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StartseiteBüchermarktDer sprachgewaltige Schweiger31.08.2011

Der sprachgewaltige Schweiger

Birgit Dahlke: "Wolfgang Hilbig"

Am 31. August wäre Wolfgang Hilbig siebzig Jahre alt geworden. Nun ist im Wehrhahn Verlag eine Biografie über den sprachmächtigen Lyriker erschienen, der Schreiben als Lebensnotwendigkeit ansah, aber Schwierigkeiten hatte, sich mündlich zu artikulieren.

Von Michael Opitz

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig im Jahr 2001. Hilbig starb am 2. Juni 2007. (AP)
Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig im Jahr 2001. Hilbig starb am 2. Juni 2007. (AP)

In seiner Rede zur Aufnahme in die Akademie für Sprache und Dichtung erwähnt Wolfgang Hilbig 1991, dass er in der Wohnung seiner Großeltern mütterlicherseits groß geworden ist. Als sein Vater 1942 vor Stalingrad als vermisst gemeldet wurde, nahm der Großvater die verwaiste Stelle des Familienoberhauptes ein. Hilbigs Großvater war Bergmann. Während der Luftangriffe auf Meuselwitz durfte er mit seinen Angehörigen in den Schacht einfahren.

Wolfgang Hilbig war ein Kriegskind, der später in seinen Texten häufig dunkle, höhlenartige Räume aufruft. In Birgit Dahlkes Wolfgang Hilbig-Biografie, es ist die erste nach der von Karen Lohse verfassten "motivischen Biografie" aus dem Jahr 2008, bilden diese frühen Kindheitserlebnisse den Ausgangspunkt einer verlässlichen und gut recherchierten Lebensbeschreibung des 1941 geborenen Autors.

Birgit Dahlke hat als eine der ersten den in der Akademie der Künste liegenden Nachlass des Autors eingesehen. Sie hat Gespräche mit Hilbigs Freunden geführt und die Frauen befragt, mit denen Hilbig verheiratet war oder mit denen er zusammengelebt hat – sie ist in Hilbigs Geburtsstadt Meuselwitz gefahren und sie hat in Berlin die Akten eingesehen, die von der Staatssicherheit seit 1962 über den Schriftsteller Wolfgang Hilbig angelegt wurden. Hilbig hat Texte von überwältigender Schönheit verfasst. Doch der Autor, der Schreiben als Lebensnotwendigkeit ansah, hatte Schwierigkeiten, sich mündlich zu artikulieren. Er wuchs in einer Familie auf, in der kaum gesprochen wurde. Sein Großvater konnte weder lesen noch schreiben, weshalb die ersten Schreibversuche des Enkels argwöhnisch beobachtet wurden.

"'Wenn man in familiären Banden aufwächst, wo es keine Sprache für das Ich gibt: Wie kann daraus überhaupt Kunst werden? Wie wird jemand ein Subjekt, der aus solch einem Ohnmachtskontext herauskommt?' In seinem Alter ist er immer umgeben von auch nicht sprechen könnenden Jungens. Bis zu dem Punkt, wo er mit Schreibenden zusammenkommt - das sind die einzigen männlichen Wesen. Bei Frauen war das immer anders, aber da ist er auch in einer anderen Position. Frauen sind der Kontinent des Sprechens für ihn. Mit denen kann er in einen Dialog treten, weil die so viel sprechen. Aber unter Männern, das sind ja die ersten Erfahrungen, habe ich das Gefühl, dass er erstickt ist an dem, was er selber nicht artikulieren konnte."

Die Worte, die Wolfgang Hilbig in seiner Kindheit gesammelt hat, hütete er wie einen Schatz, den er auch im Gespräch nicht preisgab – für die mündliche Rede waren ihm die Worte zu kostbar. Erst als er das Schreiben als Möglichkeit entdeckte, sich auszudrücken, öffnete er seine Sprachschatztruhe und gestattete so einen Einblick in den Kosmos seiner Sprache. Geschrieben hat er überwiegend nachts auf einer mechanischen Schreibmaschine. Birgit Dahlke hat im Nachlass "Hunderte Zettel mit Sätzen, Sentenzen [und] fünf bis zwanzigzeiligen Passagen [gefunden]." Sie ist auch auf verschiedene Texte gestoßen, die zeigen, wie Hilbig nach seiner Sprache gesucht und wie er als Autor mit der Sprache gespielt hat.

"Interessant sind natürlich andererseits diese Spielversuche, diese sehr frühen Erzählungen, diese Sporterzählungen. Er hat keinen Gegenstand, aber er will spielen. Also er merkt, er kann schreiben und die Sätze sind originell und werden lang und überraschend kompliziert, aber er hat überhaupt keinen Gegenstand. Und dann schreibt er diese Erzählungen über einen Lauf, einen Sprint, die sind nicht von hoher literarischer Qualität, aber in Bezug auf den Sprachpanzer zeigen sie noch einmal eine ganz andere Ebene. Das ist also nicht Selbstausdruckssprache. Ich kann alles, was ich will, schriftlich artikulieren. Also, die Erfahrung mit sich selbst ist: Es fließt. Nur habe ich kein Thema. Ich habe drei solche Sporterzählungen gefunden. Es ist ein sehr frühes Beispiel für ein Suchen nach Gegenständen, und da ist Hilbig noch sehr jung, also er sagt noch nicht, ich gehe ans Eingemachte, ich gehe an das, was mir wehtut. Das ist noch nicht ein subjektiver Schritt. Aber dann gibt es ja diesen Schnitt, und da beginnt die eigentliche Literatur und dann ist die Rede von sich selbst."

Hilbigs sogenannte Sporterzählungen sind um 1965 entstanden. Bis zu seinem 26. Lebensjahr hat Hilbig aktiv Sport getrieben. Er war Boxer. Dass er ein technisch versierter Boxer war, verdeutlicht die Anfangsszene seines Romans "Das Provisorium". Zunächst ist ein gewisser C. hoch erfreut, dass seine Reflexe noch so funktionieren. Mit einer überraschend eingesetzten Geraden wehrt er den Angriff eines Gegners ab, den er klassisch ausknockt. Es erfüllt ihn mit Stolz, dass der Angreifer chancenlos war. Erst als dieser am Boden liegt und sich nicht mehr rührt, bemerkt C., dass die vermeintliche Bedrohung von einer Schaufensterpuppe ausgelöst worden war. Auf deren "Gesicht, das ins Genick gedreht war", konnte er "ein vorwurfsvolles Grinsen" sehen. Dass Hilbig aber nicht nur Boxer, sondern in jungen Jahren auch ein erfolgreicher Turner war, war auch für Birgit Dahlke neu.

"Turnen dagegen ist ja auch eine sehr frühe Körperselbsterfahrung und das war für mich eine wirkliche Überraschung. Ich kannte diese ganzen Geschichten von dem Boxer und von der Boxernase war ja genug zu sehen und das passte auch zum gepressten Sprechen usw. Aber der elegante Turner in dem weißen Dress, der sich gymnastisch schön, also artifiziell, völlig koordiniert bewegen kann, das passt eigentlich nicht zu meinem Hilbig Bild. Also der Hilbig, den ich kennenlernte, der war ja längst über 50, der war immer gedrungen und ein wenig krumm – den Turner da zu finden, das ist mir nie gelungen, und das war eine wirkliche Überraschung."

Eleganz wurde Hilbig im beruflichen Alltag nicht abverlangt. Bis 1980 arbeitete er in der DDR als Heizer. Erst nachdem auch sein Prosaband "Unterm Neomond" 1982 nur in der Bundesrepublik verlegt worden war, reagierten die Kulturoffiziellen in der DDR, sodass 1983 der Band "Stimme Stimme" erscheinen konnte. Dass Hilbig in der DDR nicht gänzlich übersehen wurde, daran hatte Franz Fühmann einen Anteil, der nachdrücklich auf diesen außerordentlichen Dichter aufmerksam gemacht hatte. Hilbig war lange Zeit in der DDR nicht anwesend – er verließ sie 1985. Seine Erzählung "Alte Abdeckerei" hält Birgit Dahlke für Hilbigs gelungensten Text. Außergewöhnlich, weil:

"Er ist wirklich am Freiesten im Lyrischen. Er hat die interessantesten Bilder, für mich, die durchgehalten werden. Und in den "Weibern" gibt es Stückwerk davon und In der "Kunde von den Bäumen" gibt es zwei Spuren davon, die durchgezogen werden, aber der reichste Kosmos wird in der "Alten Abdeckerei" entwickelt. Man könnte es als Prosagedicht vielleicht bezeichnen. Das ist sehr bildlich, es enthält so viele Bilder, die nicht zu vereindeutigen sind, und die trotzdem eine Logik aus sich selbst heraus entwickeln, denen ich folgen kann. Also, es ist wirklich eine lyrische Art zu denken. Und die führt mich zu einem Wissen um Schuld dieses deutschen Autors, mit dieser Herkunft und der Sprachlosigkeit, wie ich sie in keinem Text, so gedrungen, so verdichtet finde. Für mich enthält "Alte Abdeckerei" alle großen Themen Hilbigs."

Wolfgang Hilbig hat die Themen, von denen seine Texte handeln, im Osten gefunden. Doch er blieb auch nach seinem Weggang aus der DDR ein Suchender, der zwischen Ost und West hin und her pendelte und der nach dem Mauerfall wieder in den Ostteil Berlins zog.

Wolfgang Hilbig starb 2007, im Alter von 65 Jahren. Die Biografie von Birgit Dahlke ist ein verlässlicher Wegweiser durch das Leben und das Werk eines herausragenden Autors. Der vorgegebene Umfang der im Wehrhahn Verlag erscheinenden Biografien-Reihe, erlaubte es nicht, ausführlicher auf Hilbigs literarische Texte einzugehen. In den Ansätzen aber vermag Birgit Dahlke deutlich zu machen, wie stark sein Werk autobiografisch grundiert ist. Die Texte laden beinahe dazu ein, sie vor dem Hintergrund der Biografie des Autors zu lesen. Doch sie gehen in dieser Lesart nicht auf. Diese gut lesbare, nur 150 Seiten umfassende Biografie, bietet viel Neues. Sie öffnet den Blick für ein Werk, das die Verwerfungen einer historischen Landschaft zeigt. Deren Umrisse scheinen in Hilbigs Texten so irritierend schön und gleichzeitig verstörend auf.

Birgit Dahlke: "Wolfgang Hilbig"
Wehrhahn Verlag, Hannover 2011
143 Seiten, 12 Abbildungen, 14,80 Euro

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