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Der "Öko-Bürgerkrieg"

Vor 25 Jahren wurde nach Protesten die Startbahn West des Frankfurter Flughafens eingeweiht

Von Wolfgang Stenke

Der Frankfurter Flughafen wird weiter ausgebaut. (AP)
Der Frankfurter Flughafen wird weiter ausgebaut. (AP)

Bereits 1962 wurde ein Ausbau des Frankfurter Rhein-Main-Flughafen geplant. Gegen die neue Startbahn West formierte sich eine große Bürgerbewegung. Diese Initiativen und ihre Aktionen gehören zur Protestgeschichte der Bundesrepublik wie die Anti-Atom-Bewegung. Den Ausbau des Flughafens konnten sie nicht verhindern: Am 12. April 1984 ging die neue Piste in Betrieb.

"In diesem Moment rollt die erste Maschine über die umstrittene Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Wir stehen hier auf der Mitte der Bahn und in diesem Moment hebt die Maschine vom Flugfeld ab, es ist eine Lufthansamaschine, ein Airbus A 300, und er startet in den grau verhangenen, nebligen Himmel über Frankfurt Richtung Paris."

Die berühmt-berüchtigte Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens: Mehr als zwei Jahrzehnte nach Beginn der ersten Planungen wird die Piste am 12. April 1984, 9:26 Uhr, in Betrieb genommen. Davor lag ein Rattenschwanz von Verwaltungsgerichtsprozessen und ein Bürgerbegehren mit rund 220.000 Unterschriften, angestrengt von den lärmgeplagten Anwohnern der Umgebung. Dazu etliche Massendemonstrationen und harte Kämpfe mit der Polizei.

Im Flörsheimer Wald, der für die vier Kilometer lange Piste zu großen Teilen gerodet wurde, bauten die Protestierer ein Hüttendorf - inklusive Wachtturm, Informationszentrum und Kirche. Durch Telefonketten und Glockengeläut alarmierten Bürgerinitiativen die Anwohner der umliegenden Gemeinden, wenn die Hundertschaften von Grenzschutz und Bereitschaftspolizei anrückten.

"Der Aufzug gefährdet die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar und wird deshalb aufgelöst."

In der Bundesrepublik machte das Wort vom "Öko-Bürgerkrieg" die Runde. Als die Polizei das Hüttendorf am 2. November 1981 räumte, errichteten Demonstranten Barrikaden auf den Autobahnen in der Umgebung des Flughafens und blockierten auch den Frankfurter Hauptbahnhof.

Nach so viel Widerstand gegen das 78-Millionen-DM-Projekt stand dem Bauherren, also der vom Land Hessen, der Stadt Frankfurt und dem Bund getragenen Flughafen AG, nicht der Sinn nach großen Feierlichkeiten. Der Festakt fand in einer Feuerwehrhalle statt - ohne Blumen, ohne Sekt und: ohne Politiker. Fast zerknirscht begrüßte Erich Becker, der Vorstandsvorsitzende der Betreibergesellschaft, das Auditorium:

"Sie haben soeben den ersten Start auf der 18 West miterlebt. Damit ist ein in der öffentlichen Meinung, zugegeben, umstrittenes Verkehrsprojekt in Betrieb genommen worden. Die Startbahn 18 hat uns und die Öffentlichkeit fast eine Generation beschäftigt."

Mit Sekt gefeiert wurde trotzdem - allerdings in satirischer Absicht. Die Bürgerinitiative Mörfelden-Walldorf zerschnitt am gleichen Tag in den Resten des Flörsheimer Waldes das obligatorische weiße Band:

"Hiermit eröffne ich feierlich das Jahrhundertwerk der Startbahn 18 West."

Auch nach der Einweihung der Piste ließen die Proteste nicht nach. Am 2. November 1987, bei einer Demonstration zum sechsten Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes, eskaliert die Lage: Wasserwerfer rücken an, Demonstranten werfen Molotowcocktails und feuern Leuchtraketen ab. Plötzlich fallen Schüsse. Ein Hundertschaftsführer bricht zusammen:

"Er wird in den Notarztwagen getragen, seine Arme pendeln leblos von der Trage herab, auf dem Bauch ist eine rote Wunde zu sehen. Der Tod des Beamten wird kurz darauf in der Flughafenklinik festgestellt."

Auch ein zweiter Beamter starb an diesem Tag an einer Schusswunde. Insgesamt wurden neun Polizisten durch Projektile aus einer Dienstwaffe verletzt, die ein Jahr zuvor bei einer Anti-AKW-Demonstration entwendet worden war. Der Schütze kam aus den Reihen der Startbahngegner. Er wurde 1991 zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Nach den tödlichen Schüssen zerfiel die Protestbewegung. Die Startbahn West selbst ist mittlerweile ein Sanierungsfall: Der Beton der Piste wird sukzessive durch ein Asphalt-Kunststoff-Gemisch ersetzt. Der Rhein-Main-Flughafen, nach London-Heathrow und Paris-Roissy das größte Drehkreuz im europäischen Luftverkehr, expandiert weiter. Die börsennotierte "Fraport AG" frisst sich weiter in die Wälder der Umgebung. Sie braucht Platz für die Wartung des Riesen-Airbus A 380 und eine weitere Landebahn im Nordwesten. Umweltschützer aus der ganzen Bundesrepublik und lokale Bürgerinitiativen formieren sich dagegen erneut zum Protest.

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