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StartseiteInterview"Charlie Hebdo" war konfrontativer als "Jyllands Posten"08.01.2015

Der Streit über die Mohammed-Karikaturen"Charlie Hebdo" war konfrontativer als "Jyllands Posten"

Nach den Morden von Paris wird weltweit über die Mohammed-Karikaturen diskutiert. Die Kontroverse ist beinahe zehn Jahre alt und sie hat in Dänemark begonnen. Die Journalistin Jana Sinram hat über das Thema geforscht und erklärt die Hintergründe.

Jana Sinram im Gespräch für deutschlandfunk.de mit Marco Bertolaso

(campus Verlag)
Jana Sinram hat über die Debatte über die "Mohammed-Karikaturen" geforscht. (campus Verlag)
Weiterführende Information

Anschlag auf "Charlie Hebdo" - Polizei fahndet weiter nach Tätern
(Deutschlandfunk, Aktuell, 08.01.2015)

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Marco Bertolaso: Der Anschlag in Paris hat die Aufmerksamkeit wieder auf den jahrelangen Streit über die Mohammed-Karikaturen gelenkt. Wie hat diese Auseinandersetzung angefangen?

Jana Sinram: Der Streit hat seinen Ursprung in einer Aktion der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" im Jahr 2005. Die Redaktion hat damals Karikaturisten in Dänemark angeschrieben und sie gebeten, den Propheten so zu zeichnen, wie sie ihn sehen. Hintergrund war, dass ein als islamkritisch bekannter Autor angeblich keinen Illustrator gefunden hatte für ein Kinderbuch über das Leben Mohammeds. Einige Medien haben darüber nur berichtet, "Jyllands Posten" hat sich zu diesem Aufruf entschieden, auch weil einige in der Redaktion ein Klima der Selbstzensur in Dänemark fürchteten. Zwölf Karikaturisten haben mitgemacht, davon drei feste Mitarbeiter der Zeitung.

Bertolaso: Wie sahen die Zeichnungen aus?

Sinram: Manche Motive waren auf die dänische Politik bezogen. Ein Karikaturist hat in seiner Zeichnung Kritik an dem Schriftsteller geübt, der das ganze ausgelöst hatte. Ein anderer hat sich über die ganze Aktion von "Jyllands Posten" lustig gemacht. Bei weitem nicht alle Karikaturen haben also, wie oft gedacht wird, den Propheten dargestellt, geschweige denn verunglimpft.

Bertolaso: Veröffentlicht wurden die Karikaturen Ende September 2005. Die eigentlichen Proteste gab es aber erst Monate später. Wie kam das?

Sinram: In Dänemark selbst gab es schon sofort Proteste von Muslimen, auch von Botschaftern islamischer Länder und der ägyptischen Regierung. Das waren aber diplomatische Proteste ohne viel Öffentlichkeit. Eskaliert ist die Diskussion dann eigentlich erst Anfang 2006. Und das hat etwas mit der Reaktion der dänischen Regierung zu tun. Denn die Botschafter hatten die Zeichnungen nur als ein Beispiel für Islamophobie in Dänemark angeprangert. Es ging ihnen um weit mehr. Kritisiert wurde die restriktive Einwanderungspolitik Dänemarks. Heftig umstritten waren auch Äußerungen eines damaligen Ministers, der von „Kulturkampf" gesprochen hatte, und einer Abgeordneten, die muslimische Einwanderer beschimpft hat.

Ein Protestzug im afghanischen Kabul gegen die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung (AP)Anfang 2006 haben, wie hier in Kabul, überall in der islamischen Welt Muslime gegen "Mohammed-Karikaturen aus "Jyllands Posten" protestiert. (AP)

Bertolaso: Dann waren die Karikaturen also nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Sinram: Ja, genauso war es. Zu der Eskalation kam es eigentlich erst deshalb, weil die dänische Regierung von Anders Fogh Rasmussen in ihren Reaktionen immer nur auf Pressefreiheit abgehoben hat. Auf die vielen anderen Punkte ist sie nicht eingegangen und auch ein Treffen mit den Botschaftern wurde abgelehnt.

Bertolaso: Gibt es einen Unterschied zwischen "Jyllands Posten" und "Charlie Hebdo"?

Sinram: "Charlie Hebdo" hat die dänischen Karikaturen erst einmal nachgedruckt. Sie haben dann aber vor allem auch später eigene Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Das haben sie im Wissen um die Proteste von 2006 gemacht. Das wurde dann als gezielte Provokation gewertet. Außerdem waren einige ihrer Karikaturen deutlich schärfer als das, was in Dänemark gedruckt worden war. Man kann sagen, dass "Charlie Hebdo" damit bewusster und konfrontativer als "Jyllands Posten" gehandelt hat. Das ist dann auch der Unterschied zu den vielen anderen Zeitungen, die damals nur eine oder mehrere Zeichnungen nachgedruckt haben.

Bertolaso: Ist die Konsequenz aus den Morden in Paris nun: Am besten nie wieder Mohammed-Karikaturen?

Sinram: Nein. Satire und Pressefreiheit müssen grundsätzlich alles dürfen. Es ist aber auch wahr, dass die Karikaturen von "Jyllands Posten" sicher unbeabsichtigt eine Spirale von Provokation und islamistischer Reaktion ausgelöst haben. Inzwischen laufen Leute von Pro-NRW mit Plakaten herum, auf denen die dänischen Karikaturen zu sehen sind. Die Zeichner haben sicher nicht gewollt, dass ihre Arbeiten missbraucht werden. Man muss einen Weg finden, um diese Spirale zu durchbrechen. Wie das geht, kann ich leider auch nicht sagen. Ich denke aber, dass Provokation um ihrer selbst Willen dabei nicht helfen kann.

Jana Sinram ist Nachrichtenredakteurin beim Deutschlandfunk. Sie hat gerade ihre Dissertation vorgelegt mit dem Titel: "Pressefreiheit oder Fremdenfeindlichkeit? Der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die dänische Einwanderungspolitik".

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