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Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Der Papst als Autor25.04.2005

Der Papst als Autor

Eine kleine Werkschau Joseph Ratzingers

Der literarische Output des neuen Papstes Benededikt XVI. ist ebenso beträchtlich wie die derzeitigen Lieferschwierigkeiten der Verlage, was die Schriften Joseph Ratzingers anbelangt. So sind etwa seine bei der DVA erschienenen Bücher seit Tagen ausverkauft, Neuauflagen sind für Anfang Mai angekündigt. Schon seit den frühen 60er Jahren hat Ratzinger immer wieder Schriften zu religiösen und gesellschaftlichen Fragen veröffentlicht, oft in Form von Interviewbänden, zudem 1998 eine Autobiographie über seine ersten 50 Lebensjahre.

Von Hajo Goertz

Papst Benedikt XVI.  (AP)
Papst Benedikt XVI. (AP)
<p>Ratzinger-Bücher boomen. Das ist nicht verwunderlich, nachdem der Leiter der Vatikanischen Glaubensbehörde zum Papst gewählt wurde. Man möchte erfahren, wie denn dieser Mann denkt, um herauszubekommen, was von Benedikt XVI. zu erwarten ist. Vor allem sein neuestes Buch ist ein Renner, obwohl nur bereits veröffentlichte Texte zusammengestellt wurden. Als es zwei Wochen vor seiner Wahl herauskam, konnte der Herder-Verlag nicht ahnen, dass es das Buch des neuen Papstes werden würde, jetzt kommt er mit dem weiteren Druck kaum nach. "Werte in den Zeiten des Umbruchs" lautet der Titel und zielt nach der Unterzeile darauf ab, "die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen". Die Aufsätze sind zu drei Themenkreisen gruppiert: Politik und Moral, die geistigen Grundlagen Europas und Verantwortung für den Frieden. Wie das Handeln des einzelnen, so muss auch das Handeln des Staates und der Politik auf ein Ethos gegründet werden, erklärt Ratzinger.<br /><br />&quot;Konkret ist es die Aufgabe der Politik, Macht unter das Maß des Rechtes zu stellen und so ihren sinnvollen Gebrauch zu ordnen. Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts muss gelten. Macht in der Ordnung und im Dienste des Rechts ist der Gegenpol zur Gewalt, unter der wir rechtlose und rechtswidrige Macht verstehen. &quot;<br /><br />Ratzinger will nicht als Verfechter von Law and Order missverstanden werden, es geht ihm um den unverfügbaren ethischen Grundkonsens. Europas Erfahrungen des 20. Jahrhunderts waren bestimmt von der Pervertierung von Staat und Recht, nach seiner Meinung nicht zuletzt deshalb, weil sie atheistisch geprägt waren.<br /><br />&quot;Es ist bezeichnend, dass sowohl der Nationalsozialismus wie der Marxismus im Grunde den Staat und das Recht verneinten, die Bindung des Rechts als Unfreiheit erklärten und demgegenüber etwas Höheres zu setzen beanspruchten: den so genannten Volkswillen oder die klassenlose Gesellschaft, die den Staat ablösen sollte, der das Instrument der Hegemonie einer Klasse sei. &quot;<br /><br /> Mit der Überwindung des "realen Sozialismus", der den Menschen seines Rechts und seiner Freiheit beraubte, mit dem Siegeszug der Demokratie in Europa sind für Ratzinger die Gefährdungen des Ethos keineswegs geschwunden. Im Gegenteil sieht er nun die "radikal relativistische Position" auf dem Vormarsch, die den Begriff des Guten und der Wahrheit ganz ausscheiden wolle:<br /><br />&quot;Es gibt danach letztlich kein anderes Prinzip des Politischen als die Entscheidung der Mehrheit, die im staatlichen Leben an die Stelle der Wahrheit trete. Recht könne nur rein politisch verstanden werden, das heißt Recht sei, was von den dazu befugten Organen als Recht gesetzt werde. &quot;<br /><br /> Das ist für ihn die "Diktatur des Relativismus". Paradefall der Missachtung eines dem Staat vorgeordneten, auch Mehrheitsentscheidungen entzogenen Rechts ist die Abtreibungsgesetzgebung, die das Lebensrecht eines unschuldigen Menschen der Entscheidung eines anderen anheim stelle. Auch in der Diskussion über den wissenschaftlichen Fortschritt und die Möglichkeiten der Biogenetik äußert er die Sorge, dass Grenzen überschritten werden:<br /><br />&quot;Wir sind nicht einfach gegen Technologie, aber wir sind gegen deren Missbrauch. Wir sind gegen eine Materialisierung des Lebens, dagegen, dass der Mensch manipuliert wird. &quot;<br /><br /> Ratzingers Gegenwartsanalyse ist begründet, wie schon frühere Veröffentlichungen zeigen, in einer bipolaren Weltsicht: Hier das Reich des Guten, dort der Raum des Bösen.<br /><br />&quot;Wer Gott nicht mag, mag auch den Menschen nicht.&quot;<br /><br />Meint er und ist überzeugt:<br /><br />&quot;Ohne neue Besinnung auf den Gott der Bibel, den in Jesus Christus nahe gewordenen Gott, werden wir den Weg zum Frieden nicht finden. &quot;<br /><br />Die Debatte um eine Gottes-Anrufung in der Europäischen Verfassung und ihr negatives Ende lassen ihn befürchten, dass auch Europa seine Identität verliert und einen Irrweg einschlägt.<br /><br />&quot;Braucht Europa, braucht die Welt nicht doch korrigierende Elemente aus seiner großen Tradition und aus den großen ethischen Traditionen der Menschheit? &quot;<br /><br />Es ist eine rhetorische Frage.<br /><br />&quot;Ob wir am eigentlichen Tiefpunkt der Krise sind, wage ich nicht zu beurteilen, aber ich denke schon, dass wir ... auch wieder auf einer Bewegung nach oben sind.&quot;<br /><br />Sagt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation 1996 bei der Vorstellung seines Buches "Salz der Erde". Er weiß allerdings auch, dass die vermeintliche "Bewegung nach oben" kaum die gute alte Zeit zurückbringt:<br /><br />&quot;Nicht in dem Sinn, als ob die Kirche nun wieder Volkskirche werden würde, als ob sie wieder die öffentlichkeitsbeherrschende Macht in der Welt sein würde, aber doch in dem Sinn, dass nach den Ernüchterungen der weltlichen Hoffnungen, die wir hatten, nach den Ernüchterungen nicht nur im Scheitern der marxistischen Verheißungen, sondern doch auch im Scheitern der marktwirtschaftlichen und liberalen Verheißungen auch eine neue Offenheit für die Kirche da ist. &quot;<br /><br />Ratzinger entdeckt sie vor allem in konservativen, geistlich bestimmten Gruppierungen. Sie verwirklichen die Aufgabe aller Christen - biblisch gesprochen -, Salz der Erde zu sein, vorbildhaft, indem sie "intensiv gegen das Böse anleben", wie er sagt. Bereits über zehn Jahre zuvor, in seiner Analyse "Zur Lage des Glaubens", hatte er die Einstellung der Katholiken zur säkularen Welt beschrieben und gefordert:<br /><br />&quot;Auch hier müssen wir zu einem neuen Mut zum Nonkonformismus gegenüber den Tendenzen der Wohlstandsgesellschaft zurückfinden. Anstatt dem Zeitgeist zu folgen, müssten gerade wir ihm von neuem mit evangelischem Ernst entgegentreten. Wir haben den Sinn dafür verloren, dass die Christen nicht wie >jedermann< leben können. &quot;&lt;br /><br />Das ist eine andere Grundhaltung als jene, die das Zweite Vaticanum zum Ausdruck brachte. Das Konzil hatte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kirche nicht im Gegenüber, sondern in der Welt gesehen und den Christen zugemutet, auf sie zuzugehen, nicht um sich anzupassen, sondern um sie mit christlichem Geist zu durchformen. Ratzinger macht vor allem das Konzil dafür verantwortlich, dass die katholische Kirche seiner Ansicht nach angekränkelt ist. Erstaunlich, denn der damals junge, progressiv eingeschätzte Professor hat als theologischer Berater nachweisbar dazu beigetragen, dass die Kirche sich der modernen Welt öffnete und dazu sich selbst reformierte. Die Kirche sollte weniger papstzentriert sein und mehr Mitwirkung der Laien ermöglichen. So fordert er noch 1970 in seinem programmatisch scheinenden Büchlein "Demokratie in der Kirche". In seiner 1998 erschienenen Autobiographie "Aus meinem Leben", die einige Aufschlüsse über seine Selbsteinschätzung zum Werdegang bis zum Erzbischof von München bietet, fällt es Ratzinger allerdings nicht leicht, seinen Wandel vom fortschrittlichen Vordenker zum konservativen Bewahrer plausibel zu machen.<br /><br />&quot;Nicht ich habe mich geändert, sondern die andern.&quot;<br /><br />Meint er in "Zur Lage des Glaubens" feststellen zu können. Es sei sein Grundimpuls gewesen, ergänzt er in "Salz der Erde", unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen:<br /><br />&quot;Wichtig ist mir doch, dass ich von dieser Konstante, die von meiner Kindheit an mein Leben geprägt hat, nie abgewichen bin und dass ich in ihr der Grundrichtung meines Lebens treu geblieben bin. &quot;<br /><br />In seiner bis heute weit verbreiteten und in 17 Sprachen übersetzten "Einführung in das Christentum" hat Ratzinger allgemeinverständlich den Kern des katholischen Glaubens darzustellen versucht. Es ist das einzige größere theologische Werk aus seiner Feder, ansonsten ist er der Meister der kleinen Form in Reden, Aufsätzen, Buchbeiträgen. Bezeichnend, dass die als wichtig eingeschätzten Bücher "Zur Lage des Glaubens" und "Salz der Erde" in Interview-Form von Journalisten herausgebracht wurden. In seiner Autobiographie berichtet Ratzinger, dass eine hierarchische Karriere nie in seinem Sinn lag und er am liebsten Universitätsprofessor geblieben wäre. Noch vor seiner Wahl zum Papst hatte er erklärt, er wolle sich bald in seine bayerische Heimat zurückziehen, um Bücher zu schreiben. Dazu kann er jetzt wohl nicht mehr kommen. Als Benedikt XVI. wird er allerdings seine allzu einfache bipolare Weltsicht weiten müssen, um der komplexen Gegenwart gerecht zu werden. Nur so dürfte er nicht bloß bei Konservativen Zuspruch zu finden, sondern bei allen Katholiken und erst recht im säkularen Umfeld.<br /><br />Die genannten Bücher:<br />Einführung in das Christentum; Kösel Verlag, München 1968; Neuauflage 2000; 366 Seiten; 21,95 Euro. Sonderausgabe etwa 16,00 Euro<br /><br />Gemeinsam mit Hans Maier: Demokratie in der Kirche. Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren; Lahn-Verlag, Limburg 1970; 77 Seiten; Neuauflage bei Topos Plus, Kevelaer 2000; 6,90 Euro<br /><br />Zur Lage des Glaubens. Ein Gespräch mit Vittorio Messori; Verlag Neue Stadt, München 1985; 215 Seiten (vergriffen)<br /><br />Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1996; 302 Seiten; 8,95 Euro<br /><br />Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927 – 1977); Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1998; 190 Seiten; Neuauflage 8,00 Euro<br /><br />Werte in den Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen; Verlag Herder, Freiburg 2005; 156 Seiten; 8,90 Euro<br /><br /> Hajo Goertz über die Schriften Joseph Ratzingers. Sein Standardwerk "Einführung in das Christentum" ist aktuell als kartonierte Sonderausgabe mit 364 Seiten für 9.95 € beim Weltbild-Verlag erhältlich, die bei der DVA edierten und derzeit vergriffenen Interviewbände "Salz der Erde" und "Gott und die Welt" erscheinen ebenso wie die Lebenserinnerungen Ratzingers Anfang Mai in Neuausgaben. Auch sein neuestes Buch "Werte in den Zeiten des Umbruchs", veröffentlicht im Freiburger Herder Verlag zum Preis von 8,90 €, soll dann wieder lieferbar sein.</p>

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