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StartseiteComputer und KommunikationDer Pinguin auf dem Weg ins Tonstudio12.07.2003

Der Pinguin auf dem Weg ins Tonstudio

Audiobearbeitung mit freier Linux-Software rückt näher.

<strong> In Hollywood hat das freie Betriebssystem Linux längst einen festen Platz. Im Welterfolg "Titanic" waren Hunderte von Linuxrechnern für die digitalen Tricks verantwortlich. Auch als Webserver ist Linux die erste Wahl. In Tonstudios allerdings beherrschen immer noch Apple- oder Windows-Rechner die Szene. Doch auch im Bereich Audio holt der Pinguin auf. Einer der aktivsten Entwickler von professioneller Sound-Software für Linux ist der US-Amerikaner Paul Davis. Sein größtes Projekt, der Mehrspur-Rekorder und Mixer Ardour ist auf dem Linuxtag in Karlsruhe in der ersten Beta-Version zu sehen. </strong>

Von Frank Barknecht

Dass Linux im Audiobereich erst langsam Fuß fasst, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl, dass Soundsoftware zu den komplexesten Aufgaben gehört, der sich ein Programmierer stellen kann. Ein anderer Grund ist, dass sich die Linux-Entwickler die Treiber für professionelle Soundkarten erst einmal selber schreiben mussten. Bis heute kann der aktuelle Kernel, also das eigentlich Herzstück von Linux, standardmäßig nicht mit den Profi-Geräten umgehen, die in Aufnahmestudios üblich sind. Unterstützung für die High-End-Geräte liefern erst die so genannten ALSA-Treiber, die aber in der nächsten Linux-Version integriert sein werden.

Ein fehlender Treiber für professionelle Hardware war es auch, was den US-Amerikaner Paul Davis dazu brachte, Soundsoftware für Linux zu schreiben:

RME, ein deutscher Hersteller von Audio-Karten, veröffentlichte vor einigen Jahren die Hammerfall, eine Audio-Karte mit 26 Eingängen. Ich dachte mir: Wow, das hört sich ziemlich cool an, davon würde ich gerne eine benutzen. Ich fing an, einen Linux-Treiber zu schreiben, weil RME keinen lieferte. Als ich fertig war, dachte ich: So, und was fängt man jetzt damit an? Ich überlegte mir, welche Sorte Software ich für die Hammerfall schreiben könnte, und damit sind wir bei dem Projekt, an dem ich die letzten drei Jahre bis heute arbeite.

Das Projekt, das Paul Davis vor drei Jahren begann, war der Harddisk-Rekorder Ardour. Ardour ist wohl das mit der größten Spannung erwartete Sound-Programm für Linux. Bei Linux-Software gibt es normalerweise schon früh eine lauffähige Version - selbst dann, wenn die Entwicklung noch ganz am Anfang steht. Ardour hingegen blieb jahrelang eine Art Phantom. Zwar konnte man sich immer den aktuellen Quelltext aus dem Internet laden. Doch selbst alte Linux-Haudegen waren damit überfordert, aus dem Quellcode eine lauffähige Software zu bauen.

Im vergangenen Jahr aber hat Paul Davis den Durchbruch geschafft. Heute ist Ardour eine relativ stabile Software, die nur noch ein paar Schönheitsoperationen bis zur endgültigen Veröffentlichung braucht.

Ardour fing an als ein einfacher Festplatten-Rekorder. Der einzige Zweck war, Audio-Daten auf Festplatte zu speichern, die durch 26 Eingänge in den Computer kamen. Das war relativ einfach. Ardour konnte schon nach rund einem Monat aufnehmen. Aber dann standen wir plötzlich vor der Frage: Na und? Jetzt können wir also Audio auf Festplatte speichern! Damit ist noch nicht viel erreicht: Man kann die Aufnahme wieder abspielen. Nach etwa anderthalb Jahren wurde mir also klar, dass Ardour lernen musste, wie man Audio-Daten bearbeitet.

Heute kann Ardour Sound-Dateien mit beliebig vielen Spuren editieren, bei fast beliebig hoher Auflösung und Samplerate. Nur die Hardware wie Prozessor und Festplatten setzt die Schranken.

Doch immer noch konnte Ardour nur aufnehmen und bearbeiten, was von außen in den Computer kam: Instrumente, Sängerinnen, Radiomoderatoren. Immer mehr Musiker arbeiten heutzutage komplett im Rechner. Sie benutzen Software-Synthesizer oder lassen ihren Computer künstlichen Hall berechnen. Früher oder später musste Ardour also lernen, wie man Klänge aufzeichnet, die der Rechner selbst erzeugt. Paul Davis setzte sich wieder einmal hin und dachte nach. Das Ergebnis war JACK, das Jack Audio Connection Kit. JACK erlaubt es, zu anderen Anwendungen auf dem Computer Audio-Verbindungen mit hoher Bandbreite herzustellen.

Wenn man einen Drum-Computer und einen interessanten Sound-Effekt hat, dann ist es auf den meisten anderen Systemen unmöglich, die beiden miteinander sprechen zu lassen - es sei denn, der Programmierer hat das beim Design seiner Software bedacht und man selbst hat ein System gekauft, das auch unterstützt wird. In Ardour hingegen ist es problemlos möglich, in den Harddisk-Rekorder hinein aufzunehmen und beim Abmischen den externen Soundeffekt zu benutzen, um den Klang zu verändern. Damit hat man eine Menge Flexibilität gewonnen. Jack verändert die Landschaft für Linux-Audio, weil es anderen Leuten erlaubt, sehr interessante Programme und Anwendungen für JACK zu schreiben.

Für Windows oder den Mac gibt es zwar ähnliche Lösungen wie das Rewire-Protokoll der schwedischen Firma Propellerhead. Dabei verschluckt eine Hauptanwendung, der so genannte Host, alle Gast-Programme. Unter Linux ist ein solches Verschlucken aus technischen Gründen aber nicht möglich. Erst dank Jack können alle Anwendungen ganz sie selbst bleiben. Sie müssen sich keinem Host unterwerfen, aber zugleich werden die reinen Audio-Ströme umgelenkt.

Jack ist kaum ein Jahr alt, aber schon in dieser kurzen Zeit hat es die Linux-Audio-Welt im Sturm erobert. Praktisch jedes professionelle Audio-Programm für Linux unterstützt inzwischen die Sound-Ausgabe über Jack. Für den Benutzer bringt das nur Vorteile: Man kann einfach sein Lieblingsprogramm benutzen und muss trotzdem nicht auf die eine Fähigkeit verzichten, die nur ein anderes Programm liefert.

Links zum Thema

Die umfangreichste Liste von Audio- und Midi-Software for Linux gibt Dave Phillipps unter der URL linux-sound.org heraus.

Die Linux-Audio-Entwickler sprechen gemeinsame Entwicklungen wie beispielsweise JACK auf ihrer linux-audio-dev-Mailing-Liste ab.

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