben für alle Schulen und Institutionen, die es betrifft, und ich sage zu den Schulen und auch zur Katholischen Kirche, wir brauchen eine Stiftung, die die Entschädigung, die Entschädigungsverfahren möglich macht, und kann denen an der Stelle nur wärmstens empfehlen, sich nicht auf die Verjährungsfristen zu berufen. Zu lernen aus institutionellem Versagen heißt immer auch, dass man es aufschreibt, weil das sind die Regeln, die einem nachher ermöglichen, für die zukünftigen Fälle, die, die ab morgen passieren können, gute Leitlinien und Regeln aufzustellen, wo das Kind in den Mittelpunkt gestellt wird für den Schutz, und wo man aber auch handhabbare Regeln und Linien für die Mitarbeiter schafft.

Meurer: Jetzt ist Entschädigung das eine, Richtlinien das andere. Die Frage der Verjährung: haben die Opfer nicht einen Anspruch darauf, dass ihre Peiniger vor Gericht gestellt werden? Und sie müssen jetzt feststellen: es ist verjährt, es kommt nicht vor Gericht.

Künast: Herr Meurer, der Punkt ist wichtig. Für die, die jetzt feststellen müssen, es ist verjährt, ist ja deshalb auch der öffentliche Bericht da, vielleicht ein bisschen als Heilungsprozess eines einzelnen Menschen, weil der öffentliche Bericht ja auch heißt, die Öffentlichkeit nimmt zur Kenntnis, dass da was war, wenn auch die Öffentlichkeit ihn - und das ist ja im Namen des Volkes - nicht anklagen oder verurteilen kann. Insofern ist der öffentliche Bericht sozusagen auch bedeutsam.
Für die Zukunft gilt doch: Linien, bei denen die Kirche und die Schulen klar sagen, hier wird nicht lange intern gemauschelt, sondern der Regelfall ist, es geht an die Polizei, außer Opfer und Eltern wollen es nicht.

Meurer: Aber ich halte fest: Sie sind gegen längere Verjährungsfristen?

Künast: Nein! Der zweite Punkt ist: jetzt nicht vornan nur über Verjährungsfristen reden. Die helfen den vergangenen Fällen nicht. Die sind ja nur etwas für die Zukunft. Aber für die Zukunft stufe ich ab. Ich bin immer fürs Systematisieren. Erstens Linien, die heißen, in der Regel geht es an die Polizei und Dritte untersuchen neue Fälle jeweils und sind Ansprechpartner für die Betroffenen und die Eltern. Zweitens: auch da muss man die Leute betreuen, gucken, wo ist eigentlich Jugendarbeit und Unterstützung und Beratung durch die öffentliche Hand. Und dann kommt drittens für die zukünftigen Fälle eine Verlängerung der Verjährung. Darüber muss man reden für den zivilrechtlichen Bereich. Was mich nur stört, Herr Meurer, ist: manche gehen so schnell auf die Verjährungsfristen heute, um zuzukleistern, dass wir das vergangene erst aufarbeiten müssen.

Meurer: Die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Renate Künast, bei uns im Deutschlandfunk. Frau Künast, danke und auf Wiederhören.

Künast: Ich danke auch.

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