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StartseiteBüchermarktDer rosarote Traum vom bürgerlichen Familienglück17.11.2009

Der rosarote Traum vom bürgerlichen Familienglück

Edward St. Aubyn: "Muttermilch". DuMont Verlag

Im Vergleich zu den Psychotrips der letzten drei Romane wirkt Edward St. Aubyns gebeutelter Held Patrick Melrose im neuen Roman "Muttermilch" so abgesichert wie nie. Doch natürlich birgt selbst das Vaterglück für jemanden wie Patrick noch Albtraumpotenzial.

Von Gisa Funck

Wenn aus misshandelten Kindern Eltern werden, beginnt der Albtraum von neuem. (Stock.XCHNG / Marek Wojtal)
Wenn aus misshandelten Kindern Eltern werden, beginnt der Albtraum von neuem. (Stock.XCHNG / Marek Wojtal)

Wie gewöhnlich war Patrick zu müde um zu lesen und zu rastlos um zu schlafen. Ebenfalls wie gewöhnlich hatte Mary sich zu dem jüngeren Sohn Thomas ins Bett gelegt. Patrick versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wie seine Jugend gewesen war, konnte sich aber nur an jede Menge Sex und das Gefühl potenzieller Größe erinnern. Und das war, wenn er sich in Gedanken der Gegenwart näherte, durch das Verschwinden von Sex und ein Gefühl verschwendeten Potenzials ersetzt worden. Angst und Begierde, Angst und Begierde. Vielleicht sollte er noch mal zwanzig Milligramm Tamazepam nehmen. Vierzig Milligramm schenkten ihm manchmal ein paar Stunden Schlaf, sofern er viel Rotwein zum Abendessen getrunken hatte.

Patrick Melrose kann mal wieder nicht schlafen. Besonders überraschend ist das nicht. Denn auch schon in den drei vorherigen Patrick-Melrose-Romanen war dieser Alter-Ego-Held des britischen Schriftstellers Edward St. Aubyn regelmäßig so stark verzweifelt, dass er kaum zur Ruhe kam. Im ersten Roman der Trilogie "Never Mind" wurde der fünfjährige Patrick von seinem Vater David sexuell vergewaltigt. Im zweiten Roman "Bad News" jagte er als 22-jähriger Oxfordstudent jedem Schuss Heroin hinterher. Und im dritten Roman "Some Hope" schreckte Patrick als 30-jähriger Snob inmitten einer arroganten High Society noch nicht mal davor zurück, aus der eigenen Missbrauchserfahrung einen zynischen Partygag zu machen. Nein: besonders herzlich, freundschaftlich oder Gemüts aufhellend ging es tatsächlich noch nie im ebenso stinkreichen wie selbstzerstörerischen Patrick-Melrose-Kosmos zu, mit dem sich der Adelssprössling Edward St. Aubyn erfolgreich sein eigenes Lebenstrauma von der Seele schrieb.

Doch im Vergleich zu den psychischen Höllenritten der letzten drei Melrose-Romane wirkt sein gebeutelter Held Patrick nun, im neuen Roman "Mother Milk" - auf Deutsch: Muttermilch – zumindest vordergründig stabilisiert und bürgerlich so abgesichert wie nie. Der 42-jährige Patrick ist Rechtsanwalt geworden. Hat mit seiner Frau Mary eine verlässliche Ehepartnerin gefunden. Und ist Vater von zwei kleinen Söhnen. Eigentlich beste Vorraussetzungen für die gelebte Familienidylle. Doch natürlich birgt selbst das Vaterglück für jemanden wie Patrick noch Albtraumpotenzial, wie Edward St.Aubyn erklärt:

"Ich glaube, dass die Präsenz eines Babys bewirkt, dass auch jeder in seiner Umgebung wieder zum Baby wird. Denn, was auch immer für ungelöste Gefühle jemand in puncto Abhängigkeit oder Fürsorge hat: Das alles bricht in Gegenwart einer so hochgradig abhängigen Person wie einem Kleinkind wieder ganz stark hervor."

Sobald man ein Kind hat, werden auch die ungelösten Konflikte der eigenen Kindheit wieder lebendig. Das gilt in "Muttermilch" unglücklicherweise nicht nur für Patrick, sondern auch für seine allzu mütterliche Frau Mary, die sich nach der Geburt des zweiten Sohnes statthaft weigert, weiterhin Sex mit ihrem Ehemann zu haben:

"Mary ist jemand, der sich schockierend abgelehnt und missverstanden von ihrer eigenen Mutter fühlte. Deswegen wird sie zur Übermutter, die überkompensiert, indem sie ihrem Kind eine völlig übertriebene Bemutterung zukommen lässt."

Eigentlich bezeichnet die titelspendende Muttermilch die gesündeste Nahrung, die Eltern ihrem Nachwuchs geben können. In St. Aubyns Roman aber ist die Fürsorge, mit der Mary und Patrick sich um ihre Söhne kümmern, biografisch schwer vorbelastet. Und beide sind so sehr vom kompensatorischen Wunsch besessen, es unbedingt besser als ihre eigenen Eltern machen zu wollen, dass sie sich und alle anderen ständig überfordern:

"Patrick spürt, dass Leute, die von ihren Eltern schlecht behandelt wurden, sich entweder in einer Zone Eins befinden, in der sie den Menschen, die sie eigentlich lieben, genau das Gleiche antun, was ihnen einst angetan wurde. Oder sie befinden sich in einer Zone Zwei, in der sie überkompensieren und überängstlich sind, bloß nicht zu tun, was ihnen angetan wurde. Damit machen sie aber ebenfalls Fehler. Und sie erzeugen ein Klima der Erschöpfung, in dem ihre Kinder aufwachsen. Patrick und Mary sind definitiv Zone-Zwei-Eltern. Sie sind also erst halb am Ziel."

Patrick hat in "Muttermilch" zwar erfolgreich seine Heroinsucht besiegt. Doch er ist dafür von einer anderen Sucht getrieben. Der Sucht nach der perfekt glücklichen Familie, die natürlich nicht zu erreichen ist. Frustriert stürzt sich Patrick darum erst in eine unglückliche Liebesaffäre und dann in die Alkohol- und Tablettensucht. Und sein Scheitern als Superpapa wird im Roman zusätzlich dadurch verschärft, dass Patricks demenzkranke Rabenmutter Eleanor ausgerechnet von ihrem enterbten Sohn verlangt, dass er für sie Sterbehilfe leistet. Eine Bitte, die Patrick endgültig ins auswegslose Seelendilemma treibt, weil er seine egomanische Mutter einerseits hasst – und sich ihr doch andererseits verpflichtet fühlt:

"Am Anfang von 'Mother's milk' ist Patricks Mutter gerade dabei, ihren Sohn komplett zu enterben. Und dann bittet sie ihn, dass er sie umbringen soll. Und das sind natürlich zwei Dinge, die die Aufmerksamkeit auf die Mutter lenken. Und dann widerruft sie ihre Bitte wieder. Und das befreit Patrick schließlich, weil es so extrem ist, dass er sie loslassen kann."

Kindesmissbrauch, Drogensucht, Partysnobismus: die ersten drei Melrose-Romane zeigten eine verrohte Luxuswelt von dekadenten Superreichen, zu der man normalerweise keinen Zutritt erhält. Und Edward St. Aubyn wurde mit diesen autobiografischen Romanen nicht zuletzt auch deshalb so berühmt, weil sie die Skandalsucht der britischen Klatschpresse befriedigten. Nun in "Mother's milk" beruhen die seelischen Nöte Patricks zwar ebenfalls auf den Erfahrungen seines Schöpfers. Aber sie wirken nicht mehr so außergewöhnlich, skandalträchtig und vom Milieu her abgehoben. Stattdessen erzählt der Roman multiperspektivisch aus Sicht eines Sohnes, der Mutter Mary und des Vaters Patrick vom letztlich ganz normalen Familienwahnsinn gegenseitiger Abhängigkeit und Erpressungsversuche – wenn auch in übersteigerter Form:

"Ich bin völlig uninteressiert an Fantasie. Für mich gibt es immer einen realen Anlass zu schreiben. Und ich schreibe über etwas, was mir nicht aus dem Kopf geht. Und für mich bedeutet Einbildungskraft, wie tief ich in die Realität eindringe – und nicht, wie sehr ich aus ihr entfliehe. Es ist eine billige Vorstellung von Einbildungskraft zu denken, dass sie die Form von Dingen annehmen sollte, die nicht existieren, oder von Zeiten, von denen wir nichts wissen. Und selbst, wenn ich einen Roman auf dem Mars im 21. Jahrhundert spielen lassen und ihn mit melancholischen Drachen und weisen Elfen füllen würde, ich würde ihnen immer noch die Gefühle und Gedanken geben, die ich kenne."

Die Melroses in "Mother's milk" zeigen, wie schnell der rosarote Traum vom bürgerlichen Familienglück, der allabendlich so gern auf dem Fernsehschirm beschworen wird, sich in einen düsteren Albtraum verwandeln kann, wenn aus misshandelten Kindern Eltern werden. Für Patrick und Mary war die Familie nie Refugium, sondern stets der brutalste Feind von allen. Ihr Kampf ist darum primär ein Kampf mit den eigenen, alten Dämonen, die der Dämonenexperte St. Aubyn in seinem 2006 für den Booker Prize vorgeschlagenen Roman einmal mehr ebenso treffsicher wie sarkastisch zu beschreiben weiß. Selbst schlimmste Verzweiflung taugt hier noch zum bitter-scharfzüngigen Bonmot. Und da verzeiht man dem Autor dann auch manche, etwas langatmige Dialogpassage, wenn es eben auch Sätze wie diese hier gibt, mit denen Patrick einmal seine Alkoholsucht resümiert:

Es gab praktisch nichts Komplizierteres, als ein erfolgreicher Alkoholiker zu sein. Länder der Dritten Welt bombardieren, das war etwas für Leute mit mehr Freizeit.

Edward St. Aubyn: "Muttermilch".
Originaltitel: Mother's Milk. Übersetzt von Dirk van Gunsteren
DuMont Buchverlag GmbH, August 2009 - gebunden - 320 Seiten

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