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StartseiteEssay und DiskursDer sowjetische "Neue Mensch"24.10.2010

Der sowjetische "Neue Mensch"

Teil 1 der Reihe "Perversion einer Utopie"

Das Heilsziel eines "Neuen Menschen" ist den Diktaturen des 20. Jahrhunderts gemein. Es hat religiöse Wurzeln und zeitigt totalitäre Konsequenzen. Im ersten Teil der Reihe befasst sich Albrecht Betz mit der stalinistischen Sowjetunion und ihrer Utopie, deren wichtigster geistiger Wegbereiter Karl Marx war.

Von Albrecht Betz

Josef Stalin (AP)
Josef Stalin (AP)

"Revolutionäre Maßnahmen können für die von ihnen Betroffenen hart sein, die Jakobiner waren nicht zimperlich, die Bolschewiki auch nicht. Wir hätten ja gar nicht bestritten, dass wir in einer Diktatur lebten, der Diktatur des Proletariats. Eine Übergangszeit, eine Inkubationszeit für den neuen Menschen, versteht ihr?"

Ein harter Satz, den die Heldin in Christa Wolfs jüngstem Roman "Stadt der Engel" da von sich gibt. Ein Satz, der es in sich hat. Die Leitidee vom sozialistischen "Neuen Menschen" hat das Erziehungswesen der DDR - und auch die junge Christa Wolf - geprägt. Von heute aus rückblickend verbirgt die Autorin in ihrer autobiografischen Reflexion keineswegs die Herkunft: Der "Neue Mensch" war Heilsziel vor allem der Revolution von 1917 und der frühen Sowjetunion; es wurde mit pseudoreligiösen Hoffnungen verknüpft, die die Leiden und Schrecknisse einer Diktatur als zeitbedingt und begrenzt erträglich zu machen schienen. Ein Erlösungsschema.

Das die Satellitenstaaten, voran die DDR, übernahmen und das, zumindest ritualistisch, weiter tradiert wurde. Der "Neue Mensch" wurde später pädagogisch umgegossen: in die Form der "allseitig entwickelten Persönlichkeit". Den Anteil säkularreligiöser Elemente in den totalitären Staaten kann man kaum hoch genug einschätzen. Und über das Verhältnis von Tugend und Terror wurde - nicht erst, aber vor allem - seit der Französischen Revolution nachgedacht, hin- und hergerissen zwischen Schauder und Bewunderung.

Nicht nur viel Blut, auch viel Tinte ist geflossen. Der Hinweis auf die Jakobiner kommt bei Christa Wolf nicht von ungefähr. Die jüngere historische Perspektive, in die die DDR sich stellte, war - stark verkürzt - die einer revolutionären Entwicklung: Der politischen Revolution von 1789 in Frankreich - gerichtet vorab gegen Thron und Altar und beider Verbindung und vorbereitet durch die Philosophen der Aufklärung - folgte 1917 in Russland die ökonomisch-soziale Revolution: der Versuch, den Marxismus anzuwenden in einer vom Privateigentum befreiten Gesellschaft als Voraussetzung einer umfassenden Emanzipation aller. Die Rückstände zu beseitigen, auch im Bewusstsein der Beteiligten, sei freilich ein langwieriger Prozess, der jeden brauche - unter Führung der revolutionären Avantgarde.

Und die sei "nicht zimperlich" schreibt Christa Wolf. Vielleicht etwas lax formuliert, wenn man sich die Geschichte der Opfer vor Augen führt. Sehr aufrichtig geht sie aber der zentralen Frage nicht aus dem Weg: warum sie sich - jung, naiv, gläubig - mit "denen" eingelassen habe.

Sie antwortet unzweideutig: "Weil ich sie noch nicht als 'die' gesehen habe." Anders gesagt: Sie fühlte sich einem großen Ganzen zugehörig, das nicht in Frage zu stellen war. Es wurde Sozialismus genannt. In der erinnernden Selbstreflexion erscheint das junge Ich als Objekt der - als solche noch nicht erkannten - Erziehungsdiktatur, dem Zweifel an der Identität mit dem Staat oder Gewissenskonflikte gar nicht aufkommen können. Erst als Skepsis und Unbehagen wachsen, zerfällt diese Einheit - und beginnt der Weg der Schriftstellerin.

Was nicht unbedingt Dissidenz heißen muss. Zwischen Dissidenz und kritischer Solidarität spannt sich ein weiter Fächer. Das betrifft auch viele westliche Intellektuelle, die lange vom sowjetischen "Experiment" fasziniert blieben. Überhöhung, gesteigerte Hoffnung, Mut und Opferbereitschaft, ja Hingabe auf der einen Seite, das Verdrängen von Terror, Gewalt und Verbrechen auf der anderen. Die Anfechtungen beim Festhalten an der Utopie des letzten und höchsten Ziels - einer egalitären, solidarischen Gesellschaft und einer anthropologischen Neugeburt des Menschen - und die damit kontrastierende Erfahrung der realen politischen Praxis: Sie sind vielen, von Brüchen, Rissen und Konflikten geprägten Lebensläufen von Marxisten verschiedenster Strömung gemeinsam. Die Zahl der Märtyrer ist enorm - wie bei allen politisch-messianischen Ideologien.

Die Idee des "Neuen Menschen" der Diktaturen des 20. Jahrhunderts hat ihre Wurzeln in der Bibel. Man könnte von "entfernter Verwandtschaft" sprechen. Religion und Politik berühren sich in einem zentralen Punkt: Der "Neue Mensch" wird in eine Geschichte des Heils eintreten; aber seine Schaffung bedeutet immer wieder die Liquidierung des "Alten Menschen" - oder des "Alten Adam" - der den Weg in die neue Zeit nicht mitgehen will. Im Neuen Testament finden sich die einschlägigen Stellen in den Paulus-Briefen. Hier zwei der wichtigsten. Im Epheser vier, Vers zweiundzwanzig, heißt es:

"So leget nun von euch ab ... den alten Menschen ... erneuert euch im Geist und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit."

Das griechische KAINÒS ANTHROPOS - neuer Mensch - wird in der Vulgata, der lateinischen Übersetzung des Hieronymus, mit "homo novus" wiedergegeben, doch bedeutet der Ausdruck klassisch-lateinisch etwas anderes: Der "homo novus" ist der Neuling, der Emporkömmling, der Parvenü. Heute würde er eher auf die Oligarchen, die postsowjetischen Öl-Milliardäre, zutreffen. Natürlich fehlt dieser politische oder soziale Aspekt im Neuen Testament völlig, denn dort gilt ausschließlich die heilsgeschichtliche, die soteriologische Bedeutung. Im Kolosser drei, Vers neun heißt es ganz ähnlich:

"Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus und ziehet den neuen an, der da erneuert wird zu der Erkenntnis nach dem Ebenbilde des, der ihn geschaffen hat."

Und dann folgt das große Angebot, die demokratische Öffnung, der Zugang nicht mehr nur für das "auserwählte Volk": Alle, die an seinen Sohn glauben, können zu den "Auserwählten Gottes" gehören:

"Da ist nicht Grieche, Jude, Beschnittener, Unbeschnittener, Ungrieche, Skythe, Knecht, Freier, sondern alles und in allen Christus."

Die alte Weltordnung ist aufgehoben, Geltung hat nur die "neue Schöpfung"; sie ist identisch mit dem "neuen Bund", den Christus im Abendmahl stiftet. Eine Heilsgemeinschaft der Gläubigen - Voraussetzung für ein neues Leben, das sich freilich erst im Jenseits voll entfaltet. Solche Heilserwartungen in das Diesseits zu verlegen war ein Ziel der politischen Religionen. Auch ihrer Vorläufer. Der Freigeist und Frühsozialist Heinrich Heine, eine der wenigen Bezugspersonen, die die für das 20. Jahrhundert dann so einflussreichen Marx und Nietzsche teilten, fasste sein säkulares Konzept gleich zu Beginn seiner Satire auf das verspätete "Deutschland. Ein Wintermärchen in die Verse":

"Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten."

Um noch einmal auf das ursprüngliche Modell im Neuen Testament zurückzukommen: In Christus ist der "neue Mensch" ausdrücklich die "neue Schöpfung" Gottes. Gottes Werk ist die Versöhnung, die durch ihn den Menschen als "neue Schöpfung" umfasst und universal "die Welt" - den kósmos - versöhnt.

Das klingt theologisch ziemlich revolutionär. Gibt es - das wäre ein weiterer Berührungspunkt mit späteren politischen Ideologien - den Versuch, die Heilsgeschichte auf Gegenwart und Zukunft auszurichten, indem man sie legitimiert durch frühere Ankündigungen, Vorhersagen, in die Zukunft gerichtete Hoffnungen? So, wie etwa - ganz weltlich - die DDR die Bauernkriege der Reformationszeit mit ihren egalitären Forderungen als Teil ihrer Tradition in Anspruch nahm?

Auch dafür liefert die Bibel das Modell. Der "neue Bund" wird bereits im Alten Testament durch den Propheten Jeremia angekündigt. Seine Weissagung wird dann später vom Hebräerbrief in vollem Wortlaut zitiert - als Erweis der inneralttestamentlichen - damit für jeden Juden unbestreitbaren - Legitimität des "neuen Bundes".

Die säkularreligiösen totalitären Staaten nutzen die eingeübten jüdisch-christlichen Denkformen, um - indem sie eine Tradition aufgreifen oder erfinden - die eigenen überdimensionalen Herrschaftsansprüche zu beglaubigen. Moskau, bereits zuvor von der russisch-orthodoxen Kirche als "Drittes Rom" verklärt, verweltlicht seinen Auserwähltheitsanspruch zum künftigen "Zentrum der Weltrevolution"; Mussolinis "Neues Italien" inszeniert sich als Wiedererstehen des römischen Imperiums; das "Dritte Reich", von der Propaganda zum "Tausendjährigen" aufgeblasen, gibt sich als deutsche Neugeburt und moderne Umsetzung des mittelalterlichen Reichsgedankens; mit Hitler als Messias.

Die Idee eines künftigen Machtwechsels, eines möglichen eigenen Endes, wird im Diskurs der Diktaturen vermieden: Sie etablieren sich als endgültig; in ihnen wird die Geschichte zum prophezeiten Höhepunkt kommen. Wer sich diesem Prozess widersetzt, ihn hemmt, in Frage stellt, wird aus der weltlichen Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen - und oft genug liquidiert. Positiv hingegen werden die Bekehrungen, die Erweckungs- und Wandlungserlebnisse jener propagiert, die den rechten Weg trotz früherer Zweifel und Ablehnung erkannt haben; jener also, die durch Selbstüberwindung zum neuen Bekenntnis fanden und jetzt bei den womöglich noch Zögernden Enthusiasmus, ja Fanatismus für die neue Zeit entfachen können.

Als eine Hauptgefahr gilt den Machthabern aber stets die Gefahr des Rückfalls der Einzelnen, die die Massen bilden: das Zurückschlüpfen in die Haut des "Alten Adam" mit seinen egoistischen Schwächen. Man könne "den Menschen nicht ändern" wird von den Skeptikern zur Entschuldigung angeführt. Aus gläubiger - und totalitärer - Sicht ist die Erneuerung nur nicht tief genug gegangen, ist die Umerziehung an der Oberfläche geblieben. Grund für mangelnde Nachhaltigkeit ist allenfalls, dass man erst die aktuelle Jugendgeneration ganz nach dem gewünschten Bilde formen könne, während die eingeschliffenen Gewohnheiten, Verhalten und Denkweisen der Älteren enorme Widerstände bereiteten.

Für die Utopie vom sowjetischen "Neuen Menschen", den die russische Oktoberrevolution sich auf die Fahnen schrieb, war Marx der wichtigste geistige Wegbereiter. Wie stark gerade er, der für die Begründung der Religionskritik und des Atheismus der Neuzeit in Anspruch genommen wird, in jüdisch-christlichen Kategorien dachte, schlägt sich nieder im Konzept von der weltgeschichtlichen Erlösungsrolle des Proletariats. Es ist gleichsam die Keimzelle des neuen Menschen. Die Arbeiter, die eigentlichen Vermehrer des Reichtums, können und werden die Situation verändern, sie sind die wirklichen "Kräfte der neuen Gesellschaft", die die alte verdorbene Welt hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen. Der emanzipierte, zukünftige Mensch wird sich in "ein anderes Subjekt" verwandeln. Bisher galt: Das Proletariat selbst ist der vollendete Ausdruck der Entfremdung. Gerade deshalb, so der Dialektiker Marx, ist es zu deren Überwindung historisch berufen. Der Heidelberger Philosoph Karl Löwith schrieb, man könne beinahe den ganzen historischen Materialismus als Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie verstehen:

"Es ist deshalb kein Zufall, dass der letzte Antagonismus der beiden feindlichen Lager, der Bourgeoisie und des Proletariats, dem Glauben an einen Endkampf zwischen Christus und Antichrist in der letzten Geschichtsepoche entspricht. Die universale Erlösungsfunktion der unterdrückten Klasse entspricht der religiösen Dialektik von Kreuz und Auferstehung und die Verwandlung des Reichs der Notwendigkeit in ein Reich der Freiheit der Verwandlung des alten in einen neuen Äon. Der ganze Geschichtsprozess, wie er im "Kommunistischen Manifest" dargestellt wird, spiegelt das allgemeine Schema der jüdisch-christlichen Interpretation der Geschichte als eines providentiellen Heilsgeschehens auf ein sinnvolles Endziel hin."

Wer genau hinschaut, findet eine Vielzahl von Analogien. Das Aufkommen des Privateigentums und seine Konzentration zu Kapital, die ursprüngliche Akkumulation, beschreibt Marx in Analogie zum biblischen Sündenfall. Sie ist eine der Hauptursachen für die Entfremdung, eigentliche Basis der auseinanderklaffenden Vermögensverhältnisse und der bürgerlichen Klassengesellschaft. Ferner: Der aus dem imaginären Paradies, aus einem früheren ganzheitlichen Menschsein Ausgestoßene erleidet durch die Fron der barbarischen Arbeitsteilung die Verkrüppelung der Sinne. Erst im Kommunismus kann der von ihr befreite "vollsinnliche", der "reiche all- und tiefsinnige Mensch" wieder auferstehen.

Auch dass die Geschichte des "Neuen Menschen" im Proletariat schon begonnen hat und von ihm in revolutionärem Umbruch zu seiner universalen Verwirklichung geführt wird, hat seine Entsprechung im theologischen Modell: Der christliche Mensch steht ähnlich im Spannungsverhältnis von Erfüllung und Verheißung. Sein Neusein erfährt er in Taufe und Bekehrung; doch die Wiederkehr des Messias und die Gewinnung des ewigen Lebens nach dem Jüngsten Gericht, das endgültig-universale Neuwerden von Welt und Mensch, stehen noch aus.

Die industrielle Revolution im Europa des 19. Jahrhunderts hatte keineswegs - wie erhofft - zur Ausbreitung des Wohlstands auf die Mehrheit der Bevölkerung geführt. Trotz der Fortschritte in Wissenschaft und Technik nahm die soziale Ungleichheit zu, im Elend der großen Städte war sie mit bloßem Auge zu erkennen. Zugleich wurde die Zunahme des Reichtums sichtbar, die Konzentration des Kapitals in wenigen Händen. Es schien nur eine Frage der Zeit, wann die Spannungen zum Ausbruch kommen würden.

Die vorrevolutionäre Intelligenzija im noch wenig industrialisierten Russland war beseelt von der utopischen Vorstellung: Wenn die Urkräfte des Volkes - das heißt die noch rohen und unwissenden Bauern - und die Wissenschaft zueinander kämen, werde ein "Neuer Mensch" mit bisher ungeahnten Kräften geboren, er werde die Natur erlösen und sich dienstbar machen und die Gattung zu neuen Höhen führen.

In Tschernyschewskis 1863 geschriebenem Roman "Was tun?" - ein Titel, den Lenin später übernimmt - wird bereits ein kommender Volksaufstand vorhergesagt, ist von den in Einzelgestalten schon existierenden "Neuen Menschen" die Rede und von der lichten Zukunft, die sie ankündigen. In die Ereignisse von 1917 flossen solche Vorstellungen mit ein.

Ob zuerst die Psyche der Menschen sich zu ändern habe, ehe neue gesellschaftliche Strukturen möglich würden, oder ob, umgekehrt, die - möglicherweise gewaltsame - Umwälzung voranzugehen habe, um Bewusstsein, Moral und Gefühle der Einzelnen zu ändern, ob beides gemeinsam voranzutreiben sei oder ob in verschiedenen historischen Phasen die eine oder die andere Haltung dominieren müsse, bleibt eine der großen, auch von den Akteuren nicht eindeutig beantwortbaren Fragen. Knapp mehr als ein Jahr nach dem Ausbruch der Oktober-Revolution äußerte Lenin Zweifel, ob die Zerstörung der "alten Gesellschaft" und die Schaffung neuer sozialer Strukturen auch tatsächlich zur Geburt des "neuen Menschen" führten.

"Die Arbeitnehmer bauen die neue Gesellschaft auf, ohne sich selbst in neue Menschen verwandelt zu haben, die frei wären vom Schmutz der alten Welt; sie stecken noch bis zu den Knien darin. Sich von diesem Schmutz frei zu machen, ist heute noch ein Traum. Es wäre die größte Utopie zu glauben, das könnte von heute auf morgen geschehen. Das wäre eine Utopie, in der Praxis nur dazu angetan, das Reich des Sozialismus in den Himmel zu verlegen."

Die sozialistische Umgestaltung der Ökonomie erforderte andere Verhaltensweisen als jene, die während der Machteroberung und dem siegreichen Bürgerkrieg im Vordergrund gestanden hatten. Die Formel, Sozialismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, verdeckt, dass es nicht nur um Befehlsstrukturen geht und Industrialisierung um jeden Preis. Lenins Appelle an die Moral der Einzelnen, nicht nur die Arbeitsmoral, waren unvermeidlich: Die riesige Sowjetunion würde sich nicht von selbst aufbauen, der Wissensstand der Massen sich nicht von selbst heben.

Von den führenden Bolschewiki rückte vor allem Trotzki die Hebung des kulturellen Niveaus durch eine Kulturrevolution ins Zentrum: Die Massen sollten zu aktiven - und bewussten - Trägern des Aufbaus werden. Den Kampf gegen die Religiosität und den gegen den Alkoholismus sah er in einer Linie, Wissenschaftsgläubigkeit und Vertrauen in die neuen Medien führten ihm die Feder. Das Kino und die Einrichtung von Dorfbibliotheken sollten nach Trotzki Kirche und Kneipe ablösen.

"Das Kino, das keine weitverzweigte Hierarchie, kein Brokat usw. braucht, entfaltet auf der Leinwand eine viel packendere Theatralik, als selbst die reichste, durch die theatralische Erfahrung von Jahrtausenden gewitzte Kirche, Moschee oder Synagoge es vermag."

Die Schaffung sozialistischer Lebensbedingungen sei Voraussetzung für die Bildung der sozialistischen Psychologie des "Neuen Menschen".

"Die Entwicklung der Produktivkräfte ist kein Selbstzweck. Nicht zuletzt benötigen wir sie, um eine Persönlichkeit heranzubilden, einen bewussten Menschen, der keinen Herren auf der Erde über sich hat und keinen Herren, aus der Furcht geboren, im Himmel; einen Menschen, der alles Schöne und Gute, das die verflossenen Jahrhunderte schufen, in sich aufnimmt, der solidarisch mit allen anderen vorwärts schreitet, neue kulturelle Kostbarkeiten schafft, neue persönliche Beziehungen anknüpft und die bestehenden neu orientiert, höhere, vornehmere als die, die auf dem Boden der Versklavung der Klassen entstanden sind."

Unerwähnt bleibt hier, dass auf die zu gesellschaftlich "Unbrauchbaren" oder gar zu Klassenfeinden erklärten soziale "Hygiene"-Maßnahmen - sprich: Lager warteten. Die Gewissheit der möglichen Verbesserung, der Optimierung des Menschen, die heute, auf andere Weise, die Neurotechnologen bei ihren naturwissenschaftlichen Vorstößen leitet, führt bei Trotzki - darin ganz Nachfahre der Aufklärer - zu folgender Erwartung:

"Der befreite Mensch wird ein größeres Gleichgewicht in der Arbeit seiner Organe erreichen, eine gleichmäßigere Entwicklung und Abnutzung seiner Gewebe. Er wird sich zum Ziel setzen, seiner eigenen Gefühle Herr zu werden, seine Instinkte auf die Höhe des Bewusstseins zu heben, sie durchsichtig klar zu machen, mit seinem Willen bis in die letzten Tiefen seines Unbewussten vorzudringen und sich so auf eine Stufe zu erheben - einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus, und wenn man will - den Übermenschen zu schaffen."

Erziehung und Umerziehung nahmen freilich die Richtung, Bedingungen für eine kollektive, wechselseitige "Perfektionierung" und Kontrolle, die Bildung eines kollektiven Über-Ichs zu schaffen. Zwar hatte sich in die intensive pädagogische Diskussion sehr früh schon Lenins Frau, Krupskaja, eingeschaltet und versucht, Konzepte Rousseaus einzubringen, den Kindern Spielräume zur Eigeninitiative freizuhalten, auch die Körperkultur als harmonischen Bestandteil der Erziehung zum "Neuen Menschen" einzubeziehen. Die Tendenz ging aber, mit zunehmender Konsolidierung der Sowjetunion, in ganz andere Richtungen, die der kollektiven Einebnung von Individualität, der Förderung von Körperlichkeit und Sport als Vorbereitung auf die Arbeit und den Krieg.

Sicher darf man die Schwierigkeiten nicht unterschlagen, mit denen sich ein durch Krieg und Bürgerkrieg verwüstetes und von Hungersnot bedrohtes Land konfrontiert sah. Die Resozialisierung umherstreunender Jugendlicher in den chaotischen 1920er-Jahren, die Wiedereingliederung kriminell Gewordener in eine geordnete Gemeinschaft - zwecks Mithilfe am sozialistischen Aufbau - hat Anton Makarenko, Gründer der Arbeitskolonie Maxim Gorki, in seinem Prosapoem "Der Weg ins Leben" geschildert. Es wurde der pädagogische Bestseller der frühen Stalinära, 1931 auch als abendfüllender Tonfilm, der in Berlin nicht nur den Lehrstücke schreibenden Brecht begeisterte.

Der Personenkult um Stalin begann 1929, mit seinem fünfzigsten Geburtstag. Bis dahin hatte er sich als Schüler und Kampfgenosse Lenins präsentiert, nun wurde er zum "genialen Führer", zum Konstrukteur des Kommunismus, zum "Vater der Völker", zur "Sonne der Menschheit". Gleichwohl trat er nie auf als Inkarnation des Neuen Menschen, ließ sich vielmehr in einer populären Militärjacke malen, als einfacher Mann des Volkes. Das hinderte nicht, dass seine Porträts und Statuen ins Gigantische vergrößert und sein Bild zum Symbol wurde. Der charismatische Führer als Projektionsfigur, die Einzelnen eins geworden, in ihm und durch ihn.

Wie konnte das kommunistische Russland, das als Erbin des Zeitalters der Aufklärung und der Französischen Revolution angetreten war, pervertieren zu einem Staat der Säuberungen und einer paranoiden Schreckensherrschaft? Wie konnte die strahlende Vision eines "Paradieses der versöhnten Menschheit" enden
in der finsteren Wirklichkeit des realen Sozialismus? Über welche Stationen hat die Idee des kommunistischen "Neuen Menschen", den sich Marx als einen Titanen der Renaissance vorstellte - und bestimmt nicht als ein seiner Freiheit und Kreativität beraubtes Wesen - einen Sklaven des sowjetischen Regimes hervorbringen können?

In seiner Studie über die Sowjetzivilisation "Der Traum vom Neuen Menschen" zeichnet Andrzej Sinjawski die Entwicklung nach, die schon früh in eine "tragische Farce" gemündet sei. Der Staatsapparat, den Lenin bereits kurz nach der Oktober-Revolution etablierte, sei ein Staat von wissenschaftlichen Spezialisten und Berufsrevolutionären gewesen, Ausführende einer Revolution von oben, eine Art Kirchenstaat mit einem gottgleichen Führer an der Spitze, durch Hierarchie und Unterordnung bestimmt. Religiöse seien in naturwissenschaftliche transformiert worden, primäres Ziel sei es gewesen, die rückständigen und trägen Volksmassen in ein diszipliniertes Heer moderner Arbeiter und Soldaten zu verwandeln. Ein starres Gegeneinander von Regierenden und Regierten sei zur Normalität geronnen - Brecht wird später urteilen, die Diktatur des Proletariats sei de facto eine über das Proletariat.

Legt man den christlichen Maßstab an - die Schöpfung des "Neuen Menschen" durch den Glauben - so wäre von einer imitatio perversa zu sprechen: Das Opfer Christi wurde ersetzt durch das Opfer von Menschen, die nicht den Kriterien des "Neuen Menschen" entsprachen. Die Utopie, um mit Hegel zu sprechen, existierte noch, aber sie war nicht mehr wirklich.

Das galt offensichtlich mehr für einen Teil der Intellektuellen und der Parteikader, die die Revolution mitgemacht hatten, als für die Massen der Anhänger, deren Glaube, Imagination und Überzeugung schon früh in Regie genommen worden war. Jene - und es waren nicht wenige - hatten sich einen Rest an Unabhängigkeit und einen eigenen Kopf bewahrt. Mit zunehmender Homogenisierung der Partei indes - durch "Säuberungen", den Zwang zur Gefolgschaft bei Wechseln der "Generallinie" und nicht vorhersehbaren Feinderklärungen, die die Einkreisungsängste der noch über keine verbündeten Länder verfügenden Sowjetunion reflektierten - entwickelte sich in den 30er Jahren eine Sphäre allgemeiner Angst, die besondere Formen der Selbstbehauptung und Überlebenstechniken generierte.

So entstand etwa die Gestalt des Doppelzünglers, eine Spielart des Opportunismus, eine Mischung von Anpassung und Eigensinn. Die Grenzen zwischen Loyalität, Unsicherheit und Zynismus wurde bei vielen fließend. Die Erfüllung der Vision der ökonomisch gerechten, egalitären, harmonischen Gesellschaft wurde in eine etwas fernere Zukunft vertagt.

Hingegen führte beim Großteil der Massen die Umpolung religiöser Energien offenbar weithin zum gewünschten Resultat unkritischer Gefolgschaft. Die frühe Idolisierung Lenins, der seinerseits bereits 1916 ein Marx-Engels-Monument eingeweiht und die Errichtung weiterer gefordert hatte, griff ohne Bedenken auf kirchlich-orthodoxe Motive und Praktiken zurück: Auf Demonstrationen, die die Tradition der kirchlich-orthodoxen Prozessionen aufnahmen, wurden die Porträts der Gründergestalten der "Neuen Zeit" auf Tafeln - gleich Ikonen - vorangetragen; in der Presse wurde Lenin zur "Seele der Oktober-Revolution", ein Mitkämpfer wie Sinowjew sah ihn als Heiligen, Apostel und Propheten des Weltkommunismus, die Parallelen mit Christus häuften sich.

Riten und kultische Verehrung erscheinen im Rückblick als Pendant jener Permanenz der Mobilmachung, zwecks Abwehr konterrevolutionärer Verschwörungen, die einen - wenngleich entgegengesetzt motivierten - gesteigerten Zustand erzeugten: kampfbereite Identifikation mit dem "unsterblichen Führer des Weltproletariats", der Inkarnation der Revolution. Die Einbalsamierung der Leiche Lenins, sein steinernes Mausoleum auf dem Roten Platz zeigen den kaum überbietbaren Grad der Verehrung; ebenso wie die christliche Metaphorik im Nachruf des Zentralkomitees, die sich im Bildbereich des Abendmahls bewegt:

"Aber sein Tod ist nicht der Tod seiner Sache. Lenin lebt. In der Seele jedes Mitglieds unserer Partei ist ein kleines Stück Lenin. Unsere ganze kommunistische Familie ist die kollektive Verkörperung Lenins."

Als Objekt des quasireligiösen Kultes trat ab 1929 der lebende Stalin neben den toten Lenin. Bekanntlich war es ihm gelungen, seine Rivalen um die Nachfolge - allen voran Leo Trotzki - auszuschalten. Er ließ sich stilisieren zum energisch-autoritären, aber Exzesse mildernden Führer, der die Stabilität des Aufbaus der sich modernisierenden Sowjetunion garantierte. Sein hartes Vorgehen gegen wirkliche oder unterstellte Feinde, die Zwangsmethoden nach dem Motto "der Zweck heiligt die Mittel", wurden offenbar von zahllosen Sowjetbürgern gebilligt, der Aufbau-Enthusiasmus steckte sogar Bewunderer im Ausland an, auch wenn die These von der "Revolution in einem Lande" wegen ihres impliziten Nationalismus auf Kritik gestoßen war.

Mit den schon seit 1928 verkündeten Parolen vom unmittelbar bevorstehenden Kollaps des kapitalistischen Europas hatten Stalin und seine Mitarbeiter scheinbar Glück: Denn Ende 1929 setzte tatsächlich die größte Wirtschafts- und Gesellschaftskrise des 20. Jahrhunderts ein, auch wenn sie nicht zum Zusammenbruch führte. Sie schien Stalins Fähigkeit als "genialer Führer" ebenso zu bestätigen wie die spätere Wandlung zum "Generalissimus", zum Kriegsherrn und obersten Schlachtenlenker, der die Hitlerfaschisten in die Knie zwang. Dahinter traten die Diskussionen um den "Neuen Menschen" weit zurück.

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