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StartseiteBüchermarktDer Palast des Regenbogens. Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich28.02.2000

Der Palast des Regenbogens. Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich

Aus dem Französischen von Carola Feist und Mechtild Russell

Um es gleich vorweg zu sagen: mit Esotherik hat dieses Buch nichts zu tun, auch wenn der Titel den Gedanken nahe legen mag und die ersten Seiten von Tenzin Choedraks Lebensbericht so manchem Leser reichlich obskur vorkommen mögen. Da ist vom Bardo die Rede, vom Karma, vom Medizintantra und vom fernen Brüllen eines Drachen bei der Geburt des Erzählers.

Liane Dirks

Doch das sollte den Leser tunlichst nicht abhalten, denn in diesem Buch geht es, wie wir Westler sagen würden,um "knallharte facts", um die schlichte Wirklichkeit. Allerdings, weil der Erzähler nunmal ein Buddhist ist, wird der Zugang zur Wirklichkeit ständig reflektiert. Handelt es sich doch bei der angestrebten Erleuchtung nicht um ein spirituelles Abheben, sondern um ein endgültiges Ankommen auf dem Boden der Tatsachen. Wobei "Tatsachen" natürlich mehr sind als "knallharte facts".

Also: Es donnerte in den Bergen als der kleine Tenzin, eine Frühgeburt, das Licht der Welt erblickte, es donnerte so laut, daß manche eben dachten, es sei ein Drache, der brüllt. Es war der 15. Tag des zweiten Monats im Wasser-Hund-Jahr des tibetischen Kalenders und was da in unserer Zeitrechung im April 1922 unter schwierigen Umständen so poetisch begann, ist ein Leben, das wir uns wirklich nicht vorzustellen vermögen. Und zwar nicht, weil es so herrlich exotisch ist, wie wir es aus den Filmen kennen, mit den oranggewandeten Mönchen, den tiefen Gesängen, den goldenen Buddhastatuen und den schönen, lachenden Frauen, die fröhlich Yaks antreiben und sich vor little buddha auf die Erde werfen. Nein, es ist vielmehr so, daß man sich soviel Härte, Einsamkeit, Elend und Not nicht vorstellen kann. Kaum zu fassen, was der Erzähler alles ertrug, aber beinah noch weniger zu fassen, wie er es ertrug und was er machte mit und aus dem Leid.

Tenzin Choedrak hatte es schon als Kind nicht leicht. Vier Wochen nach der Geburt starb seine Mutter. Die Familie war arm, das Haus einfach, der Vater heiratete bald erneut und die Stiefmutter mochte den Kleinen nicht. Tenzin mußte die Yaks hüten, in Lumpen laufen, hungern, frieren, im Dorf wurde er nur "der Dumme" genannt und hätte es nicht "Mola" gegeben, die Großmutter, mit ihrer tiefen Gläubigkeit, wer weiß, was aus Tenzin Choedrak, der heute im tibetischen Protokoll immerhin an 5. Stelle steht, geworden wäre.

Vom harten Dorfleben befreite ihn mit 12 das Kloster Chöde, sein Onkel wurde sein Tutor, der Hunger allderings blieb und friedlich, zumindest was unsere Vorstellung von Frieden angeht, friedlich ging es auch hier nicht zu: "Fürchtet nicht die Götter, fürchtet nicht die Gespenster, fürchtet nur Eure Tutoren, wenn sie kommen und sich niederwerfen".

Das Niederwerfen war die Vorbereitung der Tutoren zum Strafen. Es sollte gegen Stolz wappnen, den sie bei der Züchtigung der Schützlinge empfinden könnten. Zimperlich war man nicht. Bevorzugt schlug man mit der Peitsche, aber Choedrak kriegte auch schon mal was mit der Kelle auf den Kopf, wenn der Pferdestall des Meisters nicht sauber war.

Das hört sich grausam an und liest sich auch so, und ist doch nur die eine Ebene dieses Buches, das noch mit ganz anderen Grausamkeiten aufzuwarten hat. Auf einer zweiten Ebene erfährt man die Spiritualität dessen, der die Geschichte erzählt. Denn durchdrungen von der buddhistischen Lehre erzählt Choedrak zwar vom Leid, aber auch immer von der Überwindung des Leids. Sein Glaube wächst und bei all den Erniedrigungen erstaunlich: sein Mut wächst auch, seine Eigenständigkeit und sein Verstehen für andere. Mitgefühl zu üben wird sein Lebensaufgabe.

Als Tenzin Choedrak mit 16 einen Arzt aus Lhasa trifft, beschließt er auch ein "Amchi" zu werden. Nachts nach den Gebeten tätowiert er sich mit Nadel und Tinte das Wort "Am" auf die Hand, wo es heute noch zu sehen ist. Fast an Dreistigkeit grenzender Mut bringt ihn an den Mentsikhang, Tibets berühmtes medizinisches Institut. Dort studiert er traditionelle tibetische Medizin. Eine Ausbildung, die neben der Herstellung von Medizin, Diagnose und Therapie auch Fächer wie Astrologie, Grammatik und Poesie umfaßt. Und bei allem, was man macht, so lehrt man ihn, kommt es auf den Geisteszustand an, mit dem man es macht: Klarheit, Lauterkeit, gute Absichten, Mut und Mitgefühl zeichnen den guten Arzt aus.

Nachdem Choedrak erfolgreich die Mutter des Dalai Lama behandelt hat, wird er Lhamenpa, Leibarzt des XIV. Dalai Lama, von den Tibetern Kundun genannt. 3 Jahre lebt er mit dessen Familie, vertieft seine Kenntnisse, doch dann , im Jahr 1959 muß der Dalai Lama vor den Chinesen nach Indien fliehen. Choedrak wird verhaftet, er kommt zunächst in ein tibetisches, dann in chinesisches Straflager. Er wird gefoltert und muß sich wie alle Gefangenen immer wieder den sogenannten Thamzings unterziehen, Umerziehungssitzungen, in denen der Beschuldigte öffentlich Selbstkritik üben muß. Mithäftlinge, Familie, Freunde, Kinder werden gezwungen ihn zu quälen.

Es gab Gefangene, schreibt Choedrak, die nach solchen Sitzungen die Bitte hingerichtet zu werden, mit ihrem eigenen Blut geschrieben haben. Als er in ein chinesisches Arbeitslager verlegt wird, leben von den 300 zuvor dorthin deportierten Tibetern noch 2. Die Menschen essen aus Hunger Ratten, die Frauen werden vergewaltigt, eine beliebte Methode zu töten ist die, Nägel in die Köpfe der Häftlinge zu schlagen. Nach 12 Jahren Haft erfährt Choedrak, der inzwischen im Steinbruch arbeiten muß, sein Urteil: insgesamt 17 Jahre. Es sollten 21 werden. Bezichtigt wurde er der Spionage.

Wer dieses Buch zu lesen beginnt, weiß worauf er sich einläßt, es steht ja schließlich im Klappentext. Daß man aber bei Folterberichten nicht mehr aufhören kann zu lesen, liegt nicht an den geschilderten Brutalitäten, sondern an der Art, wie Choedrak standhält, genauer gesagt: er widersteht. Dabei hatte er anfangs durchaus Wut auf die Chinesen, mehr noch auf die Tibeter, die mit ihnen gemeinsame Sache machten, aber: "Nur mit Liebe und Mitgefühl kann man seinen ärgsten Feind dazu bringen, sein Denken zu ändern". Choedrak hilft die Meditation, er beherrscht spezielle Techniken, die ihn tagelang nicht frieren oder hungern lassen, ihm hilft der Glaube an den Buddhismus und die Liebe zu Kundun. Am Ende der Gefangenschaft heilt er chinesische Offiziere.

"Der Palast des Regenbogens" ist ein bescheidenes Buch von einem bescheidenen Menschen, der von seiner Pein und seinen Peinigern mit der gleichen Mischung aus Distanz und Mitgefühl erzählt, wie über seine späteren Vortragsreisen zu internationalen Medizinerkongressen in Europa und den USA. Der große Arzt erzählt einfach und direkt, das, was er weiß, aus der Welt, aus der er stammt. Was Tenzin Choedrak weiß, ist mehr als wir erahnen können und die Welt, aus der stammt, er hat sie nach seiner Flucht nicht wiedergesehen: Tibet.

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