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StartseiteMarkt und MedienDer Skandal in den Medien02.01.2010

Der Skandal in den Medien

Von der Macht öffentlicher Empörung

Medienkonsumenten kennen das Prinzip: Erst wird eine Geschichte von einem Medium recherchiert, dann wird es von anderen Medien aufgegriffen und schon bald darauf gibt es einen veritablen Skandal, eine Welle von Berichten in Zeitungen, Radio, Fernsehen und im Internet. Doch wie funktioniert dieses Prinzip genau?

Ein Feature von Michael Meyer

Die  "Pool-Fotos" von Rudolf Scharping mit seiner Frau galten als Skandal. (AP)
Die "Pool-Fotos" von Rudolf Scharping mit seiner Frau galten als Skandal. (AP)

Der Skandal - er beherrscht die öffentliche Debatte seit Anbeginn der Menschheit. Das Wort "Skandalon" bedeutete im Altgriechischen "Fallstrick". Und schon der Philosoph Aristoteles konstatierte, dass private und politische Skandale für eine Gesellschaft wichtig seien, denn diese justiere daran immer wieder neu ihre ethischen Maßstäbe. Der Philosoph Peter Sloterdijk meint, dass in jeder modernen Gesellschaft täglich mehrere neue Aufregerthemen die Medien beherrschen, von denen die meisten naturgemäß nicht zum gewünschten Erregungspotenzial führen. Die meisten Skandälchen verlaufen im Sande.

Doch welche Skandale schaffen es, in der Öffentlichkeit breit diskutiert zu werden? Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat mit Journalistenschülern ein Buch herausgeben, das die wichtigsten Aufreger der letzten zwanzig Jahre zusammengetragen hat. Darunter Fälle wie die Entführung von Gladbeck, das Zwangsouting einiger Prominenter durch Regisseur Rosa von Praunheim oder die Affäre um die Pool–Fotos des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping.

Aber, was macht einen Skandal zu einem Skandal? Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen:

"Die erste Bedingung ist eine Normverletzung, eine Überschreitung, eine wie auch immer geartete Grenzverletzung. Dann muss es jemand geben, ein Informant, ein Verräter, einen Journalisten, der darüber berichtet, das ist die zweite Dimension, und das dritte und letzte Element ist: Das Publikum muss sich empören, es muss eine kollektive Empörung im Publikum geben, erst dann, wenn diese drei Elemente gegeben sind, macht es Sinn, von einem Skandal zu sprechen."

Skandal ist jedoch nicht gleich Skandal. Es gibt einerseits den absichtlich herbeigeführten Skandal, veröffentlicht durch Informationen von Konkurrenten oder Feinden, aber auch jenen, der von Prominenten selbst veröffentlicht wird:

"Das heißt man lanciert einen Skandal über sich, über das eigene Tun, man inszeniert einen Skandal, um überhaupt noch vorzukommen. Der Kampf um Aufmerksamkeit in den Medien wird immer härter, der gewinnt an Schärfe, und Aufmerksamkeit wird zu einem Wert an sich, zu einem Kapital, der sich dann in einen geldwerten Vorteil, Sie verkaufen Bücher, Sie verkaufen Cds, Sie verkaufen sich als Person, machen sich zur Marke, in einen geldwerten Vorteil verwandeln lässt. Insofern kann man ganz deutlich zeigen, und das versuchen wir auch in unserer eigenen Forschungsarbeit, dass Selbstskandalisierung unter Prominenten, die etwas marginalisiert sind, zunimmt."

Die kleinen und kleinsten Affärchen von Dieter Bohlen und Verena Pooth sind also kein Zufall – sondern man erhofft sich Quote und Auflage – oft allerdings vergeblich, denn, wie schon Sloterdijk sagte, es gibt zu viele mögliche Aufregerthemen, mit denen die Medien Aufmerksamkeit erzielen wollen.

Wie die mediale Empörungskette funktioniert, das lässt sich an vielen Beispielen belegen. Eines der aussagekräftigsten ist schon einige Jahre alt: Im Herbst 2003 erregte der Fall des "Florida-Rolf" allenthalben mediale Aufmerksamkeit. Die Republik hatte damals mal wieder einen echten Aufreger im Sommerloch – so ganz nach dem Geschmack der Boulevardmedien. Die "Bild"-Zeitung war vorgeprescht und brachte einen Fall auf die Titelseite, die Herz und Bauch des sogenannten kleinen Mannes so richtig in Wallung brachte: Rolf John aus Florida, oder kurz "Florida-Rolf" war ein personifizierter Skandal, an dem sich geradezu exemplarisch mediale Mechanismen ablesen lassen.

Was war damals geschehen? Die "Bild"-Zeitung hatte aufgedeckt, dass der Deutsche Rolf John seit Jahren Sozialhilfe aus Deutschland bezieht – und währenddessen in Florida lebte. Der Boulevard hatte zu seinem Stoff gefunden: "Abkassieren in Deutschland" hieß eine der vielen Schlagzeilen. Die "Bild"-Redaktion hatte das Thema Gerechtigkeit einmal mehr auf die Agenda gesetzt. Tenor sämtlicher Texte war: Schmarotzer machen es sich auf Kosten deutscher Steuerzahler gemütlich. Was die Redaktion verschwieg, war, dass es sich insgesamt um nicht einmal tausend Fälle handelte, und, dass Sozialämter aus höchst unterschiedlichen Gründen Sozialhilfe ins Ausland überwiesen.

"Haben Sie denn das Gefühl, ich bin ein Sozialschmarotzer?"

Das Thema war gesetzt. Nicht nur Sandra Maischbergers Talkshow interviewte den Sozialschmarotzer Rolf John, auch viele andere Medien berichteten – und die "Bild"-Zeitung konnte für sich verbuchen, einmal mehr den richtigen Riecher für einen veritablen Skandal gehabt zu haben. Die "Bild"-Redaktion sah sich damals bestätigt: 1400 Dollar bekam Rolf-John überwiesen – das war eine Absurdität des hiesigen Sozialsystems. War – denn schon wenige Monate danach wurde das entsprechende Gesetz auf Druck der Öffentlichkeit geändert. Ein weiterer Beleg dafür, dass sowohl "Bild", aber auch andere Medien nicht nur Anstöße geben wollen, sondern gelegentlich auch Politik beeinflussen wollen. Im Falle des "Florida-Rolf" ist das sogleich gelungen.

Allerdings: In den meisten Fällen lebten Sozialhilfeempfänger in Ländern, deren Preisniveau unter dem von Deutschland liegt, etwa in Tschechien oder in Polen. Dies hatte die "Bild"-Zeitung damals ihren Lesern wohlweislich vorenthalten. War die Gesetzesänderung dennoch ein Erfolg für das Blatt? Nikolaus Fest, Mitglied der Chefredaktion der "Bild"-Zeitung:

"Die schnellste Änderung, die erfolgt ist. Da muss ich sagen: Hut ab vor den Politikern, wenn es immer so schnell gehen würde, wenn die Politik immer so schnell reagieren würde, würde ich sagen: Herzlichen Glückwunsch, endlich passiert was, ich glaube, die Leute würden es auch begrüßen wenn offenkundige Missstände schnell abgestellt würden wie dort es der Regierung Schröder gelungen ist, völlig richtig, meinen Hut ab vor den Politikern, die das schnell gemacht haben."

Doch die Frage bleibt: Wer bestimmt eigentlich, was ein Skandal ist? Und warum lassen sich Öffentlichkeit, Medien und Politik oft so schnell von einem vermeintlichen Skandal beeinflussen?

Der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg meint, dass zu einem echten Skandal meist ein gutes Maß an Boulevardisierung und Vereinfachung gehört:

"Wenn man irgendwie die Chance hat, ein relativ kompliziertes Thema wie Sozialreform in der Bundesrepublik runterzuziehen auf den konkreten Fall wird das gemacht. Da wird zugespitzt und da wird häufig auch der Boden der Sachlichkeit verloren, das war ein ganz typischer Fall dafür, und es war für meine Begriffe auch ein sehr interessanter Fall, weil die Politik sofort auf diesen Zug aufsprang, ich finde gerade in diesem Fall hat sich die Mediengesellschaft oder wie man auch sagt die Mediendemokratie selbst vorgeführt."

Heute ist "Florida-Rolf" in Rente, fast schon vergessen – doch die Mediengesellschaft sucht sich dennoch immer wieder neue Skandale.

Ulla Schmidt, bis Herbst 2009 zuständige Gesundheitsministerin und Jahre zuvor die treibende Kraft bei der Gesetzesänderung, die Fälle wie Florida-Rolf künftig verhindern sollten, erlebte im vergangenen Jahr ihren eigenen Skandal, der sich über Wochen hinziehen sollte. Ulla Schmidt besuchte im Sommer einige deutsche Altersheime an der Costa Brava in Spanien – ihren Urlaub verband sie mit ein paar beruflichen Terminen und benutzte dafür ihren Dienstwagen. Kein unübliches Verfahren – Kanzlerin und Vizekanzler müssen sogar so reisen, Minister haben zumindest Anspruch darauf. Die Sache wäre auch nicht in die Medien gelangt, wäre Ulla Schmidt nicht der Dienstwagen geklaut worden – ein gefundenes Fressen für die nach Schlagzeilen gierende Presse, die eh schon an thematischer Auszehrung und einem nicht in die Gänge kommenden Wahlkampf litt.

Das ist der Dienstwagen, der Ulla Schmidt aus der Kurve warf – sagt die Ministerin die ganze Wahrheit?

Wie immer, in "Bild"-Zeitungsmanier, wurde diesem vermeintlichen Skandal eine ganze Artikelserie in dem Massenblatt gewidmet – man beließ es, aus den genannten Gründen, nicht bei nur einem Artikel – das Thema wurde über Wochen gezogen. Aber: Die sogenannte Dienstwagenaffäre wurde dieses Mal nicht ursprünglich von der "Bild"-Zeitung aufgeworfen, sondern der "Focus" grub die Geschichte aus – jenem Magazin, von dem es heißt, dass es immer wieder mal von konservativer Seite Geschichten zugespielt bekommt.

Steffen Grimberg, Medienredakteur der "taz", meint, dass diese Affäre nicht zuletzt durch das Verhalten von Ulla Schmidt befeuert wurde – wohlgemerkt durch ihr Verhalten nach dem Bekanntwerden des abhanden gekommenen Dienstwagens:

"Frau Schmidt hat sich ja auch etwas ungeschickt verhalten, weil sie sich, sagen wir mal in der Sache völlig korrekt geäußert hat, aber wenn Sie natürlich über Dienstvorschriften über die Mitnahme von Dienstwagen ins Ausland vor die Presse stellen, das ist dann wieder ähnlich wie die Gesundheitsreform, das will dann auch wieder keiner so ganz genau wissen. Jetzt kam noch hinzu: Der Fahrer hat seinen Sohn mitgenommen, weil der gerade Ferien hat, das konnte man also in die Richtung riechen, da kriegt schon jemand, der sowohl mehr verdient als ich und Privilegien hat, das ist doch ungerecht."

Als medialer Verstärker dieses Skandals wirkte nicht so sehr die Tatsache, dass Ulla Schmidt überhaupt mit ihrem Dienstwagen in Spanien unterwegs war, sondern dass ihre PR-Abteilung, ihr Krisenmanagement komplett versagt hatte, meint der PR-Experte und Mitglied im bundesdeutschen PR-Wächterrat, dem Beobachtungsorgan der Branche, Richard Gaul.

"Die erste Reaktion im Falle einer Krise, einer Medien- oder Kommunikationskrise ist die wichtigste. Im ersten Moment hat das ganze System, also System Ulla Schmidt, Ministerium usw. so reagiert, wie es richtig gewesen wäre, wenn dieses Thema kein Skandalpotenzial gehabt hätte, nämlich mit Recht gesagt: Ist alles nicht so wichtig. Dieses Thema war aber in einer Zeit, in der über Boni und all solche Geschichten geredet wird eben sehr skandalträchtig und das hat man nicht gesehen. Also man hätte dieses Thema gleich von Anfang an offen, offensiv angehen müssen: Ja, da haben wir einen Fehler gemacht, da haben wir nicht nachgedacht, fertig, Thema durch. Die Offenheit im Umgang mit eigenem Fehlverhalten ist der beste Weg um ein Thema schnell durchzukriegen, denn in Wahrheit war der Dienstwagen von Frau Schmidt irgendwo in Spanien ja nicht von Belang für den Fortgang der Ereignisse in dieser unserer Republik."

Politisch in etwa vergleichbar ist der Fall von Ulla Schmidt mit dem Skandal um die "Pool-Fotos" des damaligen SPD-Verteidigungsministers Rudolf Scharping. Damals, im Sommer 2001, brachten die Fotos vom planschenden Rudolf Scharping zusammen mit seiner neuen Geliebten in einem Pool auf Mallorca den Verteidigungsminister zu Fall. Scharping war allerdings bereits vorher angezählt – Bundeskanzler Schröder entließ ihn daraufhin einige Monate später. Doch was sagen diese medial hochgeschriebenen Skandale eigentlich aus? Steffen Grimberg:

"Was ich so traurig finde bei dieser ganzen Skandalitis ist, dass die wirklichen Hintergründe in Vergessenheit geraten. Während wir uns an die kleinen Ursachen, den Aufhänger des Skandals wunderbar erinnern, wir erinnern uns an diese wunderbaren Fotos, ich glaube es war in der 'Bunten', Scharping mit seiner Gräfin im Pool – über die damalige politische Debatte über Sinn und Unsinn der Einsätze in Jugoslawien usw. erinnern wir uns gar nicht mehr so deutlich."

Auch bei anderen Skandal-Geschichten überlagern sich mehrere Bedeutungsebenen, ein Beispiel: Der Selbstmord des Torwarts Robert Enke im November:

Diese Geschichte enthielt ebenfalls ein erhebliches Skandalisierungspotenzial, denn der Selbstmord hat dem Spitzensport, dem Spitzenfußball seine Maske entrissen: Das offizielle Bild des Spitzenfußballers, der leistungsfähig, physisch und psychisch gesund und immer gut drauf ist, sei ins Wanken geraten, meint Bernhard Pörksen. Der Druck, diesem Idealbild zu entsprechen, überfordere viele Menschen und löse Unbehagen aus:

"Für mich drückt sich in den Umgang mit dem Selbstmord von Robert Enke dieses Unbehagen aus. Man leidet daran, dass Ziele gesetzt werden, und zwar in Permanenz Ziele gesetzt werden, die man eigentlich gar nicht erreichen kann. Die ungeheure Anteilnahme an dem Selbstmord von Robert Enke ist in diesem Sinne auch eine Stellungnahme gegen die Verletzungen und Verheerungen, die eine ökonomisierte und rein leistungsbezogene Gesellschaft produziert."

Insofern war der Selbstmord Robert Enkes nicht nur ein tragisches persönliches Schicksal, sondern auch eine Art Tabubruch, der, zynisch formuliert, medial wunderbar ausgeschlachtet werden konnte.

Doch viele Skandale unserer Zeit sind ganz anderer Natur: Sie sind, immer mal wieder gezielt kalkuliert und wirken so in die Gesellschaft hinein.

Ein Beispiel für einen gezielt provozierten Skandal war das Thema Integration und Sozialstaat, den der ehemalige Berliner Finanzsenator und heutiges Bundesbank –Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin im Herbst anschob. Sarrazin hatte bereits mehrfach mit seinen Äußerungen für Aufsehen gesorgt: Im von Arbeitslosigkeit und Sozialproblemen geplagten Berlin verfolgte Sarrazin immer wieder eine Strategie der gezielten verbalen Nadelstiche. Mal attestierte er Sozialhilfeempfängern zu wenig Eigeninitiative, dann empfahl er ihnen, sich einen dicken Pullover anzuziehen, wenn das Geld für die Heizkosten nicht reicht - an anderer Stelle rechnete er vor, wie man doch sehr gut von vier Euro am Tag einen ausgewogenen Speiseplan erstellen könne. Die Liste der provokanten Sarrazin-Sprüche der letzten Jahre ließe sich problemlos fortsetzen. Im September letzten Jahres jedoch war Sarrazin offenbar einen Schritt zu weit gegangen: In einem ungewöhnlich langen Interview mit der Zeitschrift "lettre international" gab Sarrazin seine Sicht der Lage in der Hauptstadt Berlin zum Besten. Nicht alles an dem Interview war provokant, und die meisten Passagen blieben in den Medien gänzlich unerwähnt. Aber einige Aussagen waren so spitz formuliert, dass sich wochenlang Fernsehen, Radio und Zeitungen mit den Sarrazin-Äußerungen befassten, sogar die ARD-Sendung "Hart aber Fair":

"In einem Kulturmagazin redet Thilo Sarrazin Klartext:
Eine große Zahl von Türken und Arabern in dieser Stadt hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel. Dazu komme ein weiteres Problem: Ständig werden Bräute nachgeliefert. Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben, durch eine höhere Geburtenrate. Und Sarrazin geht noch weiter: Ich muss niemanden anerkennen, der von diesem Staat lebt, diesen Staat ablehnt und für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue, kleine Kopftuchmädchen produziert. Das Problem mit diesen Gruppen, laut Sarrazin: Große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig."

Starker Tobak – und doch kein Ausrutscher, meint die leitende Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung" und Autorin einer vielbeachteten Merkel-Biografie, Evelyn Roll. Roll hatte in einem langen Artikel das "Prinzip Sarrazin" analysiert:

"Ich glaube, dass der Sarrazin eines verstanden hat, was die meisten verstanden haben, was mit Öffentlichkeit zu tun hat, nämlich das sich da was geändert hat. Früher war die Währung, was jemand gilt in der Gesellschaft, glaube ich, Leistung, heute ist das eher Aufmerksamkeit. Das sehen Sie auch daran, was wir für Stars haben. Und ich glaube, dass der Sarrazin verstanden hat, wie man Aufmerksamkeit bekommt: Wie halt ein kleiner Junge, der morgens von der Mama gesagt bekommen hat: Dieses böse Wort sagst Du nicht mehr und nachmittags kommen die Tanten zu Besuch und es ist ein bisschen still und keiner hat mehr aufmerksam auf dieses Kind geschaut und der sagt dann auf einmal: Tara, blöder Nazi oder alte Schwuchtel, und schon merkt er: Jetzt habe ich das, und schon hat er Aufmerksamkeit."

Dieses "Kleine-Jungen-Prinzip" bediene Sarrazin, denn eines sei klar: Das Interview hat eine erstaunlich breite Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Prinzip hat also funktioniert. Dem Sarrazin–Skandal wohnte aber noch ein anderes Phänomen inne: Jenem Gegensatz zwischen Öffentlichem und Privatem Sprechen. Man spricht – normalerweise - anders, wenn man weiß, dass die eigenen Worte womöglich in die Öffentlichkeit gelangen. Man kann es auch noch kürzer fassen: Sarrazin provozierte einen Skandal, in dem er gegen die Political Correctness verstieß. Evelyn Roll:

"Ich habe das mal ausprobiert mit Freunden, wenn Sie das Leuten vorlesen, auch die Stellen, über die wir alle so lange diskutiert haben: Die Menschen nicken. Genauso, wie wir uns unterhalten würden, wenn wir gerade mal kein Interview geben. Natürlich sagen wir: Berlin muss aufpassen, dass die Türken das nicht so mit uns machen wie die Kosovaren mit dem Kosovo, die kriegen die vielen Kinder, wir haben im Durchschnitt ein halbes Kind, und die kriegen sieben Kopftuchmädchen, um jetzt mal die provozierendsten Stellen zu sagen, wenn Sie das jemandem vorlesen, der Berlin kennt, die nicken alle. Und trotzdem hat sich bei uns ja so eine politisch-korrekte Sprache eingebürgert, dass jeder, der bei Verstand ist, weiß, dass es provokativ ist, es so zu sagen. Aber niemand sagt: Der Mann hat unrecht. Alle sagen, was ich auch ein bisschen scheinheilig finde: So hätte er das nicht sagen dürfen. Der ist doch immerhin Sozialdemokrat und ein Banker."

Auch andere Politiker bedienen sich gelegentlich dem Prinzip des provozierten Skandals: Heinz Boschkowsky, Enfant terrible der Berliner SPD und Bürgermeister des Problembezirks Neukölln, sagte, dass er auch gerne mal die Medien und Öffentlichkeit aufschrecke, etwa als er kürzlich meinte, das neu eingeführte Betreuungsgeld würde sein Ziel nicht erreichen, es würde von der Unterschicht sowieso nur "versoffen".
Das Medium, das den "Sarrazin-Skandal" erst ausgelöst hatte, das Magazin "Lettre International", war bislang der Skandalisierung völlig unverdächtig und erfreute sich in den Wochen nach dem Interview so viel Bekanntheit wie noch nie seit seiner Gründung 1988. Das schöngeistige Magazin, das Essays und Prosa aus aller Welt veröffentlicht, und in dem Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller schreiben, hat Leser in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Chefredakteur Frank Berberich hatte für ein Berlin-Sonderheft von "Lettre International" selbst das Interview mit Thilo Sarrazin geführt. Berberich konnte sich über die ungewollte Publicity kaum freuen. Noch immer redet er sich in Rage, wenn er an die vielen Interviewanfragen denkt – von Journalisten, die das komplette und ungewöhnlich lange Interview nie gelesen hatten:

"Also ich glaube, es gibt mehrere Aspekte: Das eine ist der geheuchelte Empörungsjournalismus, das ist der Schlagzeilenjournalismus, der eigentlich Geld machen will, und um Geld zu machen den Skandal anheizen und auf Dauer stellen muss, weil er dann mehr Geld machen kann, und da greift man zum Instrument der Emotionalisierung, der Sensationalisierung, der Personalisierung usw. Dann gibt es den naiven Empörungsjournalismus derjenigen, die im Grunde nicht sehen, dass es da um ein reales Problem geht, für die bestimmte Reizvokabeln viel wichtiger sind, als das reale Problem. Es geht nur noch um Skandalisierung, keine Vorbereitung mehr, den Journalisten wird keine Zeit mehr eingeräumt, um sich darauf vorzubereiten, es geht nur noch darum, man will dabei sein, wenn der Skandalkuchen verteilt wird – da werden Lollis in die Luft geschmissen und man will ein paar aufschnappen."

Berberich meint, dass abseits von diesem Wochen andauernden Skandal kaum noch über die Substanz des Interviews gesprochen wurde: In welch verheerender finanziellen und wirtschaftlichen Lage befindet sich Berlin und Deutschland eigentlich? Warum wird die schulische Bildung immer schlechter? Und warum gibt es immer mehr gesellschaftliche Gruppen, die kaum noch in einen Arbeitsprozess integrierbar sind – und zwar egal, ob sie nun einen Migrationshintergrund haben, oder nicht? Doch darüber wurde in den Tagen danach meist gar nicht, oder zumindest zu wenig gesprochen, konstatiert Berberich.

Der durchschlagende Erfolg der scharfen Worte Thilo Sarrazins, die enorme mediale Beachtung, die das Interview gefunden hat, lässt nichts Gutes erahnen für die Mediengesellschaft. Ist alles nur noch Skandal, nur noch Skandalisierung? Alles wohl nicht, meint Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, aber:

"Wir beobachten eine zunehmende Inflation des Skandalbegriffs: Alles wird heute zum Skandal hochgejazzt, warum ist das so? Der Skandal ist das Etikett, um noch einmal Aufmerksamkeit zu organisieren, Aufmerksamkeit auf ein Phänomen zu aggregieren. Wir reden über Dienstwagenaffärchen, Poolfotos und Gutachten und Gegengutachten, als handele es sich um einen Skandal. Faktisch ist es der Versuch, Aufmerksamkeit zu erzeugen und vonseiten der Parteien, der Politiker, der Versuch, in einer Zeit in der große Ideologien nicht mehr als Differenzsetzung taugen, noch Unterschiede zu signalisieren, Unterschiede zu erzeugen. Moral ersetzt die inhaltliche, die politische Debatte vielfach, im Geschäft der Politik. Wir reden über moralische Fragen so viel, weil sie als Differenzsetzer funktionieren in einer Zeit, in der die Parteien, die großen Parteien sich immer weiter aufeinander zu bewegen. Der Skandal funktioniert hier in einer Weise, um zu sagen: Ich bin anders, denn ich bin der Gute und die andere Seite verkörpert nun das, was ich attackieren muss oder zu meinen glaube."

Der Skandal, auch der ritualisierte Skandal, wird daher wohl weiterhin zu unserem Medienalltag gehören. Medien leben davon – und die Leser und Konsumenten – mal ehrlich – sind oft ja auch interessiert daran. Aber: Wie kann man aufgebauschte, übertriebene Skandalgeschichten von echten Aufregern unterscheiden? In der Politik, im Sport, in der Wirtschaft? Ist die Kundus-Affäre genauso relevant wie ein Seitensprung eines Prominenten?

Das ist in der modernen Medienwelt oft nicht so einfach auseinanderzuhalten, konstatiert PR-Experte Richard Gaul:

"Ich sehe das Risiko, dass der Verbraucher abstumpft: So nach dem Motto: Schon wieder ein Skandal. Ich sehe das Risiko, dass die öffentliche Meinung, oder der Leser, Zuschauer wie auch immer dann in so eine Attitüde kommt: So sind sie halt und ein Negativbild erzeugt wird. Ich fürchte wir müssen damit leben, dass es immer wieder solche Themen gibt, ich fürchte auch, dass wenn die Zahl der Skandalisierungen, der übertriebenen Skandalisierungen zunimmt, ein Abstumpfungseffekt eintritt, was nun ganz schlimm wäre, denn die wirklichen Skandale aufgedeckt werden, aber wenn Scheinskandale und wirkliche Skandale sich permanent abwechseln, besteht das Risiko, dass ein wirklicher Skandal in der großen Flut der Skandale unauffällig untergeht."

Buchtipp:

Skandal – Die Macht der Öffentlichen Empörung
Jens Bergmann / Bernhard Pörksen
Herbert von Halem Verlag 2009 / edition medienpraxis
ISBN 978 – 3- 938258-47-7
18,00 Euro

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