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StartseiteDLF-MagazinDer Ruf nach Berlin05.09.2013

Der Ruf nach Berlin

Die SPD-Hoffnungsträgerin Hannelore Kraft

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat immer betont: Ihr Platz ist in Düsseldorf, nicht in Berlin. Nach der Bundestagswahl könnten die Karten in der SPD aber neu gemischt werden müssen.

Von Christiane Wirtz

Als Bundesratsmitglied ist auch Hannelore Kraft regelmäßig in Berlin, wie Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Als Bundesratsmitglied ist auch Hannelore Kraft regelmäßig in Berlin, wie Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Am Ufer der Spree liegt ein Stück Rheinland. Hier hat die alte BRD ihren kulinarischen Sitz, ihre ständige Vertretung. In der Kneipe wird mittags um zwölf Uhr zum Flammkuchen ein Kölsch gereicht. Auf der Speisekarte außerdem: Rheinischer Sauerbraten und Pfälzer Saumagen. An den Wänden hängen Bilder in Schwarz-Weiß. Sie zeigen vor allem Männer, politische Köpfe, die inzwischen alt sind oder längst gestorben. Von Hannelore Kraft ist kein Foto zu entdecken. Gemessen an der Geschichte der Sozialdemokratie ist die 52-Jährige ein junges Gesicht.

"Es ist sozialdemokratische Zeit. Das spüren wir, wenn wir jetzt gerade durch die Lande ziehen, die Themen, die die Bürgerinnen und Bürger uns nennen, die Probleme, die sie beschreiben, für die haben wir die richtigen Antworten."

Mutti. Den Titel hat sie schon. Sie teilt ihn sich mit Angela Merkel. Als sie Anfang des Jahres in der "heute-show" gefragt wurde, ob es 2017 statt Kanzlerduell ein Mutti-Duell geben werde, antwortete Kraft: Die zweite Mutti werde bis dahin weg sein. Doch an diesem Mittag in der Ständigen Vertretung soll von Muttis nicht die Rede sein. Denn wir schreiben das Jahr 2013 und am Abend zuvor hatte nicht Hannelore Kraft, sondern Peer Steinbrück das Kanzlerduell zu bestehen.

"Peer Steinbrück war jemand, der präzise, druckreif und wohl überlegt gesprochen hat und nur dort aggressiv wurde, wo es notwendig war."

Günter Grass nutzt die Gelegenheit. Steinbrück habe seine Sache gut gemacht. Zeit für Eigenlob. In den Augen der Sozialdemokraten hat Merkel das Duell verloren - nun ja, wenigstens nicht gewonnen. Günstige Meinungsumfragen werden zitiert, das Potenzial der Wechselwähler betont und Erinnerungen an 2005 beschworen. Damals lag Gerhard Schröder weit abgeschlagen hinter Angela Merkel, holte in den letzten Wochen vor der Wahl aber kräftig auf. So reichte es immerhin für eine große Koalition. Doch eigentlich ist die jüngste Vergangenheit gar nicht das Thema dieser Veranstaltung. Thema ist der 150. Geburtstag der Sozialdemokratie und das dazu passende Buch. Es stellt die Frage: "Was würde Bebel dazu sagen?"

Kraft: "Bebels Verehrung als Arbeiterkaiser sollte uns daran erinnern, dass wir etwa in Wahlkämpfen, aber auch sonst, nicht nur das Gehirn, sondern auch das Herz der Menschen erreichen und uns so benehmen und ausdrücken müssen, dass sie sich verstanden und bei uns aufgehoben fühlen."

Die Ministerpräsidentin weiß, wovon sie spricht. Sie erreicht die Herzen der Menschen, ist beliebt - nicht nur zu Hause in Nordrhein-Westfalen. Immer wieder werden Stimmen laut, dass sie mehr werden müsse in der SPD - auf dass die Partei von ihrer Herzlichkeit profitiere. Und so betont Kraft an diesem Mittag auffällig oft ihre Funktion als stellvertretende Parteivorsitzende. So als wolle sie daran erinnern, dass sie sich von der SPD schon in die Pflicht nehmen lässt.

"Ja, Hannelore Kraft ist ja insofern ein sehr interessanter Fall in der Sozialdemokratie."

Hannelore Kraft horcht auf. Sie zieht die Stirn in Falten und schaut gespannt, was Manfred Bissinger - der Herausgeber des Buches - zu sagen hat.

"Sie hat die Macht in NRW nur über den Umweg einer Minderheitsregierung geschafft. Das war erweislich eine nervenstarke und konsequente Position. Die sehe ich im Bund im Moment nicht, oder?"

"Nein, das liegt daran, dass auf Bundesebene eine andere Politik gemacht wird als im Land."

Kraft nickt zustimmend, taucht den Kaffeelöffel in den Cappuccino und leckt ihn genüsslich ab. Ein klares Nein zu Rot-Rot-Grün auf Bundesebene - das entspricht ihrer Position. Nur was, wenn es nicht reicht für Rot und Grün? Noch schlimmer: wenn die Partei nach der historischen Wahlschlappe von 2009 noch mehr Wähler verliert?

Kraft: "Ich finde, wir sollten uns auf unsere Stärken besinnen. Unsere größte Stärke, damals wie heute: die Verwurzelung in der Bevölkerung. Ich nenne das immer: Kümmererpartei sein."

Und was, wenn sich die Landesmutter nach der Wahl um ihre Partei kümmern muss? Nichts ziehe sie nach Berlin. Das sagt sie immer wieder. Wenn aber die Partei sie auf die Berliner Bühne zerrt? Sie in die Pflicht nimmt, den Vorsitz zu übernehmen? Neben Olaf Scholz, der in Hamburg regiert, gilt Kraft als mögliche Kanzlerkandidatin 2017. Sie wäre das neue Gesicht, wenn die Partei nach dem 22. September ein neues braucht. Kurt Beck hat den Fehler gemacht. Nach der Wahl 2005, nach dem Rückzug von Matthias Platzeck, hat der Landesfürst aus Rheinland-Pfalz sich in die Pflicht nehmen lassen und den Parteivorsitz übernommen. Kanzlerkandidat aber wurde 2009 Frank-Walter Steinmeier.

Kraft: "Willy Brandt hat gesagt, ich zitiere, in der praktischen Politik muss vieles statt mit vollem Herzen mit zusammengebissenen Zähnen gemacht werden. Man kann auch andere Körperteile nennen."

Für sich selbst will Hannelore Kraft diesen Satz nicht gelten lassen. Sie bleibt dabei, in Düsseldorf zu bleiben. Im Land hat sie genug zu tun. Im nächsten Jahr stehen an Rhein und Ruhr Kommunalwahlen an. 2017 wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch der Landtag in NRW.

" "Das hat überhaupt nichts mit zusammengebissenen Zähnen zu tun. Sondern es geht darum, dass ich eine Aufgabe begonnen habe, die ich in den nächsten Jahren auch weiterverfolgen werde, und das ist auch wichtig für die Sozialdemokratie. Und wie gesagt: Die Frage stellt sich gar nicht, weil Rot-Grün gewinnen wird", "

sagt sie und öffnet den Mund zu einem Lächeln. Dann geht sie und erklärt den Journalisten als stellvertretende Parteivorsitzende die Welt aus der Sicht der SPD. Das Bild für die Ahnengalerie in Berlin kann noch ein bisschen warten.

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