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StartseiteKultur heuteDer strukturierte Zufall29.01.2008

Der strukturierte Zufall

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt Action Painting

Action Painting steht für jene Kunst aus den 40er Jahren, die eigentlich eine Technik des Abstrakten Expressionismus ist: Da wird die Farbe getröpfelt, geschüttet und auf die Leinwand geschmettert. Dripping, Pouring, Smashing heißt das beim prominentesten Vertreter Jackson Pollock. Seine Werke und die vieler anderer hat die Fondation Beyeler in der Sonderausstellung Action Painting zusammengefasst.

Von Christian Gampert

Die Farbe los lassen, darum geht es beim Action Painting. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)
Die Farbe los lassen, darum geht es beim Action Painting. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)

Die Revolution kam nicht über Nacht, sie wurde lange vorbereitet. Es war nicht so, dass 1947 plötzlich ein glatzköpfiger Herr namens Jackson Pollock in einem Bauernhaus bei New York aufstand und tranceartig tänzelnd Farbe auf eine am Boden liegende Leinwand spritzte. Der Deutsche Hans Hofmann mit seinen leuchtenden Farbwirbeln hatte vorher schon ähnlich gearbeitet. Vor allem aber gab es eine lange Tradition wilden, gestischen Malens aus der Bewegung, aus dem Körper heraus.

Diese Vorgeschichte, die eher unbekannten Bilder etwa von Jean Fautrier zu präsentieren, ist die eigentliche Stärke dieser Ausstellung, die historische Linien zeigen will. Fautrier hatte schon in den 1930iger Jahren in seine düsteren Seelenlandschaften gestanzt, gekritzelt, mit Farbe gespachtelt. Der eher dem Informel zugehörige Wols hatte in den 40igern in seine existentialistischen Farbexplosionen wütend hineingekratzt und gedrippt. Kraftvolles, vegetatives verzweifeltes Malen war das, kurz nach Hiroshima und Holocaust. Der dem türkischen Völkermord an den Armeniern entkommene Arshile Gorky hatte in Amerika mit verflüssigten Pigmenten lyrische Farbklänge gemalt.

Wenn nun jemand fragt, was diese abstrakten Kompositionen denn bedeuten, dann lautet die Antwort: nichts Bestimmtes, und doch ganz Präzises. Psychische Landschaften sind eben kompliziert. Und manchmal sogar sexuell - und politisch - aufgeladen. Zeugnisse einer neuen Freiheit. Ulf Küster, Kurator der Ausstellung:

"Die Struktur der Ausstellung ist sehr stark davon bestimmt, dass diese Künstler alle diese Unmittelbarkeit des künstlerischen Ausdrucks wollten. Und in ihrer Malgeste eigentlich ihr Selbst zeigen wollten. In ihrer Malgeste und in ihrem Umgang mit dem Material, das ihnen sehr frei zur Verfügung stand und das sie auch sehr frei wählten."

Es geht also um den strukturierten Zufall: die Farbe loslassen, irgendwo auf der Leinwand landen lassen. Und um die Körpergeste: sich in die Leinwand expressiv einschreiben. Viele Stilrichtungen kommen in dieser Ausstellung vor, Expressionismus, Surrealismus, Tachismus, mit Verlängerung in die Gegenwart.

Man sieht Kalligrafisches und Écriture automatique, dunkle Riffelspuren bei Pierre Soulages, in die Leinwand eingesickerte Farbe bei Helen Frankenthaler und Morris Louis, Meditation und wüstes Malen mit den Füßen bei Kazuo Shiraga. Dripping, Pouring, Smashing bei Pollock: tröpfeln, schütten, schmettern. No satisfaction without action. Und doch:

"Die Unterschiede sind nicht in den großen Stilen zu sehen, sondern in den einzelnen Künstlerpersönlichkeiten. Ich glaube, dass die alle diesen Willen hatten, zum Ursprung der Kunst zurückzukehren, um mithilfe dieser Bewegung und des Ma-terials etwas Reines, Unverfälschtes, Direktes, Ungebremstes zu schaffen. Um, wie Ernst Wilhelm Nay das so schön sagte, Bewusstheit und Intuition in eine Balance zu bringen."

Nay, den manche für den Dekorateur des deutschen Wirtschaftswunders hielten, ist im Foyer mit einem riesigen, leuchtenden Querformat vertreten. Im Mittelpunkt aber steht Pollock, vor allem das aus einem dichten Netz getropfter Fäden bestehende Werk "Number 5", das aussieht wie das nächtliche Gewirr einer Großstadt von oben. Auch eine drei Meter lange Horizontal-Komposition aus dem Israel Museum ist da – für den üppigen Pollock-Saal haben sie wirklich etwas bekommen!

Aber die vielen Nachfolger und Weiterentwickler sind fast noch wichtiger: die Keilformen von Franz Kline, die mit der Leere spielenden Riesenformate von Sam Francis, die Farbinseln des Clifford Still. Vom wilden de Kooning gibt es eher wenig, Rothko ist außen vor, dafür ein ganzer Saal Cy Twombly - drei großen Kritzelbilder - und eine Erinnerung an Eva Hesse. Empfehlen wir einfach, jenseits kunsthistorischer Erwägungen: nach Basel fahren, sich fortreißen lassen vom Farbstrudel, mit frischem Mut nach Hause gehen! Was will man mehr von einer Ausstellung...

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