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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs geht auch um unsere Gesundheit16.04.2018

Der Streit über den Umgang mit GlyphosatEs geht auch um unsere Gesundheit

Das Zaudern der neuen GroKo in der Diskussion über ein Verbot von Glyphosat diene wohl vor allem dem Koalitionsfrieden, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Dabei sei dies nicht nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine politische Frage, bei der es auch um unsere Gesundheit gehe.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) Ende März über ein Feld und bringt mittels einer gezogenen Anhängespritze zur Saatbettbereinigung Glykosphat aus (undatierte Aufnahme). Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung bzw. vor der Aussaat zum Einsatz. Das Pestizid dient zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und der vollständigen Nennung der Quelle) - Foto: Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)
Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) über ein Feld und bringt Glyphosat aus. (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)
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Katrin Göring-Eckardt musste letztes Jahr ziemlich viel Spott einstecken, als sie im Bundestagswahlkampf wieder und wieder vor dem grassierenden Bienensterben warnte. Da wusste die Grünen-Fraktionschefin zum Beispiel zu berichten, dass ein Insekt, das mit Pflanzenschutzmitteln konfrontiert wird, sich so fühlt wie wir, wenn wir zwei Flaschen Wein trinken und dann nach Hause gehen wollen. "Da kann man nix mehr bestäuben" – so lautete damals Görings-Eckardts Fazit.

So ähnlich hat es neulich die neue Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU, im Bundestag formuliert: "Was für Bienen schädlich ist, muss weg vom Markt – sonst sind irgendwann alle anderen weg vom Markt." Mal abgesehen davon, dass es bei diesem Thema eben nicht immer nur um Markt und Wachstum gehen darf, war diese Äußerung von Klöckner Ende März nur ein Vorgeschmack auf die Wortklauberei, die die Bundesregierung heute beim Thema Glyphosat veranstaltet hat. Statt von einem Verbot ist nun vom Glyphosat-Ausstieg die Rede, und der sei ja längst schon auf den Weg gebracht. Darf man jetzt vor Freude brummen? Mitnichten.

Nachdem Ex-Minister Christian Schmidt, CSU, erst vor wenigen Monaten ein EU-weites Glyphosat-Verbot in Brüssel "verbockt" hat, wie Grünen-Chef Robert Habeck es nennt, steht Schmidts Nachfolgerin Klöckner nun achselzuckend da: Ein nationaler Alleingang hätte aus Sicht der Bundesregierung europarechtlich wohl keine Chance - meint die Bundesregierung. Das klingt nach Duckmäusertum. Wer gleich zu Beginn so defensiv in eine Kontroverse hineingeht, hat entweder zu viel Respekt vor der mächtigen Agrarindustrie oder meint das Vorhaben sowieso nicht ganz ernst. Oder beides. Der Einsatz hoch giftiger Chemikalien auf unseren Äckern ist eben nicht nur eine rechtliche, sondern zuerst eine politische Frage. Zumal es bei Glyphosat nicht nur um die Bienen, sondern auch um unsere Gesundheit geht.

Allen mächtigen Einflüsterern zum Trotz hat die Weltgesundheitsorganisation den Insektenkiller schon 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Aber: Auch Umweltministerin Svenja Schulze, SPD, macht keine bessere Figur: Sie fordert einen Glyphosat-Ausstieg bis 2021 und weckt damit in der breiten Öffentlichkeit falsche Hoffnungen: Welcher Laie unterscheidet schon zwischen Verbot und Ausstieg? Das Zaudern der neuen GroKo dient wohl derzeit eher dem Koalitionsfrieden. Einen Lichtblick gibt es zwar: Bei den hoch giftigen Neo-Nikotinoiden will die Bundesregierung Ende April für ein europaweites Freiland-Verbot stimmen. Das allein reicht jedoch nicht. Diese Bundesregierung müsste in Berlin und Brüssel endlich eine Agrarwende auf den Weg bringen - davon aber steht im neuen Koalitionsvertrag von Union und SPD kein Wort.

Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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