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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteBüchermarktDer Subcomandante als Krimiautor08.11.2005

Der Subcomandante als Krimiautor

Paco Ignacio Taibo II und Rebellenführer Marcos erzählen von Chiapas

Autorenduos sind in der Krimilandschaft nichts ungewöhnliches. Mit dem mexikanischen Krimiautor Paco Ignacio Taibo II und dem Rebellenführer Subcomandante Insurgente Marcos, herausragender Protagonist der zapatistischen Befreiungsbewegung EZLN in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, betritt allerdings ein ungewöhnliches Autorenduo die Bühne. Der Leser erhält einen Einblick in die politische und gesellschaftliche Realität Mexikos.

Von Hartmut Schwarz

Einblick in die politische und gesellschaftliche Realität Mexikos mit dem Krimi von Taibo II und Subcomandante Marcos.  (AP)
Einblick in die politische und gesellschaftliche Realität Mexikos mit dem Krimi von Taibo II und Subcomandante Marcos. (AP)

Autorenduos sind in der Krimilandschaft nichts ungewöhnliches. Man denke nur an die Paarungen Sjöwall/Wahlöö, Boileau/Narcejac oder Fruttero und Lucchentini. Jetzt hat allerdings ein wirklich ungewöhnliches Autorenduo einen gemeinsam verfassten Kriminalroman vorgelegt. Der mexikanische Krimiautor Paco Ignacio Taibo II und der Rebellenführer Subcomandante Insurgente Marcos, herausragender Protagonist der zapatistischen Befreiungsbewegung EZLN in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos.

"Ich fühlte mich, als hätte ich einen Heiratsantrag von Marylin Monroe erhalten".
So beschreibt Paco Taibo seine Reaktion auf den Vorschlag von Subcomandante Marcos, mit ihm gemeinsam einen Kriminalroman zu schreiben.

Taibo, der Chronist der linken Bewegungen Lateinamerikas und erfolgreiche Krimiautor kokettiert mit dem Bekanntheitsgrad des geheimnisvollen und wortgewandten Führers der Zapatistischen Befreiungsbewegung Mexikos, Subcomandante Marcos. Dieser wiederum ist bereits als Autor von Erzählungen aus Chiapas und als Lyriker hervorgetreten. Beide sandten sich per E-mail die jeweiligen Teile des Manuskripts zu, und wartete, wie der andere die Geschichte fortschreiben würde. Die einzige Verabredung bestand laut Paco Taibo darin, dass sich die Hauptfiguren beider Autoren im siebten Kapitel am Revolutionsdenkmal in Mexico-City treffen würden.

Und die Protagonisten sind schon ein wirklich ungewöhnliches Gespann. Auf der einen Seite Hector Belascoaran Shayne, der alternde, humpelnde und einäugige Detektiv, bekannt schon aus den früheren Romanen Taibos. Hector residiert immer noch in seinem kleinen Büro, das er sich mit einem Polsterer und einem Abwasser-Ingenieur teilt. Mit kleinen Aufträgen hält er sich über Wasser, ein enttäuschter Idealist, der seine Illusionen gegen eine sanfte Melancholie eingetauscht hat. Diese verlässt ihn auch nicht, als er sich zum Beispiel eines Taxifahrers handgreiflich erwehren muss, der ihn überfallen will. Auf der anderen Seite der Indio Elias Contreras aus dem lacandonischen Urwald, der sich selbst ganz unbescheiden als Ermittlungskomission vorstellt. Ein Volksdetektiv, der seine Fälle mit Hartnäckigkeit, Phantasie und einer gehörigen Portion Bauernschläue löst. Marcos hat mit dieser Figur einen wirklich originellen neuen Helden in die Krimiwelt eingeführt. An dieser Stelle gebührt auch der Übersetzerin ein Lob, der es gelungen ist, das bäuerliche, grammatikalisch eigenwillige Spanisch des Mexikanischen Südens adäquat und humorvoll zu übertragen.

Diese beiden nun sind ausersehen, einen Fall gemeinsam zu lösen. Marcos, der sich selbst als literarische Figur auftreten lässt, erhält ein Dossier aus dem Nachlass des kürzlich verstorbenen Manuel Vazquez Montalban, das die Verwicklungen eines gewissen Morales in schmutzige Geschäfte bezüglich eines Naturschutzgebietes in der Zapatistenregion nahe legt, in die auch höchste Kreise der Regierung Vicente Fox verwickelt sein sollen. So erweist Marcos einem anderen Krimiautor die Ehre, als literarische Figur wiederaufzuerstehen.

Hector hingegen sieht sich mit der Stimme eines Toten konfrontiert, der während der siebziger Jahre von der rechten Regierung als linker Oppositioneller umgebracht worden war. Der Tote spricht zunächst auf den Anrufbeantworter eines ehemaligen Zellengenossen, der Hectors Hilfe sucht, dann wendet er sich an Hector, allerdings immer nur indirekt über das Tonband. Auch hier weisen die Spuren und Hinweise auf einen gewissen Morales, der als Verräter in die Linke Opposition der Siebziger eingeschleust worden war, und angeblich weiter krumme Geschäfte betreibt.

Elias reist im Auftrage Marcos´ nach Mexico-City um gemeinsam mit Hector die Spur des "gewissen Morales" aufzunehmen, den beide bald als den Bösen respektive das Böse qualifizieren. Die Reise und der Aufenthalt des einfachen Indios Elias im Moloch Mexiko-City schlägt immer wieder komische Funken, und gemeinsam klären die Helden ihre Fälle. Es stellt sich heraus, dass die ungeheuerliche Verschwörung, die sich abzuzeichnen schien, in Wirklichkeit nur die absolute Banalität und Armseligkeit des Bösen illustriert. Selbst die geheimnisvolle Stimme des Toten findet eine einfache Erklärung. Morales wird zur Rechenschaft gezogen. Jeder der Helden übt Gerechtigkeit auf seine Weise: Hector sehr handgreiflich und Elias mit Hilfe des wohl skurrilsten Sonderkommandos der Kriminalgeschichte. Es gibt kein Happy End und Nichts wird durch die Aufklärung des Falls besser, da sich die Bedingungen, unter denen das Böse gedeiht, nicht geändert haben.

Dieser Roman ist mit Sicherheit kein Publicity-Gag oder etwa plumpe Propaganda, vielmehr erweist sich "Unbequeme Tote" als ein unterhaltsamer und spannender Polit-Thriller, der einen finsteren Teil der jüngeren mexikanischen Geschichte beleuchtet. Mithilfe des Mediums Kriminalroman erhält der Leser einen Einblick in die politische und gesellschaftliche Realität Mexikos. Die Schilderung der Lage in Chiapas, erzählt von Marcos selbst, wird immer wieder durch eine feine Selbstironie gebrochen. So wird der Subcomandante z.B. dauernd aufgefordert, seinen Leuten doch endlich zu sagen, wie es weitergehen soll, und auch die internationalen Sympathisanten in Chiapas werden auf liebevolle Weise durch den Kakao gezogen. Auch die Analyse der mexikanischen Politik gerade seit Amtsantritt von Präsident Vicente Fox ist äußerst kritisch und zeigt Zusammenhänge auf, die in deutschen Nachrichten gemeinhin keine Erwähnung finden.

Ein Glossar der spanischen und indigenen Begriffe hätte dem Buch allerdings sicher gut getan, genau wie eine Namensliste der erwähnten historischen Persönlichkeiten.

Alles in allem ist "Unbequeme Tote" von Paco Ignacio Taibo II und Subcomandante Insurgente Marcos ein wirklich gelungenes literarisches Experiment, ein spannender und witziger Thriller und zugleich die charmanteste Art politischer Propaganda, die dem Rezensenten seit langem begegnet ist.

Paco Ignacio TaiboII / Subcomandante Insurgente Marcos
Unbequeme Tote (Es Fehlt, was fehlt)
Roman, vierhändig
Aus dem Spanischen von Miriam Lang
Assoziation A; 239 Seiten; 16,90EUR

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