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StartseiteEssay und DiskursDer Titan der Tinte17.03.2013

Der Titan der Tinte

Zum 250. Geburtstag des Schriftstellers Jean Paul

Der Schriftsteller Jean Paul, der in der deutschen Literaturgeschichte eine Sonderstellung einnimmt, wurde oft als Schwärmer und Spötter, Idylliker und Verzweifelter bezeichnet. Denn über die Bedeutung seiner Romane wie "Die unsichtbare Loge", "Hesperus" oder "45 Hundposttage" und "Siebenkäs" gingen die Meinungen immer weit auseinander.

Von Friederike Biron

Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul in einer zeitgenössischen Darstellung nach einem Gemälde von Fr. Meyer. (picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul in einer zeitgenössischen Darstellung nach einem Gemälde von Fr. Meyer. (picture alliance / dpa)

Wer immer Jean Pauls Schreibstube betrat, wunderte sich. Keine überquellenden Bücherborde, keine Bände auf dem Boden oder Schreibtisch gestapelt. Keine opulente Bibliothek. An den Wänden seines Arbeitszimmers hingen weder Stiche noch Gemälde. Von den wenigen Büchern waren die wenigsten seine eigenen, die anderen ausgeliehen - auf dem Postweg, von Freunden und Buchhändlern.

Die Bescheidenheit seiner Schreibstube, das wenig Repräsentative passt zu dem Bild, das sich die Deutschen seit langem von Jean Paul gemacht haben. Jean Paul: der Autor der kleinen Leute und der Menschenliebe, aufgewachsen als Hungerleider in der vogtländischen Provinz in Franken, der das Leben in einer Kleinstadt wie Bayreuth dem in der geistigen Hauptstadt seiner Zeit, nämlich Weimar, vorzog. Jean Paul, der wetterfroschzüchtende Kauz, der passionierte Biertrinker, der schwärmerische Spaziergänger und Liebling seiner weiblichen Leser.

Jean Paul ist der Ungelesene unter den deutschen Dichtergenies. Den meisten ist er nur durch seine Aphorismen und Bonmots bekannt, die sich allerdings bändeweise aus seinem Werk heraus sieben lassen. Seine handliche idyllische Erzählung "Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" hat auch heute noch manch einer gelesen.

"Jetzt aber, meine Freunde, müssen vor allen Dingen die Stühle um den Ofen, der Schanktisch mit dem Trinkwasser an unsere Knie gerückt und die Vorhänge zugezogen und die Schlafmützen aufgesetzt werden, und an die grand monde über die Gasse drüben und ans Palais royal muss keiner von uns denken, bloß weil ich die ruhige Geschichte des vergnügten Schulmeisterlein erzähle."

Jean Pauls ersten Roman "Die Unsichtbare Loge", zu der diese Idylle ein Anhang ist, hat niemand gelesen. Als Leichtgewichte galten seine Bücher nie. Schon zu seinen Lebzeiten behalf man sich mit Sammelbänden der beliebtesten Passagen. Dennoch: Seine Romane waren um 1800 veritable Bestseller. Etwa der "Siebenkäs", der sich als ein erster realistischer Eheroman lesen ließ. Und allen voran sein zweiter Roman, der Hesperus. Er war neben Goethes Werther der meistverkaufte deutsche Roman der Epoche.

Jean Paul ist in den literarischen Lagern seiner Zeit schwierig zu verorten. Zwischen den beiden zugkräftigsten Strömungen, die sich ab 1750 in Deutschland zu unerhörter Produktivität formierten, bleibt er sein eigener Herr. Kein Klassiker - undenkbar, betrachtet man die Formlosigkeit und das Labyrinthische seiner Bücher. In der Zeit, in der Goethe und sein Kreis das Edle und Gute ins klassizistische Korsett zwängen, lässt er beim Schreiben die Zügel fahren und den Gefühlen freien Lauf - und trifft damit den erwachten sentimentalen Nerv der bürgerlichen Leser.

Er ist aber auch kein Romantiker im engen Sinne - dafür ist Jean Paul, bei allem Subjektivismus, zu geerdet durch sein naturwissenschaftliches Interesse. In seiner "Vorschule der Ästhetik" warnt er die Dichter der Jenaer Schule vor einem "poetischen Nihilismus", einer zu radikalen Abkehr von der Wirklichkeit. Man könne nicht "den Aether in den Aether mit Aether malen".

Dennoch teilt er die Pathosformeln der romantischen Schule: Subjektivität - Innerlichkeit - Unendlichkeit. Er steht, wie der Kritiker Ludwig Börne, Wortführer der nächsten Literaten-Generation, ihm bei seinem Tod nachruft, für eine neue "Freiheit des Fühlens":

"Jean Paul munterte die blöden Herzen auf; er zuerst wagte das jedem Deutschen so grause Wort Ich auszusprechen, und wenn die Freiheit nicht darin besteht, dass man ohne Gesetze leben, sondern dass jeder sein eigener Gesetzgeber sei, so war es Jean Paul, der für unsere Enkel die Saat der deutschen Freiheit ausgestreut."

Börnes Worte halten hier zusammen, was wir gewöhnlich als Gegenbewegung denken: Gefühl und Ratio. Wer die Größe des Autors Jean Paul begreifen will, muss dieses vermeintliche Gegensatzpaar auflösen: Aufklärung und Empfindsamkeit.

Jean Paul war Meister beider Sphären. Ihm gelingt ein Pathos, eine Wucht des Gefühls jenseits des Kitsches. Die Freiheit der Aufklärung nutzte er aber auch für eine Sprache der ironischen Distanz. Und ist damit ein Humorist, der seinesgleichen sucht. Das Wechselspiel aus beiden Tönen, des Trivialen und des Erhabenen, der Perspektivensprung zwischen dem Spötter und dem Ekstatiker machen seine Werke so einzigartig.

Dabei ist der Meister der Sprachbilder und witzigen Vergleiche auch ein leichthändiger Wortschöpfer. Manche seiner Unzahl an Einfällen sind uns geläufig geblieben: Schmutzfink - Weltschmerz - Sprachgitter - Fremdwort - Ehehälfte - Gänsefüßchen - Gefallsucht - Extrablatt - Nachtseite.

Das Entstehen der historischen Gemengelage, die den Nährboden nicht nur für Jean Paul sondern die gesamte Hochzeit der deutschen Literatur nach 1750 bot, war die Säkularisierung: das Aufweichen der Grenze zwischen geistlicher und weltlicher Sphäre. Sie ermöglicht es der Poesie, die Sprache der Religion für sich fruchtbar zu machen.

Das Kirchendeutsch war altvertraut, aber gewann in der freien Sphäre der Poesie eine neue Energie. Und so ist es kein Zufall, dass auch Jean Paul, der Sonderling des Literaturbetriebs, eines mit einem Großteil der deutschen Dichter seiner Zeit teilt, mit Lessing, Wieland, Lenz oder August Wilhelm und Friedrich Schlegel: eine Jugend im Pfarrhaus.

Jean Paul, mit Taufnamen Johann Paul Friedrich Richter, kommt am 21. März 1763 im oberfränkischen Wunsiedel im Fichtelgebirge zur Welt. Er ist der älteste von vier Brüdern. Als der Vater eine Pfarrstelle in Schwarzenbach an der Saale erhält, hat die Familie zwar ein Auskommen, doch mit dessen Tod, Jean Paul ist 16, gerät sie in immer größere finanzielle Bedrängnis.

In Leipzig beginnt er mit einem Armutszeugnis das Theologiestudium, gibt es aber bald zugunsten der Schriftstellerei auf. Von dort muss er 1784 vor seinen Schulden fliehen. Zurück nach Hof zu seiner Mutter, die von ihm doch finanzielle Entlastung erhofft. Für seine Satiren, mit denen er seine Autorenlaufbahn beginnt, sucht er lange Zeit vergeblich einen Verleger. Am Leben hält er sich als Hauslehrer.

Aber Jean Paul wäre nicht Jean Paul, hätte er die Schilderung seines Lebens anderen überlassen: In seiner "Selberlebensbeschreibung" berichtet er von seiner Kindheit im Pfarrhaus. Die idyllischen Tage stehen im Schatten des Unterrichts des Vaters, endlosen Exerzitien des Katechismus und altsprachlicher Grammatik.

Die vom Vater geschürte Geisterfurcht soll den Glauben festigen. Bei der fantasiebegabten Seele des Jungen fallen die Gespenstergeschichten auf fruchtbaren Boden - und werden ihren Nachklang in seinem Werk finden. Aber sie bewirken das Gegenteil. Jean Paul wird einen ganz eigenen kritischen Umgang mit den protestantischen Lehren pflegen:

"So hatt' ich die Bibel meines Vaters durch die Kirche in die Sakristei zu tragen. Erträglich und herzhaft genug ging es im Galopp durch die düstere stumme Kirche bis in die enge Sakristei hinein; aber wer von uns schildert sich die bebenden grausenden Fluchtsprünge vor der nachstürzenden Geisterwelt auf dem Nacken und das grausige Herausschießen aus dem Kirchentore?"

Die Autobiografie endet mit der Kindheit und bleibt ein Fragment. Der Autor scheitert hier: Das eigene Leben nachzeichnen, ohne die Freiheit, seine Bahnen nach der eigenen Fantasie durch die Zeilen zu lenken - das langweilt oder unterfordert ihn nicht nur, es widerspricht einem Grundimpuls seines Schreibens.

Schreiben steht für ihn vor, ja über dem Leben. So wundert es nicht, dass ihm seine "Konjekturalbiographie" leichter gelingt, in der er bereits viel früher sein zukünftiges Leben in "poetischen Episteln" schildert: Er erschafft sich auf dem Papier ein idyllisches Autorenleben auf einem kleinen Landgut und eine glückliche und kinderreiche Ehe mit Rosinette.

Der Dichter als Prophet - So erschreibt er sich das Leben, lebt seinem Schreiben hinterher. Doch diese vorweggenommene Biografie ist nur die expliziteste Form, in der Jean Paul sich selbst in seinem Werk erschafft. Tatsächlich geistert er durch alle seine Romane, in mal nachlässigeren mal dichteren Maskeraden. Er gestaltet sich als sein Doppelgänger - übrigens auch eine Wortschöpfung Jean Pauls - oder nennt sich selbst beim Namen. Das ist wörtlich zu verstehen:

Denn Johann Paul Friedrich Richter findet seinen Künstlernamen in der von ihm selbst geschaffenen Erzählerfigur seines ersten Romans, der Unsichtbaren Loge. In Anlehnung an den heiß bewunderten Autor der "Confessions" und des "Émile" Jean Jaques Rousseau nennt er den Erzähler seines Buches und von nun an sich selbst: Jean Paul.

So ist er der Schöpfer, der Demiurg, er erschafft und verwischt die Identitäten. Und lässt die Romanfiguren seines Schoppe, Leibgeber oder Siebenkäs - und in ihnen sich selbst - in verschiedenen Emanationen in seinem Werk auftauchen.

Jean Paul hat zweifellos schon früh seine Berufung zum Schriftsteller empfunden. Anders ist die Unerschütterlichkeit seines Ziels, freier Schriftsteller, und nichts anderes als Schriftsteller zu sein, kaum zu verstehen - ein zu seiner Zeit ohnehin finanziell ungeheuer prekäres und unerhörtes Unterfangen. Umso erlösender war die erste Anerkennung von gleich zu gleich:

Derjenige, dem er das Manuskript seines ersten Romans zusendet, stammt ebenfalls aus dem Pfarrhaus. Karl Philipp Moritz, Herausgeber eines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, hat in seinem autobiografischen Roman Anton Reiser den frömmelnden Pietismus vorgeführt.

Vergleichbar Rousseaus "Confessions" schuf Moritz den ersten deutschen psychologischen Roman. Als einer der angesehensten Intellektuellen liest er das schwere Manuskript der Unsichtbaren Loge - und ist begeistert, mutmaßt zunächst ein Inkognito eines der Großen, eines Goethe, Herder oder Wieland. Und doch spürt er: Dieser Roman, diese Sprache ist etwas ganz neues. Er schreibt:

"Und wenn Sie am Ende der Erde wären, und müsst ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen, so flieg ich in Ihre Arme!
Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wer sind Sie?
Ihr Werk ist ein Juwel; es haftet mir, bis sein Urheber sich mir näher offenbart!"


Moritz vermittelt das Buch sogleich seinem Schwager, dem Verleger Carl Matzdorff in Berlin. Jean Paul ist selig:

"Ihre 2 Blätgen überfüllten mein zitterndes Herz mit Freude und Blut. O Theuerster. Welche Freude macht mir Ihr Beifall und die Ähnlichkeit, die meine Seele vielleicht mit Ihrer hat! Sie sollten den Boden kennen, in den mich das Schicksal gepflanzt und gedrückt, die allgemeine Kälte um mich her, gegen alles was den Menschen über den Bürger hebt - und von den wenigen Freunden, in denen es höhere Bewegungen als physische hatte, stehen bloß die Gräber neben mir..."

Tatsächlich hatte Jean Paul nicht nur den Vater und Bruder verloren, sondern auch bereits zwei seiner engsten Jugendfreunde. Auch die Freundschaft zu seinem "Entdecker" dauert nur wenige Briefe. Begegnen konnten sie sich nie. Karl Philipp Moritz stirbt mit nur 36 Jahren an einem Lungenödem.

Der Tod wurde Jean Paul zu einem Angelpunkt seines Schreibens. Und sein Schreiben ein auf Unendlichkeit angelegtes Widerstreben gegen seine Unvermeidbarkeit. An einem Novemberabend des Jahres 1790 überfällt den 27-Jährigen der Gedanke der eigenen Sterblichkeit, er notiert "dass es schlechterdings kein Unterschied ist ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe". Er nennt ihn in seinem Tagebuch den wichtigsten Abend seines Lebens.

Jean Paul begegnet seiner Tristesse mit einem seiner spektakulärsten Texte. Mit einer "Vernicht-Vision", der "Rede des toten Christus vom Weltgebäude hinab, dass kein Gott sei." Hier erschafft Jean Paul nicht nur einen apokalyptischen Albtraum von großer Eindruckskraft. Er erschafft sich auch eine neue Sprache. In sich auftürmender Syntax, Neologismen und Bildererfindungen will er das Unbegreifliche fassbar machen. In einem blasphemischen Coup lässt er Christus selbst im Weltall nach Gott suchen - vergebens:

"Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, hob er die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermesslichkeit und sagte: 'Starres, stummes Nichts! Kalte ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls. Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte, sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte - und die Ringe fielen nieder und sie umfasste das All doppelt - dann wand sie sich tausendfach um die Natur - und quetschte die Welten aneinander und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesackerkirche zusammen - und alles wurde eng, düster, bang - und ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern ... als ich erwachte. Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte."

"Als ich erwachte" - für Jean Paul bleibt der Nihilismus ein Experiment. Der Gedanke an den Tod Gottes, den Nietzsche ein Jahrhundert später feiern wird, ist für ihn ein böses Traumgespinst. Hier und immer wieder bleibt er bei der Möglichkeit der Erlösung, einem aufgeklärten Christentum.

Die Deutschlandreisende Madame de Stael wird den Text und mit ihm seinen Autor international bekannt machen. Er wirkt bis Dostojewski, Alfred Kubin und weiter. Zu Jean Pauls Entrüstung lässt die französische Übersetzung allerdings etwas aus - den letzten Absatz mit seinem versöhnlichen Schluss.

Blicken wir noch einmal in Jean Pauls Arbeitszimmer: In der Mitte des Raums steht ein weiteres Möbel, das viel über seine schriftstellerische Methodik verrät: das "Repositorium", also ein Ablageregal, in dem vor allem seine Exzerpte Platz fanden.

So steht der bereits grafomanischen Menge von 11.000 zu Lebzeiten gedruckten Seiten bei Jean Pauls Tod nicht nur weit mehr unveröffentlichtes Manuskriptmaterial entgegen. Zu der unfassbaren Menge von 40.000 Manuskriptseiten des handschriftlichen Nachlasses, den die Berliner Staatsbibliothek hütet, gehören 12.000 Seiten Exzerpthefte.

Um diesen gigantischen Vorrat an Lesefrüchten nutzen zu können, legte Jean Paul Register an, und wiederum Register der Register. So wurden die Exzerpte zu seinem schriftstellerischen Handwerkszeug, zu einem Zettelkasten an Ideen und Gedanken. Er ziehe sie, wie er bekennt, wie

"Riechwasser überall aus der Tasche, auf der Straße, im Vorzimmer, auf dem Tanzboden, und erquicke mich mit einigen Lebenstropfen."

In seinen frühen Lektüren, so verraten die Exzerpte, erliest er sich ein umfassendes philosophisches Wissensfundament. Nach den dogmatischen Katechismus-Lesungen seines Elternhauses versorgt ihn der befreundete Pfarrer und Mentor Vogel mit Lektüre der Aufklärer. Er liest Laurence Sterne und, wie alle seine empfindsamen Generationsgenossen, die Bibel des Sturm-und-Drang: Die Leiden des jungen Werther eines 16 Jahre älteren Autors: Johann Wolfgang Goethe.

Goethe - und immer wieder Goethe. Keine der Annäherungen an Jean Paul verzichtet auf den Vergleich mit dem Giganten. Die Schilderung des Zusammentreffens der beiden Autoren gerät in den Darstellungen zu einem Showdown der Literaturgeschichte. Bereits für seine Zeitgenossen ist Goethe der große Fixstern am literarischen Himmel.

Für den Provinzler Jean Paul ist das berühmt-berüchtigte Weimar, an dem der Dichterfürst residiert, das Ziel seiner Sehnsüchte. Gemeinsam mit Jena ist es das unbestrittene Zentrum der geistigen Debatten. Hier anerkannt zu sein ist Jean Paul mindestens so wichtig wie der Erfolg beim Publikum. Dieser ist ihm, als er sich im Sommer 1796 zu Fuß von Hof nach Weimar aufmacht, dank des Hesperus bereits sicher. Auch in Weimar ist das Buch bestens bekannt. "Der Hesperus" - so wird Jean Paul nach seinem Erfolgsbuch im Weimarer Klatsch genannt.

Der Erwartungshorizont, mit dem Jean Paul sich Weimar und Goethe nähert, und die "Himmelsthore aufdrückt", wie er es formuliert, spannt sich zwischen voreingenommener Bewunderung und seiner großen Liebesbedürftigkeit. Mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit hält er die Olympier vorerst nicht nur für vollendete Poeten, sondern auch für vollendete Menschen. Von seiner Verehrerin Charlotte von Kalb, die er mit ihrem Mädchennamen "Ostheim" nennt, unter die Fittiche genommen schießt seine Menschenkenntnis, wie er seinem Freund Christian Otto nach Hof berichtet, "wie ein Pilz mannshoch in die Höhe ".

"Schon am zweiten Tage warf ich hier mein dummes Vorurteil für große Autores ab, als wärens andere Leute; hier weiß jeder, dass sie wie die Erde sind, die von weitem im Himmel als ein leuchtender Mond dahinzieht und die, wenn man die Ferse auf ihr hat, aus boue de Paris (Pariser Schlamm) besteht und einigem Grün ohne Juwelennimbus. Ein Urteil, das ein Herder, Wieland, Goethe etc. fällt, wird so bestritten wie jedes andere, das noch abgerechnet, dass die drei Turmspitzen unserer Literatur einander - meiden. Kurz, ich bin nicht mehr dumm. Auch werd' ich mich jetzt vor keinem großen Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem Tugendhaftestem."

Die Weimarer genialische Masse ist keineswegs so homogen wie angenommen. Die Zirkel um Herder und Goethe sind nach ihren theoretischen Auffassungen strikt getrennt. Nicht nur ästhetische Standpunkte, auch die politischen Grabenkämpfe nach der Französischen Revolution waren in die Weimaraner Gesellschaft eingesickert und beeinträchtigten das Klima. Jean Pauls Euphorie kann das nicht trüben, er ist "freudetrunken" - und schon bald zu Gast beim Olympier:

"Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Goethe. Die Ostheim und jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde - Ostheim sagte, er bewundere nichts mehr, nicht einmal sich - jedes Wort sei Eis, zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse - er habe etwas Steifes, Reichsstädtisches, Stolzes - bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher bat ich Knebel, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwa im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen könnte). Ich ging ohne Wärme, bloß aus Neugierde. Sein Haus (Palast) frappiert, es ist das einzige in Weimar in italienischem Geschmack, mit solchen Treppen, ein Pantheon voll Bilder und Statuen, eine Kühle der Angst presset die Brust - endlich tritt der Gott her, kalt, einsilbig, ohne Akzent. Sagt Knebel zum Beispiel: Die Franzosen ziehen in Rom ein. 'Hm!', sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig, sein Auge ein Licht (aber ohne eine angenehme Farbe). Aber endlich schürete ihn nicht bloß der Champagner, sondern die Gespräche über die Kunst, Publikum etc. sofort an, und - man war bei Goethe."

Nicht viel anders ergeht es ihm beim, so schreibt er, "felsigten Schiller, an dem wie an einer Klippe alle Fremde zurückspringen": Jean Paul bringt auf den Punkt, was er für die Dioskuren bleibt: ein Fremder - den sie sich wohl neugierig aber auch misstrauisch betrachten. Niemand wisse "das wunderliche Wesen recht anzufassen", so Goethe an Schiller. Und dieser:

"Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete: fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht."

Es geht natürlich nicht nur um die Zu- und Abneigung großer Männer. Sondern um Standpunkte der Kunstphilosophie und deren Gefolgschaften. Schiller und Goethe sind gerade dabei, sich über die genaue Dosis der Formstrenge klar zu werden, die sie als Strenggläubige des Klassizismus walten lassen wollen. Hier kommt ein ungemein erfolgreicher Jean Paul, dessen Werke vor Talent überborden. Aber eines finden sie darin nicht: Form. Strenge. Regelwerk.

Schon lange trägt er sich mit den Plänen zu seinem "Kardinal- und Kapitalroman", dem "Titan". In einem Handlungsgespinst von Kindesvertauschung und Hofintrigen lässt Jean Paul seine "biografische Truppe" dieses Mal auf dem "kalten Montblanc der vornehmen" Welt spielen, wie er an Charlotte von Kalb schreibt. Und nicht nur sie, auch die anderen Weimarer Bekannten lassen sich in den Zügen der Charaktere wiederentdecken.

Angewiesen auf solche realen Vorlagen ist Jean Paul bei seinen großen Naturbeschreibungen nicht. Der Protagonist des Titan, Albano, lässt sich die Terrassen der Isola Bella im Lago Maggiore mit verbundenen Augen hinaufführen - um sich dort oben mit abgenommener Binde von der Aussicht überwältigen zu lassen. Jean Paul, auch hier anders als Goethe und manch anderer Bildungsbeflissener seiner Zeit, war nie in Italien. Er schöpft den Anblick, als eine Auftürmung mythischer Bilder, quasi mit geschlossenen Augen, aus seiner inneren, zweiten Welt:

"Dian zerriss kräftig die Binde und sagte: 'Schau umher!‘
'O Gott‘, rief er selig erschrocken. Welch eine Welt! Die Alpen standen wie verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen - die Riesen trugen blaue Gürtel aus Wäldern - und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge - und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wassertaftnen Bändern - und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein Laubwerk aus Kastanienwäldern fasste ihn ein..."


Gewidmet ist der "Titan" Königin Luise von Preußen und ihren drei Schwestern. Er überreicht ihn persönlich im Schloss Sanssouci. In Berlin lässt er sich umschwärmen und vor allem die Damenherzen liegen ihm zu Füßen. Er verkehrt in den Salons von Henriette Herz und Rahel Varnhagen.

Der 37-Jährige ist bereits dreimal verlobt - und wieder entlobt. Etliche "genialische Weiber" hatten ihn, das heißt die Frauengestalten seiner Bücher, inspiriert. Seine Braut wird aber die bürgerliche Caroline Mayer, 23 Jahre alt und Tochter eines Berliner Geheimrats. Sie bewundert ihn rückhaltlos und bietet Jean Paul das Heim, das er zum Schreiben braucht - seine Eigenwilligkeiten mühsam tolerierend. Neben politischen Schriften und der "Vorschule der Ästhetik" entstehen die "Flegeljahre".

Seinen drei Kindern Emma, Odilie und Max ist Jean Paul ein leidenschaftlicher Erzieher. Umso ungehaltener reagiert er, als Max während des Studiums einer schwärmerischen Religiosität verfällt. Er warnt ihn:

"Mich erquickt dein religiöses frommes und für Gott begeistertes Gemüt. Aber die rechte und wahre Gottlehre findest du nicht in der Orthodoxie, sondern in der Sternkunde, Naturwissenschaft, Dichtkunst, in Plato, Leibnitz, Antonin, Herder, eigentlich in allen Wissenschaften auf einmal."

Der Titan schreibt mit all seiner Tinte gegen ihn an. Aber der Tod holt Jean Paul vier Jahre vor seinem eigenen Sterben ein. Sein heiß geliebter Max, noch nicht ganz 18 Jahre, stirbt unerwartet, in seinen Fieberfantasien vom Teufel verfolgt.

Am letzten und komischsten seiner Roman, dem "Komet", wird Jean Paul nun nicht mehr weiter schreiben. Er bereitet die Herausgabe seiner Gesammelten Werke vor, auch um die Familie finanziell abzusichern. Das Repositorium in seinem Zimmer in Bayreuth ist mit Eisenklammern am Boden befestigt, um dem Gewicht der Exzerpte und Manuskripte standzuhalten. Jean Paul stirbt erblindet, mit 62 Jahren, am Abend des 14. November 1825. Das letzte Manuskript, an dem er arbeitete, war ein Buch über die Unsterblichkeit.

Hören wir noch einmal aus Ludwig Börnes Gedenkrede auf Jean Paul, die kurz nach seinem Tod bei einer Trauerfeier in Frankfurt vorgetragen wird:

"Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme."

Börne täuschte sich. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben es Jean Pauls Bücher schwer. Die Zeit um 1800 hatte ihm die meisten Leser beschieden. Danach wurden es immer weniger. Das machte ihn auch zu einem Neu-Entdeckbaren. Immer wieder wird er hervorgezogen und gefeiert von einzelnen, meistens Schriftstellerkollegen. Verächter fand er ebenso wie zu seinen Lebzeiten. Man denke an Nietzsches böses Wort vom "Verhängnis im Schlafrock". Gottfried Keller aber drückt ihn ans "Bruderherz".

Es ist vor allem Stefan George, der Jean Paul die Pforte zum 20. Jahrhundert öffnet: Immer auf der Suche nach dem "reinen quell", nennt er ihn die "größte dichterische Kraft der Deutschen" und einen "Vater der ganzen heutigen Eindruckskunst".

Heute heißt das Lob der Stunde in der deutschen Gegenwartsliteratur Realismus und Authentizität. 250 Jahre nach seiner Geburt scheint mit dem Fantasten Jean Paul wenig anzufangen zu sein.

Doch Jean Paul hat seine eigene Form des Realismus. Bei der "Entzifferung der Welt", die für ihn das Ziel jeder Poesie sein muss, setzt er auf ihre Vielgestaltigkeit. Und ist Schwärmer und Spötter, Idylliker und Verzweifelter zugleich.

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