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StartseiteCorsoKampf um ein knapper werdendes Gut23.05.2016

Der öffentliche RaumKampf um ein knapper werdendes Gut

Der öffentliche Raum in den Städten wird immer knapper. Er wird privatisiert, Wirtschafts- und Finanzinteressen untergeordnet oder durch verschärfte Sicherheitsbestimmungen eingeschränkt. In einer Denkfabrik an der Akademie der Künste in Berlin trafen sich Architekten, Wissenschaftler und Aktivisten, um zu diskutieren, wie Gesellschaften darauf reagieren können.

Von Oliver Kranz

Futureland, Dubai, 2009 - Fotografie der Ausstellung "DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum"  (Nuno Cera, Cortesy: The artist & EDP Foundation, Lisbon)
Futureland, Dubai, 2009 - Fotografie der Ausstellung "DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum" (Nuno Cera, Cortesy: The artist & EDP Foundation, Lisbon)
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"Our own news outlets are feeding us with images of the Banlieu suburbs. And this is a kind of imagery, a kind of war zone."

Léopold Lambert ist Herausgeber einer Zeitschrift, die sich mit der Gestaltung des öffentlichen Raums befasst. Er lebt in Paris, einer Stadt, die sich seit den Terroranschlägen des letzten Jahres im Ausnahmezustand befindet. Die Medien benutzten aber schon lange vorher ein kriegerisches Vokabular - immer dann, wenn es um die Zustände in den Pariser Vororten ging. Sprache formt Denken. Was geschieht, wenn die Polizei zum Stadtplaner wird? Léopold Lambert hat Polizeireviere fotografiert. In der Pariser Banlieue sehen sie wie Festungen aus - mit Wachtürmen, hohen Mauern und vergitterten Fenstern.

"Ich glaube, die Gewalt, die von dieser Architektur ausgeht, hat eine starke symbolische Wirkung. Da wird eine optische Gegnerschaft zwischen den Polizeistationen und der Umgebung aufgebaut. Die Leute, die in diesen Vierteln wohnen, spüren das und setzen sich zur Wehr. Das ist wie bei öffentlichen Demonstrationen. Wenn die Polizeipräsenz zu stark ist, kommt es eher zu Konflikten, als wenn sich die Beamten im Hintergrund halten. Die Gewalt kann durch den Staat und die Polizei sehr leicht provoziert werden."

Seit den Terroranschlägen gehören schwer bewaffnete Polizisten in Paris zum Stadtbild. Straßen werden gesperrt oder umgeleitet - einige mit Betonbarrieren, wie man sie aus Berichten über Kriegsgebiete kennt.

Zur Denkfabrik in der Akademie der Künste waren Architekten, Wissenschaftler und Aktivisten aus der halben Welt nach Berlin gekommen. Sie hielten Vorträge und führten Diskussionen, allerdings ohne am Ende ein gemeinsames Arbeitsergebnis festzuhalten. Es ging um Meinungsaustausch, nicht um die Formulierung von Thesen.

Der Sicherheitsarchitektur Ironie entgegensetzen

Eine Stadt, in der Sicherheitsarchitektur schon lange zum Alltag gehört, ist Karatschi in Pakistan. Dort sind öffentliche Gebäude in der Regel von Betonmauern und Stacheldraht umgeben. Selbst Schulen haben sich eingeigelt. Die Architektin Marvi Mazhar hat Sperranlagen fotografiert. Viele sind mit politischen Losungen besprüht, einige mit Graffiti-Bildern.

"When there is fear in architecture, there is this kind of statements. What is this dialogue?"

Was für ein Dialog ist das, den die Graffiti-Künstler beginnen, fragt Marvi Mazhar. Viele setzen der Sicherheitsarchitektur Ironie entgegen. Sie veralbern Propagandaparolen oder fragen, wo im brutalen Alltag die Menschlichkeit bleibt. Ein Graffiti-Bild zeigt zum Beispiel eine schwangere Frau mit einer Bombe im Bauch. Marvi Mazhar arbeitet für ein Kulturzentrum, das bewusst auf die Sicherheitsmaßnahmen verzichtet. Es gibt keine bewaffneten Wachmänner und keine Videoüberwachung. Das Publikum, so Marvi Mazhar, fühle sich trotzdem sicher. 

"What we hear from people: They feel safer inside rather than being outside. So it's all about resistance and questioning what applies to you and what shouldn't."

Widerstand fängt mit Hinterfragen an

Widerstand fängt damit an, dass man die Dinge hinterfragt. Natürlich kann ein kleines Kulturzentrum nicht die Atmosphäre einer Stadt verändern, aber jede Bewegung beginnt mit einem ersten Schritt.

Der Architekt Wilfried Wang hat in der Akademie der Künste in Berlin die Ausstellung "Demopolis" organisiert. Dort wird an Beispielen gezeigt, wie Künstler oder interessierte Bürger in die Gestaltung des öffentlichen Raums eingreifen können.

"Also wie können Bürgerinitiativen entstehen? Wie können wir selbst dafür sorgen, dass in unseren kleineren Bereichen, in unseren Straßen, Höfen, Lebensbereichen, ein Gefühl der Sicherheit, ein Gefühl des Vertrauens gegenüber jedem einzelnen Menschen hergestellt werden kann?"

In der Ausstellung sind zum Beispiel kleine Notizzettel zu sehen, auf denen die Architektin Rozana Montiel ihre Ideen für die Gestaltung der Grünfläche eines sozialen Wohnungsbauprojekts skizziert hat. Die Fläche war ursprünglich in kleine Gärten aufgeteilt, von denen viele schon verwahrlost waren.

"Es gab dann ein Verfahren, in dem Rozana Montiel mit den Bewohnern dieser Wohngemeinschaft gesprochen hat und gesagt hat: Okay, jeder von euch ist einzigartig. Aber gemeinsam können wir ein Netzwerk bilden. Wie wollen wir Dinge bepflanzen? Wie kann man kleinteilig Sitzgelegenheiten schaffen? Wie sollen unsere Kinder spielen? Da ist eine Fantasie angeregt worden der Bewohner, die sie dann zum Schluss gebracht hat, dass sie ihre Zäune entfernen müssen. Die Leute haben gegenseitiges Vertrauen gefunden. Das ist eines der besten und wichtigsten Beispiele, wie man auch im größeren Bereich mit der Angst vor dem Fremden, mit der Angst vor Terror umgehen kann. Wir müssen alle gemeinsam unsere Augen auf den öffentlichen Raum richten, um gemeinsam Verantwortung für den öffentlichen Raum zu übernehmen."

Bürgerliches Engagement braucht langen Atem

Das geht natürlich nur dort, wo die Behörden es zulassen. In Paris hat die Initiative "Nuit Debout", die auf der Place de la République Versammlungen abhält, große Schwierigkeiten. Jeden Tag werden kleine Holzpavillons errichtet, in denen Gesprächsrunden stattfinden und die Kinder der Demonstranten spielen können. Doch abends muss alles wieder abgebaut werden. Johannes Odenthal, der zu den Organisatoren der Denkfabrik in der Akademie der Künste gehört, empfindet das als exemplarischen Vorgang:

"Dieser öffentliche Platz wird besetzt tagsüber. Es wird gebaut, es werden Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt. Die Zivilgesellschaft in Frankreich organisiert sich, sucht nach Alternativen zu einem nationalistischen, exklusiven Demokratiebegriff, der Frankreich über die letzten zwei Jahrhunderte geprägt hat. Und wird dann von der Polizei nachts um zwölf abgeräumt. Das heißt der Staat erkennt diese Initiative nicht als bürgerliches Engagement an und baut das, was die Menschen zusammengestellt haben, über Nacht wieder zurück"

Bei der Denkfabrik in der Akademie der Künste berichteten zwei Aktivisten von der Place de la République über die Schwierigkeiten, die das ständige Hin und Her mit sich bringt. Bürgerliches Engagement braucht auch in westlichen Demokratien einen langen Atem. 

Natürlich ist keine Denkfabrik nötig, um derart allgemeine Schlüsse zu ziehen, doch das Treffen in Berlin war trotzdem sinnvoll. Ein Dialog ist in Gang gekommen, der auch jetzt nach dem Ende des 36-stündigen Vortrags- und Diskussionsmarathons, nicht abreißen wird.

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