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"Der Regen bringt den Schmerz zur Ruh"

Marina Zwetajewa und ihr dramatisches Lebenswerk

Von Ria Endres

Die russische Dichterin Marina Iwanowna Zwetajewa (1892-1941)
Die russische Dichterin Marina Iwanowna Zwetajewa (1892-1941) (dpa/RIA Nowosti)

Die russische Schriftstellerin Marina Zwetajewa zählt zu den großen Liebeslyrikerinnen der Moderne. Dominanz des Gefühls, des Dunklen und des Schicksalhaften lauteten ihre romantischen Prinzipien. Aber sie verzweifelte mit ihrer dichterischen Radikalität an den Verhältnissen. Als sie sich 1941 mit 49 Jahren das Leben nahm, hinterließ sie eine riesiges Werk von Gedichten, Versdramen und Prosaarbeiten.

Der folgende Essay von Ria Endres beschäftigt sich mit dem Lebenswerk Zwetajewas. Die Autorin ist Essayistin und Hörspielautorin. Sie verfasste zahlreiche literarische Frauenporträts.

Der russischen Dichterin Marina Zwetajewa kann man sich auf verschiedenen Wegen nähern. Aber ihre Dichtung ist nur zu verstehen, wenn man begreift, dass sie trotz aller widriger Lebensumstände immer nur schreiben wollte. Dieses "Schreibenwollen" beinhaltet nach einer Definition von Roland Barthes eine innere Haltung, den Trieb und ein Begehren und hat etwas zutiefst Romantisches und Heroisches. Und wenn man Dichtung als eine "Praxis der Subtilität in einer barbarischen Welt" versteht, wie Roland Barthes sagt, so rückt Marina Zwetajewa ins Zentrum dieser Art von Dichtung. Denn sie verfügte über eine erstaunliche Schreibenergie, und die Worte ihrer Poesie kennen keine Grenzen. Für ihre Dichtung gab es keine Nationalität, sie bildet ihr eigenes, heute würde man sagen, globalisiertes Buchstabenland. An Rainer Maria Rilke schreibt sie 1925 auf Deutsch:

"Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc(etera). Dichtern redet. Ein Dichter kann französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind."

Der mythische, schöne, grenzenlose Gesang des Orpheus, der alle betört, wird auch Vorbild für Marina Zwetajewa und treibt ihr Begehren zu schreiben voran. Als sie mit nur 49 Jahren ihrem Leben ein Ende setzt, hinterlässt sie eine riesiges, fast unüberschaubares Werk: Hunderte von Gedichten, acht Versdramen, über 100 Poeme, fast 50 Prosaarbeiten, außerdem zahlreiche Briefe und zwei Dutzend Arbeits- und Notizhefte, die dokumentieren, wie sie trotz extrem komplizierter Lebensumstände dennoch weiterschrieb. Nicht umsonst spricht Josef Brodsky von der "calvinistischen Unerbittlichkeit" ihrer Dichtung, während Maxim Gorki ihr Schreiben als "schreierisch und hysterisch" ablehnt.

Marina Zwetajewa wurde 1892 in Moskau in ein großbürgerliches, wohlhabendes Elternhaus hinein geboren. Ihr Vater, der europaweit bekannte Kunstwissenschaftler und Altphilologe Ivan Zwetajew, gründete das Museum der Bildenden Künste (das heutige Puschkin-Museum); ihre Mutter, Maria Mein, war eine begabte Konzertpianistin.

In ihrer autobiografischen Prosa erinnert sich Marina später an ihr Elternhaus im vorrevolutionären Russland. Ihre Kindheitserinnerungen haben eine große Ähnlichkeit mit denen von Vladimir Nabokov. Ein merkwürdiger Zauber liegt darüber. Das Holzhaus in Moskau war schokoladenfarben und umgeben von einem Garten mit altem Baumbestand. Die Fantasie Marinas entzündete sich im Haus an Spieldosen, einem Panorama und vielen Büchern. Es gab genug Platz für ihre überschäumende Fantasie. Hauslehrerinnen und Gouvernanten kümmerten sich um sie und ihre Schwester. Die beiden Töchter wurden auch in Deutsch und Französisch unterrichtet und lernten schon sehr früh die europäische Literatur kennen.

Die Ferien verlebte die Familie in einer Datscha in Tarussa. Besondere Bedeutung bekamen die Reisen mit den Eltern durch Italien, die Schweiz und Deutschland. Sie wurden unternommen, weil die tuberkulosekranke Mutter Heilung suchte. Die strenge und melancholische Maria Mein wollte, dass auch ihre Tochter Marina eine Pianistin werden sollte. Der überbordende Ehrgeiz der Mutter quälte sie. In ihrer autobiografischen Prosa schreibt sie rückblickend:

"Die Mutter überschwemmte uns mit Musik. (Aus dieser Musik, die sich in Lyrik verwandelte, sind wir nie wieder aufgetaucht, ans Tageslicht!) Die Mutter überflutete uns wie Hochwasser. Ihre Kinder waren, wie die Hütten der Armen am Ufer aller großen Flüsse, von vornherein dem Untergang geweiht. Die Mutter überflutete uns mit der ganzen Bitterkeit ihrer nichtverwirklichten Berufung, ihres nichtverwirklichten Lebens. Überflutete uns mit Musik wie mit Blut, dem Blut der zweiten Geburt. Ich kann sagen, dass ich nicht ins Leben, sondern in die Musik hinein geboren wurde."

Die Musikalität von Marina geht ihre eigenen Wege, das Kind entdeckt das Wort. Als die Mutter mit 36 Jahren an Tuberkulose starb, war Marina 14 Jahre alt. Sie hörte mit dem Klavierspiel auf. Ihre frühe Entscheidung, Dichterin zu werden war auch ein Befreiungsversuch aus dem mütterlichen Kosmos. Er gelang deshalb, weil Marina Zwetajewa die Sprache zu ihrem Lieblingsobjekt machen konnte.

Außerdem suchte das Kind schon bald nach einer starken Männerfigur, denn ihr meist abwesender, aber gutmütiger Vater eignete sich wenig dazu. Sie entwickelte schon sehr früh eine Fähigkeit zu projizieren und sie schwärmte für Männer wie Napoleon und den Zaren. Ihr Zimmer richtete sie im napoleonischen Stil ein und der Zar war für sie keine historische Figur, sondern eine mythische Gestalt; sein realer Sturz entrückte ihn nur umso mehr in Marina Zwetajewas Imagination.

Der Tod der Mutter war für die Familie eine Katastrophe, denn sie hatte Maßstäbe gesetzt und Sicherheit gegeben. Marina nimmt in ihren Jugendgedichten Abschied von der Kindheit. Sie möchte sterben, aber zugleich beginnt eine äußerst produktive Phase. Vier Jahre nach dem Tod der Mutter, im Jahre 1910, veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband "Abendalbum", den sie auf eigene Kosten drucken lässt.

Es war das Jahr, in dem Tolstoi starb. Noch bevor das Zarenreich auseinanderbrach, veränderten sich die Schreibweisen der Literaten. Auch der Symbolismus war in eine unaufhebbare Krise geraten. Ossip Mandelstam schrieb ein antisymbolistisches Manifest und entdeckte überall überholte Formen und Inhalte. Die "Gesellschaft für Ästhetik" hatte die 18jährige Marina Zwetajewa zu einer Lesung eingeladen. Sie trug ihre Gedichte zusammen mit ihrer Schwester auswendig vor:

"Es war ein Schloss: rosarot wie die Wintermorgenröte
Groß wie die Welt, alt wie der Wind.
Wir waren Töchter fast eines Zaren,
fast Zarentöchter
[…] Des schnellen Hirsches Blut tranken wir aus dem Horn,
die Herzen betrachteten wir durch die Lupe […]
und jener, der glauben konnte, dass es Liebe gibt,
erschien uns dumm.
Eines abends kam aus der Dunkelheit
Ein trauriger Prinz im grauen Kleid.
Er sprach ohne Glauben: Ach! Wir aber
Lauschten ihm im vollen Glauben […]
Wir sind zu jung, um den zu vergessen,
der den Zauber in uns verweht hat,
aber um wieder so zärtlich zu lieben:
Dazu sind wir zu alt."


Dichter unterschiedlichster Richtung waren bei dieser Lesung versammelt. Auch Wladmir Majakowski las an diesem Abend zum ersten Mal öffentlich. Seine freien rhythmischen Gedichte waren eine Provokation für den öffentlichen Geschmack. Obwohl Marina Zwetajewa und Majakowski Welten trennten, erkannte sie sofort seine Originalität, seinen eigenen Ton und seine Radikalität, aber sie schloss sich weder ihm noch der futuristischen Bewegung an. Vor allem konnte sie nicht seine Kritik an der bürgerlichen Schwermut nachvollziehen, wie dann später seine Forderungen nach der sozialistischen Kunst.

An diesem Abend begann der frühe Ruhm von Marina Zwetajewa, denn dem burschikosen Fräulein mit den grünen Augen wurde Talent zugesprochen. Doch erschienen den Kritikern ihre mädchenhaften Bekenntnisse auch etwas beängstigend.

Die schriftstellerische Fantasie von Marina Zwetajewa hatte sich in den Räumen eines abgeschlossenen Elternhauses entwickelt. Auf die Welt draußen war sie nicht vorbereitet. Ihre Gedankenwelt war ins 19.Jahrhundert zurückgewandt. Sie betrachtete die russischen Volksmärchen als ihr Erbe und hielt an den Bildern großer Herrscher fest.

Aber ihr großbürgerliches Bildungserbe bewahrte sie nicht vor Brüchen, die nie gekittet werden konnten. Am Schwarzen Meer lernte sie den Gymnasiasten Sergej Efron kennen. Sie ist 18 Jahre alt, er ein Jahr jünger. Seine fragile Schönheit zog sie an und sie fasste den verhängnisvollen Entschluss, sich nie mehr von ihm zu trennen. 1912 heiratete sie Efron gegen den Widerstand ihres Vaters. Später hält sie ihre frühe Ehe für eine Katastrophe.

Während des Ersten Weltkriegs pflegte Sergej Efron Verwundete, Marina stürzte sich ins Moskauer Kulturleben. Sie lernte Theaterleute kennen, schrieb erotische Sonette und war vor allem mit privaten Dingen beschäftigt. Ihr Bedürfnis nach Subjektivität musste mit den Prinzipien der russischen Revolution kollidieren. Allein schon die Begeisterung für Deutschland stand in völligem Widerspruch zur antideutschen Stimmung in Moskau. In einer Art ekstatischem Überschwang schreibt sie 1914 ein Gedicht über Deutschland:

"[…] Wo du doch, Deutschland, meine Liebe,
wo du doch, Deutschland, bist mein Wahn.
Wie sollte ich denn bloß dich lassen,
mein so gehetztes Vaterland,
wo schmalgesichtig durch die Gassen,
von Königsberg geht jetzt noch Kant,
wo einen neuen Faust im Gehen
umhegt, sein Stöckchen schwingen lässt
Geheimrat Goethe in Alleen
Von einem andern kleinen Nest
[…] Kein Land so klug, so wunderbar ist,
wohlduftend wie von Spezereien,
es kämmt ihr goldenes Lockenhaar sich
die Lorelei am ewigen Rhein".


Marina Zwetajewas Liebe zu Deutschland als ihr inneres Vaterland hat mit dem politischen Deutschland nichts zu tun und ist ausschließlich literarisch-poetisch geprägt. Als Land von Goethe und Kant taucht es noch oft in ihrem Werk auf.

Inzwischen ist die Dichterin eine junge Mutter mit vielseitigen Neigungen und Romanzen geworden. Sie trägt ihr Haar kurz und raucht unmäßig viel. Sie hält an ihren romantischen Prinzipien fest: Dominanz des Gefühls, des Dunklen und Schicksalhaften.

Ossip Mandelstam verliebt sich in sie. Als er sie 1916 in Moskau aufsucht, ist er 25 Jahre alt, ein Jahr älter als sie. Beide sind begeistert von der europäischen Literatur, beide hatten schon Deutschland und Frankreich bereist. Seine "Sehnsucht nach Weltkultur" nimmt auch Maria Zwetajewa für sich in Anspruch. Die Werke lebender und toter Dichter galten ihnen als Nahrung, durch sie bekamen die beiden ihre Schreibenergie.

Aber diese Liebe trägt schon von Anfang an den Keim des Abschieds in sich. Zwetajewa nimmt in ihren Gedichten an Mandelstam den Abschied vorweg, als hätte sie eine verborgene Angst vor Verletzungen. Mandelstam erscheint ihr als "lieber Passant", der beschützt werden muss. Dem Sänger droht Unheil, grade weil er sich so sehr von anderen unterscheidet; sie schreibt orakelhaft:

"Mit nackten Händen packen sie dich - Starrkopf! Gehetzt!
Von deinen Schreien wird die Nacht weithin hallen!
Die Flügel in alle vier Wände - zerfetzt,
Lichtengel! Junger Adler!"


Aber noch ist es nicht so weit. Noch kann sie ihrem Geliebten Moskau mit seinen vielen Kirchen und Plätzen zeigen. Und obwohl er in Moskau die Stadt Florenz und das Blühende, Helle sieht, streifen ihn immer wieder Gedanken an politische Morde. Er ist unruhig und flieht schon bald vor dieser "rätselhaften Mönchin", weil er plötzlich Angst hat, dass Marinas Anwesenheit Unglück bringt. Rückblickend gehört die Zeit mit Mandelstam in Moskau zu Marina Zwetajewas schönsten Erinnerungen. Er wird jedoch 1938 verhaftet und stirbt mit 47 Jahren in einem Durchgangslager bei Wladiwostok.

Nadeschda Mandelstam erinnert sich an Marina Zwetajewa als an eine selbstbewusste Frau, jungenhaft, lebhaft, hartnäckig, von gefährlichem Temperament. Sie verlangt von sich das Äußerste. 1917 wird sie Zeugin der Brutalität der Bolschewiken und gerät in eine existenzielle Krise. Ihr Vermögen wird als "arbeitsloses Einkommen" konfisziert. Efron ist Offizier bei den Weißen geworden.

Während der Hungerperiode lebte Marina Zwetajewa ohne ihren Mann in Moskau. Sie führte Tagebuch. Zum ersten Mal wird die Realität von Außen Thema ihres Schreibens. Man ist erstaunt, wie sie das Hamstern, Schlangestehen, den täglichen Kampf uns Überleben mit unglaublichen Zähigkeit aushält. Sie arbeitet fünf Monate in einer kleinen Dienststelle, damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte über die Kämpfe an den verschiedenen Fronten auszuschneiden und auf Karteikarten zu kleben. Sie hat keine Ahnung, dass ihr oberster Dienstherr Stalin ist. Ihren Zustand schildert sie so:

"Das ist eine lebendige Seele in der Todesschlinge - und trotzdem lebendig. Der Hintergrund ist düster, nicht ich habe ihn ausgedacht … Der Alltag, das ist ein Sack: ein löchriger. Und trotzdem trägst du ihn … Ich sehe nicht besser aus als mein Sack. Die Kartoffeln und ich sind eins."

Die schreckliche Moskauer Hungernot überforderte die junge Mutter völlig. Ihr zweites Kind stirbt in einem Kinderheim an Unterernährung. Für sie ist das eine Strafe Gottes. Trotzdem geht es nicht nur ums nackte Überleben; zwischen 1917 und 1921 entstehen fünf Versdramen, die außergewöhnlich romantische Züge tragen, einige Verspoeme und fünf Gedichtsammlungen. Im Prosatext "Über Deutschland" besteht sie trotzig auf ihrem stark von der Mutter und ihren Reisen geprägten Deutschlandbild als einem Rest der heilen Welt. Sie erfindet 1919 eine Umfrage:

"Was lieben sie an Deutschland?
Goethe und den Rhein.
Nun, und das gegenwärtige Deutschland?
Leidenschaftlich.
Wie, ohne Rücksicht auf …
Nicht nur ohne Rücksicht, - o h n e e s z u
s e h e n!
Sind sie blind?
Sehend.
Sind sie taub?
Absolutes Gehör.
Was sehen sie denn?
Goethes Stirn über den Jahrtausenden.
Was hören sie denn?
Das Rauschen des Rheins durch die Jahrtausende hin.
Aber da reden sie von der Vergangenheit!
Von der Zukunft!"


An Deutschland schätzte sie das Geregelte, denn sie lebte im Chaos. Sie weiß auch, dass es deutsche "Bestialitäten" gibt, aber sie bezieht sich auf Hölderlin, Heine, Novalis, Goethe und die Musik der Romantik. Mit ihrem Vater war sie an den Rhein gereist und hat den grünen Fluss, die Burgen und die Loreley nicht vergessen.

Vor allem blieb der Schwarzwald das Panorama ihres Kinheitsparadieses. Den letzten glücklichen Aufenthalt mit Vater, Mutter und ihrer Schwester hatte Marina als Zwölfjährige in Freiburg verbracht, dort hat sie deutsche Bücher verschlungen. Diese schöne Zeit wird sich in ihrem dramatischen Leben nicht mehr wiederholen.

Marina Zwetajewa folgte ihrem Mann 1922 in die Emigration. Ihre erste Station wird das "russische Berlin" mit seinen 86 Exilverlagen. Ihre Gedichtbücher erscheinen weiter, doch das Leben wird immer härter.

Vom Schreiben soll eine ganze Familie leben. Sergej Efron ist konfus und schwach und nicht in der Lage, eine Familie zu ernähren. Noch im gleichen Jahr treibt sie das Emigrantenleben weiter in die Vororte von Prag, wo der Familie ein mageres Schriftstellerstipendium gewährt wird. Ihr Mann erkrankt an Tuberkulose, Einnahmen durch Bucherlöse und Lesungen nehmen ab.

Marina Zwetajewa schreibt immer mehr Prosa, weil sie feststellt, dass Prosa besser bezahlt wird als Gedichte. Es beginnt eine Briefbeziehung mit Boris Pasternak, der in der Sowjetunion geblieben ist. Sie sollte 17 Jahre dauern. Fixpunkte im Emigrantenleben waren für die Schriftsteller Lesungen. Als Marina Zwetajewa bei einer Lesung in Paris viel Erfolg hat, siedelt die Familie 1925 dorthin über und bleibt dort 14 Jahre. Ihr Sohn Mur, ein sehr schwieriges Kind, wird geboren.

Trotz ausgezeichneter französischer Sprachkenntnisse kann sich die Dichterin in das neue Leben nicht integrieren. Ihre Ungebundenheit nimmt man ihr in Paris so übel wie in Moskau. Dort war es die Verherrlichung des Zaren und die Tatsache, dass sie mit einem "Weißen" verheiratet war, in Paris ist es ihre revolutionäre Sprache, die immer mehr auf Unverständnis stößt. Sie geht mit ihren Sprachexperimenten weiter als manch ein "roter" Kollege.

"Leiser mit Lob,
Tür nicht schmeißen!
Ellenbogen auf die Kante,
Das wird Ruhm geheißen.

Halt: Gedränge,
Herz, ganz ruhig Klopf!
Ellenbogen und Gedanken
Ellenbogen und ein Kopf.

Alte, die sich wärmen,
Junge, die sich lieben,
Keine Zeit zum Hiersein
Nur so dageblieben.

[…]

Gott der Horde!
Steppe, Wüste, Knast,
Paradies ist dort
Wo man sich in Schweigen fasst.

Wüstlinge, Viecher,
Krämer, Eigentümer,
Der ist mein Gott,
Der mir gibt

(keine Zeit mehr,
Die Tage gehen zuende)
Der mir das gibt:
Stille der vier Wände."


In einer Ecke auszuharren sah nicht aus wie ein Leben nach einem selbstständigen Entwurf, sondern war nur eine Hilfskonstruktion. Marina Zwetajewa blieb eine Fremde unter den Emigranten. Die Konkurrenz zwischen den Schriftstellern war groß und die Veröffentlichungspraxis wurde von Gruppen bestimmt. Als sie sich für den roten Majakowski als Dichter der Zukunft einsetzte, distanzierten sich die Emigranten von ihr. Die Emigrantenzeitschrift "Die neuesten Nachrichten" hatten immer wieder Texte von ihr abgedruckt; nun veröffentlichte man sie nicht mehr.

Sie konzentriert sich immer mehr aufs Briefeschreiben. Je leidvoller ihr Leben wird, umso mehr stürzt sie sich auf eine komplizierte Briefliebe mit Pasternak und Rilke. Als ihr Pasternak sein Buch "Themen mit Variationen" schickt, fühlt sie sich davon "verbrannt". Ihre Fähigkeit zu projizieren benutzt sie nun zur Schaffung von Liebesobjekten, oftmals als Traumfiguren. Schon 1922 hatte sie an Pasternak geschrieben:

"Mein liebster Umgang mit Menschen ist ein indirekter, ein Traum, mein zweitliebster: der Briefwechsel … ich habe Begegnungen im Leben nicht gern: es ist wie ein Zusammenstoßen der Stirnen. Zwei Wände. So dringt man nicht durch. Eine Begegnung muss sein wie ein Bogen. Ein Darüberhinaus. Ein Emporwerfen der Stirnen."

1926 schickt sie ihr "Poem vom Ende" an Pasternak. Dieser schreibt zur gleichen Zeit an Rilke und bittet ihn, Marina Zwetajewa die "Duineser Elegien" zukommen zu lassen. Rilke reagiert sofort. Als sie ein Päckchen von ihm erhält, ist es für sie "ein Schlag ins Herz". Es beginnt eine Briefliebe.

In der Zwischenzeit fühlt sich Pasternak auf Eis gelegt. Er möchte mit ihr leben, aber sie hat nur noch Gefühle für Rilke. In dem ungewöhnlichen Briefwechsel werden alle Distanzen überwunden Die deutsch-russische Welt der Worte hält beide gefangen. Schließlich will Marina Zwetajewa Rilke, der unheilbar an Leukämie litt, begegnen. Er zieht sich erschrocken zurück. Die Briefliebe dauerte dreieinhalb Monate. 1926 stirbt Rilke. Als sie von seinem Tod erfährt, schreibt sie ihr Gedicht "Neujahrsbrief", das von Josef Brodsky überschwänglich nicht nur als Höhepunkt ihres Schaffens, sondern der gesamten russischen Literatur bezeichnet wird.

Obwohl Rilkes Tod die Dichterin tief erschüttert hat, nimmt sie in diesem Gedicht keineswegs Abschied von ihm. Sie spricht in fiebrigen Halbsätzen mit Rilke, fragt, wie die Reise gewesen sei. Zwischen Leben und Tod gibt es für sie als "Blutsverwandte" keine eindeutige Grenze. Sie ist eine Landvermesserin. Mit ihren Worten steckt sie den imaginären Raum ihres Beisammenseins ab.

Die Koordinaten ihres "Landes" reichen von Rilke, der sich "oben" befindet zu ihr, die "unten" lebt. Sie schickt ihre Glückwünsche fürs neue Jahr auf die Reise. Aber wohin' Das Paradies stellt sich die Dichterin als eine Mischung von "kristallinem Mittelmeer" und der "Unendlichkeit der Tatra" vor. Natürlich weiß sie, dass die Vorstellungen viel zu konkret sind, deshalb schreibt sie:

"Glückwunsch - wohnst du doch am unbebauten
Rand der Welt! Dein Ort - die Helle, Rainer!
Außenposten der Beweisbarkeiten! …
Welch ein Glück, mit Dir zu enden: Anfang!"


Ihre Welt soll die Welt des Schreibens bleiben. Mit jeder Silbe glaubt sie, Raum und Zeit zu überspringen. Deshalb möchte sie Rilke bitten, ihr "Kassiber" zukommen zu lassen, geheime Botschaften also, nur für sie bestimmt. Dieser Dichterliebe mit ihren geheimen Botschaften können immaterielle Flügel wachsen, die eine "Himmelsleiter" bilden.

Der "Neujahrsbrief" wurde von Marina Zwetajewa inmitten von Chaos und Schmutz in einem Pariser Vorstadtwinkel geschrieben. Hier kann sie ihr persönliches Elend ausblenden. Heroisch wirft sie sich in ihre Worte und steigt mit ihnen in eine Höhe, die sie später nie mehr erreicht hat. Und Deutschland bleibt das Land ihrer Sehnsucht. An ihre tschechische Freundin Teskova schreibt sie 1930:

"Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war … meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land, wie für ihn Russland, die Wolgawelt."

Je hoffnungsloser die Emigrantenlage wird, desto mehr spaltet Marina Zwetajewa ihr Leben und Denken in getrennte Teile. Tote Freunde leben in ihrer Erinnerung und sie verarbeitet sie in Prosaskizzen.

Ein ungebrochenes Engagement hatte Marina Zwetajewa für Puschkin. Im Jahr seines 100. Todestages schrieb sie 1937 einen beeindruckenden Essay über ihren russischen Lieblingsdichter. In ihrem Elternhaus hing ein Bild, das Puschkin zwischen kahlen Bäumen im Duell zeigte. Er starb an den Folgen eines Bauchschusses. Sie folgerte daraus als Dreijährige: Dichter haben einen Bauchschuss und werden getötet, wenn sie nicht aufpassen.

Zu einem Puschkin-Denkmal machte die Familie Spaziergänge. Es war schwarz, also war Puschkin ein Neger. Er hatte die gleiche Farbe wie das Klavier. An Puschkin war alles zu messen, und wer gegen Schwarze war, war Rassist. In einer Theateraufführung von Schülern sah sie Eugen Onegin. Über die Liebesszene mit Tatjana und Onegin auf der Bank schreibt sie:

"Diese meine erste Liebesszene war vorbestimmend für alle anderen, die nachher kamen, die ganze Leidenschaft der unglücklichen, unerwiderten, unmöglichen Liebe in mir. Seit jenem Augenblick wollte ich nicht glücklich sein, und so verdammte ich mich selber zur NICHT-LIEBE."

Durch die Lektüre Puschkins erlebte sie das Gefühl des Meeres so intensiv, dass sie enttäuscht war, als sie es zum ersten Mal sah. Später findet sie den Grund: ihr Meer war Puschkins Brust, eigentlich strebte sie, wie sie sagt, "in Puschkins Brust hinein." Der Dichter und das Meer werden für sie Elementargewalten, die nur in Versen aufgehoben sind. Das Idyllische verachtet sie.

Marina Zwetajewa leistet sich diese merkwürdigen Höhenflüge, obwohl oder weil ihr Leben immer komplizierter wird. Sie steckt den Kopf in die Vergangenheit, um die Gegenwart leichter ertragen zu können. Im Sommer 1935 sieht sie Pasternak auf einem Schriftstellerkongress in Paris wieder. Seit ihrer Emigration hatte sich die Situation in der Sowjetunion dramatisch zugespitzt, was konnte sie also erwarten, wenn sie zurückkehrte? Ein paar Jahre früher hatte sie ihm geschrieben:

"Boris, ich habe Sehnsucht nach der russischen Landschaft, nach Kletten, nach Wäldern ohne Efeu, nach mir - dort. Wenn man noch einmal geboren werden könnte."

Pasternak weiß ihr in Paris keinen Rat; später machte er sich Vorwürfe, dass er ihr nicht entschiedener seine Befürchtungen mitgeteilt hatte. Inzwischen entwickelte ihr Mann Sergej Efron Sympathien für die Sowjets. Er begann mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten und wurde in einen Mordfall verwickelt. Marina Zwetajewa wird beschuldigt, von den Bolschewiken ausgehalten zu werden, tatsächlich aber hungerte die Familie.

1939 kehrt sie in die Sowjetunion zurück. Aber die Heimkehr war voller Schrecken. Sie wird als Emigrantin taxiert, der "Weißen" geht man aus dem Weg. Alle Türen schließen sich. Ihren Mann sperrt man als Doppelspion ein und erschießt ihn später, ihre 27jährige Tochter kommt ins Gefängnis, ihre Schwester nach Sibirien. Hat sie in der Emigration um ihr Leben gekämpft, verlässt sie nun jede Vorstellung, wie sie in dieser barbarischen Welt leben könnte. Die wilde und rückwärtsgewandte Dichterin gilt als Hindernis beim Aufbau des Sozialismus. "Ich weigere mich, zu leben, im Tollhaus unter Vieh", hatte sie 1939 in Paris geschrieben.

Es muss eine schreckliche Angst und Leere in ihr gewesen sein, als man sie während der deutschen Sommeroffensive 1941 nach Elabuga, einer tatarischen Kleinstadt hinter dem Ural evakuierte, zusammen mit ihrem Sohn Mur. Sie bat darum, als Tellerwäscherin angestellt zu werden. Den Tod hatte sie in ihrer Dichtung schon oft vorweggenommen. In Elabuga erhängte sie sich. Ihr Grab ist bis heute unbekannt.

Im Jahre 1918 schrieb sie:

"BAUT EINER KEIN HAUS –
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus."



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