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StartseiteThemen der WocheDer Stress mit der Atomkraft06.10.2012

Der Stress mit der Atomkraft

Die EU identifiziert Sicherheitsmängel bei Kernkraftwerken

Dieser Stresstest wird den Betreibern nur wenig Stress bereiten: Die Europäische Union hat bei der Überprüfung der Atomkraftwerke zwar viele Sicherheitsmängel gefunden, vom Netz genommen werden muss aber keiner der Meiler. Eine Nachrüstung reicht.

Von Georg Ehring, Deutschlandfunk

Ein Elektro-Stecker mit dem Symbol für Atomenergie in der Steckdose einer Stromtrommel (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)
Ein Elektro-Stecker mit dem Symbol für Atomenergie in der Steckdose einer Stromtrommel (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)

Sie würde zwischen zehn und 25 Milliarden Euro kosten, doch auch das dürfte kein Grund für schlaflose Nächte bei den Anlagenchefs sein. Denn es ist völlig offen, ob sie das Geld überhaupt in die Hand nehmen müssen, die EU-Kommission hat das nicht zu bestimmen. Der Stresstest ist kein besonders einschneidendes Ereignis für die Betreiber - leider. Gerade wer die Kernenergie weiter nutzen will, sollte bei der Überwachung mehr Konsequenz fordern.

Die Europäische Union wollte nach der Katastrophe von Fukushima prüfen, in wieweit hiesige Kraftwerke gegen unwahrscheinliche, aber mögliche Ereignisse geschützt sind. Das war der Grund für die Stresstests - doch manches will die EU anscheinend doch nicht so genau wissen, manches mögliche Ereignis wurde gar nicht erst in den Prüfkatalog aufgenommen. Die Folgen von Terroranschlägen oder Flugzeugabstürzen zum Beispiel - dabei ist bekannt, dass vor allem ältere Kraftwerke davor kaum zu schützen sind.

Ein höchst lückenhafter Prüfauftrag also - doch auch er hat eine erschreckende Liste von Sicherheitsmängeln zutage gefördert: Nicht einmal bei der Hälfte der Reaktoren werden aktuelle Standards für die Risikoeinschätzung bei Erdbeben oder Überschwemmungen verwendet. Oft fehlen auch Warnanlagen. 24 der 145 Reaktoren haben keinen Ort, von dem aus das Kraftwerk gesteuert werden kann, wenn Radioaktivität das Betreten des Hauptkontrollraums unmöglich macht. Auch in Deutschland wurden viele Mängel bekannt, besonders schwer sind die Lücken aber ausgerechnet bei den als sicherheitsbewusst geltenden Schweden und Finnen: Hier bleibt den Betreibern weniger als eine Stunde Zeit, um nach einem Ausfall von Strom oder Kühlanlagen die Sicherheitssysteme wieder hochzufahren.

Die Europäische Kommission fordert jetzt Nachbesserungen - die Kompetenz sie durchzusetzen, hat sie allerdings nicht. Durchsetzungskraft wäre aber nötig, denn es ist bekannt, dass die Betreiber routiniert sind im Aussitzen: Nach den Havarien in Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 wurden weltweit Konsequenzen in der Sicherheit vereinbart - einige harren noch immer der Umsetzung.

Den Betreibern müsste eigentlich die Schamesröte ins Gesicht steigen, gerade den Deutschen, die ihre Atomkraftwerke als die sichersten der Welt rühmen. Doch das Deutsche Atomforum verstieg sich zu der Aussage, die EU-Kommission bestätige das hohe Sicherheitsniveau der deutschen Kernkraftwerke, die Empfehlungen der Kommission zielten gar nicht auf Mängel oder Defizite in der Sicherheit ab. Wegschauen will anscheinend auch Bundesumweltminister Peter Altmaier: Bei der Nachrüstung müsse man die bevorstehende Abschaltung der deutschen Reaktoren berücksichtigen. Dabei müsste es heißen: Nachrüsten oder abschalten - wie Österreichs Umweltminister Nikolaus Berlakovich zu Recht fordert.

Die Prüfung der Kernreaktoren fällt in eine Zeit, in der Europas Energieversorgung umgebaut wird - hin zu erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind. Je billiger die Alternativen werden, desto mehr kommen die Befürworter riskanter Technologien unter Rechtfertigungsdruck. Die Katastrophe von Fukushima hat nicht nur in Deutschland zu einem Umdenken in Sachen Atomkraft geführt. In Europa wollen neben Deutschland auch Belgien und die Schweiz aussteigen. Selbst Frankreich, das drei Viertel seiner elektrischen Energie aus Kernreaktoren bezieht, will seine Abhängigkeit verringern. In anderen Ländern, etwa in Osteuropa sollen zwar neue Meiler gebaut werden, doch auch dort nimmt vielerorts der bürgerschaftliche Widerstand gegen die Atomkraft zu.

Mit dem halbherzigen Stresstest geben die Kernenergiebefürworter in der Europäischen Union ihr wichtigstes Argument aus der Hand: den Verweis auf einen hohen Sicherheitsstandard der Kraftwerke. Gerade die Betreiber müssten auf einer gründlicheren Prüfung bestehen, um dies zu belegen. Schlimmer noch: Die EU zeigt, dass sie Sicherheitslücken in Kauf nimmt und nicht über die Instrumente verfügt, ihre Behebung durchzusetzen. Nicht nur einzelne Kraftwerke sind damit beim Stresstest durchgefallen, sondern gleich das System der Atomaufsicht als Ganzes - eine beunruhigende Perspektive.

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