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Der Schönheitssalon

Aus dem mexikanischen Spanisch von Carina von Enzenberg

Cecília Dreymüller

Mario Bellatín gehört zu der heute leider raren Spezies von Schriftstellern, die ein riskantes, innovatives Proyekt an den Anfang ihres Schreibens stellen. Unbekümmert um literarische Erfolgsrezepte laboriert der mexikanische Autor seit Jahren an einem ambitionierten Gesamtwerk, dass einige erzählerische Konventionen in Frage stellen soll. In seiner Novellentrilogie, deren erster Teil, <em>Der Schönheitssalon</em>, nun auf Deutsch vorliegt, hat er es darauf angelegt, Erzählen frei von den Einschränkungen der zeitlichen, räumlichen oder sozialen Umstände wirken zu lassen, um eine maximale Breite von Lesarten zu ermöglichen und die Fiktion als solche absolut sichtbar zu machen. Die drei Kurz-Romane spielen an namenlosen Orten, der kulturelle Hintergrund lässt sich nur vage bestimmen, die handelnden Personen bleiben anonym, werden nur schemenhaft skizziert und bewegen sich wie Marionetten auf einer Beckettschen Bühne. Nichts ausser der Namengebung weist darauf hin, dass etwa <em>Der Garten der Frau Murakami</em> in Japan zu finden ist oder <em>Der blinde Dichter</em> seine Sekte in Mexiko City auf Mord und Todschlag programmiert. Auch mit <em>Der Schönheitssalon</em> präsentiert der zur lateinamerikanischen Avantgarde zählende Schriftsteller wieder eine Art lehrhaftes Stück ohne erklärende Zusammenhänge - eine Reflexion über den Umgang mit Krankheit und Tod in der entmenschlichten Wohlstandsgesellschaft.-, das den Vergleich mit der Parabel nahelegt. Doch hat Bellatin durch die konsequente Systematisierung seiner ganz eigenen Stilmittel ein Genre geschaffen, dass so schnell in keine Schublade passt:

Diese Systematisierung, das ist wie mit der Rhetorik des Lesers arbeiten, der für gewöhnlich denkt, dass die Arbeit des Schriftstellers mit dem Text beginnt und mit ihm endet. Zunächst ging es mir darum, wie man Texte bearbeiten kann, die keine Bezüge zur Wirklichkeit aufweisen, die unabhängig von Raum, Zeit oder Realität funktionieren. Und das ist es, was jetzt mit 'Der Schönheitssalon' zurückkommt. Mit der Zeit, als der Roman anfing übersetzt zu werden, - letztes Jahr wurde er ins Französische übersetzt, jetzt ins Deutsche -, da merkte ich, dass genau in diesem Augenblick die wesentlichen Bestandteile des Textes klar hervortreten. Denn man weiss ja nicht, worauf der Text sich tatsächlich bezieht, nicht wahr. Ein Text, der etwas sagt und es widerum nicht sagt. Und derjenige, der es ausspricht und der Antworten gibt, ist der Leser. Das sind Texte, die sich darauf beschränken, Fragen zu stellen.

Tatsächlich stellen sich in Der Schönheitssalon viele Fragen, zu viele, um es gleich vorweg zu nehmen. Die erste möchte man dem Autor selbst stellen: wie kann man Sprache von dem kulturellen Ballast befreien, der ihr anhängt, und eine neutrale, von Werturteilen unkontaminierte Erzählweise schaffen, ohne dass im Text eine klaffende Leere entsteht? Womit will der Autor seinen Leser bei der Stange halten, wenn er ihm die meisten relevanten Tatsachen vorenthält. Der nackte Plot - ein schwuler Friseur betreut bei einer Seuchenepidemie Todkranke in seinem Schönheitssalon -, gibt zu wenig her, da die Hälfte der knapp achtzig Seiten mit Nebensächlichkeiten, wie detaillierten Informationen zur Fischzucht in Aquarien oder zur Pflege von terminalen Patienten, gefüllt ist. Da schaltet man ab beim soundsovielten bedeutungsschwere Satz über die Ästhetik der Trauermantelsalmler oder die symbolische Nähe von Schönheit und Tod. Und wenn auch durch den radikalen Verzicht auf erzählerischen Futterstoff an manchen Stellen eine faszinierende Schwerelosigkeit entsteht, so bleibt es doch an den meisten bei einer irritierenden Bezugslosigkeit. "Das Wichtigste war die Einrichtung des Schönheitssalons. (...) Ich hatte vom ersten Augenblick an die Idee, ihn mit grossen Aquarien auszustatten. Die Kundinnen sollten das Gefühl haben, während der Behandlung in kristallklares Wasser einzutauchen und wenig später verjüngt und verschönt wieder an die Oberfläche zu gelangen."

Dabei besitzt die Handlung alle Ingredientien, um den Leser zu fesseln: Sex, Tod, Randgruppenexistenz und ein Stichwort, dass an den Nerv der westlichen Vergnügungsgesellschaften rührt, AIDS, von dem jedoch in keinem Moment direkt gesprochen wird. Bellatin möchte eben gerade nicht mit dem Zeigefinger auf Problemthematiken weisen.

Eine unheilbare Seuche hat die Bewohner einer grossen Stadt heimgesucht. Die Menschen sterben langsam und unter grossen Qualen an einem schleichenden Übel, das den Körper auf schreckliche Weise entstellt. Aus Ekel und Angst vor Ansteckung werden die Kranken von ihren Familien ausgesetzt und sterben elendiglich auf der Strasse. Ein homosexueller Friseur hat seinen Schönheitssalon in ein Sterbehaus verwandelt, in welchem er die Todkranken aufnimmt, sie versorgt und nach ihrem Tod die Leichen bestattet. "Ständig wächst die Zahl der Menschen, die zum Sterben in den Schönheitssalon kommen. Längst sind es nicht mehr nur Freunde, in deren Körpern sich das Übel ausbreitet, sondern meistens Fremde, die nicht wissen, wo sie sonst sterben sollen." Allmählich jedoch überträgt der unberufene Samariter seine unmöglich gewordene Teilnahme mit den vor seinen Augen zerfallenden Menschenkörpern auf die Fische: "Erst gestern, als ich das Becken mit dem grünlichen Wasser sah, wurde mir klar, dass der Tod eines Fisches niemanden interessiert. In all den Jahren war ich der einzige, dem das Sterben in den Aquarien naheging." Bellatín:

Also genau in dieser Zeit entsteht eine Trilogie, in der ich, und das ist kein Zufall, ein System des Schreibens suchte, an dem ich mich festhalten könnte, und an das ich eben nicht die traditionelle Rhethorik anwende, die meiner Zeit und meinem Raum entsprochen hätte. Ich fühlte nämlich, dass ich nicht erzählen und benennen konnte, was ich erzählen und benennen wollte. Und deswegen suchte ich in Bibeltexten nach den biblischen Konstanten, wie dort die Sünde des Fleisches, die Seuchen, der Krieg dargestellt wurden. Das war die ganze Zeit über mein Bezugspunkt, die zyklische Seuche und natürlich auch das heutige AIDS. Aber auf im positiven Sinne tendenziöse Weise angesprochen, mit einer gespielten Naivität, damit der Leser derjenige ist, der den Zusammenhang herstellt. Deswegen, sicher, das AIDS-Gespenst ist natürlich da, aber das ist auf jeden Fall eine Assoziation, die vom Leser kommen muss. Und wie mit AIDS ist es auch mit jedem anderen Thema, egal, was man nimmt, wenn ich z.B von der politischen Lage in Osteuropa sprechen will, da ist ein Element, das mich immer stört und mir Freiheit nimmt: man hat immer schon eine Sichtweise, man nimmt immer gleich Partei. Aus diesem Grund bestätigen Bücher oftmals nur, was man schon weiss. Hier dagegen wird alles so gelassen, es wird die eigene Sichtweise, die eigene Haltung dazu verdeckt, damit der Leser seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Man wählt den Doppelsinn, damit jeder auf seine Weise interpretieren kann. Und mir gefallen die Interpretationen besser, die z.B. auf die mittelalterlichen Sterbehäuser abzielen.

Während also der Ich-Erzähler, der ebenfalls von der Krankheit befallen ist, in diesem Sterbehaus seinen Tod erwartet, berichtet er rückblickend von den gloriosen Zeiten des Schönheitssalons und seinem alles andere als gloriosen Leben als Tunte. "Zweimal in der Woche zogen wir uns abends um, stellten jeder einen kleinen Koffer bereit und machten uns, kaum dass wir das Geschäft geschlossen hatten, auf den Weg in die Stadt. In Frauenklamotten konnten wir nicht in den Bus steigen, das hatte uns schon mehr als einmal in eine brenzlige Lage gebracht." Ganz unsentimental, mit einer klinisch präzisen Sachlichkeit, wird dabei ein schwuler Werdegang beschrieben, von der Vergewaltigung als Kind durch einen Freund des Vaters, über die Jahre als Prostituierter in einem Provinzbordell bis zur schliesslichen Freiheit, die der nun von seinem, wie er selbst sagt "ausschweifenden Lebenswandel", bekehrte Erzähler mit dem Kauf des Schönheitssalons erlangt. Durch die Seuche nimmt sein Schicksal jedoch eine völlig andere Wendung. Seit der ehemalige Tempel der Eitelkeit zu einem Ort geworden ist, an dem nur noch der Tod zählt - "ein rascher Tod, unter möglichst angenehmen Bedingungen" - hat er das Gefühl, dass sein Leben einen neuen Sinn erhalten hat. Bellatín:

Naja, ihm konnte ja auch nichts besseres passieren. Eine Lesart ist, ihn als guten Samariter zu sehen, Mutter Teresa als Transvestit. Aber das stimmt auch wieder nicht. Denn man sieht, wie in dieser Figur eine Reihe von Elementen zusammenkommen., die sie verabscheuenswert machen. Weil er sich aufführt wie eine Art Gott, der entscheidet, wer stirbt und wer nicht. Er hat nie ein erfüllteres Leben gehabt, als in diesem Wahnsinn. Ich hätte es dabei belassen können, ihn so wie im ersten Teil des Buches zu zeigen, die Gestalt, die Kranke aufnimmt, und dann wäre er irgendwie, wie soll ich sagen, konkreter geblieben. Aber hier gibt es die Möglichkeit dieser Lesart, wie auch der engegengesetzten, nicht wahr. Der Typ ist eine ausgesprochen grausame, ausgestossene Figur.

Obwohl also zweifelsohne sowohl die Thematik als auch die Charakterisierung der Hauptfigur komplex angelegt sind, kommt die Erzählung aus einer statischen, bildhaften Ungefährheit nicht heraus. Das liegt daran, dass wohl verschiedene Problematiken, wie die der Verdrängung von Tod und Krankheit oder die der Homophobie angerissen, aber nicht ausgeführt werden, eben weil sich Bellatín jeder moralisierenden Stellungnahme enthalten will. Stattdessen richtet er sein Augenmerk auf die Banalität des Alltäglichen im Umgang mit dem Schrecklichen. Gerade diese durchaus schlüssige Banalität verdeckt jedoch fatalerweise die Ungeheuerlichkeit der Existenz des Protagonisten und verflacht gleichzeitig eine Erzählung, die sowohl durch ihre perfekte Sprache und die gewählte Erzählperspektive, als auch durch das Engagement für ein schwieriges Thema grosse Erwartungen weckt. Wenn auch diese sich letztendlich nicht erfüllen, so ist nach der Lektüre des kleinen Buches doch klar, dass hier ein Autor nicht aus Unvermögen sondern an der Höhe des Ziels gescheitert ist, das er sich gesteckt hat. Von Mario Bellatín werden wir sicherlich noch viel hören.

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