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Seit 00:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Der Präsident hat auf mich einen konzentrierten Eindruck gemacht"01.06.2010

"Der Präsident hat auf mich einen konzentrierten Eindruck gemacht"

Deutschlandradio-Journalist über sein Interview mit Horst Köhler

Christoph Ricke, Journalist beim Deutschlandradio, führte vor gut einer Woche das Interview mit Horst Köhler, das entscheidend zu dessen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten beigetragen hat. Trotz dass Köhler auf dem Rückweg von einer langen Reise war, habe er konzentriert gewirkt, sagt Ricke.

Christopher Ricke im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Bundespräsident Horst Köhler verkündet seinen Rücktritt.  (AP)
Bundespräsident Horst Köhler verkündet seinen Rücktritt. (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Am Telefon zugehört hat mein Kollege Christopher Ricke. Er ist Redakteur bei Deutschlandradio Kultur und er hat das Interview mit Bundespräsident Köhler geführt, das Ausgangspunkt war für die Entwicklung, die schließlich zu dessen Rücktritt führte. Herr Ricke, was ging Ihnen eigentlich durch den Kopf, als Sie das Interview geführt haben? War Ihnen das klar, dass Köhler etwas sagen würde, was zu diesen Erschütterungen führen könnte?

Christopher Ricke: Mir war in diesem Interview, als der inkriminierte Satz gefallen ist, durchaus klar, dass das eine politische Bedeutung hat und dass, wenn es auch im letzten Teil des Interviews passiert ist, das eigentlich die Botschaft ist, die zu politischer Diskussion führt. Dass das letztlich zu einem Rücktritt vom Amt führt, habe ich im Augenblick, in der Interview-Situation nicht gesehen.

Heckmann: Sie hatten den Bundespräsidenten ja auf Afghanistan angesprochen. Der wiederum hat einen weiten Bogen geschlagen, auch über deutsche Interessen gesprochen, über freien Handel. Hatten Sie, als er geantwortet hat, gedanklich den Sprung nach Somalia mitgemacht, den Köhler da offenbar gemacht hatte?

Ricke: Das Gespräch war angesetzt als Afghanistan-Gespräch. Ursprünglich bemüht hatte ich mich ja um ein China-Gespräch, weil wir auf der Rückreise von China waren, wo er auf der Expo den deutschen Aktionstag eröffnet hat. Es war dann klar, als der Bundespräsident überraschend nach Afghanistan flog, dass wir über Afghanistan reden, und wir haben über Afghanistan gesprochen. Es lohnt sich durchaus, dieses Interview sich noch mal in Gänze anzugucken, und das habe ich in den letzten Tagen mehrfach getan. Da ging es ja, vor allen Dingen dem Präsidenten ging es zunächst um mehr Respekt für die deutschen Soldaten in Afghanistan und insgesamt im Auslandseinsatz. Wir haben auch über das Thema gesprochen, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass deutsche Soldaten im Ausland fallen. Und es ging dann eben auch um die welt- und geopolitischen Interessen, die Deutschland hat.

Heckmann: Das alles natürlich nachzuhören und nachzulesen unter www.dradio.de, unserer Homepage. Herr Ricke, in was für einer Situation war denn Horst Köhler, als er das Interview gegeben hat? Hatten Sie das Gefühl, dass er irgendwie unkonzentriert gewesen ist oder übermüdet? Er kam ja von einer längeren Reise, Sie hatten es gesagt: aus China und Afghanistan.

Ricke: Es war ein langer, es war ein anstrengender Tag. Der Präsident hat auf mich einen konzentrierten Eindruck gemacht. Er hatte sich nach einem Gespräch in einer größeren Journalistenrunde auch noch mal kurz zurückgezogen, um sich dann mit mir in einem Konferenzraum in diesem Flugzeug, in der Theodor Heuss, zu treffen. Es ist eine besondere Situation in so einem Flugzeug-Interview. Es ist relativ laut, die Düsen heulen, man muss sehr nahe zusammensitzen, man muss laut und deutlich sprechen. Einen so engen, auch physischen Kontakt, so einen starken Blickkontakt hat man zu einem Politiker selten in einer normalen Situation. Und in dieser Gesprächssituation, als wir da gemeinsam in diesen Ledersesseln dieses Besprechungsraums der Theodor Heuss saßen, sprach der Präsident laut, deutlich und klar und wir hatten die ganze Zeit Blickkontakt.

Heckmann: Normalerweise ist es ja üblich, dass ein Sprecher bei einem Interview des Bundespräsidenten anwesend ist, der einschreitet, wenn etwas missverständlich, oder etwas sachlich falsch herüberkommt. War das in diesem Fall auch der Fall?

Ricke: Der Sprecher des Präsidenten war mit im Besprechungsraum, auch wenn ich bei Bundespräsidenten-Interviews das bislang nicht erlebt habe, dass ein Sprecher einschreitet. Das verträgt sich vielleicht auch mit der Rolle des Bundespräsidenten nicht. Aber der Sprecher war mit im Raum. Ich hatte kurz vorher mit ihm darüber gesprochen, dass wir selbstverständlich oder dass ich darum bitte, ein Afghanistan-Interview zu führen und nicht China. Das war auch allen klar, dass das ein Gespräch über den letzten Teil dieser Reise sein müsste. Der Sprecher war dabei und wir haben uns dann nachher noch verabschiedet. Ich habe ihm noch gesagt, dass ich das Interview im großen und ganzen so in den Redaktionen abgeben werde, wie wir es aufgenommen haben, dass ich einfach vorne und hinten noch ein paar Pausen entfernen werde, aber dass das Interview in der Form zur Sendung freigegeben wird aus meiner Sicht, wie wir es geführt haben.

Heckmann: In den "Informationen am Morgen" haben wir gesprochen mit Christopher Ricke, Redakteur bei Deutschlandradio Kultur, der das Interview mit Bundespräsident Horst Köhler geführt hat. Herr Ricke, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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