• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteForschung aktuellDer schärfste Verstand auf dem Bauernhof25.02.2011

Der schärfste Verstand auf dem Bauernhof

Schafe sind die verkannten Genies auf der Weide

Zoologie. - Wenn es um die Intelligenz von Tieren geht, liegt der Mensch gerne einmal daneben. So müssen Schafe oftmals als strohdumme Herdentiere herhalten. Dies stimmt aber nicht. An der Universität von Cambridge wird die Intelligenz von Schafen systematisch erforscht.

Von Dagmar Röhrlich

Schafe - klüger als ihr Ruf (Helga und Günter Kästner)
Schafe - klüger als ihr Ruf (Helga und Günter Kästner)

Zwar wächst auf den grünen Hügel von Yorkshire saftiges Gras, aber hin und wieder erscheint den Schafen ein gut gepflegter Gemüsegarten als sehr verlockend. Sind sie dann auch noch hungrig, können sie unerwartet clever sein. Das jedenfalls musste ein Bauer feststellen, dessen Herde sich Tricks ausgedacht hat, um ein drei Meter breites Weiderost zu überwinden: Manche Tiere legten sich auf die Seite und zogen sich über die Rollen, andere kugelten über sie hinweg - und dann war ihr Weg in den Garten frei. Dieses Problem hatten die Schafe aus eigenem Antrieb gelöst. An der Universität von Cambridge hingegen wird ihre Intelligenz systematisch erforscht:

"Ich habe zunächst einen Test durchgeführt, mit dem Patienten mit Chorea Huntington und Schizophrenie Schwierigkeiten haben. Diese Erkrankungen sind mein eigentliches Arbeitsgebiet. Nachdem in Australien Schafen das Chorea-Huntington-Gen eingebaut worden ist, wollte ich die Fähigkeiten der gesunden Tiere ausloten, damit wir den Krankheitsverlauf erkennen können. In der ersten Stufe unseres Experiments sollten sie lernen, dass in einem gelben Eimer immer eine Belohnung steckt. Schafe lernen das, Mäuse, Ratten, Affen, Menschen - jeder. Dann änderten wir die Regeln, und die Belohnung steckt nicht mehr im gelben, sondern im blauen Eimer."

Anders als Patienten mit Chorea Huntington oder Schizophrenie begriffen die Schafe diese Umkehrung sehr schnell, erklärt die Neurowissenschaftlerin Jennifer Morton:

"Dann habe ich es schwieriger gemacht und die Eimerfarben auf grün und lila gewechselt. Die Schafe verstanden. Dann wurde es richtig schwierig. Die Farben blieben, aber statt der Eimer gab es einen Kegel und einen Würfel. Die Schafe mussten lernen, dass es nun nicht mehr um Farben geht, sondern um Formen. Ratten und Mäuse schaffen das nie, wohl aber die Schafe."

Damit finden sie sich in einer sehr exklusiven Klasse wieder: Bislang haben nur Menschen und Primaten das durchschaut. Das lässt Rückschlüsse auf die Funktion ihres Gehirns zu:

"Anscheinend spielt auch bei ihnen ein beim Menschen sehr ausgeprägter Bereich des Gehirns eine große Rolle, von dem wir wissen, dass er beim Erlernen von Regeln wichtig ist."

Außerdem fanden die Cambridge-Forscher heraus, dass sich Schafe hervorragend räumlich zu orientieren wissen und sehr gut an ihre Umgebung erinnern. Sie können die Gesichter von Artgenossen und Menschen unterscheiden - und zwar im wirklichen Leben wie auf Fotos. Außerdem haben sie ein erstklassiges Gedächtnis: Befreundete Schafe erkennen sie auch nach Jahren der Trennung wieder.

"Sie leben in einer ausgeprägten sozialen Hierarchie mit hoher Bindung, weil sie sich nur als Gruppe vor Räubern schützen können. Sie brauchen hoch entwickelte Gehirne, weil auch ihr soziales Zusammenspiel hoch entwickelt ist."

Ebenso wie ihre Fähigkeiten, Pflanzen zu unterscheiden, erklärt Cécile Ginane vom französischen Institut für Landwirtschaft Inra:

"Ich untersuche, wie Schafe in einer komplexen Umgebung wie einer artenreichen Wiese lernen, ihr Futter zu finden. Ob sie sich merken, dass manche Pflanzen positive oder negative Effekte auf ihre Verdauung und den Stoffwechsel haben. Wie lernen Schafe das, was sie fressen, mit den Konsequenzen zu verbinden?"

Um das zu ergründen, wurde Lämmern in Versuchsreihen unter anderem mit einer Übelkeit auslösenden Substanz eine Abneigung gegen bestimmte Gräser und Gemüse antrainiert. Dann beobachtete Cécile Ginane ihr Fressverhalten. Das Ergebnis: Die Lämmer ließen auch von Form, Geschmack oder Geruch her ähnliches Futter links liegen.

"Sie können also aufgrund von Eigenschaften ihr Futter in Kategorien einteilen und entsprechend Vorlieben oder Abneigungen entwickeln. Sie verbinden ihr Futter mit den Konsequenzen und übertragen dieses Wissen auf ähnliche Pflanzen."

Auch Forscher an der Utah State University untersuchten die Lernfähigkeit von Lämmern. Sie versahen ihr Futter mit einer Übelkeit erregenden Substanz und offerierten ihnen kurz darauf das Gegenmittel. Die Lämmer behielten die Lektion und erinnerten sich noch Monate danach daran und suchten sich bewusst die heilsame Substanz. Schafe sind halt verkannte Genies auf der Weide.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk