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StartseiteBüchermarktDer Stahlmagnat und seine Söhne29.11.2009

Der Stahlmagnat und seine Söhne

Alexander Waugh: "Das Haus Wittgenstein". Fischer Verlag

Alexander Waugh erzählt die Gesichte des "Haus Wittgenstein", einer der einflussreichen Familien des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Vater Karl brachte es als Stahlmagnat zu großem Vermögen. Am bekanntesten wurde jedoch einer seiner Söhne, der sich dem wirtschaftlichen Streben des Hauses widersetzte: der Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Von Thomas Zenke

Alexander Waugh legt eine Biografie des Hauses Wittgenstein vor. (Fischer Verlag)
Alexander Waugh legt eine Biografie des Hauses Wittgenstein vor. (Fischer Verlag)

Diese Geschichte wurde in der Familie gern erzählt: Hermann Christian Wittgenstein, der Patriarch der ersten Generation, ein vermögender Wollhändler und Gutsbesitzer, habe eines Tages seiner Kinderschar "unser" Sternbild gezeigt. Es war die Kassiopeia, das markante W am Firmament, das Initial der Wittgensteins also. Der Alte deutete das Sternbild als Fingerzeig von oben, den gesellschaftlichen Aufstieg zu vollenden, der mit ihm begonnen hatte.

Sein Sohn Karl machte eine steile Karriere. Als er 1886 das erste österreichische Eisenkartell gründete und leitete, war er zu einem der mächtigsten und reichsten Männer der Donaumonarchie geworden. Man konnte das Haus Wittgenstein als Anspielung auf das "erhabene" Haus Habsburg verstehen. Es reklamierte für sich das dynastische Prinzip, was von außerordentlichem bürgerlichem Selbstbewusstsein zeugte.

Das Haus Wittgenstein zu sichern, erforderte eine effektive Familienpolitik. Die Töchter waren als gute Partie zu verheiraten. Die Söhne hatten in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Sie waren aber "von ihm selbst so verschieden, als hätte er sie aus dem Findelhaus angenommen", schreibt Hermine, die älteste Tochter.

Der hoch talentierte Erstgeborene, des Vaters ganze Hoffnung, hatte nur eine Leidenschaft: die Musik. Er war ein Getriebener, als er nach Amerika ging, um hart arbeiten zu lernen. Es hieß, er sei "unter ungeklärten Umständen" in den kalifornischen Everglades ertrunken. Der zweite Sohn, auch er sehr begabt, aber unfähig, den väterlichen Vorstellungen zu folgen oder ihnen gar zu trotzen, schluckte in einer Berliner Bar Kaliumzyanid. Der dritte Sohn legte im letzten Kriegsjahr 1918 Hand an sich. Ob aus verletzter Offiziersehre, weil sein ungarisches Regiment desertiert war, oder er den Krieg für verloren hielt, ist strittig. Und dann waren da noch die Nachzügler, auch beide aus der Art geschlagen. Paul wurde zu einer Legende als einarmiger Pianist und Ludwig entwickelte sich zu einem der eigenwilligsten Philosophen, zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts.

Der Verlag annonciert die "Geschichte einer ungewöhnlichen Familie". Der Untertitel des Originals heißt indes "A Family at War". In der Tat, Alexander Waugh erzählt vom Glanz und vom Zerfall des Hauses Wittgenstein. Es geht ihm um ein Familiendrama, um Auflehnung gegen die Übermacht der Väter, ihre Lebensregeln, den Karrieredruck, um Sich-selbst-finden - oder Scheitern.

Nach einem "Capriccio touristischer Klischees" über das Wien von heute skizziert Alexander Waugh ebenso flüchtig die Metropole des Habsburgerreichs zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und in der Vorkriegszeit. Von der exklusiven Ringstraße, diesem Blendwerk in den Augen mancher Zeitgenossen, ist nicht die Rede; nicht vom neuen Geldadel; auch nicht von den Massenprotesten gegen Arbeitslosigkeit, Teuerung und Wohnungsnot, den Elendsquartieren; auch nicht von dem wachsenden Fremdenhass; auch nicht von der Zerrissenheit des Vielvölkerreichs, dessen Garant ein uralter Kaiser war, der bereits ahnte, dass er einer "Anomalie" glich. Alexander Waugh legt also kein Fundament für die Wittgensteins. Ihm genügt der verklärende Blick auf eine "Welt von gestern". Er zitiert Stefan Zweig: Man sei "gutmütig gleichgültig" gegen jede Schlamperei im Politischen, Administrativen, in den Sitten gewesen; nur in künstlerischen Dingen, da ginge es um die Ehre Wiens. Das reicht Waugh für den ersten Auftritt eines Familienmitglieds.

1. Dezember 1913: Der 26-jährige Paul Wittgenstein debütiert im Wiener Großen Musikvereinssaal mit dem Tonkünstler-Orchester. Gleich vier virtuose Klavierkonzerte stehen auf dem Programm. Paul hat die Familie zusammengetrommelt und die Anverwandten, hat die Schar der Bediensteten mit Eintrittskarten versorgt, die Claque bezahlt - sein Debüt soll unbedingt ein Erfolg werden. Einer der führenden Kritiker, Julius Korngold, verlässt nach dem ersten Stück den Saal; der andere, Max Kalbeck, schreibt später gönnerhaft, Paul sei "ein ernster Künstler". Alexander Waugh übersieht, dass Paul - er sollte ursprünglich Bankier werden - gegen ein Prinzip des Vaters und der Familienmehrheit verstoßen hat: Musik auszuüben, sei kein Beruf für einen Wittgenstein, Kunst erwerbe man wie Immobilien.

Aber hochmusikalisch waren sie alle. Bruno Walter rühmte ihren Salon. Der junge Pablo Casals trat hier auf und der Geiger Joseph Joachim, und Brahms' Klarinettenquintett wurde im Beisein des Komponisten aufgeführt. In solchen Augenblicken schienen die Wittgensteins mit sich im Einklang zu sein. Musik versöhnte, war das Band, oft das einzige, das die Familie zusammenhielt. Pauls professionelle Anforderungen störten hingegen die Kompensation, das Tröstende; seine Geschwister urteilten über seine Kunst hart und ungerecht.

Der zwei Jahre jüngere Bruder Ludwig ist Alexander Waugh nur einen Nachtrag zu dem Kapitel "Wiener Debüt" wert. Er favorisiert Paul und unterläuft somit die Balance zwischen den beiden ungleichen Brüdern. Ludwig Wittgenstein steht gleich abseits, ist isoliert, weltverloren, fürchtet zu sterben, bevor er seine Theorien veröffentlicht hat. Er hatte im Februar 1912 in Cambridge am Trinity College bei Bertrand Russell sein Studium der Logik begonnen. Im Herbst war er überstürzt nach Norwegen geflohen - in eine Art Exil, weg aus einer Welt, in der er "immer nur Verachtung für andere hegt und andere durch sein nervöses Temperament aufbringt". Ludwig war also nicht unter den Hörern im Großen Musikvereinssaal. Seinen hohen Ansprüchen war Paul ohnehin nicht gewachsen. Er könne einfach nicht spielen, wenn Ludwig im Haus sei; er spüre, wie seine "Skepsis unter der Tür hereinsickert".

Karl Wittgenstein wurde im noch immer feudalaristokratischen Wien "der Amerikaner" genannt. Waugh beschreibt ihn als Hasardeur und instinktsicheren Unternehmer. So treibt er den Eisenbahnbau voran, liefert den Russen, die eine Strecke über die Balkanhalbinsel planen, die benötigten Schienen und sticht den Konkurrenten Krupp aus; vor allem erstreitet er Patente für Methoden, nach denen Roheisen so umgewandelt wird, dass es zu hochwertigem Stahl verarbeitet werden kann. Kritiker wie Karl Kraus in der "Fackel", Waugh übersieht ihn, bekämpften in Karl Wittgenstein den Prototyp des Kapitalisten, der Profit über Menschenwohl stellt. Er soll Streikenden in Böhmen das Trinkwasser abgedreht haben. Er soll aber auch für einen kranken Arbeiter einen Spezialisten geholt haben.

1898 legte Karl Wittgenstein seine Ämter in den Aufsichtsräten aller seiner Stahlunternehmen nieder und investierte einen großen Teil seines Kapitals im Ausland - eine weitsichtige Transaktion, denn dadurch war das Familienvermögen auch während der Inflation, die Österreich nach dem Ersten Weltkrieg ruinierte, weitgehend außer Gefahr.

1891 war die Familie in das Palais Wittgenstein in der Wiener Alleegasse gezogen, einen imposanten Wohnsitz mit mehreren Konzertflügeln, seltenen Autografen, mit Skulpturen von Max Klinger, Bildern von Gustav Klimt und den Sezessionisten, die der "Eisenkönig", er schätzte das Aufbegehren "gegen staatlich oder akademisch geeichte Autoritäten", förderte und finanzierte. Im Palais ging es zu "wie bei Hofe". Der "übermächtige" Hausherr dominierte selbstsicher, hatte "entschiedene Ansichten, was anderen gut täte", vor allem seinen Kindern. Schon der junge Karl Wittgenstein hatte einen "Hang zur Verwegenheit", hatte sich der väterlichen Order widersetzt, war von der Schule geflogen und von zu Hause ausgerissen.

1865 reiste er, im Gepäck nur seine Geige, nach New York auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum. Die neue Welt war ein Schock. Aber sie prägte seinen Charakter. Was einen nicht umbringt, macht einen stärker, so seine Lebensregel. An dieser Härte sind zwei seiner Söhne zerbrochen. Die Töchter hielten den Vater für hauptverantwortlich; denn sein Regiment habe ihnen keinen anderen Ausweg gelassen. 1905 heiratete Margaret den amerikanischen Industriellensohn Jerome Stonborough und lebte von da an häufig im Ausland, offenbar ein Versuch, dem Haus Wittgenstein zu entfliehen. Aber nicht nur der Vater, "wir sind eben alle ziemlich harte & scharfkantige Brocken", schrieb Ludwig Wittgenstein an seine Schwester Hermine. Alexander Waugh gelingen denn auch geschliffene Porträts.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist eine Zäsur in der Geschichte der Geschwister. Einer hoffte auf ein heilendes "Stahlbad". "Jetzt wäre mir Gelegenheit gegeben, ein anständiger Mensch zu sein", notierte Ludwig bei der ersten Feindberührung in sein Kriegstagebuch, "denn ich stehe vor dem Tod Aug in Auge." Und er bat Gott, ihm beizustehen, dass er sich "nicht verliere". Es ist eine Wandlung hin zum Mystischen, die auf seine intensive Lektüre von Tolstois "Kurze Erläuterung des Evangeliums" zurückging. Ludwig schrieb zugleich am "Tractatus logico-philosophicus". Und so schaltet Alexander Waugh eine Synopse ein. Sie zitiert ohne Erläuterung, was in seinen Augen beiden Texten gemeinsam zu sein scheint. Es ist die einzige Stelle in seinem Buch, in der Waugh auf Ludwig Wittgensteins Philosophie verweist. Damit hat er, gerade auch als Biograf, die Chance vertan, Ludwig Wittgenstein als einen methodisch innovativen Denker darzustellen, der an sich selbst arbeitet und an einem neuen Verhältnis zur Welt, von Grundproblemen des Lebens motiviert.

Für Paul Wittgenstein war der Krieg "nicht die Gelegenheit zur Läuterung und Veredelung seiner selbst", wie Waugh mokant anmerkt; er wollte "die Ehre der Habsburger" verteidigen. Paul wurde an der galizischen Front schwer verwundet. Sein rechter Ellbogen war zerschmettert, der Arm musste amputiert werden. Angesichts der angestrebten Pianistenkarriere eine Tragödie; Ludwig konnte sich als Konsequenz nur Selbstmord vorstellen.

Ende November 1915 kehrte Paul aus russischer Gefangenschaft zurück. "Er spricht so natürlich von seinem Unglück", so die Schwester Hermine. Im Dezember 1916 trat er wieder wie bei seinem Debüt vor drei Jahren mit dem Wiener Tonkünstler-Orchester auf - nun als einarmiger Pianist. Alexander Waugh beschreibt eindringlich wie Paul mit eisernem Willen das Trauma der Verstümmelung verarbeitet, wie er das tägliche Leben ohne fremde Hilfe zu bewältigen lernt, wie er am Klavier neue Fingersätze ausprobiert, mit Daumen und Zeigefinger die Melodie spielt, Sprünge meistert und durch besondere Behandlung des Pedals Vollstimmigkeit und Klangfülle erreicht. Paul war reich genug, Kompositionsaufträge zu vergeben. Ravel schrieb für ihn sein Klavierkonzert für die linke Hand, Prokofjew sein viertes, Richard Strauss, Hindemith und Benjamin Britten komponierten für ihn - spannungsreiche Episoden, die bei Alexander Waugh breiten Raum einnehmen. Vor allem das Zerwürfnis mit Ravel ist Legende: Paul hatte Ravels Instrumentierung selbstherrlich modifiziert und ganze Passagen der Partitur zu seinen Gunsten umgeschrieben; er wünschte als Solist allein im Rampenlicht zu stehen.

Nach Karl Wittgensteins Tod 1913 und Kurts Selbstmord an der italienischen Front im Oktober 1918 war Paul Familienoberhaupt und bevollmächtigter Verwalter des Vermögens der Wittgensteins. Der glühende Patriot hatte in österreichische Kriegsanleihen investiert. Das war publik geworden, und Margaret befürchtete, ihr amerikanischer Mann könnte seitens der US-Behörden in Schwierigkeiten geraten. Paul agiere "mit Papas Allüren", schrieb sie an Hermine, "aber ohne jeden Kopf". Verschärft wurde dieser Streit durch unterschiedliche politische Ansichten: Der unbelehrbare Paul war für Monarchie und Armee; Margaret, schon immer interessiert an den Ideen der Moderne, für die Republik.

Ludwigs "finanzieller Selbstmord" hat die Familie indes noch mehr gespalten. Die Geschwister hatten schon immer Themen wie Seele, Gott, Ethik kontrovers diskutiert, dabei vor allem die Frage, ob man reich sein könne und zugleich ein guter Mensch. Aber so rigoros wie Ludwig dachten sie nicht. Der vom Krieg Gezeichnete entschied zur Verwirrung der Familie, sein gesamtes Erbe an die Geschwister zu veräußern - mit Ausnahme von Margaret, die wegen ihrer amerikanischen Aktien schon vermögend genug war. Mehr noch: Ludwig erfand sich neu, wurde einfacher Volksschullehrer auf dem Land und lebte an der Armutsgrenze, um seine Herkunft vergessen zu machen. Bei der unglaublichen Bekanntheit der Wittgensteins würde "selbst eine Änderung Deines Namens als Ultima Ratio" nichts nützen, schrieb Paul empört an seinen jüngeren Bruder. Und als 1922 der "Tractatus logico-philosophicus" erschien und Ludwigs Ruhm begründete, amüsierte man sich kopfschüttelnd, dass die Welt offensichtlich auf ihren "Familiennarren" hereingefallen sei.

Margaret war es, die den "unglücklichen Heiligen" aus seinem Exil zurück nach Wien holte. Ohne zu wissen, dass er auch architektonisch denken konnte, gab sie ihm den Auftrag, für sie zusammen mit seinem Freund, dem Adolf Loos-Schüler Paul Engelmann, und dem Architekten Jacques Groag ein Wohnhaus zu bauen. Ludwig fand - nach heftigen Streitereien - mit seinem ausgeprägten Formbewusstsein, das alle Bauelemente kontrollierte, zu überraschend radikalen Lösungen. Das Wittgenstein-Haus wurde 1928 eingeweiht. Paul lehnte es ab. Hermine war skeptisch: Diese "hausgewordene Logik" sei "viel eher eine Wohnung für Götter".

Das letzte Kapitel, der unaufhaltsame Zerfall des Hauses Wittgenstein, ist bei Alexander Waugh das besonders gut recherchierte und komplizierteste. Als die Nationalsozialisten am 12. März 1938 in Österreich einmarschierten, wurden die Wittgensteins nach den Nürnberger Rassegesetzen als jüdisch qualifiziert. Das traf sie genauso wenig vorbereitet wie andere assimilierte Familien Wiens. Paul verglich ihre Lage "mit einem brennenden Haus", sie rechtfertige "den Sprung aus dem Fenster". War nicht der Großvater Hermann Christian Wittgenstein ein unehelicher Spross des Fürsten Waldeck-Pyrmont, also adliger und arischer Abstammung? War nicht die Familie "in ihrem Typus und in ihrer ganzen Einstellung" so gar nicht jüdisch? Legitimierten nicht ihre sozialen und patriotischen Verdienste eine "arische Behandlung"? Alle Petitionen scheiterten.

Paul emigrierte über die Schweiz nach New York. Margaret und Ludwig versuchten, ihn zu gewinnen, das Schweizer Vermögen für den Kauf des Mischlingsstatus zu transferieren. Er lehnte ab; die Schwestern sollten lieber die Reichsfluchtsteuer bezahlen und ebenfalls emigrieren, was Hermine verweigerte. Es wurden bei einem Winkeladvokaten gefälschte jugoslawische Pässe besorgt, um an Visa heranzukommen. Der Schwindel flog auf. Es wurde mit der Reichsbank-Devisenstelle verhandelt; ohne Ergebnis. Ludwig, er hatte inzwischen einen britischen Pass, reiste mit dem Luxusliner Queen Mary nach New York. Paul ließ sich durch Anwälte vertreten und blieb dabei, mit Nazis keine Geschäfte zu machen; das Verhältnis der Brüder war endgültig zerrüttet. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schweizer Vermögen schließlich doch noch an die Reichsbank überschrieben. Die Reichsstelle für Sippenforschung bestätigte umgehend, dass der Großvater deutschblütig sei und seine Enkel Mischlinge ersten Grades. Aber der andauernde Streit um die Vermögensaufteilung vergiftete die Familie und sprengte sie endgültig.

Epilog: Nach Hermines Tod 1950 wurde das repräsentative Palais in Wien verkauft und bald darauf abgerissen: ein Fanal, das Ende des Hauses Wittgenstein! Ludwig starb 1951 in Cambridge, Paul, der letzte männliche Nachkomme Karl Wittgensteins, 1961 in New York.

Alexander Waugh, der Enkel des schillernden Romanciers Evelyn Waugh und Autor von "Fathers and Sons", kennt sich aus in vertrackten Ensembles. Er macht die Wittgensteins dechiffrierbar und lässt ihnen doch ihre Ambivalenz. Er zeigt am allgewaltigen Vater die zerstörerische Energie seines rigiden Leistungsprinzips, seines sagenhaften Reichtums, seiner Macht. Er zeigt einen Patriarchen, der seine Kinder nicht freigibt. Sie zerbrechen wie zwei seiner Söhne; und wenn sie seiner Doktrin entfliehen, reproduzieren sie wie Paul seine Allüren oder verwerfen wie Ludwig das Vatererbe. Das ist ein Drama, Waugh hat es effektvoll inszeniert. Pauls Leben ist noch nie so, bis in biografische Nischen, ausgeleuchtet worden wie von diesem Autor. Das Genie Ludwig wirkt indes nur außengeleitet, seine kühne Gedankenarbeit bleibt ein Geheimnis. Alexander Waugh kann mit seiner Philosophie offensichtlich nichts anfangen. Dabei ist er der Fixstern. Er allein leitet unser Interesse an den Wittgensteins.

Alexander Waugh: Das Haus Wittgenstein
Fischer Verlag

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