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Der Schwenk des Kölner Erzbischofs

Joachim Kardinal Meisner ändert seine Haltung zur "Pille danach"

Von Joachim Frank, "Kölner Stadt-Anzeiger"

Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner.
Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner. (AP Archiv)

Und sie bewegt sich doch. Was Galileo Galilei im Streit mit der katholischen Kirche über die Erde und ihre Umlaufbahn um die Sonne sagte, das passt am Ende dieser Woche auch auf die Kirche selbst.

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, der im katholischen Universum gern als Unbeweglichkeitsgarant des Zentralgestirns Kirche auftritt, hat einen Schwenk vollzogen. Die "Pille danach", für katholische Frauen, Ärzte und medizinisches Personal laut Meisners eigener Stellungnahme noch vor einer Woche tabu, soll jetzt nach Vergewaltigung erlaubt sein.

Diese Neubewertung ist die Folge des sogenannten "Kölner Kliniken-Skandals". Vor zwei Wochen wurde durch Recherchen des "Kölner Stadt-Anzeiger" bekannt, dass sich zwei katholische Krankenhäuser der Domstadt im Dezember geweigert hatten, ein Vergewaltigungsopfer medizinisch zu versorgen.

Der Fall löste bundesweit Empörung aus, weil ein angebliches "Missverständnis" des Klinikpersonals viel eher ein Stück Methode vermuten ließ: Wo beim Verstoß gegen kirchliche Normen die fristlose Kündigung droht, dort überlagert das Arbeitsrecht den hippokratischen Eid des Arztes; Angst vor dem Arbeitsplatzverlust überlagert den Reflex der Nothilfe und die Nächstenliebe. Alle dem, dem ärztlichen und dem christlichen Ethos verhilft Meisner nun wieder zu seinem Recht. Insofern ist seine Erklärung zur "Pille danach" auch ein Stück tätige Reue des Erzbischofs nach seiner persönlichen Entschuldigung in der vorigen Woche.

Besserwisser täten sich leicht, Meisners Kehre auf eine Art minimal-invasive Notoperation in eigener Sache zu reduzieren: Der Erzbischof versuche in aller Hast, eine weitere klaffende Wunde zu nähen, die der Kölner Skandal dem Image der Kirche und ihrem karitativen Auftrag zugefügt hat.

Richtig daran ist, dass wieder einmal erst massiver Druck dazu geführt hat, dass sich in der Katholischen Kirche etwas bewegt. Im Missbrauchsskandal war das nicht anders. Richtig ist auch, dass Meisner die "Pille danach" nur dann für zulässig erklärt, wenn sie keine Frühabtreibung zur Folge hat, wenn sie also rein verhütend wirkt, den Eisprung verhindert und damit eine mögliche – Zitat - "verbrecherische Befruchtung".

Diese seltsam sperrige Formulierung hebt den Vergewaltigungsfall vom einvernehmlichen Sex ab, den das kirchliche Lehramt nur unter Eheleuten für statthaft hält. Diese aber sollen von der "Pille danach" keinen Gebrauch machen dürfen, weil es beim ehelichen Sex – so Meisner wörtlich – "um die Ganzheitlichkeit eines liebenden Aktes" geht.

Ziemlich viele Wenn’s und Aber’s, bei denen schnell der Eindruck entsteht: Um hierin tatsächlich einen Fortschritt kirchlicher Positionen zu erkennen, braucht es einen ausgesprochen empfindlichen Bewegungsmelder. Die Chaostheorie spricht gegen ein solches "Ach, was soll’s": Eine winzige Erschütterung kann ein gewaltiges Beben nach sich ziehen. Und: Die entscheidenden Folgen einer bestimmten Handlung können vollkommen andere sein, als beabsichtigt.

Der Kölner Fall ist schon jetzt ein Lehrstück dafür. Es waren rechtslastige pseudokatholische Spitzel, die Ende 2011 mit Scheinpatientinnen kirchliche Kliniken des laxen Umgangs mit der "Pille danach" überführen wollten. Trotz ihrer infamen Methoden fanden die Denunzianten im Erzbistum Köln zunächst weit geöffnete Ohren. Doch das Ergebnis, Stand Februar 2013: Die "Pille danach" ist nicht länger geächtet. Wenn das diese soganannten "Lebensschützer" geahnt hätten!

Das Entscheidende an Meisners überraschendem und – jawohl – spektakulärem Schritt freilich ist: Er nimmt eine Güterabwägung vor. Die Kirche verbietet Empfängnisverhütung, aber sie erkennt legitime Ausnahmen an. So durften bereits katholische Nonnen die Pille nehmen, wenn sie – etwa in Teilen Afrikas – befürchten mussten, Opfer von Massenvergewaltigungen zu werden, zum Beispiel durch marodierende Banden.

Gewiss, die Amtskirche ist damit noch nicht in der Mitte der Lebenswirklichkeit angekommen. Aber sie erschließt Räume, vor denen sie nicht mehr das große Stoppschild aufpflanzt: "Halt! Prinzip! Durchfahrt verboten!" Die Kirche, das zeigen Meisners Erklärungen zum "Kölner Fall", lässt sich anrühren von der Realität – anrühren in einem doppelten Sinn, nämlich argumentativ und emotional. Das wird Folgen haben.

Es ist übrigens keineswegs Zufall, dass diese Rührung gerade bei Kardinal Meisner so konkret Wirkung gezeigt hat. Schon im Missbrauchsskandal war seine Betroffenheit besonders tief, weil für ihn die sexuellen Gewalttaten von Geistlichen gegen Kinder und Jugendliche die Perversion des geistlichen Amts und des Heiligungsdienstes der Kirche darstellten.

Jetzt offenbarte der Kliniken-Skandal eine Perversion des Heilungsdienstes der Kirche. Und wieder war Meisner verstört und erschüttert. So sehr, dass er Konsequenzen gezogen hat. Konsequent für die Katholische Kirche wäre es, dieser Spur zu folgen, ohne vom nächsten Skandal vorangetrieben zu werden. Und sie bewegt sich doch – und das dann sogar aus freien Stücken.

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