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Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt

Marathon zwischen Stadtmarketing, Sponsoring und Sport

Von Nadine Lindner

Marathonläufer durchqueren in Berlin das Brandenburger Tor.
Marathonläufer durchqueren in Berlin das Brandenburger Tor. (picture-alliance / ZB / Bernd Settnik)

Rund 120.000 Sportler wagen sich in Deutschland Jahr für Jahr an die 42 Kilometer lange Herausforderung heran. Städte sowie Sportläden und Händler verdienen an der allgemeinen Laufbegeisterung. Und auch spezialisierte Mittelständler haben ihre Nische gefunden.

Der Start zum Berlin Marathon 2011, dokumentiert auf dem Internetvideo eines Läufers. Gänsehaut pur, lautet sein Kommentar. Zehntausende Läufer stehen in ihren durchnummerierten Starterfeldern, dribbeln sich warm, binden Schnürsenkel, checken ein letztes Mal ihre Uhren. Aufregung, Nervosität liegen in der Luft. Vor ihnen liegen 42,195 Kilometer auf Berliner Straßen.

"Das Gefühl, ins Ziel zu kommen, nach einem harten Lauf, ist mit das Beste, was es gibt. Also wenn sich das auszahlt, das lange Training, ein Jahr. Und es ist praktisch der Lohn dafür, dass man so hart trainiert und Zeit opfert. Es gibt für mich im Sport nichts Besseres."

Jeannette Duy weiß wovon sie spricht, sie kennt das Gefühl: die Nervosität am Start, aber auch die Befreiung im Ziel. Vor sieben Jahren ist sie ihren ersten Marathon gelaufen. Und seitdem immer wieder. Die Legende um diese 42-Kilometer-Distanz wird dem Geschichtsschreiber Herodot zugeschrieben. 490 vor Christus machte sich ein Bote auf den Weg, um den Sieg Athens über die Perser zu verkünden. Nachdem er die Nachricht überbracht hatte, verstarb er im Ziel.

"Es ist schon so ne magische Distanz. Wenn man es so anderen erzählt, ist es wow, der läuft Marathon. Ich kann das nicht beschreiben. Ich fühle mich jetzt nicht als Held. Es ist nur eine Grenze, die man überschreitet, dass man über sich hinauswächst."

Im Kölner Stadtwald, einer beliebten Läuferstrecke, ist die 35-Jährige an diesem Abend unterwegs. In diesem Jahr ist es nicht der Berlin-Marathon, Köln steht auf ihrem Programm. Obwohl die Männer immer noch dominieren, ihr Anteil liegt um die 60 Prozent, steigt der Frauenanteil kontinuierlich. Jeannette Duy wünscht sich dringend mehr Kolleginnen. Erst seit 1984 ist der Frauen-Marathon eine olympische Disziplin - lange war es Frauen verboten, die 42 Kilometer bei Wettkämpfen zu laufen. Sieben bis acht Stunden pro Woche widmet sie der Marathon-Vorbereitung. Ein anderes Hobby hat die junge Reiseverkehrskauffrau nicht. Keine Zeit.

Jacke an, Hose an, Laufschuhe binden. Und los. Sascha Weigel aus Leipzig bereitet sich auf den Berlin-Marathon vor, der am letzten Septemberwochenende stattfindet. Der 38-jährige Jurist ist einer von 40.000 Sportlern, die dann beim größten deutschen Marathon dabei sein werden. Schon letztes Jahr ist er mitgelaufen. Als der Muskelkater vergessen war, hat er sich bei der ersten Gelegenheit die Starterkarte für 2012 gekauft. Ihn faszinierte die Stimmung und schlichtweg auch die Zahl der Sportler.

"Man ist vier Stunden in einem Pulk von Läufern und ein Kilometer vor einem und ein Kilometer hinter einem sind nur Läufer."

Rund 120.000 Sportler wagen sich in Deutschland Jahr für Jahr an die 42 Kilometer lange Herausforderung heran. Neben dem Berlin-Marathon sind die größten Veranstaltungen in Frankfurt, Hamburg, Köln mit teils mehreren Zehntausend Läufern.

"Die Anzahl der Marathon-Veranstaltungen ist sehr hoch. Es ist fraglich, ob das gehalten werden kann. Wahrscheinlich ist aktuell der Höhepunkt aktuell erreicht."

Kirstin Hallmann verfolgt die Entwicklungen beim Langstreckenlauf genau. Sie arbeitet an der Sporthochschule Köln am Institut für Sportökonomie. Ihre Doktorarbeit hat sie über das Zusammenspiel zwischen Großveranstaltungen und Sporttourismus geschrieben.

Eine gute Marathon-Strecke ist mehr als nur 42 Kilometer Asphalt, sagt Kirstin Hallmann.

"Zum einen gibt es die klassischen Stadt-Marathons wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Dort ist es wichtig, dass die Strecke an Sehenswürdigkeiten vorbeiführt. Zum anderen ist es wichtig, dass die Strecke schnell ist, sodass die Läufer die Möglichkeit haben, ihre Bestzeiten erreichen können."

Wobei Hallmann einen deutlichen Trend zum Halbmarathon sieht. Die 20-Kilometerstrecke sei einfacher zu bewältigen. Für viele Städte gehört inzwischen ein Marathon neben dem Stadtfest zum jährlichen Eventkalender dazu. Auch für kleinere Städte wie das hessische Fulda. Hier ist es der örtliche Leichtathletikverein, der mit viel ehrenamtlicher Arbeit Jahr für Jahr eine Laufveranstaltung organisiert. Seit einigen Jahren gibt es hier nur noch die 21-Kilometerstrecke, denn auch hier zeigt sich der Trend zum Halbmarathon. Jürgen Schuck, Marathon-Organisator vom Leichtathletik-Verein.

"Unsere Mitglieder, wir haben über 300 Mitglieder und müssen dann am Tag selber alle ran. Postenpositionen, Ordnungsdienste, und Kuchen backen, das ist eine ganz wichtige. Die gesponserten Kuchen von Mamis und Papis, die die selber zuhause backen, das ist was für die Läufer besonders interessant ist. Da hoffen wir, dass wir so um die 250 Kuchen gebacken kriegen. Die brauchen wir."

Ob in kleinen oder großen Städten, Sport generell sei einfach positiv besetzt, sagt Sportökonomin Hallmann, ihre Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass der Marathon mit Wohlbefinden und Begeisterung assoziiert werde. Deshalb sei es attraktiv, eine Stadt als Sportstadt zu positionieren.

"Stadtmarketing ist für Städte aus verschiedenen Gründen wichtig: Für die Außendarstellung, um ein gewisses Image zu transportieren. Hey, wir sind wer, komm zu uns, bei uns kann man gut feiern, gut Sport machen, um Touristen anzulocken. Nicht vergessen sollte man aber auch die Darstellung nach innen. Die Darstellung gegenüber den eigenen Einwohnern. Und Events sind ein gutes Mittel, um ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Gerade bei einem Marathon, der geht durch sehr viele verschiedene Stadtviertel. Wenn alle auf die Straße gehen, feiern sie ein Straßenfest, man kommt ins Gespräch, man knüpft vielleicht neue soziale Kontakte und auch dadurch entsteht ein gewisses Gemeinschaftsgefühl."

So hört er sich an, der Platz in Berlin-Dahlem, der "Wilder Eber" genannt wird. Ein beliebter Treffpunkt für Marathon-Fans, Jubel und Sambatrommeln inklusive. Über eine Million Berliner säumen die Straßen, um die Läufer zu unterstützen.

"Man kann mit Fug und Recht sagen, dass sich die Berliner mit den Veranstaltungen identifizieren und sie auch annehmen und dementsprechend auch in großen Scharen an den Strecken stehen oder zu den Sportstätten pilgern, um live mit dabei zu sein."

Andreas Statzkowski ist Staatssekretär für Inneres und Sport in Berlin. Der CDU-Politiker ist auch zuständig für den jährlichen Marathon Ende September. Wenn zum 39. Mal die Läufer durch die Straßen laufen, erhofft er sich von der Traditionsveranstaltung mehr als rein sportliche Erfolge.

"Das sorgt für eine gute Atmosphäre in der Stadt und das braucht man, wenn man etwas voranbringen will. Wenn wir eine Aufbruchstimmung ein Stück weit in der Stadt ja auch benötigen, um sowohl für ein besseres Miteinander Sorge zu tragen. Aber natürlich auch für eine wirtschaftliche Entwicklung Sorge zu tragen."

Soll sich von der Disziplin der Läufer etwas auf die Arbeitskräfte der Stadt übertragen? Oder die fröhliche Begeisterung der Trommler die Kreativität anregen? So könnte in etwa die Idealvorstellung dieses Imagetransfers aussehen. Rüdiger Otto arbeitet für den Sportclub Charlottenburg, den Ausrichterverein des Berlin-Marathons. Er ist seit zehn Jahren dabei und betont den integrativen Charakter:

"Marathon ist ein Sport, wo wir sagen, dass jeder gewinnt. Das ist also nicht Fußball, wo dann eine Heim-Mannschaft mit Schimpf Schande vom Platz gefegt wird. Alle freuen sich - auch der Fünfstundenläufer freut sich, wenn er durchgekommen ist."

Neben dem Imagegewinn nach innen und außen kann sich ein erfolgreich organisierter Marathon auch indirekt positiv für die Stadt auswirken. In der Konkurrenz mit anderen Metropolen um internationale Sportevents zeigt sich dadurch, dass Sicherheitskonzepte und Nahverkehr funktionieren, die Hotelkapazitäten ausreichen. Sportstaatssekretär Andreas Statzkowski:

"Ich glaube, dass das indirekt eine Rolle spielt, wenn man die Großveranstaltungen in einer Stadt durchführen. Und wenn diese erfolgreich durchgeführt werden, dann spricht sich das sehr schnell rum. Dann ist das nicht nur ein Imagegewinn, sondern immer auch ein kleiner Baustein in einer Bewerbung. Und hilft dann natürlich auch, an der einen oder anderen Stelle Bewerbungen erfolgreich durchzuführen."

Die Stadt Berlin hoffe, so Statzkowski, auf die Europameisterschaften der Leichtathletik oder vielleicht ein Champions League Spiel. Aber natürlich, die Stadt kann auch kräftige Mehreinnahmen erwarten. Selbst wenn für Organisator Rüdiger Otto die sportliche Begeisterung an erster Stelle steht, kennt er auch die Zahlen:

"Die Region hat Mehreinnahmen von geschätzten 60 Millionen Euro. Das entspricht ungefähr 12 bis 14 Millionen Steuereinnahmen. Das also die Stadt von solchen Großereignissen einschließlich Umland ganz gut lebt. Sie wissen selbst, dass zu dieser Zeit dann die Hotels voll sind, die Restaurants sind voll."

Der Berlin- Marathon selbst hat einen Etat von etwa sieben Millionen Euro. Er speist sich aus den Startgeldern der Läufer von sechzig bis achtzig Euro pro Nase und den Einnahmen durch Sponsoring, etwa jeweils zur Hälfte.

"Diese Interdependenz zwischen Wirtschaft und Sport ist extrem wichtig. Der Spitzensport kann ohne die Unterstützung der Wirtschaft nicht leben."

Seit zwei Jahren ist BMW der Titel-Sponsor, die Veranstaltung heißt jetzt offiziell BMW-Berlin-Marathon. Auf seiner Facebook-Seite begründet der Autobauer sein Engagement:

Herausragende Leistung, gepaart mit maximaler Effizienz, ist ein Ziel, dem wir uns auch bei unseren Automobilen verschrieben haben.

Haile Gebrselassie gewinnt den Berlin-MarathonDer Äthiopier Haile Gebrselassie dominierte lange Jahre die Marathon-Szene. (AP)Das Geld der Sponsoren fließt unter anderem in die Antrittsgelder der Spitzensportler, wie zum Beispiel der Kenianer Patrick Makau, der den Weltrekord aus dem vergangenen Jahr in Berlin mit 02:03:38 hält. Lange Jahre dominierte der Äthiopier Haile Gebrselassie. Die internationale Läuferszene, wird von zwei Nationen geprägt: Kenia und Äthiopien. Ihre Rivalität vergleicht Organisator Rüdiger Otto gern mit der sportlichen Feindschaft im Fußball zwischen den Niederlanden und Deutschland. Für viele Sportler aus Ostafrika ist der Marathon oft Existenzgrundlage.

"Top-Athleten bekommen ein Preisgeld, das liegt bei 40.000 Euro, die zweiten bei Männern und Frauen 20.000."

Hinzu kommen Antrittsgagen, die individuell ausgehandelt werden. Oft bringt der Top-Athlet bringt seine sogenannten Hasen mit, sie laufen mit ihm, bringen ihn auf sein Tempo, bieten Windschutz.

Nur über die Top-Leistungen oder gar Weltrekorde der Spitzen-Athleten erhalte der Marathon die Aufmerksamkeit der Medien, sagt Otto. Der Berlin-Marathon gehört zusammen mit den Läufen New York City, Boston, Chicago und London zu den sogenannten Big Five, den wichtigsten Marathonläufen der Welt. Man sei die Champions League der Marathon Läufe, sagt Otto. Zum Anderen zieht die Weltspitze der Läufer viele Breitensportler an, die sich freuen, quasi in den Fußstapfen des Weltrekordhalters zu laufen.

"Es gibt viele Breitensportler, die wir nach dem jeweiligen Rennen gesprochen haben, die gesagt haben: Ich war dabei, als Haile Gebrselassie, als Makau Weltrekord gelaufen ist. Der ist ja Kilometer – und Stunden teilweise weg von diesen Läufen, aber es gibt diesen Teilnehmern das Gefühl, ich war dabei und zwar nicht nur als Zuschauer sondern als Läufer."

Kaum einer der 40.000 Läufer reist alleine an, nach Untersuchungen von Sportökonomin Kirstin Hallmann werden die meisten Sporttouristen von zwei, drei Angehörigen oder Freunden begleitet. Der Startschuss fällt am frühen Vormittag und so trifft kaum jemand erst am Veranstaltungstag ein, viele verlängern den Aufenthalt zum Kurzurlaub. Die Berliner Hotels sind an diesem Wochenende schon Monate im Voraus ausgebucht.

Thorsten Kaliska begutachtet die Arbeit seiner Kollegen in der Hotelküche des Arcotel in Berlin-Mitte. Noch tüftelt der Küchenchef an den Rezepten für den Nudelabend am Vorabend des Marathons. Die Pasta-Party ist ein fester Bestandteil im Marathon-Ritual: Die Sportler essen gezielt Kohlenhydrate in rauen Mengen, um für die Anstrengungen gewappnet zu sein. Seine Chefin Tanja Koch erklärt die Marketing-Strategie.

"Sportler sind aktive und rege Menschen. Und Berlin ist eine pulsierende Stadt. Von daher passt das gut zusammen. Das ist natürlich auch unser Zielpublikum. Die sind gerne bereit zu Reisen, viel sehen. Und da bietet es sich auch an, die Sportler auch entsprechend anzusprechen."

Ein Eindruck, der sich auch in zahlreichen Studien aus Europa und Nordamerika bestätigt, die Sportökonomin Kirstin Hallmann ausgewertet hat:

"Der typische Marathon-Läufer ist um die vierzig, hat eine sehr gute Bildung, eine gute Position, was den Job anbetrifft, verdient entsprechend gut. Und ist meistens männlich."

Für den Berlin-Marathon reist etwa die Hälfte der Sportler aus dem Ausland an. Nach Erhebungen von Kirstin Hallmann gibt jeder Läufer ohne Startgebühr 80 Euro pro Tag und Person aus – für Anreise, Verpflegung, Unterkunft, Souvenirs und Sportartikel ... .

Vielleicht ohne historisches Vorbild - der MarathonlaufDas Geschäft mit Running-Produkten boomt. Zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für’s Laufen aus. (AP Archiv)Wer Carsten Weinrichs Laufladen in Berlin-Tiergarten betritt, sieht ihn sofort. Den riesigen Tisch mit dem neonfarbenen Laufschuh. Aus nur einem Faden gewebt. Wie zum Beweis sind riesige Neon-Garnrollen daneben aufgebaut. Der letzte Schrei, für den ein amerikanischer Sportartikelhersteller 160 Euro verlangt. Auch im hinteren Teil des Ladens geht es weiter mit neonorange, pink, gelb. Einige der etwa sieben Millionen Laufschuhe, die im Jahr in Deutschland verkauft werden. Hinzu kommen Pulsuhren, kohlenhydrathaltige Gels für die Ernährung während des Laufens oder Schnürsenkel aus Gummi, die bequemer für den Fuß sein sollen. Seit 18 Jahren ist Weinrich Geschäftsführer, durch alle Farbreigen hindurch.

Weinrich kann seine Kundschaft verstehen, er ist selber Marathonläufer, bietet nebenbei Lauftreffs zur Vorbereitung an. Was die Leute antreibt, das harte, stundenlange Training auf sich zu nehmen?

"Marathon laufen ist in unserer Gesellschaft anerkannt. Wer Marathon gelaufen ist, der kriegt am nächsten Tag schon einmal diverses Schulterklopfen, weil Marathon-Laufen , das sind schon die Helden der heutigen Zeit – im Kleinen – der kann sich da ein bisschen feiern lassen. Mit Recht."

Für ihn ist der Berlin-Marathon fest im Kalender verankert. Vor allem ist es die gleichzeitig stattfindende Laufmesse, die ihn interessiert. Hier müssen die Läufer ihre Startnummern abholen und können nebenbei noch ein bisschen im Angebot der Lauf-Artikel stöbern:

"Das ist ein gefundenes Fressen. Das ist für uns ganz wichtig. Wenn Wettkämpfe gelaufen werden, haben die Kunden auch Bedarf. Es sind ganz viele Ausländer hier, die haben eine ganz lockere Kreditkarte dabei."

Das Geschäft mit Running-Produkten boomt. Zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für’s Laufen aus. Das meiste für Schuhe, den Rest für Textilien oder Zubehör wie Pulsmesser oder Energie-Gels. Eine Größenordnung, die an den Umsatz mit Fußballprodukten heranreicht. Seit zehn Jahren ist Running ein Wachstumsmarkt, konstatiert Klaus Jost, Vorstand von Intersport, der größten Verbundgruppe von Sporthändlern in Deutschland:

"Vor zehn Jahren waren es noch rund 550 Millionen. Vor fünf Jahren rund 700 Millionen und jetzt 2012 rund 900 Millionen. Sie sehen hier kräftige Steigerungen."

Nachdem Schuhe und Bekleidung schon sehr ausgereift sind, sind die neuesten Entwicklungen technische Accessoires, sagt Klaus Jost:

"Sowohl Schuhe wie auch Bekleidung sind komfortabel geworden und extrem leicht. Und die werden angereichert mit technischen Features, die sind dann auch online zu sehen. Die Leute wollen sich terminieren mit Freunden, möchten ihre Laufrouten posten. Möchten sich anderen mitteilen, wo sie gelaufen sind, wann sie gelaufen sind. Und dazu braucht es eben technische Applikationen. Dann ist im Schuh ein Chip oder irgendwo am Körper ist noch ein Chip und kann das dann empfangen beziehungsweise auch weiterschicken."

Für Jost erklärt sich dieser Trend aus der Beliebtheit der sozialen Medien. Das Kommunikationsverhalten werde eben auch auf den Sport ausgedehnt. Zumal gerade bei dieser Distanz immer wieder ein bisschen Mythos dabei sei:

"Es gibt einen alten Marathon-Spruch, dass nach den 42 Kilometern der Schmerz vergeht, aber der Stolz bleibt."

Doch nicht nur Sportläden und Händler verdienen an der Laufbegeisterung. Auch spezialisierte Mittelständler haben ihre Nische gefunden.

Eine unscheinbare Lagerhalle in Bergisch-Gladbach bei Köln. Hier hat die Firma Mika Timing ihren Hauptsitz. Sie übernimmt die Zeitmessung bei über 100 Marathonveranstaltungen in Deutschland und Skandinavien.

"Hier vor uns sehen wir einen Stapel von Matten, das sind die sogenannten Tartan Matten, ähnlich wie im Stadion auch selber das Material auf den Tartan-Bahnen. Die Besonderheit hier ist, dass in diesen Matten Antennen eingebaut sind, das heißt, diese Matten haben Empfangsantennen."

Geschäftsführer Harald Mika führt durch seine Lagerhalle, in der Ecke brummt die Kühlung des Rechenzentrums. Das Prinzip: Jeder Läufer erhält vor dem Rennen einen Chip. Damit sendet er regelmäßig ein Signal an den Zentralrechner. Als Hilfe für den Läufer, aber auch als Schutz gegen Betrugsversuche.

"Letzten Endes gibt es immer wieder Teilnehmer, die betrügen – natürlich betrügen sie sich in der Regel erst mal selber, indem sie versuchen abzukürzen, in Großstädten mit der U-Bahn zu fahren. Da wir bei vielen großen Veranstaltungen aber Zeitmessungen alle fünf Kilometer haben – wenn dann Zwischenzeit-Messungen fehlen – und vielleicht die zweite Marathon-Hälfte schneller als die erste gelaufen wurde, dann ist das in der Regel ein gutes Indiz, dass nicht die gesamte Strecke gelaufen wurde."

Im Kölner Stadtwald dreht Jeannette Duy weiter ihre Runden. Auf den Marathon angesprochen, fangen ihre Augen zu leuchten.

"Muss man ein bisschen verrückt sein?"
"Ja, ich glaube schon. Man sollte ein bisschen größenwahnsinnig in manchen Sachen sein. Und sich mehr zu trauen. Schauen, dass man einen Erfolg hat."

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