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StartseiteBüchermarktDer Samariter als Held09.05.2004

Der Samariter als Held

Les Murray: "Fredy Neptune"

Die eigensinnige Anverwandlung einer antiken Heldenfigur gehört seit je zur Grundausstattung des modernen Versepos: Bekannt ist Ezra Pounds geschichtspolitische Aufladung der Odysseus-Figur in seinen <em>Cantos</em>, T.S. Eliots Wiederbelebung des blinden Sehers Tiresias in <em>The Waste Land</em>, zuletzt – in Derek Walcott <em>Omeros</em> – die Wiederkehr des Odysseus als alter karibischer Fischer. Aber einen frommen Leidensmann und barmherzigen Samariter mit religiöser Weltwahrnehmung zum Helden eines modernen Versepos erwählen – das hat vor dem Australier Les Murray noch kein moderner Dichter gewagt. Schon auf den ersten Seiten seines gewaltigen Werks kommt uns ein schwer kranker Bettler entgegen, ein Aussätziger mit weißen tauben Stellen am Körper, dem sich die Grausamkeiten des Krieges auf den Leib geschrieben haben. Es ist ein junger Mann, der – wie es in den ersten Zeilen von Murrays Versepos heißt -, nur noch darauf wartet, dass er verfault.

Von Michael Braun

Les Murray, "Fredy Neptune", Coverausschnitt (Ammann Verlag)
Les Murray, "Fredy Neptune", Coverausschnitt (Ammann Verlag)

Mich setzten sie an Land, so schnell sie konnten. Das Schiff glitt auf dem Bosphorus davon, so wie ein Bügeleisen auf einem schimmernd blauen Laken, und ich trieb ab ins Betteln, dort zwischen Ringern, Pförtnern und Soldaten von den Dardanellen in Sackleinen, mit braunen Fetzen, dreckverkrusteten, um ihre Stümpfe. Ich klapperte die Suppenküchen der Moscheen ab: Hagia Sophia, Süleimaniye, die Blaue Moschee. Und manchmal schlief ich ganze Tage lang, und meine Sachen – die einzigen, die ich hatte – die klebten an mir fest. Nicht einer rührte mich oder mein Essen an.

Es ist ein junger Seemann aus der australischen Provinz, Abkömmling einer deutscher Immigrantenfamilie, der hier – nach seiner gewaltsamen Aussetzung von einem Schiff - zu einer wundersamen Expedition in die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts aufbricht. Friedrich Adolph Böttcher, so heisst dieser schwer versehrte junge Mann, tritt dem Leser als ein Wiedergänger der biblischen Lazarus-Gestalt entgegen. Am Ende seiner abenteuerlichen Irrfahrt durch die Schlachtfelder und Beinhäuser des 20. Jahrhunderts widerfährt diesem schwer traumatisierten Helden eine religiöse Wiedererweckung. Friedrich Böttcher, der mittlerweile nur noch mit seinem Künstlernamen Fredy Neptune gerufen wird, verwandelt sich in den biblischen Lazarus von Betanien, den Jesus Christus von seinen furchtbaren Geschwüren befreit und ins Leben zurück gerufen hat.

"Lazarus von Banden frei", heißt das fünfte und letzte Kapitel in diesem einzigartigen Weltgedicht – und es markiert programmatisch die religiöse Grundierung von Murrays Werk. Schon die früheren Gedichte des 1938 im australischen New South Wales geborenen Les Murray ließen sich einer religiös inspirierten, pantheistischen Spielart der Naturlyrik zuordnen, die man in Australien selbst "bush poetry" genannt hat. Der Dichter selbst hat sich einmal als "Kopfbauer" bezeichnet, aufgewachsen im "Busch", ausgestattet mit einem Zeitgefühl, das mehr der "Traumzeit" der Aborigines als einem mechanischen Zeitbegriff verwandt sei.

Als Murray 1995 urplötzlich in Europa auftauchte, wo er damals noch völlig unbekannt war, genügten schon ein paar seiner Gedichte, um die billigen Trivialmythen von der "Terra australis", vom Land der Kängurus und Eukalyptusbäume, der Surfbretter und Jeeps für immer zu verscheuchen. Man kannte vom fünften Kontinent bis dahin allenfalls ein paar Romane von Patrick White und einige Verse von Judith Wright. Mit Murrays Auftritt auf der Bühne des europäischen Literaturbetriebs wurden sofort sofort die Leerstellen im poetischen Bewusstsein des Westens markiert.

Wie nur wenige Kollegen aus Europa besitzt Murray ein hoch entwickeltes Sensorium für die Sprache und die spirituellen Energien der Natur und der kreatürlichen Welt. Nach seinem ersten Auftritt in Deutschland mit dem Hanser-Band Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen hatte man den Dichter der "Glanzkäfertaube" und des "Hahndornbusches" etwas voreilig als reinen Bukoliker rubriziert. Aber Murray ist nicht nur ein Theologe des Kreatürlichen, sondern auch ein Dichter des ganz großen Geschichtsstoffs, ein Poet mit dem visionären Blick auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Sein jetzt bei Ammann in einer zweisprachigen Ausgabe erschienenes Versepos Fredy Neptune, das im Original 1998 erschien, ist ein fantastisches Weltgedicht aus der Perspektive eines eulenspiegelhaften Vagabunden, ein vor Einfällen übersprudelnder lyrischer Schelmenroman, der uns an fast alle Schauplätze von Tod, Massaker und Vernichtung führt, die unser Zeitalter der Extreme zu bieten hat. Wer durch die finsteren Abgründe und tragikomischen Schicksalsszenen dieses Versepos hindurch gewandert ist, dem wird sofort einleuchten, dass Les Murray als einer der heißesten Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.

Den Helden seines Versromans, den deutsch-australischen Farmersohn und herzensguten Proleten Friedrich Böttcher, verschlägt es von seinem Provinznest Dungog aus in die Weltgeschichte, wo er als Gelegenheitsmatrose, Zirkusartist und Kriegsreporter aberwitzige Abenteuer zu überstehen hat, bevor er zu seiner Frau und seinem Sohn nach Australien zurück kehren kann. Als "Metzgershunne", später als staatenloser Vagabund verhöhnt, gerät Böttcher immer wieder zwischen die Fronten und die Kulturen, bedroht von Fanatikern und Rassisten aller Art, die mit ihrer Politik der Massaker alles Unpatriotische ausrotten wollen.

Durch eine traumatische Erfahrung hat der nomadisierende Seemann jede Empfindungsfähigkeit für Schmerz oder Lust verloren. Nach einer Fahrt durchs Schwarze Meer muss er 1915 bei einem Landgang im nordtürkischen Trabzon beobachten, wie armenische Frauen bei lebendigem Leib verbrannt werden – ein Schock, der eine lebenslange Gefühlstaubheit bei ihm auslöst. Dieses somatische Defizit gereicht Böttcher zunächst zum Vorteil: Denn so kann er bei vielen Gelegenheiten übermächtig scheinende Gegner niederringen, die als sadistische Schergen der Macht sich an Wehrlosen vergreifen wollen. Der Seemann wird zum robusten Schutzengel der Schwachen und erlebt als Zeitzeuge die letzten Zuckungen kolonialistischer und imperialistischer Macht. Schon früh wird sein Talent als "Muskelmann" entdeckt, der ohne jede erkennbaren Schmerz Autos hochheben oder Pferde schultern kann. So tingelt Böttcher, wenn er nicht gerade als Irrfahrer auf den Ozeanen kreuzt, als Zirkusartist mit seinem Künstlernamen Fredy Neptune durch die Weltgeschichte. Bei nahezu jeder Begegnung mit einem neuen Kulturkreis wird er mit Kose- und Spottnamen belegt, wird zu Beecher, Boytcher, Boucher oder gar Blücher verballhornt.

Die Schmerzunempfindlichkeit bringt aber auch eine Liebesunfähigkeit mit sich, die sinnliche Erfahrung von Berührung und Zärtlichkeit bleibt ihm versagt. So fürchtet sich Fredy vor den Frauen, da er ständig in der Angst lebt, bei seiner Empfindungslosigkeit ertappt zu werden.

Ich saß auf Luft, mein tauber Hintern von der Schwerkraft niedergehalten auf dem Zaun; ich fürchtete, ich käme nie herunter, weil alles, was sie sagte, letztlich darauf hinauslief, dass sie´s erraten hatte. Ich war ein Narr gewesen, zu hoffen, weil ich roch und wog und wie Fleisch aussah und die Welt verschaukeln konnte, dass ich es auch wäre, gutes Standardfleisch. Ich konnte eine Frau mit Fleischtricks überlisten, wie ich sie ungefähr erriet. Wirklich gespürt, erfahren, hatte ich das alles nie.

Und doch trifft der gefühlstaube Held auf eine Frau, die seine rätselhaften Launen und Ängste ertragen kann: Mit Laura, der Witwe eines Kriegsopfers, beginnt eine schwierige Liebe, der ein Sohn entspringt. Nach dem Ersten Weltkrieg in sein geliebtes Dungog zurück gekehrt, trifft Fredy überall nur auf Feindseligkeit: Der Hass auf alles Deutsche verbindet sich mit Antisemitismus und brutaler Unterdrückung der australischen Ureinwohner. So zieht es den Seemann wieder aufs Meer hinaus, den – wie es heisst – Ort für "Außenseiter, Irre und Krüppel". Doch zuvor wird er seine Mutter wieder finden:

Na dann. Schön. Ich stand auf, für immer von Zuhause fortzugehn. Lebwohl und Servus zu Greens Laden und zu Walkers Mühle. So langsam ich auch bin, jetzt wusste ich, was Papas Tod gewesen war. Lebwohl zur Coorei-Brücke und dem Wasserloch der armen Mrs. Khan. Ich ging die nächsten zwanzig Jahre nicht zurück. Und blickte nicht zurück. Ich wollte hin, wo man ´nen Seesack nicht für einen Bettlerbeutel hielt. Ich war wie wild darauf, zur See zu gehen, doch dann hielt ein Gedanke mich zurück: Ich hatte eine Mutter, die ich finden musste.

Fredy Neptune bleibt fortan auf allen Bühnen des Weltgeschehens ein Überlebenskünstler, der als Seefahrer oder als Bodyguard ebenso bestehen kann wie später in Hollywood als Komparse oder als verstörter Zeitzeuge im nationalsozialistischen Deutschland, wo er einen Juden vor dem Demütigung durch SA-Leute bewahrt. Er vagabundiert als Tramp auf unterster sozialer Stufe quer durch Amerika, bis er in Hollywood auf Marlene Dietrich trifft, die den ungebildeten Weltreisenden in die Geheimnisse von Rilkes Dichtung einweiht. Fredy, der die Dichtung zunächst als "ziemlichen Luxus" abtut, gerät ins Staunen:

Ziemlicher Luxus, sagte ich, die Dichtung. Ich bin ein gestrandeter Seemann – Quatsch, sagte sie. ' Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. hm ist, als ob es tausend Stäbe gebe und hinter tausend Stäben keine Welt. ' (...) Ich war ganz hin. Das war nicht (...) aufgebauscht, gefährlich. Das war das destillierte Korn. Das war von solcher Art, die Menschen vor dem Tod bewahren konnte.


Das vierte Kapitel, in dem Murray seinen Helden via Luftschiff in Nazi-Deutschland wie ins stalinistische Russland einschweben lässt, ist das düsterste in diesem turbulenten Weltgedicht. Zuerst schwebt Fredy mit dem Zeppelin "Rheingold" in München und Berlin ein, wo er die Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten und später auch die Bücherverbrennung erlebt. In nur wenigen Monaten des Jahres 1933 wird in Deutschland eine ganze Gesellschaft infiziert vom Vernichtungswillen der Regierenden:

Man konnte nicht verstehen, wie still Deutschland geworden war in drei, vier Monaten; von viel Gerede, Gejammer und Gesängen und brüderlichem späten Trinken, wie´s die deutschen Männer lieben, wie´s alle Männer lieben, zu – peng! – gesenkten Augen, Stillehalten, den Spaßverderbern gehört jetzt das Parkett. Wenn die Polizeirevolution kommt, merkt man´s daran, dass man nicht einmal weiß, wer alles Polizei ist. Manche verzweifeln da, und alles wird zu Polizei, die Tassen, das Regal, das Radio, alles, was einem und wozu man selbst gehört, wird Polizei.


In dem Toben dieser "Polizeirevolution" rettet Fredy einen geistig behinderten Jungen vor dem Euthanasie-Programm der Nazis. Als er einen alten Juden vor einer Horde von SA-Männern bewahrt, bemerkt er nicht, dass sein Sieg den späteren gewaltsamen Tod des jüdischen Opfers besiegelt. Im letzten Kapitel muss der Lebensretter Fredy erneut in den Krieg hinaus ziehen, wird noch einmal zum unfreiwilligen Beobachter eines diesmal von Japanern verursachten Massakers und gerät am Kriegsschauplatz Südostasien selbst in Lebensgefahr.

Obwohl Murrays Held sehr oft als Retter der Wehrlosen in die Barbareien des 20. Jahrhunderts eingreifen kann, widerfährt ihm immer wieder das Hiob-Erlebnis, durchleidet er furchtbare Schmerzen angesichts des Todes von ihm innig geliebter Menschen. Seine Mutter, die mit einem unverbesserlichen Deutschnationalen ins Nazi-Reich zurück gekehrt ist, verbrennt im Inferno des Dresdner Feuersturms, sein Mentor und Freund Sam Mundine, halb Jude, halb Aborigine, sucht den Freitod. Am Ende seiner tragikomischen Irrfahrt durch die Barbareien unseres Säkulums kann Fredy Neptune die Dichtung als Bundesgenossen der religiösen Heilsgewissheit in Anspruch nehmen.
Der symbiotische Zusammenhang von Dichtung und Religion, wie ihn Les Murray an anderer Stelle beschworen hat, wird in der Lazarus-Szene am Ende des Versepos, die gleichzeitig ein Glaubensbekenntnis ist, noch einmal thematisiert:

Da riss es an mir, wie Verbände, die von Schorf und Haaren abgehen,
und riss das Weiße von mir ab wie Leinen. Und ich wusste, was jetzt kam: Vergib Gott, sprach mein Selbst. Mir schauderte. Über Ihn richten und das ewige Leben spüren, sprach mein Selbst, sind verschiedene Herzen. Du brauchst ein Herz, nur eins, zum Beten. Wähl eines, und lass´ eines fallen. Ich blickte in sie beide, und eines nur erlaubte das Gebet. Ich wählte es und mein Gebet
wurde gebetet und stieg auf, im Augenblick schon, da ich wählte.


Natürlich führt Murrays übermütige Fabulierlust nicht immer zu zwingenden Ergebnissen. Die Unverwüstlichkeit des Helden, seine Resistenz gegen das Böse der Welt, tendiert manchmal arg ins Märchenhafte und Phantastische, ins prinzipiell Versöhnliche. Aber dieses Tröstende ist unverzichtbar für Murrays religiöse Poetik.

Eine fast unlösbare Aufgabe hatte der Übersetzer Thomas Eichhorn zu bewältigen. Denn Murray hat dem Helden des Versepos ein proletarisches Idiom auf den Leib schreiben wollen, jenseits aller Büchergelehrsamkeit. Wer sich aber auf eine kolloquiale Sprache der Derbheiten, Sarkasmen und Flüche festlegt, der geht das Risiko ein, dass der Text sich selbst die metaphorische Farbigkeit und das differenzierte Spiel mit Formen austreibt. Gemessen an diesen Voraussetzungen, hat Thomas Eichhorn das umgangssprachlich Erzählende des Originals rhythmisch einfühlsam, mitunter gar in klassischen Versmaßen, ins Deutsche gebracht, nur wenige Passagen versickern auch stilistisch parterre, im spröde Prosaischen. Die wenigen inhaltlichen Fehler hat der Autor selbst zu verantworten, etwa wenn von der "khakifarbenen Wehrmachtsuniform" eines deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs die Rede ist – obwohl es die "Wehrmacht" als Bezeichnung für die deutschen Streitkräfte erst seit 1935 gibt.

Im Nachwort berichtet Les Murray davon, dass es Derek Walcotts langes Gedicht Omeros war, das seinen Hunger auf ein Versepos weckte. Der karibische Dichter hatte den Odysseus-Mythos auf die Gestalt eines alten karibischen Fischers projiziert. Les Murray will nun mit seinem Porträt des menschenfreundlichen Irrfahrers Fredy Neptune einen "brandneuen Mythos" erschaffen – ein Mythos freilich, der trotz des artistischen Spiels mit dem proletarischen Milieu durchaus dem Odysseus-Mythos und dem erz-romantischen Motiv der ziellosen Seefahrt verpflichtet ist. In seiner fabulierenden Ausgelassenheit, seinen fantastischen Abschweifungen und seinem heiter-tragischen Witz ist Murrays Versepos dem langen Poem Walcotts sogar überlegen. Und letzteres galt bis zum Erscheinen von Murrays Weltgedicht als poetisch unüberbietbar.

Les Murray
Fredy Neptune
Ammann Verlag, 520 S., EUR 29,90

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