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StartseiteBüchermarkt"Der schönste Geist, der je gewirkt hat"31.12.2006

"Der schönste Geist, der je gewirkt hat"

1759 erschienen die ersten beiden Bände von "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman". Die nächsten sieben Bände folgten zwischen 1761 und 1767. Und obwohl Lawrence Sterne ein bis dahin unbekannter Autor gewesen war, der ein Leben als Priester in der englischen Provinz führte, erregte der Roman auf Anhieb die Gemüter der Londoner Gesellschaft.

Von Walter van Rossum

Tower Bridge in London (AP)
Tower Bridge in London (AP)

"Ich wünschte, entweder mein Vater oder meine Mutter, oder fürwahr alle beide, denn von Rechts wegen oblag die Pflicht ihnen beiden zu gleichen Teilen, hätten bedacht, was sie taten, als sie mich zeugten; hätten sie gebührend in Betracht gezogen, wie viel von dem da abhing, was sie gerade machten."

Feiner Zug vom Erzähler, seine Autobiographie tatsächlich mit der Stunde Null beginnen zu lassen: beim Schöpfungsakt persönlich und höchstselbst. Man könnte auch sagen: ab ovo - und der kundige Humanist wird gleich ad asperam wispern. Und schon sitzt er in der Falle. Eine Falle, die vor immerhin fast 250 Jahren ein gewisser Lawrence Sterne aufgestellt hat und die all die Jahre seitdem unverdrossen zuschnappt. Er lockt uns auf seinen Lebensweg und stromert 800 Seiten lang durchs Unterholz seines Daseins, durch dichtes anekdotisches Dickicht, durch ein Labyrinth der Geschwätzigkeit.

"Könnte ein Historiograph seine Historie so vor sich hertreiben, wie ein Mauleseltreiber seinen Maulesel, - immer der Nase nach; ---- zum Beispiel den ganzen Weg von Rom nach Loretto, ohne jemals den Kopf nach links oder rechts zu wenden, - so könnt' er's auf seine Kappe nehmen, Euch auf die Stunde genau vorauszusagen, wann er ans Ende seiner Reise gelangen werde; ---- das aber ist, moralisch gesprochen, ein Unding: Denn wenn er nur ein Fünkchen Geist besitzt, wird er von der graden Linie unterwegs mit dieser oder jener Gesellschaft auf fünfzig Abwege geraten müssen, die gar nicht zu vermeiden sind."

Das bedeutet nun aber keineswegs, dass es in dieser Autobiographie unpräzise zuginge. Ganz im Gegenteil: Der Autor schöpft aus der vollen Genauigkeit. Und das ist nicht eben wenig, und bei Lichte betrachtet sogar zu viel, viel zu viel. So dass wir vorneweg sagen dürfen: die Präzision frisst ihre Kinder.

"Ich bin diesen Monat ein ganzes Jahr älter als heute vor zwölf Monaten; und da ich, wie Ihr seht, beinahe bis zur Mitte meines vierten Bandes gediehen bin - und doch nicht weiter als bis zu meinem ersten Lebenstag - so leuchtet's ein, dass ich schon jetzt dreihundertvierundsechzig Tage mehr von meinem Leben zu schreiben habe, als damals, wie ich anfing; so dass ich statt mit meinem Werk voranzukommen, wie gewöhnliche Schriftsteller pflegen, durch das, was ich daran getan habe - im Gegenteil just um ebensoviel Bände zurückgeworfen werde - sollte jeder Tag meines Lebens so betriebsam sein wie dieser - Und wieso auch nicht? - und sollten die Ereignisse und Ansichten davon ebensoviel Beschreibung in Anspruch nehmen - Und weshalb sollten sie abgekürzt werden? da ich ergo bei diesem Tempo 364 mal geschwinder leben als schreiben würde - muss daraus folgen, mit Verlaub Ew. Gestrengen, dass ich, je mehr ich schreibe, desto mehr zu schreiben haben werde - und mithin, dass Ew. Gestrengen, je mehr Ew. Gestrengen lesen, desto mehr zu lesen haben werden.

Wird das Ew. Gestrengen Augen zuträglich sein?

Die meinen wird es laben; und falls mich meine ANSICHTEN nicht Kopf und Kragen kosten, so seh' ich schon, ich werd' von eben diesem meinem Leben ein famoses Leben führen können; oder anders gesagt, ein famoses Doppelleben.

(...) Ich mag schreiben wie ich will, und mich wie Horaz anrät, mitten in die Materie stürzen, - ich werde mich doch niemals selbst einholen."

Doch zurück zur Zeugung, mit deren Schilderung der Autor seine Lebensgeschichte anheben lässt. Übrigens sollte niemand sich jetzt der Hoffnung hingeben, es käme sogleich die Sprache auf die mehr oder weniger appetitlichen Seiten der Angelegenheit. Zumindest an dieser Stelle geht es um die Erörterung der eher weit reichenden Folgen. Denn während der Zeugung beliebt die Gattin den Gatten zu fragen, ob er auch die Uhr aufgezogen habe. Was weder symbolisch, metaphorisch oder ironisch gemeint ist, sondern eher etwas mit der sorgfältigen Natur der Gattin zu tun hat - den Gatten allerdings völlig aus dem Konzept seiner Zeugungshingabe reißt. Weshalb wir in aller Genauigkeit erfahren, was es mit der Uhr und mit der Frage nach der Uhr auf sich hat, um schließlich auf den entscheidenden Punkt zu kommen. Der Autor ist nämlich der festen Überzeugung, dass er eben wegen dieser Frage, sozusagen im Moment des besprungenen Eis einen Sprung in der Schüssel seines Lebens davon getragen hat, womit wenigstens die prekäre physische Verfassung des Autors gemeint ist, womöglich aber auch die psychische.

Dass durch eine - sagen wir: - Irritation beim Befruchtungsvorgang die entstehende Frucht Schaden nimmt, ist eine kühne These. Allerdings erscheint sie weniger kühn, wenn man konsequent den philosophischen Theorien des englischen Sensualisten John Locke folgt. Die uns der Autor deshalb ausführlich vorstellt. Doch auch diese Theorie bietet nur einen gewissen analytischen Rahmen für die Lotterie des Lebens. Ein Ball rollt, wenn man ihn anstößt. Schön und gut - aber wie rollt er und wer hat ihn angestoßen und warum? Kurz, die Winzigkeit einer vermutlich irgendwie vermasselten Samenspur stellt höchste Ansprüche ans allgemeine und besondere Begreifen. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der Authentizität der Geschichte, wonach die Gattin den Gatten während der Begattung aus der Samenfassung gerissen habe. Wer hat diese Geschichte eigentlich überliefert? Und das trägt uns die Bekanntschaft von Onkel Toby an, dem Onkel des Erzählers und also Bruder des Vaters.

"Die Liebe mag daher sein was sie will, - mein Onkel Toby verfiel ihr.

- Und womöglich, geneigter Leser, wäre es dir angesichts einer solchen Versuchung - ebenso ergangen: Denn nimmer noch erschaute dein Blick oder begehrte deine Sinnlichkeit etwas Begehrlicheres auf der Welt als Witwe Wadman.

Um dies recht zu begreifen, - laßt Euch Feder und Tinte bringen - hier habt Ihr Papier schon bei der Hand. - Setzt Euch, Sir, malt sie ganz nach Eurem Sinn - Eurer Geliebten so ähnlich als möglich - Eurer Gattin so unähnlich, als Euer Gewissen es euch erlauben will - mir gilt's gleichviel - macht Euch nur ein Plaisier daraus."

Und dann folgt eine halbe leere Buchseite, damit der Leser der Aufforderung sogleich Folge leisten kann. - Ja, der gute Onkel Toby, über den gibt es wahrlich viel zu erzählen. Wie er einstmals an der Belagerung von Namur teilnahm und die legendären Missgeschicke, die ihm dabei widerfuhren und wie er verwundet wurde und wie er, der dem weiblichen Geschlecht so außerordentlich abhold schien, doch gleichsam aus Versehen und dann aber unermüdlich um die Gunst der Witwe Wadman buhlte. Und was wäre aus Onkel Toby geworden - ohne den guten Kaporal Trim, sein Adlatus aus den Zeiten der so genannten Feldzüge, später Diener, Kutscher, guter Geist in allen Lebenslagen und sein stellvertretender Frauenversteher. Am Ende jedenfalls wissen wir sehr viel mehr über Leben und Ansichten des Onkel Toby, Gentleman als über Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman, wovon zu berichten der Roman im Titel verspricht. Genau genommen erfahren wir sogar noch mehr über die Hebamme, die schließlich im dritten von insgesamt neun Büchern Tristram Shandy in sein irdisches Dasein verhilft, als über den Titelhelden, dessen Leben mehr oder weniger auf der Flucht vor den Buchdeckeln stattzufinden scheint.

"Ich wünschte, ich könnte ein Kapitel über den Schlaf schreiben.

Eine passendere Gelegenheit als dieser Augenblick sie bietet, hätte sich niemals ergeben können, jetzt wo die Bettgardinen der Familie sämtlich zugezogen sind - die Kerzen gelöscht - und nur eines Menschen Auge wacht, alldieweil das andere Auge von meiner Mutter Amme nämlich schon seit zwanzig Jahren geschlossen ist.

Es ist ein schmuckes Sujet!

Und doch, so schmuck es ist, ich mache mich anheischig, ein Dutzend Kapitel über Knopflöcher geschwinder und mir zum größeren Ruhm zu schreiben, als auch nur ein einziges Kapitel hierüber.

Knopflöcher! - schon im bloßen Begriff steckt etwas Anregendes."

Auf achthundert Seiten findet die angekündigte Lebensgeschichte so gut wie nicht statt. Der Roman besteht aus einer verwirrenden Suche nach einem geeigneten Ausgangspunkt oder nach dem Gerüst einer Lebensordnung. In gewissem Sinn besteht das ganze Buch aus nichts als einer ausufernden Suchmeldung: Wo bin ich eigentlich zu finden? Und die Antwort liefert uns Lawrence Sterne nicht in philosophischer Höhenkammreflexion, noch im Glanze autobiographischer Rhetorik, sondern als vitale Slapstickkomödie: die Komödie des Suchenden.

1759 erschienen die ersten beiden Bände von Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Die nächsten sieben Bände folgten zwischen 1761 und 1767. Und obwohl Lawrence Sterne ein bis dahin unbekannter Autor gewesen war, der ein Leben als Priester in der englischen Provinz führte, erregte der Roman auf Anhieb die Gemüter der Londoner Gesellschaft. Immerhin war es der Form nach ein völlig ungewöhnliches Buch. Darüber hinaus aber enthielt es reichlich skandalösen Stoff, geizte Sterne doch keineswegs mit Spitzen gegen die Spitzen der Gesellschaft, Krone wie Kirche, darüber hinaus rüpelte das Buch unverkennbar gegen die guten und frommen Sitten und zelebrierte geradezu Schilderungen des sonst nicht zu Schildernden. Merkwürdigerweise bereiteten ausgerechnet zwei Koryphäen der zeitgenössischen englischen Literatur dem Roman einen denkbar schlechten Empfang: Samuel Johnson und Horace Walpole schrieben Verrisse über Lawrence Sternes Meisterwerk. Ganz anders erging es dem Roman in Frankreich und Deutschland, wo sich die Begeisterung auf Anhieb überschlug.

"Wo ist der Mann, in dessen Händen Tristram nicht schön wäre, der lieber alle seine übrigen Bücher, und seinen Mantel und Kragen im Notfall dazu, verkaufen wollte, um dies in seiner Art einzige, dies mit all seines Verfassers Wunderlichkeiten und Unarten dennoch unschätzbare Buch (...) anzuschaffen, von Stund an zu seinem Leibbuch zu machen und solange darin zu lesen, bis alle Seiten davon so abgegriffen und abgenutzt sind, das er sich - zum größten Vergnügen des Verlegers - ein neues anschaffen muss?"

So feierte Christoph Martin Wieland das Erscheinen der deutschen Ausgabe im Jahre 1774. Lessing erklärte sich auf der Stelle bereit, dem Autor fünf Jahre seines eigenen Lebens abzutreten, Hauptsache dabei käme irgendein neues Buch von Sterne heraus. Goethe wiederum sprach über Sterne kurz und knapp:

"Der schönste Geist, der je gewirkt hat."

Ebenso begeistert äußersten sich die Fürsten der französischen Aufklärung wie Denis Diderot. Und die Verehrung für Sternes Roman hat seitdem kaum nachgelassen: Jean Paul über Thomas Mann bis Arno Schmidt huldigten diesem Buch als dem Gründungswerk der modernen Literatur.

" - Autoren meins Schlages teilen mit Malern einen Grundsatz. - Wo exaktes Nachbilden unser Gemälde weniger eindrücklich machen würde, wählen wir das geringere Übel; indem es uns sogar verzeihlicher dünkt, wider die Wahrheit als gegen die Schönheit zu sündigen. - Dies ist cum grano salis zu verstehen; doch sei dem wie ihm wolle, - da die Parallele mehr zu dem Zwecke gezogen wurde, der Apostrophe Gelegenheit zur Abkühlung zu schaffen, denn aus sonst irgendeinem Grunde, - gilt's wenig, ob sie der Leser noch in anderer Hinsicht billigt oder nicht."

Sterne wurde 1713 in Irland als Sohn eines englischen Offiziers geboren, der aber kurz nach der Geburt seines Sohnes wider nach England versetzt wurde und überhaupt führte die Familie wegen seines Berufs ein unstetes Leben. Eigentlich war der kleine Lawrence für das Priesteramt bestimmt. Jedenfalls wurde er schon 1738 ordiniert und erhielt bald eine Pfarrei in Sutton-on-the-Forest in der Grafschaft Yorkshire - hoch im englischen Norden, unweit von York - zugewiesen. Er heiratete 1741, was ihn nicht an aushäusigen erotischen Aufgeschlossenheiten hinderte - soweit seine Gesundheit das zuließ. Sterne litt zeitlebens an Tuberkulose. Er war immerhin bereits 46 Jahre alt, als er 1759 mit der Niederschrift seines opus magnum begann. Im folgenden Jahrzehnt reiste er für geraume Zeit durch Frankreich und Italien auf der Suche nach einem günstigeren Klima. Darüber schrieb er später Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien , sein zweites bedeutendes Werk, das indes von einer ganz anderen ästhetischen Haltung geprägt ist. Er starb 1768 in London im Alter von 54 Jahren. Allerdings fand er auf dem Friedhof zunächst keine Ruhe. Grabräuber raubten seinen Leichnam und verkauften ihn in die Anatomie von Cambridge. Dem Gerücht zufolge erkannte ihn eine Freund auf dem Seziertisch, von wo er den Halbtranchierten zurückkaufte, um ihn schließlich wieder in seinem Grab beisetzen zu können. Eine Geschichte, die von Lawrence Sterne selbst ersonnen sein könnte. Mit Sicherheit hätte sie ihm gefallen.

"Am wenigsten anfechtbar galt ihm deshalb die Auffassung, das Obersensorium oder Hauptquartier der Seele, wo alle Meldungen hingeleitet und von wo alle Befehle ausgegeben würden, - befinde sich im oder nahe beim Cerebellum, -- oder vielmehr irgendwo so um die medulla oblongata herum, worin, nach der einhelligen Meinung holländischer Anatomen, all die winzigen Nerven der sämtlichen Organe der sieben Sinne zusammenliefen wie die Straßen und krummen Gäßchen einer Stadt auf einem Platz."

Um 1760 bricht überall in Europa die Neuzeit aus: die Moderne. Vielleicht musste man fern dem Lärm ihrer Geburt in einer entlegenen Pfarrei im Norden Englands leben, um diesen Blick auf etwas zu werfen, dessen Umrisse nicht einmal den kühnsten Köpfen vor Augen standen. Und welchen Genius' bedurfte es, diesem Blick in dieser Form Ausdruck zu geben? Kein Wunder, dass postmoderne Zeitgenossen Sterne sogleich zu ihrem Stammvater erklärten. Von dieser Einschätzung ist allerdings dringend abzuraten, denn postmoderne Romanwerke pflegen in der Regel stinklangweilig zu sein, von erlesen ausgedachter Raffinesse, während Sterne noch heute so komisch wie kurzweilig ist, aber vor allem: es geht ihm um etwas ganz anderes: Sterne versucht erzählend der Moderne eine existentielle Verfassung zu geben. Nicht umsonst begrüßen ihn die Aufklärer als einen Größten unter ihresgleichen.

"SCHRIFTSTELLEREI, so sie denn recht betrieben, (...) ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation: Wie keiner, der den Benimm in guter Gesellschaft kennt, sich erdreisten würde, alles auszuplaudern; so würde kein Autor, der die geziemenden Grenzen des Dekorumns und der feinen Lebensart begreift, sich erkühnen alles auszudenken: Den aufrichtigsten Respekt zollt man dem Verstande des Lesers, wenn man in dieser Hinsicht mit ihm freundschaftlich teilt, und seiner Imagination, so gut wie der eigenen, etwas zu tun gibt."

Um 1760 tritt die Aufklärung ihren Siegeszug an. Das bedeutet zunächst: Es entsteht ein neuer Typus von Wissen, der sich in einem ungeheuren technischen Fortschritt Ausdruck verschafft. Zugleich rebelliert dieses Wissen auch gegen die barbarische Gewalt von Krone und Kirche. Und diese libertäre Gesinnung wird in einem berühmten Satz von Kant Programm: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit." Und dieses Programm bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger, dass die Kritik zum entscheidenden Instrument im Ringen um Orientierung wird. Denn Orientierung wird in der Moderne das menschliche Zentralproblem. Orientierung ist aber etwas anderes als Wissen. Zwar wird mit der Aufklärung der Menschen auch zum Gegenstand des explodierenden Wissens. Er wird sozusagen nach allen Regeln der Kunst gemessen, gewogen und geteilt. Und man darf sagen: die Moderne hat ein beeindruckendes Wissen zusammengetragen. Doch auf Anhieb hatten alle großen Aufklärer die Kuriosität dieses Wissens begriffen: Dieses Wissen vom Menschen ist niemals der Mensch selbst. Und das Wissen über die Welt ist nicht die Welt selbst. Mit anderen Worten: die aufklärerische Vernunft hat ihr Wissen als eine stets bloß vorübergehende Verständigung unter Menschen begriffen und die Vernunft selbst nicht als ein höheres Wissen, sondern als eine Zeremonie der Verständigung. Und insofern bedeutet Vernunft im Geist der Aufklärung gerade nicht Wissen, sondern die Infragestellung des Wissens. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, wenn uns etwa ein moderner Hirnforscher mal wieder erklärt, dass der Mensch nichts anderes sei als die Verschaltung seiner Synapsen und die Vernetzung seines neurobiologischen Apparats. Auch wenn man rein gar nichts von Hirnforschung versteht, darf man getrost behaupten, dass solche Hirnforscher einfach nicht wissen, was ein Mensch ist, denn das Bewusstsein ist kein Organ und die Seele auch nicht. Solchen Zeitgenossen möchte man dringend die Lektüre von Lawrence Sterne empfehlen. Denn genau darum geht es in seinem wunderbaren Roman über Leben und Ansichten des Tristram Shandy: in der Moderne zerfällt der Mensch in einen Gegenstand des Wissens und in gelebte Subjektivität. Und in den Wirren dieser Differenz verliert sich der Erzähler aus dem Blick und ergeht sich in den unzähligen Umständen seines Lebens und den unzähligen Perspektiven, die er sich gegenüber einnehmen könnte. Wenn in der Moderne also der Mensch weiß, dass er sich nicht wissen kann, dann wird das Erzählen, die Kunst zum eigentlichen Feld seiner Selbstverständigung. Und das hat ein anderer Verehrer von Sterne wunderbar auf den Punkt gebracht - nämlich Friedrich Schiller:

"Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblick vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, (...) er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigeren Lebenskunst tragen. "

Und von hier aus könnte man sagen: In seinem Roman über Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman erzählt Lawrence Sterne spielerisch vom Spielraum der Kunst, in dem allein der Mensch ein Bild von sich erhaschen kann ohne sich im Schein eines stets bloß hypothetischen Wissens zu verlieren.

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