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StartseiteBüchermarktDer Spion, der liebte07.01.2010

Der Spion, der liebte

Dara Horn: "Vor allen Nächten". Berlin Verlag

In ihrem dritten Roman "Vor allen Nächten" erzählt die 32-jährige US-Amerikanerin Dara Horn eine spannende Spionagegeschichte aus der Zeit des nordamerikanischen Bürgerkrieges. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Agenten Jacob Rappaport und seiner großen Liebe Eugenia Levy, die ein doppeltes Spiel spielt.

Von Sigrid Brinkmann

Dara Horns Roman ist temporeich geschrieben. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Dara Horns Roman ist temporeich geschrieben. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Dara Horn

Ironisch und tiefgründig ist das Sittentableau, das Dara Horn entfaltet. Ihr temporeich geschriebenes Buch spielt in der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, der 1865 mit der Niederlage der Südstaaten endete. Diese hielten verbissen an der Sklaverei fest. In keinem Moment behandelt sie diese Epoche als Dekor, denn sie weiß, dass die Sezession eine "amerikanische Obsession" ist und eine seltsame Grundfurcht bleibt. Die Protagonisten ihres historisch sorgfältig recherchierten Romans sind Juden: fiktive Charaktere und solche, für die es historische Vorbilder gab wie Judah P. Benjamin, das erste jüdische Kabinettsmitglied der amerikanischen Geschichte und zeitweiliger Außenminister der Südstaaten. Er war eine Hassfigur für die in der Union verbliebenen Nordstaaten, die die allgemeinen Menschenrechte durchsetzen wollten. Es sind die Schnittpunkte zwischen der amerikanischen und der jüdischen Kultur, die Dara Horn beim Schreiben des Romans interessierten:

"In Amerika glauben wir daran, dass jeder Mensch imstande ist, sich selbst zu erschaffen, sich aus seinen Verhältnissen zu lösen. Es spielt keine Rolle, wer deine Eltern sind und aus welchen Verhältnissen du kommst. Es geht um das, was du leistest, und nur daran wird man dich messen. Im Judentum kommt es auf das genaue Gegenteil an: Jeder Jude wächst auf mit dem Gefühl, dass auch er auf dem Berg Sinai stand, als Moses von Gott die Tafel mit den Zehn Geboten erhielt. Jeder Nachkomme des jüdischen Volkes darf sich als körperlich anwesend bei diesem Akt empfinden. Wir alle standen am Berg Sinai. Das Judentum lehrt dich, dass die Vergangenheit alles ist, dass das Wichtigste, was dir je geschehen ist, sich Tausende von Jahren vor deiner Geburt zugetragen hat. Mein Held Jacob steht in dieser Spannung."

Der junge Jacob Rappaport will den Ballast an Erfahrungen, die seine aus Europa eingewanderten Eltern mit sich schleppen, abwerfen. Dara Horns Held sollte die geistig zurückgebliebene Tochter eines Geschäftspartners seines Vaters heiraten. Er fühlte sich verkauft, wagte aber nicht, nein zu sagen und floh stattdessen. Er trat in die Armee der Nordstaaten ein und wurde von Offizieren zu Spitzeldiensten im Süden gedrängt.

Angewidert verfolgt Jacob bei Verwandten in New Orleans, wie diese am Sederabend der Tradition gemäß die Geschichte von der Errettung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten vortragen, während sie sich dabei gedankenlos von schwarzen Sklaven bedienen lassen. Doch Jacob ist kein besserer Mensch: Für die Abschaffung der Sklaverei wird er zum Mörder. Dara Horn beschreibt den moralischen Niedergang eines Juden, der als Kind von Einwanderern immerzu glaubt, seinen Patriotismus beweisen zu müssen. Als Modell diente ihr die Gestalt des Erzvaters Jakob, der sich vom Dieb und Lügner zum Gründer einer Nation wandelte.

"Der biblische Jakob ist wirklich eine fürchterliche Person. Er lügt, er stiehlt. Ich habe viele Ereignisse aus dem ersten Buch Mose kopiert. Jacob läuft aus seinem Elternhaus fort, begibt sich zu seinem Onkel, begeht entsetzliche Verbrechen, verkracht sich mit zwei Schwestern, verliebt sich in eine und erweist sich immer mehr als Feigling. Erst die Trauer um seine Geliebte, die er fälschlicherweise tot glaubt, verwandelt ihn. Mich hat das menschliche Potenzial interessiert. Ein Wandel ist immer möglich. Er ist schwierig, aber möglich."

Gegen Ende des Romans bringt der Südstaatler Philip Levi den verzweifelten und schwachen Jacob zur Umkehr. Levis Frau war von einer Sklavin ermordet worden. Levi entließ die anderen mitwissenden und so in gewisser Weise mitschuldigen Haussklaven in die Freiheit. Seine vier Töchter sollten ihm diesen Akt nie verzeihen. Wie Dara Horn den Riss, der durch die Familie Levi geht, schildert, hat Thrillerqualitäten. Unter der Oberfläche lauert Misstrauen. Die jungen Frauen sprechen in Anagrammen, sie verstecken Botschaften, betören feindliche Soldaten aus den Nordstaaten und entpuppen sich als waghalsige, kaltblütige Spioninnen, die ihr Wissen für Geld verkaufen - nicht zuletzt, um zu überleben. Dara Horn - und das macht das Lesen ihres Romans zu einem Gewinn - verbietet sich jeden Moralismus. In eine der Schwestern verliebt sich Jacob Rappaport, der ja selber als Agent der Armee in den Südstaaten unterwegs ist. Politisch gesehen sind Jacob und seine Geliebte Feinde. Er wird sie schwanger zurücklassen, später glauben, sie sei tot und Jahre nach seiner Flucht ihrem Vater Philip Levi erneut begegnen.

"Philip Levi sagt: Ich bin Amerikaner, ich bin Jude, ich bin Geschäftsmann und Vater von vier Töchtern. Und genau deshalb ist Gesetzlosigkeit mein schlimmster Feind. Das ist für mich der Punkt, an dem sich die amerikanische und die jüdische Kultur miteinander verbinden. Und es ist der Grund für den ungeheuren Erfolg der jüdischen Gemeinde in diesem Land. Beide Kulturen, beide Gesellschaften sind auf der Idee der Gesetzesherrschaft gegründet."

Friedhöfe, zeigt Dara Horn, sind in Bürgerkriegszeiten für Juden die sichersten Verstecke. In einer etwas rührseligen Schlussszene findet ihr Held seine Geliebte mit dem gemeinsamen Kind zwischen Gräbern wieder. Dort, umstellt und auf der Flucht, wird Jacob zum ersten Mal aus vollem Herzen ja sagen. Nichts kann die heilige Trias fortan mehr trennen. Großer Kitsch? Nein. Dara Horn, die selber drei kleine Kinder hat, glaubt an das Kraftzentrum Familie. Das steht außer Frage. Als Autorin verführt sie uns mit ihrem großen spielerischen Talent.

"Mich hat die gängige Struktur der Romane angezogen, die im 19. Jahrhundert verfasst wurden - dieser Trash der Groschenhefte und der billigen Western. Ich habe noch eins draufgesetzt. Der ganze historische Hintergrund ist genau recherchiert, aber bei den zwei Morden, den drei Gefängnisausbrüchen, der Schießerei bei einer Hochzeit und der Entführung habe ich doch ziemlich dick aufgetragen. Ich wollte mehr Spannung mit richtigen Brüchen am Ende eines jeden Kapitels, wenn dann einer schreit: Oh mein Gott, sie ist schwanger, und wir sind miteinander verwandt! Ich habe einen legendären Charakter schaffen wollen. Mein Jacob ist ein jüdisch-amerikanischer Gründungsvater."


Dara Horn: "Vor allen Nächten". Roman
Aus dem Amerikanischen von Christiane Buchner und Martina Tichy,Berlin Verlag 2009
560 Seiten, geb., 22,00 Euro

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