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StartseiteBüchermarktDer schwarze Ast12.08.2002

Der schwarze Ast

Aus dem Japanischen von Nora Bierich

<em>Grüner Baum in Flammen</em> hatte der erste Teil einer Romantrilogie Kenzaburo Oes geheißen. Darin sieht der von seinen Anhängern wie ein Heiliger verehrter Bruder Gii kurz vor seinem gewaltsamen Tod eine Zeder in Flammen stehen. Dieses Bild der brennenden Zeder wird zum. Symbol der Religionsgemeinschaft, die er um sich geschart hat: eine Gruppe von meist jungen Menschen, die das einfache leben auf dem lande dem leben in der hochtechnologiesierten Städten Japans vorzieht. Bin junger Mann wird von einer steinalten Frau zum neuen Bruder Gii erklärt.

Simone Hamm

Der schwarze Ast heißt der zweite Band der Romantrilogie. Es scheint, als sei von der brennenden Zeder nur ein schwarzer Ast übriggeblieber. Erzählerin ist wieder Satchan, ein Zwitterwesen, als Junge erzogen, zur Frau geworden. Die Gruppe diskutiert, ob man aus den Schriften des früheren Bruder Giis eine Art Evangelium schaffen solle. Fragen nach dem Wesen Gottes nehmen großen Raum ein. Bruder Gii wird gefragt, ob es in seiner Kirche denn keinen Gott gäbe, ob seine Kirche also ein Haus ohne Bewohner sei.

Ich finde die Metapher vom Haus ohne Bewohner selir zutreffend. Ich stelle mir eine Art Kokon vor, der innen vielleicht leer ist, leer ist vielleicht sogar besser. Auf diese Leere gerichtet, konzentrieren wir uns. So verbringe ich tatsächlich mit den Jungen Leuten die Zeit in der Kirche. Ich habe nie einen Gott definiert, der im. Inneren des Kokons existieren soll. Der schwarze Ast ist ein sperriger, ein ermüdender Roman. Es gibt keine chronologische Handlung. Ohne zuvor Grüner Baum in Flammen gelesen zu haben, kann man ihr. überhaupt nicht verstehen.

Seitenlang ziehen sich die philosophischen Betrachtungen über Gott und die Welt hin. Immer wieder erörtert Oe die Theorie von dem Moment, der etwas länger als einen Augenblick, dauert, der wichtige, der große Moment, der das leben zu einem erfüllten macht. Die Gruppenmitglieder rezitieren verschiedenen Mantren, lesen Dante, Dostojweski und Yeats, diskutieren über die Weltbilder der Autoren, sie hören Wagners Tristan und Isolde und reflektieren über die Natur, die Liebe und den Tod. Vor allem über den Tod. Bruder Gii ruft aus:

Plane den Atem von Dorf -und Architektur im Einklang- mit dem Ateza der Natur.'" Und atmen wir nicht jetzt im Einklang- mit dem Atem der Gegend hier in den Wäldern ein und aus?" Um der lehre "Lebe zusammen mit den Toten" zu folgen, ist uns eine Umwelt geschenkt worden, die bestens dafür geeignet ist. Die Toten reisen ständig mit uns, sie sind der Atem der Natur der Gegend als solcher.

Ideen wie diese werden lang und breit erörtert. Betrachtung folgt auf Betrachtung. Eine zusammenhängende Handlung ist kaum auszumachen. Stattdessen überlagern verschiedene Erzählungen einander: Die Geliebte des früheren Bruder Gii kommt mit einem Knaben auf den Hof, den sie als Sohn des einstigen Oberhauptes der Religionsgemeinschaft ausgibt. Dieser Sohn verschwindet eines nachts mit Schülerinnen im Wald, um die Kirschblüten zu befrachten. Später werden die Mädchen behaupten, sie seien schwanger von ihm. Gerüchte kommen auf, die Religionsgemeinschaft im Walde liebe den Gruppensex. Denn einige Mädchen haben zuvor in einer Bar gearbeitet.

Kenner Kenzaburo Oes werden in ,,der schwarze Ast" all die Themen wiederfinden, die Oe in allen seinen Werken behandelt: das alte, mythische Japan, dem er die Zerstörung der Umwelt in unserer Tagen gegenüberstellt, die Sehnsucht nach einem religiösen Führer, nach Gott. Die ewigen Fragen nach dem -Anfang und dem Ende, dem Tod.

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