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StartseiteInterviewDer Streit zwischen US-amerikanischen und deutschen Intellektuellen um die Rechtfertigung des Afghanistan-Einsatzes12.08.2002

Der Streit zwischen US-amerikanischen und deutschen Intellektuellen um die Rechtfertigung des Afghanistan-Einsatzes

Adolf Muschg

<strong> Gerner: </strong> Samuel Huntington hat die These vom Kampf der Kulturen geprägt. Der Wissenschaftler gehört zu 60 Intellektuellen aus den Vereinigten Staaten, die jetzt in einem offenen Brief ihren deutschen Kontrahenten moralische Blindheit vorwerfen. Um Sie ins Bild zu setzen: Eine Gruppe - nicht nur konservative US-Intellektuelle - hatte in einem Brief im Februar den Angriff auf Afghanistan als gerechten Krieg gutgeheißen. Daraufhin antworteten im Mai über 100 deutsche Intellektuelle - darunter Schriftsteller wie Carl Amery, Peter Rühmkorf oder Christoph Hein. Ihr Vorwurf: Der "Massenmord", so die Unterzeichner, an 4000 Zivilisten in Afghanistan sei genauso verurteilenswert wie die Anschläge auf das World Trade Center. Das wiederum geißeln die US-Intellektuellen jetzt in ihrem jüngsten offenen Brief als moralische Blindheit. Am Telefon ist ein Intellektueller, der keiner der beiden Unterschriftenseiten angehört, trotzdem ein kritischer Beobachter ist, Adolf Muschg, Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Herr Muschg, wo stehen Sie in dieser Auseinandersetzung?

Muschg: Ja, Herr Gerner, ich erinnere mich daran, dass es auch bei uns in Deutschland noch nicht so lange her war, dass der Krieg, den das eigene Land führte, schon darum ein gerechter Krieg war. Ich denke vor allem an den Kriegsausbruch von 1914, wo die damaligen Intellektuellen fast wie ein Mann sozusagen hinter dem eigenen Krieg standen. Dieser Reflex ist vermutlich - ein abscheuliches Wort - der natürliche. Wir sind es einfach in Europa nicht mehr gewohnt, weil wir andere Erfahrungen gemacht haben - auch als Kriegsführende und als Kriegsopfer -, dass die Intellektuellen sich sozusagen hinter die Regierungen scharen, sobald sie sich als im Kriegszustand befindlich erklärt. Das als Hintergrund. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich ein anderes Amerika in den 60er Jahren erlebt habe, wo es um den Vietnam-Krieg ging, weiß Gott auch ein Krieg, der mit moralischen Argumenten geführt wurde. Damals hat das `Right of dissent`, das heißt, das Recht zum bürgerlichen Widerspruch, durchgeschlagen. Also, es muss nicht so sein, wie es jetzt ist.

Gerner: Können Sie die US-Intellektuellen verstehen, wenn sie die Gleichgültigkeit gegenüber Gefahren, die von muslimischen Extremisten ausgehen, kritisieren: Aufrufe zur Ermordung an Schriftstellern werden da zitiert. Salman Rushdi steht Parte für andere. Was sagen Sie zu der Kritik, die eben die deutschen Intellektuellen da trifft?

Muschg: Die Unterstellung, dass die deutschen Intellektuellen das nicht kritisieren, was die Amerikaner monieren, ist natürlich eine Frechheit. Dabei kommt die ganze Argumentationslinie ziemlich genau wie eine Wiederholung im palästinensisch-israelischen Konflikt vor. Dort hat jede Seite sehr gute Gründe, sich selber als Opfer zu gerieren und leitet daraus ebenso gute Gründe ab, den Krieg verstärkt weiterzuführen und zudem eine moralische Position in Anspruch zu nehmen. Wir wissen, dass dort sozusagen ein Blinder sehen kann, wohin das führt. Ich glaube, die amerikanischen Intellektuellen sind jetzt eine Spezies, an die wir uns gewöhnen müssen. Sie gleichen vielmehr - sagen wir mal - den römischen Dichtern wie Vergil und anderen, die sich jetzt als Träger einer Menschheitsmission und als Rechtfertiger einer moralischen Position fühlen und daraus ableiten, dass eigentlich die Geschichte bei ihnen anfängt und aufhört. Auch die Stunde Null, dieser 11. September, ist für viele Amerikaner eben die Stunde, wo es sie getroffen hat. Dass das ein Ereignis in einem Kontext war, ist vergessen gegangen oder verdrängt worden - man kann sagen, wie unter Schock, wo sich die Leute nicht mehr daran erinnern, was sie vorher gemacht haben -, aber die Geschichte und einige Leute erinnern sich daran, dass hier nicht etwas aus heiterem Himmel auf Amerika heruntergekommen ist, sondern der Ausbruch einer Verzweiflung war, an der die amerikanische Großmacht-Politik mitverantwortlich ist.

Gerner: Heißt das, dass es auf absehbare Zeit in den USA keine Kultur des Dissenses mehr geben wird?

Muschg: Wenn ich zynisch sein sollte, was ich nicht gerne bin - auch besonders wenig im Bezug auf Amerika bin -, würde ich sagen: Sobald die Dinge schief laufen, sobald die eigenen Opfer mehr werden - so war das auch schon in Vietnam -, dann meldet sich der Widerstand und der Widerspruch wieder, dann gerät die eigene Regierung unter Druck. Man kann es ja auch eine Art Trost nennen, aber es ist ein zynischer Trost und er passt nicht so Recht zur moralischen Position, die hier geltend gemacht wird.

Gerner: Herr Muschg, dieser intellektuelle Streit kommt zu einem Zeitpunkt, wo sich die deutsche Politik größere Unabhängigkeit von der US-Politik zuzutrauen scheint - vielleicht liegt es auch nur am Wahlkampf: Ist denn der Beitrag der deutschen Intellektuellen da hilfreich?

Muschg: Ich habe vorläufig noch sehr Mühe, die neue Betonung des Wortes "deutsch", etwa im sozialdemokratischen Wahlkampf und im Munde des Kanzlers richtig einzuschätzen. Ich stelle fest, dass er jetzt für das Auge eine 180-Grad-Kehrtwendung vollzogen hat, wenn das denn eine substanzielle Äußerung sein sollte, denn er hat vorher sozusagen dem amerikanischen Bundesgenossen eine Art Nibelungentreue zugeschworen - durch dick und dünn -, eine blinde Solidarität, und jetzt das andere Zeichen. Ich fürchte, dass es mehr mit Wahlkampf zu tun hat als mit Substanz.

Gerner: Das heißt, Sie glauben möglicherweise auch nicht, dass sich eine deutsche Ablehnung an einer möglichen militärischen Einsatzbeteiligung gegen den Irak durchhalten lassen wird, wenn es soweit kommen sollte?

Muschg: Da bin ich sehr gespannt. Ich bin zwar Schweizer, aber ich fühle mich als Europäer, und ich meine, dass wir nicht verpflichtet sind, auch gegenüber einem verdienstvollen Bundesgenossen - das würden die Amerikaner ja wahrlich nicht bestreiten -, dass wir zu einer Solidarität in einer Sache verpflichtet wären, von der absehbar ist, zu was für einer Kettenreaktion es im Nahen Osten führen müsste. Wir haben eigentlich genug Schweinerei da, um es uns ersparen zu können, noch eine viel größere anzurichten. Nein, ich hoffe - ich kann es nicht versichern, aber ich hoffe -, dass, welche Regierung auch immer an der Macht ist, diese das Abenteuer nicht mitmacht.

Gerner: Ich habe eben Samuel Hunington genannt, die These vom Kampf der Kulturen. Politiker weisen in großer Mehrheit dieses Wort, diesen Ausdruck von sich. Was ist das, was wir jetzt innerhalb des Westens da erleben, im Kampf der Intellektuellen? Ist das ein Kampf der westlichen Kulturen?

Muschg: Es ist schon ein deutlicher Riss in einem Gefüge, das vorher gewissermaßen durch den Druck des Kalten Krieges zusammengeschweißt gewesen ist. Ein Riss, der sich nicht bemerkbar gemacht hat. Ich wünsche mir ja auch nicht, dass die europäische Identität gewissermaßen in einer Absatzbewegung gegenüber Amerika gefunden wird. Aber Ansätze dazu sind erkennbar, und ich glaube, die Europäer haben aufgrund ihrer historischen Erfahrungen das Recht, mit sich selbst, mit großen Worten, mit Worten, wie `moralischer Krieg´, mit dem, was sie dann in der Praxis bedeuten, zu intervenieren. Für mich ist immer Büchners Wort in diesem Fall wichtig: Geht Euren Phrasen dort doch einmal, bis dorthin wo sie verkörpert werden. Und die Verkörperung sieht dann aus wie ein bombardierter Hochzeitszug in Afghanistan, versehentlich, `collectoral damage`, heißt das dann. Ich kann hier als Europäer beim besten Willen nicht sozusagen mit einer Stimme sprechen. Ich sehe, dass interveniert werden muss. Ich sehe aber nicht ein, warum man dafür dieses - ich möchte fast sagen - faustdicke, moralische Mäntelchen braucht und im Wind flattern lässt. So ist es nicht. Es ist ein tragischer Fall und man sollte ihn als solchen bezeichnen.

Gerner: Vielleicht abschließend die Frage: In welchen Fällen ist denn Ihrer Meinung nach der Einsatz von Waffengewalt moralisch zu rechtfertigen?

Muschg: In meiner Erinnerung war es natürlich nötig, dass man Hitler auf diese Weise auf den Boden kriegte, und ich gebe zu, dass es eine unendlich schwierige Frage ist, wann ein Krieg - ich möchte nicht sagen moralisch, sondern zivilisatorisch - unvermeidlich wird. Aber die Argumentation, die sich heute des Zivilisationsarguments bedient, die habe ich fürchten gelernt, denn sie unterstellt ja, dass die anderen keine Zivilisationen sind: Der Islam ist nicht zivilisiert, der Osten ist nicht zivilisiert, China ist es nicht. Das sind alles verkappte Rassismen, die man einmal geschichtlich zur Rechenschaft ziehen wird, und man wird sich auch nicht scheuen, festzustellen, was sie angerichtet haben.

Gerner: Intellektuellenstreit - der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg war das.

Link: Interview als RealAudio

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